Das schwarz-weiße Tollhaus

3 Okt

 

Der israelische Kinofilm „Life according to Agfa – Nachtaufnahmen“ wird derzeit bei dem Filmfest Hamburg, Landeskategorie: Israel Deluxe, gezeigt. Er gilt als Wegbereiter für den israelischen Film und löste gleichzeitig 1992, dem Jahr seines Erscheinens, eine heftige Kontroverse in Israel aus. Das Psychogramm einer gestörten Gesellschaft, gebannt auf Leinwand und festgehalten auf Fotos innerhalb einer einzigen Nacht, war das Werk von Assif Dayan. Der Regisseur war der Sohn des Außen- und Verteidigungsministers Moshe Dayan. Was macht den Film – 23 Jahre später – so sehenswert?

Von Liva Haensel

Hamburg – „Die zionistische Bewegung ist im Augenblick die nervöseste, die es gibt, habe ich gehört“. Das sagt Dalia (gespielt von Gila Almagor) kurz nachdem sie die Türen des Barby geöffnet hat. Das Barby in Tel Aviv empfängt jede Nacht die Einsamen, Gestrandeten und nach Liebe Suchenden. Plüschsofas und Holzstühle, eine schlichte Theke mit Telefon, eine Miniküche und ein Klo, auf dem Sex zu Liebe führen soll – das ist der Mikrokosmos, in dem alles möglich ist und doch nichts richtig funktioniert.

Ein Blutbad in den Morgenstunden

Hier arbeiten auch die Kellnerinnen Liora (Iris Frank) und Daniela. Liora liebt ihren Mitbewohner, einen sexsüchtigen Polizisten, den sie unterstützt, aber auf dessen Gegenliebe sie vergeblich hofft. Daniela (Smadar Kilchinsky) ist glückliche Besitzerin eines USA-Visums, aber hochgradig Kokain abhängig. Lebenskünstler und Barpianist Czerniak (Danny Litani) wird ihr im Laufe der Nacht von seiner Liebe singen, noch bevor die Gruppe israelischer Fallschirmjäger um den Oberst Nimi (Sharon Alexander) den kleinen Pub irgendwo zwischen Allenby- und Dizengoffstraße in den Morgenstunden erst sexistisch erobern will und schließlich in ein Blutbad verwandeln wird. Und auch die obligatorischen Araber – naturgetreu wie in echt – als Küchenpersonal tätig im Hinterstübchen, in dem sie Hummus und Salate zubereiten, zusammengeschlagen und mit Kopfwunde –  fehlen nicht in Assi Dayans Schwarz-Weiß-Film.

Jede Szene wurde nur einmal gedreht

Assi Dayan

Regisseur Assi Dayan kurz vor seinem Tod.                              Foto: Wikipedia

„Life – according to Agfa“, auf Deutsch: Leben, wie es Agfa bezeugt – nimmt kein Blatt vor den Mund. Es geht hier rauh zu. Die Darsteller sprechen nur manchmal, sie spucken lieber aus, kotzen, stammeln, würgen, lallen und seufzen – denn so hört sich das Leben an. Die Dreharbeiten müssen nicht minder schwierig gewesen sein, glaubt man den Erzählungen der Darsteller. Dayan drehte den Film innerhalb von zwei Monaten an nur 22 Tagen ab – meist in der Nacht. Seine Arbeitsweise bestand darin, den Schauspielern abzuverlangen, jede Szene lediglich ein einziges Mal zu drehen. Dann musste sie sitzen. Doch alle machten mit. In einem Interview mit der israelischen Zeitung Haaretz wird deutlich, wie sehr die Schauspieler in den Sog des Films hineingerieten. „Wir wussten, das ist nicht irgendein Film. Als ich das Drehbuch las, war ich völlig hin und weg“, sagt Dalia-Darstellerin Gila Almagor. So etwas hatte es vorher noch nicht gegeben.

Schweigen und Beifall

Der Regisseur galt durch seine langjährige Drogensucht als angeschlagen, sein Gesundheitszustand war instabil. So sehr, dass der Geldgeber, der israelische Film Fund, ihm nicht zutraute, den Film tatsächlich fertigstellen zu können. Doch die 600.000 $ sollten gut angelegt sein: „Agfa“ sahen in Israel 250.000 Zuschauer, der Film lief darüber hinaus mehrere Monate in den europäischen Kinos und auf der Berlinale. Letztere widmete ihm einen besondere Würdigung und bescheinigte dem Regisseur viel Mut, solch einen Film auf die Leinwand gebracht zu haben. Bei seiner Premiere in der Cinematheque Jerusalem 1992 soll das Publikum am Ende für Minuten vollkommen geschwiegen haben, ehe es in tosendem Beifall ausbrach.

Hatte der Regisseur geahnt, dass sich Israels Situation noch zuspitzen würde?

Das hebräische Filmplakat von 1992: Ha Chayim Al Pi Agfa

Das Filmplakat im Original: Ha Chayim Al Pi Agfa.

 

Dayan überlebte seinen Film noch um 22 Jahre. Vergangenes Jahr starb er mit 68 Jahren in Israel. Er hat die zweite Intifada noch erlebt, die Gazakriege, die sein Land gegen die Palästinenser führte, und den Einzug der israelischen Truppen in den Südlibanon 2006. Wusste er,  dass „Life – according to Agfa“  noch gar nicht die Spitze des Eisbergs sein würde? Hatte er geahnt, dass Israel, seine Heimat und Besatzungsmacht über 5 Millionen palästinensische Bürger und rund 1,5 Millionen israelische Araber, es noch weiter treiben würde? Wir wissen es nicht. Denn Dayan wollte sich später nie wieder über seinen Nacht-und-Nebel-Film in einer spelunkigen Tel Affiver Bar äußern. Dafür tat es der Produzent von „Agfa“, Yoram Kislev: „Wenn das zionistische Experiment dem Ende zugeht und wir alle irgendwo in Europa und an anderen Orten der Welt leben, dann, so denke ich, wird der Film auf wunderbare Weise ausdrücken, welches Leben wir hier damals hatten.“

Ist das „zionistische Experiment“ zu Ende?

