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Deutsche Freunde

19 Feb
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Babykleidung in der Altstadt Jerusalems.

Das Jahr 2016 hat uns medial heftige Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Meinungsträgern in Deutschland beschert, wenn es um Israel und Palästina ging. Hat es uns aber auch weitergebracht, wenn wir uns für Antisemitismus-Gefahr und Menschenrechte sensibilisieren wollen? Eine Reflexion

 

Im vergangenen Jahr– so meint man zu beobachten – passierte eine ganze Menge in Hinblick auf die deutsch-israelische Freundschaft. Und das zieht sich bis in dieses noch junge neue Jahr hinein. Die Beziehung zwischen Deutschland und Israel ist nicht mehr ganz so rund und straff wie ein frischgepflückter Apfel oder, sagen wir salopp, ein Baby-Po. Stattdessen machen sich hässliche Spannungsfältchen an der Oberfläche bemerkbar. Was ist passiert? Sind die Deutschen keine Freunde Israels mehr?

Linke Juden in Deutschland fühlen sich angegriffen von hier zionistisch Überzeugten, die wiederum am liebsten hätten, dass nicht-jüdische Menschen am besten gleich ganz die Klappe halten, wenn es um Israels Besatzungspolitik geht. Zu antisemitisch, zu pro-palästinensisch, zu irgendwas pro oder contra, so lautet stets der Vorwurf an Kritiker der israelischen Politik.

Ein paar Beispiele: Die Zeit

„Die Zeit“ experimentierte gerade mit einer Antisemitismusprüfung in Berlin-Neukölln. Sie liess Redakteurin Mariam Lau mit einem Rabbiner durch den Kiez laufen, in dem bekanntermassen ziemlich viele Araber leben. Dass in Berlin-Neukoelln auch ziemlich viele Israelis, Italiener und so manche Hipster wohnen, ist nicht so wichtig. Am Ende ist klar: Ja, in Neukölln haust der Antisemitismus. Der Rabbi musste sich einiges an Schmähungen anhören. Darüber ärgerte sich wiederum Armin Langer, ein jüdischer Publizist, der in Neukölln wohnt und das stereotype und voraussehbare Verhalten von Lau und Rabbiner daraufhin auf Zeit Online unter dem Titel „An der Front nichts Neues“ kritisch kommentiert.

Beispiel II : mit Israelflagge im Tagesspiegel

Der Tagesspiegel lässt 2016 – ebenfalls als journalistischen Test – zwei Redakteure mit Israelflagge Richtung Brandenburger Tor laufen. Es ist Fussballzeit und ja, hier sind viele Fans unterwegs, manche davon bierselig, manche auch nicht, aber alle mit einem festen Gewinner im Herzen und im Kopf. Die Redakteure kommen ins Schwitzen, denn – Überraschung! – mit der Israelflagge werden die beiden Jungs als vermeintliche Israelis wahrgenommen und ernten einige negative Reaktionen. Das ist gut für den Text und die beiden Jung-Journalisten – sie haben ihre Story für die Zeitung, genau das, was sie erhofft hatten zu schreiben und anhand von Zitaten darstellen wollen: Es gibt böse Menschen in Deutschland, die Israel nicht mögen und das auch sagen. Und spucken. Was Menschen mit der israelischen Flagge assoziieren und woher diese Meinungen kommen, was davon antisemitisch ist und was als Israel kritisch eingestuft werden könnte, diese Leistung bleiben sie den Lesern leider schuldig. Es wäre das eigentliche Thema des Artikels gewesen. Davon abgesehen, dass das Anspucken von Leuten generell absolut daneben ist, ganz gleich, mit was oder wem man sie verbindet, war auch diese Idee des Tagesspiegel möglicherweise etwas daneben. Zwei Fake-Israelis gehen mal los und sehen, was passiert… hm.

