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Rote Karte für’s Hamburger Rathaus

1 Mrz
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Eigentlich geht es um sie: Palästinenser unter israelischer Besatzung, hier eine Familie im Jordantal, das als sogenanntes C-Gebiet unter vollkommener Kontrolle Israels steht.          Foto: dreiecksbeziehung.net

 

Von Liva Haensel

Die Hamburger Bürgerschaft ist in Aufruhr : Die CDU-Fraktion möchte einen Antrag im Rathaus stellen, der die Israel kritische Boykottbewegung BDS  als antisemitisch einstuft. Dem ganzen vorausgegangen war die Berufung eines südafrikanischen Professors an die Universität Hamburg. Farid Esack ist Vorsitzender der BDS-Bewegung in seinem Heimatland, das als Pionier in Sachen ziviler Ungehorsam gilt. Die Boykottbewegung in Südafrika wurde zu Zeiten der Apartheid weltweit mitgetragen und unterstützte die mehrheitlich schwarze Bevölkerung damals darin, endlich gleichberechtigte Bürger in ihrem eigenen Staat zu werden, das von wenigen weißen Menschen regiert wurde. Sie beruht darauf, Menschenrechte  solange durch einen Boykott von z. Bsp. nationalen Waren aber auch akademischen und kulturellen Kooperationen auf Basis Internationalen Rechts einzufordern, bis das Land bereit ist, die durch seine Politik unterdrückte Bevölkerungsgruppe nachweisbar auf allen Ebenen gleichzustellen mit der bislang privilegierten Gruppe von Bürgern. Wer Parallelen zieht zwischen dem Apartheidregime Südafrikas und dem jüdischen Staat Israel, konzentriert sich vor allem dabei auf die Unrechtssituation: Hier wie dort genossen und genießen Menschen basale Rechte auf Bildung, Wasser, Gesundheit, Zugang zu Ressourcen und Religionsfreiheit, die anderen in demselben Land lebenden Menschen gleichzeitig vorenthalten wurden/werden.

Der Holocaust bleibt ein deutsches Thema

Die Gleichsetzung des Boykotts gegen Juden in Deutschland 1938 (Slogan „Deutsche, kauft nicht bei Juden“) mit der BDS-Bewegung, wie sie nun von der CDU-Fraktion vorgetragen wird, ist die Folge eines Denkfehlers. Deutsche Juden wurden durch die antisemitische Rassenpolitik Hitler-Deutschlands als „Nicht-Deutsche“ gekennzeichnet und entwürdigt von einer sie beherrschenden Bevölkerungsgruppe mit enormer Macht. Die zivilgesellschaftliche Bewegung BDS diskriminiert nicht Israelis als juedische Menschen, sie wurde gegründet von den Unterdrückten selbst und basiert auf der Charta der Menschenrechte. Die Bewegung setzt sich gewaltfrei für ein Ende der illegalen israelischen Besatzungspolitik ein, damit Palästinenser genauso gut  leben können wie juedische Israelis.

Im nationalsozialistischen Deutschland wurden juedische Bürger zunehmend entrechtet  – bis hin zu ihrer vollkommenen Vernichtung. Der Holocaust ist ein Teil des deutschen Geschichtsverständnisses, er kann niemals ausgeklammert werden. Die Sensibilisierung für die Diskriminierung von Menschen aufgrund von Zuschreibungen und damit einhergehende Ächtung ist und bleibt ein deutsches Thema. Dies gilt in Hinblick auf den Terror des Holocaust und juedische Menschen weltweit. Es gilt aber genauso für alle anderen diskriminierten Menschen.