Etwas Positives hat Dayans Film auf jeden Fall: Er ist auch nicht trauriger als die Realität in Israel selbst.  Und was innerhalb einer Nacht und in wenigen Stunden an Zerstörung, Gewalt, Ablehnung und Macht zutage tritt, ist an Ehrlichkeit nicht zu übertreffen. Bis zur Schmerzgrenze.

Der Film ist auf youtube in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln (siehe auch oben) zu sehen. Das Filmfest Hamburg geht noch bis zum 10.10.2015, das Programm der israelischen Filme finden Sie hier.
Zusatz vom 7.10.2015: Den Film kann man auch in der Videothek „Third ear“ (hebräisch: Ha ozen Ha shilshit) in der Cinematheque Jerusalem ausleihen.

Im Ungleichgewicht

1 Okt
Schwarz auf weiß: Wer siich in der Diskussion um den Israel-Palästina-Konflikt jenseits von Emotionen bewegen möchte, kann sich zumindest auf Zahlen verlassen. Quelle: UN Ocha

Schwarz auf weiß: Wer sich in der Diskussion um den Israel-Palästina-Konflikt jenseits von Emotionen bewegen möchte, kann sich auf diese Zahlen beziehen. Mit einem Doppelklick vergrößern Sie das Bild.                      Quelle: UN Ocha

 

 

Manchmal ist es besser, Zahlen sprechen zu lassen.

Vor allem, wenn sie so eindeutig sind wie in diesem Fall. Oder bei Argumenten, die lauten: Ich kann da jetzt keine Stellung beziehen, das steht mir nicht zu. Es steht jedem einzelnen von uns zu, sich eine Meinung zu bilden. Dafür brauchen wir Informationen. Das Büro der Vereinten Nationen in Ost Jerusalem arbeitet mit Fokus auf Erhebungen, Landkarten und engmaschigem Monitoring zu den Ereignissen in den Besetzten Gebieten (Gaza, Westbank, Ost Jerusalem, Golanhöhen).  Das „Office for the Coordination of humanitarian affairs for the occupied palestinian territories – kurz: UN Ocha – vereint auf seiner Webseite wöchentliche Berichte, Dokumentationen, Karten zu allen Gebieten (inklusive Mauerverlag, Checkpoints, Straßensperren, Erdwälle, Siedlerstraßen und weiteres) sowie Schwerpunktreports zu Sonderthemen (Area C, Hauszerstörungen, Situation Gaza/Jerusalem). Wer die deutsche Berichterstattung als zu mager empfindet und tiefergehende Hintergrundinformationen erhalten möchte, kann sich dort auch für Newsletter anmelden.

Das deutsche Netzwerk des ökumenischen Begleitprogramms EAPPI entsendet jährlich rund zwölf Teilnehmer in die besetzten palästinensischen Gebiete und Israel. Auf der Webseite der Organisation erfährt man u.a., wie man sich dafür bewerben kann. Außerdem können User die Blogfunktion abonnieren und erhalten dann alle Berichte der Menschenrechtsbeobachter direkt in ihr E-Mailfach.

 

Schild in dem Fridensprojekt Tent of Nations der palästinensischen Familie Nasser, von einem Kind gemalt. Foto: L. Haensel

Schild in dem Friedensprojekt Tent of Nations/Zelt der Völker der palästinensischen Familie Nasser, von einem Kind gemalt.                                     Foto: L. Haensel

Wer die Möglichkeit hat, sollte selbst nach Israel und Palästina reisen. Es geht nichts über das eigene Sehen, Beobachten, Reisen, Sprechen mit den Menschen vor Ort. Dahin, wo es schön ist und wundersam. Denn das ist die Region  – trotz des Konfliktes. Aber es tut auch weh, die Realität wahrzunehmen und zu erfassen. Die Deutschen haben einmal die halbe Welt okkupiert, Menschen unterjocht, gedemütigt, getötet. Die deutsch-jüdische Kultur wurde fast vollständig zerstört. Die Trauer darum bleibt bis heute. Rassisten und Antisemiten, Sexisten und Homophoben muss ein Stop-Schild vorgesetzt werden. Wir wollen das nicht mehr, wir, die wir so vielen Menschen bereits Leid angetan haben.

Die israelische Besatzung muss ein Ende haben, damit beide Völker, Palästinenser und Israelis, in Frieden und Gleichberechtigung leben können. 

Eine Randbemerkung von Liva Haensel

Ihr seid die Reben

18 Sep
Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus. Foto: Olivera D.

Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus.                                                            Fotos: Olivera D.

In dem Tal Cremisan bauen katholische Mönche berühmte Weinreben an und Nonnen unterrichten 200 Kinder. Doch der Oberste Gerichtshof in Jerusalem hat entschieden: Hier wird die israelische Trennmauer gebaut. Die palästinensischen Bewohner sind verzweifelt. Jeden Freitag halten Geistliche einen Gottesdienst unter freiem Himmel ab. Menschenrechtsbeobachterin Olivera D. besucht das Tal regelmäßig und berichtet aus Bethlehem

BETHLEHEM  – Nach nun 28 Tagen schreiten die Arbeiten im christlichen Tal von Cremisan, in Bir Ouna, einem Teil von Beit Jala, westlich von Bethlehem, voran. Wo zu Beginn der Arbeiten am 17. August der Olivenhain noch deutlich als solcher zu erkennen war, liegen nun weite Teile des Landes brach. Stück für Stück müssen jahrhundertealte Olivenbäume der Erweiterung der israelischen Trennmauer weichen

Zum Hintergrund

Am 17. August 2015 begann ein Bauunternehmen damit, Olivenbäume – von denen einige aus der Römerzeit stammen – zu schneiden, um die Entwurzelung für das endgültige Abroden zu ermöglichen. Soldaten der israelischen Armee (IDF) sowie Polizei und private Sicherheitskräfte bewachen die Arbeiten. Die Ohnmacht und Trauer auf Seiten der Landbesitzer ist groß und tief. Lokale christliche Familien aus der überwiegend christlichen Region Bethlehems sind hauptsächlich betroffen. Im Tal von Cremisan sind das insgesamt 58 Familien, die vom israelischen Verteidigungsministerium enteignet wurden und deren Land in diesem Fall der Erweiterung der Mauer zum Opfer fällt – und dies, obwohl im April 2015 der Oberste Gerichtshof Israels noch zugunsten der Familien entschieden und die Enteignungsbefehle aufgehoben hatte. Das israelische Verteidigungsministerium hob jedoch bald darauf die Entscheidung des Obersten Gerichts auf (und machte sie dadurch quasi wertlos).