Israel kritisch, also tschüss

Ein drittes Beispiel ist der Streit um die palästinensische Filmreihe „After the last sky“ im Berliner Herbst vergangenen Jahres. Antisemitismus-Vorwürfe gegen das Ballhaus in der Naunynstraße in Kreuzberg werden laut. Worte, wie Kolonialisierungsprojekt und ethnische Säuberung in Zusammenhang mit Israel sollen gefallen sein.  Debatten zwischen linken Israelis, deutschen Behördenträgern und politischen Aktivisten, pro und contra, entstehen. Und obwohl es so scheint, als würde sich in Berlin immer auch der Spiegel der gesamten Republik zeigen, setzen sich auch in Freiburg, München, Oldenburg und an vielen anderen Orten in Deutschland Menschen mit ihren unterschiedlichen Meinungen über Israels Besatzungspolitik und seiner Verletzung internationalen Rechts auseinander. Oft führte dies 2016 zum Ausladen, zum Tür-Zumachen für diese Menschen. Tschüss, Du bist Israel kritisch, ergo antisemitisch, also musst Du draussen bleiben! Im billigsten Fall werden kritische Juden als „selfhating“ Jews bezeichnet. Im besten und seltensten Fall bemühen sich Journalisten in deutschen Medien darum, ihre Position zu verstehen und einem differenzierten Verständnis des Nahostkonflikts schreibend einen Raum zu geben. Aber ein/-e scharfsichtige(r) Journalist_in, der/ die zum Beispiel die israelische Besiedelungsstrategie der Westbank permanent für uns analytisch begleitet und seziert, davon gibt es noch viel zu wenige. Oder haben Sie eine Ahnung davon, wie alt die ältesten Siedlungsblöcke Israels sind und wann Netanjahu diese nun annektieren wird? Eben.

Antisemitismusvorwurf als dunkle Wolke

Die Bilanz von 2016 ist wohl diese: Es wurde viel geschrieben über Israel, über Palästina und das in Deutschland, und alles eher auf Mikroebene. Gerade auch in den sozialen Medien wie facebook und twitter, in denen Menschenrechtsgruppen intensiv aktiv sind. Diese wehrten sich rege gegen Antisemitismusvorwürfe in 2016 und bezogen häufig Stellung für die Menschenrechte. Aber Deutschland hat, wenn es eine offene und differenzierte Debatte zum Nahostkonflikt betrifft – immer noch die Babyschühchen an. Sobald der Antisemitismusvorwurf wie eine depressive Wolke am grauen deutschen Himmel auftaucht, reagieren Veranstalter (Städte, Gemeinden, Universitäten, Rathäuser, Konzert- und Veranstaltungsräume) wie das Kaninchen vor der Schlange. Gelähmt und vor Angst erfüllt.

Dies muss anders werden, wenn wir tatsächlich an kritischen Diskursen interessiert sind, die sich nicht von Internationalem Recht lösen, sondern es als unabdingbare Basis betrachten wollen. Und wenn wir Antisemitismus als solchen wahrnehmen und ihm präventiv entgegengehen möchten. Bei inflationärem Nutzen eines Begriffs laufen wir Gefahr, zu verblöden. Wir werden immer kleiner und schlichter bis am Ende nichts mehr an der Bedeutung eines Wortes und seiner Folgen übrig bleibt in unseren Streitgesprächen. Wir treten diejenigen mit Füssen, die in ihrem Leben unter Antisemitismus wirklich leiden mussten und es heute noch tun. Wollen wir das?

Alles Gute für 2017. Bleiben wir Freunde.

 

 

 

 

 

Catch the Date!

12 Mrz
Nicht nur Klagen: Wer Veranstaltungen zum Nahostkonflikt besucht, kann dabei Infos aus erster Hand mitnehmen.  Foto: Haensel

Mehr als nur Klagen: Wer Veranstaltungen zum Nahostkonflikt besucht, kann dabei Infos und Begegnungen aus erster Hand mitnehmen.    Foto: Haensel

 

Im März und April gibt es folgende Termine in Berlin, die Nahost-Interessierten einen intensiveren Einblick in aktuelle Diskussionen geben. Die Zuhörer können dort mit Palästinensern und Israelis direkt in Kontakt treten und sich  so – jenseits der Berichterstattung deutscher Mainstream-Medien – ein eigenes Bild der Szenerie machen. Der Eintritt ist – wenn nicht anders angegeben, kostenlos. Alle Termine findet man künftig auch unter dem Menüpunkt DATE.

Mittwoch, 13. März, 19.00 Uhr, taz-Café, Rudi-Dutschke-Str. 23, 10969 Berlin: Boycott – Divestment – Sanctions (BDS) – Königsweg zum Frieden oder Sackgasse? Diskussion zwischen Omar Barghouti (Ramallah) und Micha Brumlik (Frankfurt) über die BDS-Kampagne, Infos hier

Freitag, 15. März , 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: „Die Zukunft Palästinas – ein lebensfähiger Staat neben Israel?“ Ein Vortrag des palästinensischen Botschafters Salah Abdel Shafi