Absagen und Offene Briefe

Die palästinensische BDS-Bewegung hat mittlerweile weltweit viele Anhänger. Und sie wächst weiter. Auch in Hamburg gibt es seit etwa zehn Jahren eine Gruppe von Menschen, die auf Israels Besatzungspolitik mit Aufklärungskampagnen reagieren, Veranstaltungen zum Nahostkonflikt organisieren und kritischen Jüdinnen und Juden sowie Israelis und Palästinensern und dem interessierten Publikum Raum bieten für einen offenen Meinungsaustausch. Dieser wäre nun gefährdet wenn dem Antrag stattgegeben würde. Gleichzeitig reagierte die Universität Hamburg umgehend und sagte die Veranstaltung der Akademie für Weltreligionen „Wem erlaube ich, im Zug neben mir zu sitzen? Religionsfreiheit in einer Zeit des Terrors“  von Professor Farid Esack ab.

Die BDS-Bewegung Hamburg antwortete darauf mit einem Offenen Brief auf ihrer Webseite.

Universale Menschenrechte sind zentral

Wenn eine gewaltfreie Boykottbewegung, die auch von jüdischen Organisationen in Israel und den USA mitgetragen wird, nun von der Hamburger CDU-Fraktion als „antisemitisch“ gelabelt wird – was bedeutet dies dann konkret für einen ersehnten Frieden in Israel und Palästina und für die dort lebenden Menschen? Dass sich nichts ändern wird. 7 Millionen Palästinenser leben unter einer Besatzung, die im Kern gewalttätig ist. Gerade von deutschen Politikern sollten Palästinenser, Israelis und Deutsche im Sinne der Dreiecksbeziehung eigentlich mehr erwarten können, wenn es um die Einhaltung universaler Menschenrechte geht.

 

+++ Die israelische Künstlerin Nirit Sommerfeld hat einen Offenen Brief an alle Fraktionen im Hamburger Rathaus verfasst, der hier im Folgenden nachzulesen ist:

©Nirit Sommerfeld

©Nirit Sommerfeld

Sehr geehrte Damen und Herren der Hamburger Bürgerschaft,

am morgigen Mittwoch werden Sie über einen Antrag der CDU-Fraktion beraten, der fordert, die BDS-Initiative und ihre Aktivitäten als antisemitisch zu verurteilen. Ich bin in Israel geboren und aufgewachsen, mein Vater war Holocaust-Überlebender, der fast seine ganze Familie in Konzentrationslagern verloren hat. Ich habe mit der Muttermilch gelehrt bekommen, was Antisemitismus ist, ich habe ihn zum Glück sehr selten am eigenen Leib erfahren. Meine ganze Familie mütterlicherseits lebt in Israel, mich verbinden enge Freundschaften dorthin – und dennoch musste ich mich vor einigen Jahren gegen ein Leben in diesem Land entscheiden. Denn nirgendwo ist mir so viel Antisemitismus begegnet wie dort.
Ich möchte Ihnen im Folgenden erläutern, warum ich Ihnen dringend und aus meiner sehr persönlichen Sicht als Israelin empfehlen möchte, diesem Antrag nicht stattzugeben.
Über die politischen Hintergründe muss ich Ihnen wohl nichts erzählen; ich gehe davon aus, dass Sie wissen, wie etwa in der EU mit dem Boykott von Waren aus den illegalen Siedlungen umgegangen wird. Sie alle kennen die Forderung, das EU-Assoziierungsabkommen auszusetzen, solange Israel massiv Menschenrechte verletzt; natürlich wissen Sie auch alle, dass Meinungsfreiheit und die Freiheit, Dinge zu boykottieren, zu unseren demokratischen Grundrechten gehören. Sie kennen die Geschichte Südafrikas und erinnern sich alle daran, dass der wirtschaftliche Boykott damals ein Schlüssel zur Wende in der Apartheidpolitik war.
Sie haben sicher auch alle fraktionsübergreifend eine ähnliche Meinung zu Antisemitismus: Er ist eine besondere Form des Rassismus, weil er sich auf Juden und deren angebliche Eigenschaften bezieht. Und er ist – wie jede Form von Rassismus – verabscheuenswürdig und muss bekämpft werden. In Deutschland umso mehr, zu Recht: Denn die Geschichte des Holocaust erinnert uns mahnend daran, wohin Rassismus und Antisemitismus führen kann.
Worüber die aller wenigsten von Ihnen vermutlich urteilen können ist die Realität, in der Palästinenser unter und Israelis mit Besatzung leben. Dass Palästinenser tagtäglich extrem leiden unter eingeschränkter Bewegungsfreiheit, Wassermangel, wirtschaftlicher Abhängigkeit, Checkpoints, Einschränkung ihres Lebensraumes, Siedler- und Militärgewalt und vielem mehr, was man eben unter Militärbesatzung ertragen muss und was einem Leben in Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie diametral entgegengesetzt ist, wissen Sie, auch wenn sich kaum ein Mensch vorstellen kann, was so ein Leben tatsächlich bedeutet. Um dies begreifen zu können, empfehle ich Ihnen vor allem, eine Reise* nach Israel UND Palästina zu unternehmen und sich ein eigenes Bild zu machen. Da dies kurzfristig nicht möglich sein wird, können Sie auch einen Blick auf diesen Blog des Bündnisses BIB e.V. werfen. Er beschreibt den Alltag unter Besatzung.
Aber wissen Sie auch etwas über die Veränderung durch die Besatzung in der israelischen Gesellschaft? Wissen Sie, dass israelischen Kindern bereits in der Schule beigebracht wird, sie seien Holocaust-Opfer, weil die Palästinenser sie ins Meer werfen wollen? Ich musste das bei meiner Tochter und all ihren Schulfreundinnen erleben.
Sie wollen sich gegen Antisemitismus in Deutschland einsetzen? Tun Sie dies, indem Sie uns Israelis und vor allem unsere Regierung endlich auf Augenhöhe begegnen! Verbieten Sie nicht ein Gespräch und demokratische Werkzeuge wie Boykott zu einem Land, von dem ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass es zu dem wird, was sich viele Israelis und Juden weltweit mit mir wünschen, nämlich dass Israel Teil einer demokratischen Wertegemeinschaft ist und diese Werte auch zu lebt.
Wie hätte die große deutsch-jüdische Denkerin Hannah Arendt zu BDS gestanden? Hätte sie sich die Möglichkeit des freien Denkens und Handelns nehmen lassen, weil die Gefahr des Antisemitismus-Vorwurfs gedroht hätte? BDS ist ein gewaltfreies Mittel, sich gegen die Besatzung zu wehren – aus der palästinensischen Zivilgesellschaft hervorgegangen und mittlerweile weltweit unterstützt. Es ist ein demokratisches Mittel; es mag uns so wenig schmecken wie ein Streik, aber es könnte die Wirkung haben, Israel zu zeigen, dass die Welt es ernst nimmt und es gerne als gleichwertigen Partner dabei haben möchte – aber ohne Besatzung. Eines ist BDS aber bestimmt nicht: Antisemitisch.

Es gibt im Übrigen sogar innerhalb Israels eine Solidaritätsbewegung mit BDS: Boycott from Within.

Mit besten Grüßen und der Hoffnung, dass Sie sich nicht gegen BDS, sondern für palästinensische Menschenrechte und damit für eine Chance für ein besseres Israel einsetzen,
Nirit Sommerfeld
*Sollten Sie an einer solchen Reise interessiert sein, schreiben Sie mich bitte an. Meine nächste Reise in einer Kleingruppe für politische Meinungsbildner findet Ende Oktober statt.
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Mehr Infos unter: www.niritsommerfeld.com

 

BDS – Boycott Dates softly

18 Jun
Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.  Foto: gomeal.de

Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.                                                      Foto: privat

Der junge Mann in dem Frucht- und Gemüseladen am Bethlehemer Cinema Square reibt eine Avocado zwischen seinen Händen und schüttelt dann den Kopf. Nein, von einem Boykott gegen israelische Waren habe er noch nie etwas gehört, sagt er. Die Kunden fordern gutaussehendes Obst und Gemüse, das glänze und lecker aussehe. Palästinensisch verarbeitete Produkte aber sähen runzlig und schlecht geschnitten aus. „Die kauft doch keiner“, sagt Mohammed. „Wir haben hier in Palästina kein gutes Schneidwerkzeug dafür. Also gehen unsere Gemüse- und Obstsorten erst nach Israel, werden dort professionell mit Maschinen und Chemie bearbeitet und landen dann wieder bei uns. Warum sollte ich das boykottieren, ich habe doch gar nicht die Möglichkeiten dazu. Oder?“