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal. Foto: Olivera D.

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal.

Abwehr von Terroristen

Der angebliche Zweck der Konstruktion lautet: Attentäter von Jerusalem und Israel fernzuhalten. „Mit dem Bau würde ein fruchtbares Tal – de facto das letzte in der Gegend um Bethlehem – an Jerusalem angegliedert und damit die Erweiterung der illegalen israelischen Siedlung Gilo ermöglicht. Der Anschluss von Land ist jedoch nach internationalem Recht verboten, ebenso ist das Ansiedeln eigener Bevölkerung auf besetztem Gebiet ein klarer Verstoß gegen § 49 der 4. Genfer Konvention, in der es heißt: ,Die Besetzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder umsiedeln.’ Israel macht sich somit einer eklatanten Verletzung des Völkerrechts schuldig“, so Manfred Budzinski, der Sprecher der pax christi‐Nahostkommission.

Beit Jala im Sandsturm

Patrouille im Sandsturm: Die Zufahrtsstraßen sind mittlerweile auch für die Anwohner teilweise gesperrt.

Die Grüne Linie wird ignoriert

Der Bau der israelischen Trennmauer begann im Jahre 2002 und soll Terrorangriffe auf Israel abwehren. Neun Meter hoch ist sie, höher als die Berliner Mauer. Gebaut wurde sie auf palästinensischem Gebiet. Teilweise reicht sie sogar tief in das palästinensische Land hinein. Die sogenannte „grüne Linie“, die Grenze, die 1949 von der UNO festgelegt wurde, existiert somit nicht mehr bzw. wird ignoriert. Stück für Stück, Meter für Meter wird Land von Israel konfisziert und annektiert. So auch in Bir Ouna: 3 Quadratkilometer wird die Mauer, wenn sie einmal fertig ist, in das palästinensische Gebiet hineinragen. Und die Menschen können nur hilflos dabei zusehen.

Die Mauer ist illegal

Hilflosigkeit fühlt auch der Bürgermeister der Stadt Beit Jala, Nikola Kharmis, aber auch tiefe Trauer. Die Region Bir Ouna und das Cremisan‐Tal gehören zu Beit Jala: Er ist damit für sie verantwortlich. Der Beginn der Arbeiten wirkt sich stark auf seine Arbeit als Bürgermeister aus. Seine Arbeitstage sind geprägt von Terminen, Interviews und Demonstrationen, um das Irgendmögliche zu tun gegen den Bau des Übels – gegen die illegale Mauer, die Bürgerinnen und Bürger ihrer Ländereien beraubt – die einzige Einnahmequelle und einziges Anbaugebiet der Stadt, wie er selbst sagt.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage. Foto: Olivera D.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage.

Hoffnung und Halt

Doch was tun, wenn selbst der Oberste Gerichtshof dem „Sicherheitsbedürfnis“ und somit den Methoden des Verteidigungsministeriums weichen muss? Sowohl Nikola Kharmis als auch die Landbesitzer, Nachbarn und viele Unterstützer nehmen seit dem 18. August täglich um halb neun an der Morgenandacht im Tal teil. Viele verschiedene kirchliche Vertreter beten gemeinsam, um sich und ihren Mitbürgern Hoffnung und Halt zu geben und schlussendlich etwas zu bewirken.

Im Rahmen der Andacht wird die folgende Bibelpassage gesprochen:

Lukas 19:41-47, Neue Genfer Übersetzung (NGU-DE): Jesus weint über Jerusalem

41 Als Jesus sich nun der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über
sie 42 und sagte: „Wenn doch auch du am heutigen Tag erkannt hättest[a], was dir Frieden bringen würde! Nun aber ist es dir verborgen, du siehst es nicht. 43 Es kommt für dich eine Zeit, da werden deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und dich von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich zerstören und deine Kinder[b], die in dir wohnen, zerschmettern und werden in der ganzen Stadt[c] keinen Stein auf dem anderen lassen,weil du die Zeit, in der Gott dir begegnete,[d] nicht erkannt hast.“3

Eine ökumenische Begleitperson des Programms EAPPI beobachtet die Lage vor Ort. Foto: Olivera D.

Olivera D., mit der Weste des Programms EAPPI, vor Ort. Die Weste ist das Markenzeichen des Programms und signalisiert „Schutz durch Anwesenheit“ durch alle Mitwirkenden. 

Seit dem 18. August habe ich an 14 Morgenandachten teilgenommen. Ich habe gesehen, wie ein wunderschönes Tal mit uralten Olivenbäumen Tag für Tag schwindet. Wo über 100 Bäume standen, ist nun Brachland. Ich habe neben der ausführenden Baufirma viele Soldaten, Polizisten und private Sicherheitskräfte gesehen, die die Arbeiten bewachen. Ich habe Menschen gesehen, die zusammenkommen und beten, in der Hoffnung, dass dieses Verbrechen gestoppt wird. Ich habe Geistliche gesehen mit Tränen in den Augen. Ich habe den Bürgermeister der Stadt mit Tränen in den Augen gesehen. Ich selbst habe die Ohnmacht gespürt und meine Tränen versucht zurückzuhalten.

Am 15. November wird es eine Anhörung vor dem israelischen Obersten Gericht für die Familien geben, denen das Land gehört. Sie werden von der katholischen Menschenrechtsorganisation „Society of St. Yves“ vertreten, die hier einen ausführlichen Bericht über die Situation im Cremisan-Tal veröffentlicht hat. 

Über die Autorin: Olivera D. ist derzeit in Israel und den besetzten Gebieten im Rahmen des Programms EAPPI (Ecumenical Accompaninemt Program for Palestine and Israel – Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel), das sich zum Ziel gesetzt hat, Freiwillige aus der ganzen Welt vor Ort einzusetzen und ihnen durch Begegnungen und Beobachtungen einen eigenen Einblick in den Konflikt zu geben, tätig. Ihre Entsende-Organisation ist die EMS (Evangelische Mission in Solidarität) im Verbund mit dem ökumenischen Weltrat der Kirchen/Genf.
Die Fotorechte liegen bei der Autorin.