Mittwoch, 20.03.2013, 20 Uhr in der Regenbogenfabrik Block 109 e. V., Lausitzer Straße 22, 10999 Berlin: Vortrag/Diskussion mit Yazid Zaha, Vorsitzender des Yes Theatre Hebron. Theater eignet sich gut zum Darstellen gesellschaftlicher Widersprücheund Spannungen. Mit Theater lässt sich Hoffnung stiften. Im Jahr 2007gründeten drei junge palästinensische Schauspieler das YES-Theatrein Hebron. Gemeinsam mit dem Weltfriedensdienst wurde das Projekt „YES4 Youth“entwickelt. Kinder und Jugendliche erhalten die Möglichkeit, die belasten-de Erfahrung der israelischen Besatzung mit kreativen Mitteln zu verar-beiten und neue Lebensperspektiven zu entwickeln.Das YES-Theatre bietet Schulen Workshops an und lädt in die eigenenRäume ein. Dabei entstehen spannende Stücke von Kindern für Kinder.Weitere Informationen: Jasmin Thielen, Tel. 030 253 990 22

Sonntag, 14. April, 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: Gespräch mit Daoud Nassar über sein Friedens- und Begegnungszentrum „Zelt der Völker -Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nasser kämpft seit 22 Jahren für sein Land und hat wiederholt Landkonfiszierungsbescheide erhalten.

Freitag, 24. Mai, 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: Vortrag von Felicia Langer (israelische Menschenrechtsanwältin und alternative Nobelpreisträgerin) über „Perspektiven von Besatzung und Vertreibung in Palästina“

Ich hab kein Heimatland oder: Le chaim!

24 Jul
Max Raabe und das Palastorchester.    Foto: www.palastorchester.de

Max Raabe und das Palastorchester. Foto: http://www.palast-orchester.de

אהבה באה, אהבה הולכת Die Liebe kommt, die Liebe geht. Pause. Mit diesen Worten beginnt Max Raabe, der Chansonier mit seinem Berliner Palastorchester,  seine abendlichen Konzerte, damit stimmt er sein Publikum in Israel und sich selbst musikalisch ein.  Alle Lieder, Chansons und legendären Schlager, die er singt, stammen mehrheitlich aus der Feder jüdischer Komponisten. „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘“, „Bei mir bist Du schön“, „Armer Gigolo, schöner Gigolo“.  Es ist eine Hommage an die goldenen Zwanziger Jahre der Weimarer Republik, an die übersprudelnde Musikindustrie mit ihren frechen Texten und den augenzwinkernden Noten, der Ironie, dem Sarkasmus und Schalk im Nacken.  Das Markenzeichen dieser Lieder ist, das sie oft  – beladen mit Schwerstgewicht zwischen den Zeilen – leichtfüßig daherzukommen scheinen.  Tabus, wie Homosexualität, Geschlechtervermischung und Anderssein, werden mit dem Notenschlüssel gebrochen und bohren sich in Herz und Hirn. Denn: Wer denkt bei „Veronika, der Lenz ist da“ tatsächlich an frischen Spargel?

Wie soll man Worte finden?

Vielleicht war es auch ein Tabu, das Max Raabe brach, als er sich 2010 mit seiner Crew nach Israel aufmachte. Zumindest bricht er das Eis, irgendwie, manchmal hilflos, vor allem aber mit der Musik. Die internationale Tournee der deutschen Musiker – elf Instrumentalisten, eine erste Geige, ein Sänger – sollte ihren Abschluss in dem Land krönen, das so vielen deutschen Juden nach dem nationalsozialistischen  Terror zur zweiten Heimat geworden war. Max Raabe lud ein und die Jeckes kamen. Vier Regisseurinnen haben Raabes Tournee, seine Gespräche mit deutschen Juden und Begegnungen mit der Kamera begleitet. Die Dokumentation „Max Raabe in Israel“ lief kürzlich im Fernsehen. „Peinlich“ sei es manchmal gewesen, er habe manches Mal nicht gewusst, was er hätte sagen sollen zu den Überlebenden des Holocaust, gibt Raabe darin offenherzig zu. Wie Worte finden für diejenigen,  die es noch geschafft hatten aus Nazi-Deutschland rauszukommen, während ihre restlichen Verwandten in Konzentrationslagern vergast wurden?