König Kunde kriegt die A-Klasse

Das „Oder?“ bleibt im Raum stehen und setzt sich als Fragezeichen auf unzählige Avocados, Orangen, Bananen und Salatköpfe in dem kleinen Geschäft. Die Nahrungsmittel stammen aus dem palästinensischen Jordantal, das als C-Gebiet unter voller Kontrolle Israels steht. Unter dem Dach von großen israelischen Fruchthandelsketten gehen sie nach der Ernte nach Israel und werden dort – ähnlich der Gebietsaufteilung der Westbank – in A-, B- und C-Früchte eingeteilt. Die A-Früchte sind das, was auf der Titanic die 1. Klasse war: Sie werden nach Europa exportiert und dort König Kunde als israelische Ware im heimischen Supermarkt verkauft. B-Ware geht in die israelischen Läden, die C-Früchte landen wieder in der Westbank in den Regalen von Mohammed und anderen Lebensmittelhändlern. Das standardisierte System in der Lebensmittelbranche kritisiert der israelische Wirtschaftswissenschaftler Shir Hever als ausbeuterisch. „Die palästinensischen Bauern sind vollkommen abhängig vom israelischen Markt“, sagt er und fügt dann hinzu: „Deshalb ist es wichtig, dass Palästinenser ihre eigenen Gewerkschaften haben und ihre  Preise selbst bestimmen.“

Shir Hever  Foto: privat

Shir Hever
Foto: privat

Druck auf Israel ist wichtig

Omar Barghouti Foto: privat

Omar Barghouti
Foto: privat

Hever ist BDS-Befürworter. BDS, das steht für Boykott-Divest-Sanctions – eine Kampagne der palästinensischen Zivilgesellschaft, die 2005 gegründet wurde. In Anlehnung an den Boykott südafrikanischer Waren zu Apartheidszeiten ruft die Organisation zu einem gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Besatzung auf. Dabei kommt der Boykott auf mehreren Ebenen zum Tragen. Er adressiert sowohl den kulturellen  Bereich(Regisseure, Musiker, Schauspieler mit Theaterproduktionen, Filmen, Festivals) als auch den akademischen (Professoren, Studentenaustausche, Kooperationen mit Hochschulen und anderen Einrichtungen). Und möchte den Staat Israel da treffen, wo es am meisten weh tut: ökonomisch. „Es geht uns nicht darum, Israel und seine Bürger zu bestrafen. Aber die völkerrechtswidrige Besatzung unseres Landes ist nicht normal, sie geht nicht konform mit Menschenrechten und sollte auch nicht so tun, als ob“, sagt Omar Barghouti, (44) einer der Gründer von BDS und Autor des Buches „Boycott, Divestment, Sanctions – The Global Struggle for Palestinian Rights“. Deshalb sei Druck auf den Staat Israel wichtig, um ihn an seine Pflichten zu erinnern.

Fuchtelndes Kind

Omar Barghouti war im März in Berlin, um dort über den Boykott, der immer weitere Kreise zieht, zu sprechen. Im taz-Café diskutierte der Palästinenser mit dem jüdischen

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland. Foto: privat

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland.
Foto: privat

Wissenschaftler Micha Brumlik ebenso wie mit CDU-Abgeordneten und Berliner Zuhörern. Dabei habe er beobachtet, „dass Deutsche eine Hemmschwelle bezüglich des Boykotts haben, weil es sie an alte Zeiten erinnert.“ Doch BDS habe nichts mit antijüdischen Ressentiments zu tun, sagt er. Hier gehe es um die Unterdrückung des palästinensischen Volkes und einer Landenteignung, die ihresgleichen suche. Iris Hefets stimmt dem zu. Die Israelin ist Mitglied in der Gruppe „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ und Anhängerin von „The voice from within“, dem israelischen Unterstützer von der BDS-Bewegung. In der „Stimme von innen heraus“ organisieren sich jüdische Israelis, die die BDS-Bewegung aufrichtig unterstützen. Israel sei wie ein wild gewordenes Kind, sagt Iris Hefets, eine Psychologin: „Es fuchtelt mit seinen Gewehren herum, stößt überall an und nimmt sich alles heraus. Dem müssen wir Grenzen setzen.“