Israel verspiegelt

26 Apr

In der Reihe „Spiegel Geschichte“ ist jetzt Heft Nummer 2 mit dem Titel: „Israel. Land der Hoffnung, Land des Leids“ erschienen. Der etwas pathetisch anmutende Name erweckt den Eindruck, dass es sich hierbei um ein rein pro-israelisches Heft handeln könnte. Doch der Inhalt überrascht

Natürlich ist auch die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden mit dabei. Das gehört dazu. Der Staat Israel, die „Heimstätte für das jüdische Volk“, war Rettungsanker für tausende Flüchtlinge, die aus dem nazifizierten Europa fliehen mussten. Und der Holocaust war es, der die Staatsgründung auf einem Stückchen Erde, auf dem vor 1948 bereits 800.000 Araber lebten, vielleicht gänzlich notwendig erschienen ließ.

So erfährt der Leser ab Seite 30 in dem Spiegel-Heft Israel also vom Leben der Schoschana Rabinovici, die eigentlich einmal im Wilma der 1930iger Jahre Susanne Weksler geheißen hatte und die Dank der Umsichtigkeit ihrer Mutter und einigen glücklichen Zufällen den Nazischergen im Ghetto und Konzentrationslager immer wieder von der Todesschippe springen konnte. Rabinovici lebt heute in Tel Aviv und blickt von ihrem Hochhaus-Apartment über das blaue Mittelmeer – Paradies und Hölle zugleich. „Ich bin Demokratin“, sagt die 82-Jährige in dem Text. „Ich kann nicht einen anderen behandeln so wie man mich selbst behandelt hat.“ Damit spielt die alte Dame, deren Sohn der bekannte Wiener Autor Doron Rabinovici ist, auf Israels Besatzungspolitik an. Und Zack! – der Leser befindet sich auch hier, mitten in der Autobiografie einer Frau auf fünf Seiten, die nur in allerletzter Sekunde den deutschen Gaskammern der Konzentrationslager entkam, im Nahostkonflikt.

Auch ein großer Palästinenser kommt zu Wort

Es ist die Stärke dieses Spiegel-Heftes und ihrer einzelnen Texte, dass die (zumeist) deutschen Autoren offensichtlich keine Scheu hatten vor Tabus. Das ist gut so. Die Auswahl zeigt, dass Israels Sonnenseiten – Hightechnation, Kulturland, Luftbrücke zu arabischen Juden – viele synchrone Schattenseiten hat. Und diese werden aufgezeigt. Denn die Geschichte Israels geht nicht ohne diejenige der Palästinenser. Nicht ohne geschichtliche Meilensteine, Theodor Herzls fragwürdige Thesen zum Zionismus, die schwierige Identität der israelischen Araber im Land und kritische Stimmen zum Sechs-Tage-Krieg. Die Krise des Mossad wird in dem Heft ebenso wenig ausgespart (Autor: Ronden Bergman) wie Israels Gebaren gegenüber seinem Staatsbürger Mordechai Vanunu, der 1986 die Weltöffentlichkeit über die Atompläne seines Landes informierte und dafür eine lange Gefängnisstrafe erhielt, die bis heute andauert. Auch einer der großen Palästinenser kommt zu Wort – Saeb Erekat, palästinensischer Unterhändler und Fatah-Politiker. „Besatzung macht korrupt“ und „Der Frieden wird kommen. Ich werde ihn erleben“, sind Sätze, die sich widersprechen. Und gerade deshalb so wichtig sind, als gedruckte Zeilen vor sich zu haben.

Neues Kopf-Futter für Leser

Es ist eine Kunst, ein kleines Land mit großer Sogwirkung auf wenig Papier allumfassend darzustellen. Noch dazu, wenn sich dieses Land in einem andauernden Ausnahmezustand befindet. Eine Besatzungsmacht ist und eklatant gegen Menschenrechte verstößt. Man kann nur ahnen, wie viele Diskussionen es die Redakteure gekostet haben muss, bis sie ihr Konzept für das Israel-Heft fertig hatten. Herausgekommen ist ein überraschend neuer deutscher Blick auf Israel und seinen ungewollten Zwilling Palästina, der Nahostanfängern eine gute Einführungslektüre bietet und alten Hasen neues Kopf-Futter mischt.

Eine definitiv gute Reiselektüre für alle, die noch dieses Jahr Israel und Palästina erkunden möchten und ihren vielen Fragezeichen im Kopf dazu Herr werden wollen – möglicherweise bevor in der Region schon wieder der nächste Krieg entbrennt.

Der Spiegel Geschichte: Israel – Land der Hoffnung, Land des Leids. Erschienen im März 2015. Preis: 8.70 Euro. Erhältlich im Buchhandel

Liberté. Toujours!

14 Jan
Nicht nur Affen essen Bananen.   Bild: Weltbühne 1929

Nicht nur Affen essen Bananen. Bild: Weltbühne 1929

Was darf Satire? Alles.

Sie darf beißen, lechzen, streicheln, werten, reinzeichnen, übertreiben, auf den Kopf stellen, kotzen, auf den Punkt bringen, verlachen, stigmatisieren, boxen, ächzen, seitenhiebeln, verbiegen, heulen, geraderücken, verteufeln, spötteln, vergeistigen, ängstigen, ermöglichen, weiterdenken.

All das muss sie sogar. Sonst wäre es keine Satire.

Es gab sie immer und es wird sie immer geben.

Satire hat seit jeher Oberhäupter angegriffen, Popanze entlarvt, Kleingeister eingekerkert und Treudoofe auch noch für dumm erklärt.