Das „nie wieder“ verlacht sich selbst

Doch wer in Deutschland lebt oder deutsche Medien nutzt, sucht darin vergeblich nach Aufklärung zur Rolle des gewaltfreien Widerstandes der palästinensischen Zivilgesellschaft. Die Jüdische Allgemeine stempelte den gewaltlosen Widerstand gegen Israels Völkerrechtsverletzungen als naturgemäß sofort antisemitisch ab und druckte ein Bild dazu in der Printausgabe, auf dem SS-Leute vor einem jüdischen Laden stehen, auf dessen Schaufenster „Deutsche, kauft nicht bei Juden“, steht. Das deutsche „Nie wieder“ verlacht sich allerdings selbst, wenn ein Volk, das den Massenmord an sechs Millionen Menschen zuließ, es nicht geschafft hat, sich danach umso mehr für Gleichheit und gegen Diskriminierung zu engagieren. „Gerade die Deutschen sind es doch, die sich wegen des Holocaust erst recht für die Palästinenser und damit für Frieden in der Region einsetzen sollten“, verlangt der israelische Journalist Sergio Yahni vom Alternativen Informationszentrum.

Kein Thema in West-Jerusalem

In keiner einzigen deutschen Tageszeitung findet sich ein ausführlicherer Artikel über BDS und seinen Hintergrund sowie seine wachsende Befürworter- Zahl und Fakten. Auch nicht in der FAZ, die kürzlich das Thema aufgriff, weil in Bethlehem vor zwei Wochen die vierte BDS-Konferenz stattfand. In dem Artikel erfährt man, dass die Bewegung wächst, weil „immer mehr Bewohner der Autonomiegebiete nichts mehr mit ihren israelischen Nachbarn zu tun haben wollen, solange die Armee das Westjordanland besetzt hält“. Das ist allerdings schon seit 1948 so. Geändert hat sich, dass weltweit ein Bewusstsein bei Menschen in Südamerika, Afrika, Asien, Europa und Nordamerika darüber entstanden ist, dass das demokratische Israel seine arabische Bevölkerung massiv benachteiligt und die Westbank de facto mit Siedlungen überzieht sowie seinen  Armeeapparat unter dem Vorwand von Sicherheitsmythen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung einsetzt. Das hat der FAZ-Autor unterschätzt, vielleicht ist es in dem von deutschen Auslandskorrespondenten bewohnten West-Jerusalem oder Tel Aviv aber auch kein Thema. In Ramallah und Ost-Jerusalem dagegen schon.

Der Strichcode 729

Das Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre erhob die Bewegung und den Palästina-Konflikt 2012 zum ersten Mal in der Geschichte zu seinem Hauptthema. Allein in Deutschland gibt es mittlerweile mehr als 6 Stadt-Gruppen, die bundesweit Aufklärungskampagnen betreiben. Dazu zählen Informationsflyer über den Wassersprudler Sodastream, der in einer illegalen jüdischen Siedlung hergestellt wird genauso, wie angestoßene Debatten darüber, ob künftig eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte aus den Siedlungen gelten soll. Ohne diese Gruppen würde der Konsument nicht erfahren, dass der Strichcode 729 auf der Avocado im Supermarkt verrät, dass die Ware aus Israel kommen soll – und es oftmals doch nicht tut.

Datteln ohne Hochglanz

Für den Fastenmonat Ramadan haben sich viele Palästinenser jetzt vorgenommen, keine Datteln mehr aus Israel zu kaufen. Sie setzen lieber auf ihre eigenen Produkte. Auch, wenn diese nicht auf Hochglanz poliert sind. Mohammed will das jetzt auch mal probieren, sagt er. Der einzigartig vanillige Geschmack der palästinensischen Datteln könne ihnen ohnehin so schnell keiner nachmachen. Auch nicht ihr mächtiger Besatzer.

Tipp: Die Menschenrechtsorganisation Medico International hat kürzlich eine Broschüre zum Herunterladen über Europas Komplizenschaft im Handel mit israelischen Siedlungsgütern herausgegeben.

 

Bühne frei

6 Sep
Peter Brook.   Foto: starscolor.com

Peter Brook. Foto: starscolor.com

„Es ist schwer, Jude zu sein – doch Israeli zu sein, ist ein Fluch“, schreibt Omri Nitzan auf ynet. news, dem israelischen Onlineportal (gesamter Text auf Deutsch hier).  Nitzan ist Intendant des Cameri-Theaters in Tel Aviv und derzeit verschnupft. Der Grund dafür ist die Absage des britisch-jüdischen Theaterregisseurs Peter Brook an Nitzan und sein israelisches Theater. Eigentlich hatte Brook, Star der weltweiten Theaterszene, an dem Internationalen Theaterfestival des Cameri in Tel Aviv mit seinem Ensemble im Dezember teilnehmen wollen. Jetzt sagte der Regisseur in Hinblick auf Israels Menschenrechtsverletzungen gegen die palästinensische Bevölkerung ab. Nitzan rief daraufhin laut eines Tel Aviver Magazins umgehend eine Sondersitzung mit seinen engsten Mitarbeitern ein und überlegt nun, gegen Brook zu klagen.

Die Bewegung wächst stetig

Die jüngste Absage gegen einen israelische Einrichtung reiht sich damit ein in die Kette von Absagen und Verweigerungen internationaler und israelischer Künstler,  in Israel und den illegalen israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten aufzutreten. Erst kürzlich zuvor hatte auch der US-Amerikanische Sänger Lenny Kravitz seine Konzerttournee für Israel abgesagt und sich damit als Befürworter des kulturellen Boykotts gegen Israel geoutet.  2005 hatte die palästinensische Zivilgesellschaft das erste Mal öffentlich dazu aufgerufen, Israel auf wirtschaftlicher, akademischer und kultureller Ebene solange zu boykottieren, bis der Staat die Einhaltung der Menschenrechte und internationalen Rechts gewährleiste. Der sogenannte BDS-Call („Boycotts, divestment and sanctions“) aus der Mitte der palästinensischen Gesellschaft wuchs langsam aber stetig zu einer globalen Bewegung an, die sich an der Boykott-Kampagne zu  Apartheid-Zeiten in Südafrika oriertiert und von Seiten israelischer Friedensaktivisten mit der Organisation „Voice from within“ befürwortet wird.

Neue Strategien auf dem Weltsozialforum

Logobild des Weltsozialsforums für 2012.    Foto: WSF Brasil

Logobild des Weltsozialsforums für 2012. Foto: WSF Brasil

Von Menschenrechtsaktivisten wird BDS als Segen angesehen. Gerade diejenigen, die selbst aus Ländern mit Apartheidserfahrungen stammen wie Südafrika, sind oftmals Anhänger der Bewegung. Auf dem Weltsozialforum, das dieses Jahr in Brasilien in Porto Alegre zum ersten Mal unter dem Motto „Free Palestine“ stattfinden wird, wird die Boykottbewegung für die Interessen des palästinensischen Volkes eines der Hauptthemen sein. „Wir werden nicht nur darüber sprechen, wie wir vor allem in Ländern , die intensiv mit Israel Handelsbeziehungen haben, BDS stärker umsetzen“, sagt Ahmad Jaradat, Mitarbeiter des israelisch-palästinensischen Alternative Information Center (AIC). „Sondern wir werden in Brasilien auch eine Strategie entwickeln, die nachhaltig in allen Ländern von Menschen umgesetzt werden kann, die sich mit Israel und seiner Nichtachtung von Menschenrechten auseinandersetzt.“
Auf dem Weltsozialforum Free Palestine werden mehr als 500 Vertreter von rund 170 kirchlichen und unabhängigen Nicht-Regierungs-Organisationen erwartet, die sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen: Ende der israelischen Besatzung, Einhaltung der Menschenrechte und UN-Konventionen, Gleichberechtigung der palästinensischen Bevölkerung, Beendigung von Apartheid und Mauerbau sowie Realisierung des Rückkehrrechts der palästinensischen Flüchtlinge. An dem Forum werden laut des AIC auch zahlreiche jüdische und israelische Organisationen teilnehmen. „Jeder, der möchte, ist eingeladen“, sagt Jaradat. Bedingung dafür sei, dass jeder Teilnehmer die Prinzipien des Weltsozialforums bejahe.