In der Charlie Hebdo (und anderen Zeitungen der Welt) wird nicht der Islam an sich kritisiert, sondern die Art, wie Menschen ihn auslegen und mit ihm umgehen. In Ost-Jerusalem zum Beispiel: Dort finden viele arabische Männer es lustig, nicht-arabische Frauen mit Begriffen wie „Tochter einer Hure“ oder auch nur „Hure“ (Sharmutta) zu beschimpfen. Das hört man jeden Tag mindestens zweimal, wenn man durch die Straßen dort läuft. Eine dahintersteckende rigide Sexualmoral und eine Frauen verachtende Haltung von vielen jungen muslimischen Männern wird (Frauen) ganz deutlich. Wer dort lebt, wechselt radikal seinen Kleiderschrank: Anstelle Spagettiträgertops wie in Tel Aviv besser lange Leinenhose und T-Shirt.

Pure Realsatire

Ultraorthodoxe Juden können es nicht ertragen, wenn ihnen eine normal gekleidete Frau entgegenkommt mit, sagen wir mal, nackten Füßen in

Der Beste, immer noch: Journalist und Jurist Kurt Tucholsky war Mitherausgeber der Berliner "Weltbühne"

Der Beste, immer noch: Journalist und Jurist Kurt Tucholsky war Mitherausgeber der Berliner „Weltbühne“

Sandalen. Sie wechseln dann lieber die Straßenseite oder spucken aus. Weil weibliche Oberhäupter nicht in ihr strenges Weltbild passen, wurde Angela Merkel kurzerhand wegradiert Dank Photoshop auf dem Foto zur Massendemonstration Charlie Hebdo in Paris am vergangenen Sonntag in einer ultraorthodoxen Zeitung. Jüdisch-orthodoxe Männer konnten es nicht ertragen in 2014, dass weibliche Fluggäste neben ihnen in der Maschine saßen und beschwerten sich bei El Al und Delta Airlines. Die Flüge konnten nicht pünktlich starten. Die Airlines äußerten später dazu, sie hätten nicht vor, künftig eine getrennte Sitzordnung nach Geschlechtern einzuführen. Seit 1982 kämpfen jüdische Frauen dafür, gleichberechtigt an der Klagemauer neben dem Platz der Männern laut beten und singen zu dürfen.

Pure Realsatire

In der Grabeskirche in Jerusalems Altstadt halten russisch-orthodoxe Frauen andächtig am Grab Jesu inne, küssen den Stein, wo er gesalbt wurde und bekreuzigen sich heftig. Als die Theologin Margot Käßmann noch Ratsvorsitzende der EKD war und damit das höchste Amt an der Spitze der evangelischen Kirche Deutschlands inne hatte, erlebte sie Überraschendes: Der damalige russische Patriarch wollte ihr bei einem Meeting nicht die Hand geben und lehnte ein Treffen mit ihr generell ab. Er könne – so sein Argument – keine Frau als geistliches Oberhaupt einer Kirche akzeptieren.

Pure Realsatire

Zeigs mir: In der Charlie Hebdo ist Mohammed häufig der nackte Star.  Bild: Charlie Hebdo

Zeigs mir: In der Charlie Hebdo ist Mohammed häufig der nackte Star.
Bild: Charlie Hebdo

Diese drei Beispiele zeigen, wie tagtäglich Diskriminierungen stattfinden, jeden Tag zu tausenden mit uns und unter uns und durch uns. Religiös motiviert manchmal, manchmal nicht. Hallo, Sexismus! Hallo, Rassismus! Hallo, bunte, böse Welt!

Charlie Hebdo wurde von einigen im Nachgang als rassistisch, islamophob und sexistisch bezeichnet. Es handele sich dabei ja gar nicht um einen Massenmedium, sondern nur um eine kleine Ramdzeitung, hieß es. Klar. Satire trägt keine weiße Weste und wird nicht von massenhaft Leuten gelesen. Weil sie spitze Zähne trägt, mag sie nicht jedermann. Es gehört eine Portion Mut, Reflexionsvermögen und vielleicht auch Distanz beim Leser dazu, in so eine Zeitung zu schauen. Nicht über alles kann und muss man lachen. Bürger dürfen Zeichnungen schrecklich-beleidigend finden. Einer der überlebenden Redakteure der Charlie Hebdo hatte später gesagt: „An dem Tag als die Tat passierte, hatten wir gerade unsere Redaktionskonferenz beendet. Eigentlich waren wir alle nur Scherzkekse.“

Liberté toujours

Keiner wird umgebracht, weil er nicht richtig gekleidet ist. Eine andere Religion hat. Keine hat. Gar nichts hat. Zuviel hat. Nicht passt. Anders aussieht. Sein Leben lebt. Eine Vision hat. Einfach da ist.

Kann sein, dass ihr muslimischen Männer da was falsch verstanden habt. Wir müssen reden? Mal abends auf ne Zigarette um die Ecke? Nein, ihr müsst reden. Untereinander.

 

 

 

Glaube, Liebe – Hoffnung

1 Jun

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Vor zwei Wochen zerstörten israelische Bulldozer 1500 Obstbäume der Familie Nasser im Friedensprojekt „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Die Familie kämpft seit über 23 Jahren vor Gericht um ihr Land. Ein Besuch.

Von Liva Haensel

„Eines Tages wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen“, sagt Daoud Nasser. 25 Menschen aus der lutherischen Erlösergemeinde in Jerusalem sitzen in einer Kapelle aus Stein und hören dem Mann in dem blauen Polohemd zu. Die blonde Frau neben ihm, eine Musiklehrerin, guckt stumpf auf den Boden. Der Satz von Daoud Nasser bleibt kurz in der Luft hängen. Man versucht krampfhaft, sich jetzt einen strahlenden goldgelben Sonnenball vorzustellen, der ein warmes Licht verbreitet. Der so aussieht, wie man sich Güte und so etwas wie Gerechtigkeit als Form und Farbe vorstellen könnte. Aber da kommt nichts. Das Kopfkino funktioniert  irgendwie nicht im „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nicht jetzt, nachdem die Bulldozer da waren. Nicht, wenn man die ganze Geschichte der Familie Nasser hört, sich ein Bild vor Ort macht.

Es ist die Geschichte eines dramatischen Kampfes, aber auch eine ohne Happy End. Vorläufig. Die Sonne ist hier gerade hinter den Wolken verschwunden. „Tent of Nations“, das Zelt der Völker, wie es auf Deutsch heißt, ist nicht Hollywood. Es ist palästinensisches Land unter israelischer Besatzung. Hier gibt es kein Stromnetz und kein Wasser aus Hähnen, weil die Nassers keine Baugenehmigungen dafür vom Staat Israel bekommen.

Symbol für gewaltfreien Widerstand

Am 19. Mai fuhren drei israelische Bulldozer der israelischen Armee den Berg bei der jüdischen Siedlung Neve Daniel herunter und auf das Land der Familie Nasser zu. Dort zerstörten sie 1500 Obstbäume, darunter 700 Weinstöcke. Die Reste der Bäume – Zweige und Stämme – versteckten die Soldaten in großen Erdlöchern. Dieser Akt ist illegal, denn die Nassers befinden sich seit 1991 in einem schwebendem Gerichtsverfahren mit dem Staat Israel. Damals erfuhren sie nur durch einen Zufall, dass ihre 400 Dunum Land (1 Dunum=1000 m²) für Israel zu „Staatsland“ erklärt worden waren. „Wir zeigten vor Gericht alle unsere Besitzurkunden, die mein Großvater seit dem Landerwerb 1916 lückenlos aufbewahrt hatte“, erzählt Daoud Nasser, der Leiter des Projektes „Tent of Nations“. Die israelische Seite reagierte schockiert, damit hatte sie nicht gerechnet. Doch noch schockierender muss es für sie gewesen sein, dass die christlich-palästinensische Familie ab 2000 systematisch damit begann, ein Friedensprojekt für Menschen auf ihrem Land aufzubauen, das so gar nicht in das gängige Klischee des Steine werfenden Palästinensers passte. Seitdem pflanzen dort auf dem Hügel bei Bethlehem jüdische Friedensaktivisten Bäume, arabische Kinder aus den Flüchtlingslagern malen Herzen und deutsche Volontäre basteln an Zisternen und Solaranlagen. Rupert Neudeck von der Organisation „Kap Anamur“ berät zu Alternativen Energien. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält gerne ihre schützende Hand über das Stück Land.

Günstiges Leben in Gush Etzion

„Tent of Nations“ ist ein interreligiöses Begegnungsprojekt von Lutheranern. Und mittlerweile zu einem Symbol für gewaltfreien palästinensischen Widerstand geworden, das weltweit hohes Ansehen genießt. Die Familie Nasser will keinen Streit mit den benachbarten Siedlungen, sondern in Frieden mit ihnen leben. Sie ist mittlerweile umringt von 5 Siedlungen mit 90.000 Einwohnern, alle Israelis, die nach Internationalem Recht illegal dort auf palästinensischem Land leben und von ihrem jüdischen Staat dafür subventioniert werden. Das Leben in Gush Etzion ist günstiger als in Jerusalem oder Tel Aviv. Außerdem bekommen die neuen Bewohner Zulagen und bei Gründung eines Unternehmens eine Anschubfinanzierung, die in den Siedlungen fünfmal höher liegt als im Kerngebiet Israel.

Alles, was Recht ist?

Die Nassers bekommen kein Staatsgeld von Israel, sondern entweder nächtliche Blitz-Besuche von Siedlern oder Landkonfiszierungsbefehle der israelischen Armee. Letztere übergibt diese nie persönlich. Die Zettel werden, immer auf Hebräisch verfasst, irgendwo auf dem Grundstück abgelegt. Eine Praktik, die oft zur Folge hat, dass palästinensische Bewohner die Zettel gar nicht erst finden, weil sie vom Regen durchnässt sind oder vom Wind weggefegt wurden. Ungünstig, wenn es um gerichtliche Einsprüche und Deadlines geht, um schnelles überlegtes Handeln, um Land und die eigene Existenz. Günstig, wenn man Land haben will und kein Interesse daran hat, den Landbesitzer rechtzeitig zu informieren. Aber sich auch nicht vorwerfen lassen möchte, man hätte die andere Seite nicht informiert. Das funktioniert in Israel, denn Gesetze sind dehnbar wie Kaugummi und lassen sich zudem aus den unterschiedlichsten Besatzungszeiten anwenden: jordanisches, britisches, israelisches Militärrecht oder das aus dem Osmanischen Reich – alle sind anwendbar, weil Israel Notstandsgesetzte nutzt und immer noch nicht über ein Grundgesetz verfügt, obwohl der Staat 2008 bereits sein 60-jähriges Bestehen feierte.

Bauern können ihr Land nicht erreichen

„Hier gilt: Alles, was Recht ist“, sagt ein palästinensischer Anwalt aus Jetusalem, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Nur rund 20 % seiner Mandanten bekommen am Ende ihr Land zurück, dass der Staat Israel zumeist nach einigen Jahren als Staatsland deklariert, weil es nicht kultiviert wurde, berichtet der Jurist. Was der Staat nicht sagt ist, dass die israelische Mauer nicht auf der Grünen Linie verläuft, sondern sich laut dem Büro von UN Ocha (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs Occuied Palestinian Territories) zu 85 % auf palästinensischem Land befindet – und damit für viele Bauern das Bewirtschaften ihres Land verhindert, weil sie es nicht mehr erreichen können.

Siedlerkolonialismus stoppen

„Der Siedlerkolonialismus ist das gefährlichste Projekt des Staates Israel, das auf dem Rücken der Ureinwohner Palästinas – der Palästinenser – ausgetragen wird“, kritisierte der israelische Historiker Gadi Algazi von der Universität Tel Aviv kürzlich auf einem Politikkongress in Hebron. Dort trafen sich antizionistische Israelis und Palästinenser. Der Friedensaktivist ist für eine Neuordnung in der Region mit einem Staat, der gleiches Recht für alle auf Land und Wasser bedeutet, ein Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge miteinbezieht und die Zerstörungen palästinensischer Existenzen ausschließt. „Das muss sofort gestoppt werden“, sagte Algazi auf der Bühne in Hebron. Aber er sah müde aus bei diesen Worten.