„Delegitimierung der hebräischen Kultur“

In seinem Gastbeitrag auf dem israelischen Onlineportal ynet news fasst der abservierte Theaterdirektor Nitzan seine Wut über Brooks Boykott in Worte. „Wenn Brooks Théâtre des Bouffes du Nord“, schreibt er dort, „das als das wichtigste internationale Ensemble der Welt gilt, sich weigert, hierher zu kommen, dann kann man die Augen nicht mehr davor verschließen. Wir müssen verstehen, dass das kein Protest gegen diese oder jene Institution ist, sondern eine Delegitimierung der gesamten hebräischen Kultur, die für den Zionismus steht, der wiederum die raison d’être des Staates Israel ist. Es ist das Glück der Literatur, dass sie schweigt. Es ist das Glück der Schriftsteller, dass – wegen der fürchterlichen Assoziationen dazu – bisher noch keine Bücher verbrannt werden.“

Lieber die Opferrolle behalten

Mit diesem Vergleich zielt Nitzan direkt auf die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten im Dritten Reich ab, bei der tausende Schriften jüdischer Autoren öffentlich verbrannt wurden. Damit schafft er eine künstliche Parallele, die jüdische Israelis zu reine Opfer stilisiert – und ihnen damit eine aktive Täterschaft und Entscheidungsgewalt nimmt. Dieser Diskurs ist so alt wie der Staat Israel selbst, verhindert aber eine echte Auseinendersetzung mit Israels Verantwortung gegenüber 5,5 Millionen Palästinensern, die seit 1967 unter israelischer Besatzung leben und nach internationalem Recht ihrer basalsten Rechte beraubt sind. Anfang des Jahres beschlosss der jüdische Staat, 70.000 in der Negev-Wüste lebende Beduinen zwangsumzusiedeln. Vor zwei Tagen räumte die israelische Armee den illegalen jüdischen Außenposten Migron mit etwa zehn jüdischen Familien. Dafür schworen rechtsradikale Siedler Rache mit ihren sogenannten Price-Tag-Attacken („Einen Preis dafür zahlen“) und diese folgte promt gestern: Die Einganstür des französischen Trappistenklosters Latrun im Norden Jerusalems wurde abgebrannt, mehrere Graffitti-Slogans  („Jesus ist ein Affe“) und direkte Anspielungen auf die Räumung Migrons fanden sich auf den Mauern des Klosters. Das französische Außenministerium forderte nun umgehend eine Aufklärung des Verbrechens. Benjamin Netanjahu hat diese, wie schon bei vielen anderen Price-Tag-Verbrechen von terroristischen Siedlern vorher, versprochen.