Die Nassers sind nicht naiv

Daoud Nasser hingegen scheint seine Kraft auf wundersame Weise immer wieder neu zu nähren. „Tent of Nations“ ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Er reist mindestens zweimal im Jahr nach Deutschland und in die USA, um über seine Arbeit zu berichten. Er hat viele Pläne. Eine Berufsschule, mehr Jugendarbeit und Umweltbildung soll es hier bald geben. Aber die zerstörten Bäume wird das nicht zurückbringen. „Wir wollten dieses Jahr Weinreben ernten und das erste Mal Wein abfüllen“, sagt er. Daraus werde nun nichts. Es wird vier Jahre dauern, bis die Weinstöcke wieder Ernte reife Trauben tragen werden. Und auch die Olivenbäume müssen neu gepflanzt werden. Die von der Armee illegal abgeholzten Bäume hatten ein Alter von zwölf Jahren. Ein Olivenbaum ist empfindlich und benötigt viel Pflege und Fachkenntnis. Erst nach sieben Jahren trägt er die ersten Früchte. Der Gewaltakt der israelischen Armee war vorsätzlich. Die Nassers sind jetzt erst einmal geschwächt, aber sie sind nicht am Ende. Sie sind nicht naiv. Sie wissen, dass sie mit ihrer Klage am israelischen Gerichtshof – sie wollen eine Entschädigungssumme für die Bäume – niemals durchkommen werden.

Unberechtigte Kritik an Kirchen

Die Zerstörung des Landstückes schlug hohe Wellen und verbreitete sich vor allem Stunden später als erstes in den sozialen Netzwerken. In Deutschland schrieb einzig die Südwestpresse aus Ulm über den Vorfall, während palästinensische und israelische Nichtregierungsorganisationen und Blogger längst schon Berichte auf twitter und facebook veröffentlicht hatten. Johannes Gerloff, ein Theologe, der sich selbst als „Journalist“ und „Korrespondent“ der fundamentalistischen Israel-Nachrichten bezeichnet, kritisierte in seinem öffentlichen Facebook-Profil die Solidarität der Kirchen mit der Familie Nasser nach dem Gewaltakt: „Wer die Augen verschließt, ist mit verantwortlich, wenn mit „Dahers Weinberg“ unter dem Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein“, Zwietracht gesät, antiisraelisch gehetzt und persönliche Bereicherung vorangetrieben wird“, heißt es dort. Gerloff, ein christlicher Zionist, hatte vor kurzem erst in einem Artikel auf Israelnetz.com die illegale Enteignung des palästinensischen Rajabi-Hauses in Hebron verteidigt, das sich nun vollständig in Siedlerhänden befindet. Er ist mit Ulrich Sahm befreundet, einem ehemaligen Israelkorrespondenten des Nachrichtensenders n-tv, der sich zum Ende seiner journalistischen Karriere hin verstärkt mit der Herstellung von Kerzen und der Veröffentlichung von Kochbüchern befasst.

Roadblocks aus Sicherheitsgründen

All das macht Daoud Nasser nicht wütend. Er ist die Ruhe selbst. „Gewalt ist keine Option für uns. Es ist leicht zu hassen und schwer, negative Gefühle konstruktiv in positive umzuwandeln. Aber wir gehen diesen Weg weiter“, sagt er überzeugt. Die Sonne steht jetzt hoch oben am Himmel und scheint ihre ganze Strahlkraft auf die 25 Besucher dort unten abzugeben, die sich auf den Rückweg nach Jerusalem machen. Mühsam klettern die Menschen aus der Erlöserkirche über die beiden Roadblocks, mit denen der israelische Staat 2001 die Zufahrtstraße zum „Tent of Nations“ dichtmachte. Aus Sicherheitsgründen, wie es damals hieß. Da hilft nur noch eins: Glaube, Liebe – Hoffnung. Sagt Daoud Nasser jedenfalls.

Oxfam, it is time: Set the Human Rights now free!

27 Jan
Free Palestine: Palästinenser in Bethlehem mit der für sie wichtigsten Botschaft zu Weihnachten.  Foto: Haensel

Free Palestine: Palästinenser in Bethlehem mit der für sie wichtigsten Botschaft zu Weihnachten.
Foto: Haensel

Mit dem Slogan “Set the bubbles free” wirbt die Schauspielerin und Oxfam-Botschafterin Scarlett Johansson für die israelische Marke Soda Stream, die illegal in der Westbank operiert. Trotz weltweiter Kritik von Menschenrechtsaktivisten und Oxfams Bedenken hält Johansson dennoch an ihrem Werbevertrag fest. Der Entwicklungshilfe-Riese Oxfam ist jetzt in der Position zu reagieren. Und wir alle, wenn wir wollen, dass diese schlechte Geschichte ein gutes Ende findet.

 

Offener Brief an Oxfam Deutschland e.V und Oxfam International

Oxfam International Secretariat
Suite 20
266 Banbury Road
Oxford OX2 7DL
United Kingdom
Email: information@oxfaminternational.org
Fax: +44 1865 339 101
Phone: +44 1865 339 100
 
Am Köllnischen Park 1
10179 Berlin
Tel: +49-30-453069-0
Fax: +49-30-453069-401
E-Mail: info@oxfam.de

Sehr geehrter Herr Joris Voorhoeve

sehr geehrte Frau Winnie Byanyima

sehr geehrtes Oxfam-Management,

in ihrem der Öffentlichkeit zugänglichen Dokument „20 FACTS: 20 YEARS SINCE THE OSLO ACCORDS“ beschreiben sie die Situation der palästinensischen Bevölkerung in Details.  20 einzelne Punkte sind dort aufgelistet und mit seriösen Quellen unterlegt, die aufzeigen, warum Oslo für Palästinenser ein Windbeutel ohne Sahne, aber für Israelis die profitable Kirsche on the top darstellt.

Sie schreiben in Ihrem Bericht: „Land in den A- und B-Gebieten kostet dort bis zu 150 Prozent mehr als eine vergleichbare Landfläche im C-Gebiet. Die Kosten für Flächen in Gebiet A und B sind aufgrund von Restriktionen gegen eine palästinenische Entwicklung in dem  C-Gebiet extrem gestiegen. Der Mangel an Land aber ist es, der direkt in nur geringfügige Erträge und eine erhöhte Arbeitslosigkeit führt und der bewirkt, dass sich palästinensische Produkte nicht auf dem Markt halten können.“

Sie betonen in Ihrer Zusammenfassung, dass Siedlergewalt gegen die palästinensische Bevölkerung weiter zunimmt, palästinensische Zivilisten keinen Schutz dagegen erfahren und dass mittlerweile 42 Prozent der Westbank von illegalen jüdischen Siedlungen durchzogen seien; darunter von mehr als 100 Outposts.

Am wichtigsten aber ist dieser von Ihnen verfasste Satz: Palestinians continue to pay the price for the ongoing Israeli occupation – Palästinenser zahlen weiterhin den Preis für die fortdauernde israelische Besatzung.

Es ist löblich, dass Oxfam als große und bedeutende Entwicklungshilfe-Organisation eine klare Stellung bezieht in Hinblick auf die illegale israelische Besatzung, die nach den Genfer Konventionen und Internationalem Recht völkerrechtswidrig ist. Damit stellt sich die Organisation auf die Seite der Menschenrechte und auf diejenige, auf deren Grundlage sich auch zahlreiche Israelis, Juden, Palästinenser und andere Menschen weltweit für Frieden in der Region und ein Ende der Besatzung einsetzen. Das SodaStream-Statement von Scarlett Johannson hat gezeigt, dass die Oxfam-Botschafterin, die sich für eben diese Menschenrechte einzusetzen meint, die klare Position Oxfams nicht verstanden hat und sie nicht erfüllt. Maale Adumim ist laut den Osloer Abkommen kein A-Gebiet, sondern liegt in der Peripherie Ost-Jerusalems, das derzeit laut UN Ocha von rund 200.000 israelischen Siedlern illegal bewohnt wird. Ihr hoher Lebensstandard wird dafür mit bis zu 5-fachen Subventionsspannen vom Staat Israel finanziert. Die Firma SodaStream befindet sich auf palästinensischem Land, auf dem einst tausende Menschen lebten und arbeiteten, fürr die dieses Land jenseits von Jerusalem gelegen ihre Heimat bedeutete. SodaStream baut keine „Brücken“ wie sein Management  und Johansson behaupten, und wirkt auch nicht Armut entgegen, sondern geht einher  mit der einseitigen Politk Israels zugunsten jüdischer Staatsbürger und zu Ungunsten der palästinensischen. Wer Land enteignet, sich selbst aber schönredet damit, dass er ja den Menschen, die das Land dadurch verloren haben, Arbeitsplätze anbietet, ist zynisch. Oder profitorientiert oder beides. SodaStream verletzt die Menschenrechte. Wer damit eine Liason eingeht, setzt auch keine Blasen mehr frei, sondern nur noch Phrasen (siehe Johanssons Statement, das sie vergangenen Freitag an die Redaktion der Huffington Post schickte.)

Maale Adumim steht stellvertretend für eine aggressive Siedlerkolonialismus-Politik Israels, die von vielen Menschen in Israel, Deutschland und natürlich Palästina selbst abgelehnt wird, weil sie nicht mehr mit demokratischen Werten vereinbar ist.

Waehrend die Maschinen in dem SodaStream-Werk in Maale Adumim rattern, mischen die Zementmaschinen die Baumasse fuer neu angekuendigte 1800 Wohneinheiten in ebensolchen Siedlungen. Sie sind es auch, die eine 2-Staatenloesung schon vor Jahren unmöglich gemacht haben, an die Palästinenser ohnehin nicht mehr glauben. Denn wie soll ein Fleckenteppich mit 500.000 jüdischen Siedlern, 500 Checkpoints und einem abgetrennten Strassensystem ein Staat werden?

Scarlett Johansson hatte eine einmalige Chance, auf die Kritik zu ihrem Werbevertrag mit SodaStream adäquat zu reagieren. Sie hätte aussteigen können. Auch, weil der Jüdische Staat eben nicht im Namen von allen Juden sprechen kann und soll. Das Geld braucht sie nicht. Sie hat es nicht getan. Jetzt haben Sie die einmalige Chance, Flagge zu zeigen. Für Menschenrechte und ein echtes Engagament für Frieden in Nahost, einer Region, in der Oxfam sehr engagiert ist. Die Palästinenser werden sehr genau beobachten, wie Sie sich jetzt verhalten werden. Eine Trennung von Johansson wäre ein klares Bekenntnis von Oxfam für die Schwachen und Leidtragenden. It is time: Set the Human Rights free!

Den Bericht „Communities in the Jerusalem Periphery at Risk of forced displacement“ von UN Ocha vom Juni 2013 kann man hier abrufen.

Grafik: www.visualizingplaestine.org

Grafik: visualizingpalestine.org

Oxfam veröffentlichte am Sonntag folgenden Text auf seiner Englisch sprachigen Webseite: “We have been engaged in dialogue with Scarlett Johansson and she has now expressed her position in a statement, including stressing her pride in her past work with Oxfam. Oxfam is now considering the implications of her new statement and what it means for Ms. Johansson’s role as an Oxfam global ambassador.”

 Das Statement von Scarlett Johansson erschien am 24.1.2014 auf der Webseite der Huffington Post:

„While I never intended on being the face of any social or political movement, distinction, separation or stance as part of my affiliation with SodaStream, given the amount of noise surrounding that decision, I’d like to clear the air.

I remain a supporter of economic cooperation and social interaction between a democratic Israel and Palestine. SodaStream is a company that is not only committed to the environment but to building a bridge to peace between Israel and Palestine, supporting neighbors working alongside each other, receiving equal pay, equal benefits and equal rights. That is what is happening in their Ma’ale Adumim factory every working day. As part of my efforts as an Ambassador for Oxfam, I have witnessed first-hand that progress is made when communities join together and work alongside one another and feel proud of the outcome of that work in the quality of their product and work environment, in the pay they bring home to their families and in the benefits they equally receive.

I believe in conscious consumerism and transparency and I trust that the consumer will make their own educated choice that is right for them. I stand behind the SodaStream product and am proud of the work that I have accomplished at Oxfam as an Ambassador for over 8 years. Even though it is a side effect of representing SodaStream, I am happy that light is being shed on this issue in hopes that a greater number of voices will contribute to the conversation of a peaceful two state solution in the near future.”

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