Palästinenser-Staat in Eretz Israel undenkbar

Die Gewalt einer jüdischen Minderheit erleichtert es dem jüdisch-israelischen

Buchtipp "Das zionistische Israel".   Foto: Schöningh Verlag

Buchtipp „Das zionistische Israel“. Foto: Schöningh Verlag

Mainstream, sich davon klar abzugrenzen. Dennoch werden damit Situationen geschaffen, die offenlegen, worum es wirklich geht: Der Zionismus ist die Grundlage des Staates Israel, sein Gerüst, seine Staatsräson. Nitzan betont das in seinem Text. Solange es keine Alternative gibt oder zu geben scheint, wird es keine Gleichberechtigung im jüdischen Staat für nicht-jüdische Bürger, vornehmlich für die rund 20 Prozent israelischen Palästinenser, geben. Das Interesse an einem eigenständigen palästinensischen Staat auf Eretz Israel, also auf dem Gebiet der Westbank (für Zionisten Judea und Samaria) ist unter zionistischer Betrachtungsweise nicht denkbar. Die israelische Historikerin Tamal Amar-Dahl hat dies in ihrem neuen Buch „Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts“ wissenschaftlich erläutert. Amar-Dahl hatte 2006 ihre israelische Staatsbürgerschaft als politisches Statement gegen die Invasion ihres Heimatlandes im Südlibanon aufgegeben – „eine nicht einfache Entscheidung, deren Gründe meine Mutter bis heute nicht kennt“, wie sie sagt.

Kirchen müssen sich positionieren

Der Protest gegen Israels Politik hat viele Formen. Dass Siedlergewalt

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

vornehmlich gegen Palästinenser in der unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, ist ein Phänomen, an das sich der Staat gewöhnt hat. Attacken gegen die eigenen Leute  –  zumeist Militärposten – finden dagegen nicht täglich statt. Die Agressionen gegen Mönche macht nun deutlich, dass es jeden treffen kann – und auch wird. Damit geraten Kirchen weltweit in eine unliebsame Situation: Sie müssen sich positionieren für einen gerechten Frieden in Nahost und für ein Ende der israelischen Besatzung. Die Presbyterianische Kirche in den USA hat jetzt auf ihrer Sommer-Synode einen Boykott von Produkten aus israelischen Siedlungen beschlossen. Vor drei Wochen stimmte die Vereinigte Kirche Kanadas ebenfalls mit großer Mehrheit dafür ab, im Mai dieses Jahres entschlossen sich die Methodisten für das selbe Anliegen. Alle drei Kirchen rufen alle Nationen dazu auf, eine Komplizenschaft mit Israels Kolonialpolitik  in Form eines Importes von Waren aus besetztem palästinensischem Land zu beenden. Dafür ernteten sie harsche Kritik von jüdischen Lobbygruppen. Und Lob von (jüdischen) Menschenrechtsaktivisten.

Latrun öffnet jetzt Türen

Zerstörte Tür im Kloster Latrun.  Foto: leavelike

Zerstörte Tür im Kloster Latrun. Foto: leavelike

Latrun, das beschmierte Kloster, öffnet nun möglicherweise unverhofft – zu einem hohen Preis – Türen zu wegweisenden Pfaden und Fragen, wie jeder einzelne und jede Institution sowie jedes Land künftig mit Israels Politik umgehen möchte. Die Zeit der Schauspiele, der großen Dramen ist vorbei. Zwei Palästinenser haben sich gerade selbst verbrannt, weil sie die steigenden Lebenshaltungskosten im Gazstreifen und der Westbank nicht mehr ertragen wollten. Die aktuellen Demonstrationen gegen die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), die 1995 im Zuge des Oslo-Abkommens implementiert wurde, könnten sich zu Massenbränden ausweiten. „Das Oslo-Abkommen hat uns nur noch mehr Checkpoints, Landfragementierung und – Konfiszierung eingebracht. Die PA ist eine Schande und kooperiert mit Israel“, sagt der bekannte palästinensische Aktivist und Intellektuelle Naji Odeh aus Bethlehem.

Der große Spiegel

„Theater zeigt nicht nur die Oberfläche, es zeigt, was hinter der Oberfläche in den komplexen sozialen Beziehungen verborgen liegt – und dahinter wiederum die letztendliche existenzielle Bedeutung dieses Treibens, das wir Leben nennen. All dies kommt  zusammen und wird in dem großen Spiegel reflektiert“, schreibt der Israel-Boykottierer Brook.

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