An einer Stelle erwidert Raabe einer jungen israelischen Reporterin in Armeekleidung, die bei den Verteidigungskräften Zahal dient, dass die jüdischen Songschreiber auf Deutsch

Friedrich Hollaender, jüdischer Komponist und Revuetexter.  Von ihm stammt die Filmmusik aus "der blaue Engel".    Foto: jewprom.com

Berühmt geworden: Friedrich Hollaender schrieb die Filmmusik zu „Der blaue Engel“. Foto: jewprom.com

texteten, weil es ja ihre Muttersprache gewesen sei. Die Soldatin, vielleicht 25 Jahre alt und Enkelin von deutschen Holocaust-Überlebenden, hatte zuvor vorwurfsvoll gefragt, warum ausgerechnet auf Deutsch gesungen wird. Doch nicht alle sind voreingenommen oder assoziieren mit Deutschen nur Nationalsozialisten, das wird klar. Dass Juden zum Erstaunen vieler (meist nicht-jüdischer) Menschen verschieden sind und jüdisch nicht gleich jüdisch ist, zeigt sich wunderbar durch den ganzen Film hinweg. Da ist Shimon Yaron, der eigentlich mal Siggi hieß und in Berlin geboren wurde. Trotz der Kränkungen, Diskriminierungen und Verfolgung durch die Deutschen im Dritten Reich, ist dieser Mann reich an Würde und Bedachtsamkeit. „Jeder so wie er kann“, sagt der damals 90-Jährige zu Max Raabe im Flugzeug von Berlin nach Tel Aviv mit Berliner Dialekt und lacht. Hanna Schächter, 1936 mit einem Kindertransport nach Palästina entkommen, gibt zu, dass sie Berlin, „die Heimat“, immer noch liebt. Aber auch, „dass man das in Israel nicht sagen darf“, sagt sie verschmitzt hinter vorgehaltener Hand während ihr Enkelsohn, in Münster geboren, neben ihr sitzt und zuhört.

Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?

Max Raabe, der große deutsche Mann mit Po-Scheitel und Pomade, stakst ins Tote Meer, die Kamera geht mit. Grinst und zeigt Zunge. Zupft sich den Frack zurecht, bedankt sich artig beim Auditorium, redet über Gefühle und Religion. Und bleibt trotzdem sehr ungenau dabei. Es fallen Begriffe wie „Tragweite“, „schönes Land“ und „Offenheit“. Die „Probleme“ im Land werden nur vage erwähnt ohne sie tatsächlich zu bezeichnen, sie sind „ein anderes großes Thema“.  Auch ist erstaunlich, dass sich der Sänger, dessen Repertoire so immens viele deutsch-jüdische Urheber hat, so wenig mit dem Leid eben dieser und damit dem seines Publikums auseinandergesetzt hat. „Das kannte ich nicht“ und: „Das wäre zu schlimm für mich gewesen“, sagt er über die Schicksale der Jeckes. Aber warum nur? Ist es nicht schlimmer für diejenigen, die durch die deutsche Musik in dem Konzert an ihre Heimat erinnert werden, die ihnen am Ende das Gefühl gab, dass sie nichts mehr wert waren? „Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?“ Das fragt die Mutter ihren Sohn in einem der letzten Briefe 1935 aus Deutschland, nachdem sie ihn gerade noch in den rettenden Zug setzen konnte. Der alte Mann, Shimon Yaron,  liest ihn vor, er sitzt auf einem Stuhl, dann legt er die Briefe zurecht. Seine Hände zittern.

Deutsche Lieder will keiner hören

Keiner in Israel wolle die deutschen Lieder mehr hören, sagt Michael Ballhorn, ein alter deutscher Jude, beim Jerusalem Film Festival jetzt im Juli. Max Raabe ist wieder dabei, zwei Jahre nach der Tournee in Israel kehrt er zurück, um der Premiere der Doku beizuwohnen – und zu singen.  Ballhorn deutet damit etwas an, auf das der Videobeitrag der ARD nicht weiter eingeht:  Die Tragik, dass das Leid der Holocaust-Überlebenden, ihre Traumata und Schmerzen, nicht zu einem starken und jungen Israel der Nachkriegszeit passten. Man wollte den jüdischen Staat aufbauen, ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag legen. Deutsch war die Sprache der Täter, die Jeckes sollten schnell Hebräisch lernen und das alte hinter sich lassen. Der Holocaust als Absage an die deutschen Juden, die Jahrhunderte lang um Assimilation und Gleichberechtigung gerungen hatten, als vor allem Deutsche, dieser Bruch, der weitere Ängste und Spannungen nach sich zog, hätte einer intensiven Wundheilung bedurft. Aber dafür war kein Raum.

Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem?

Immerhin, mag man am Ende erleichtert denken: Max Raabe hat es gut hinbekommen. Man atmet durch als Deutscher, wenn man die Doku sieht. Das Palastorchester mit seinem Sänger wurde in der israelischen Presse gefeiert. Das Eis war dünn, aber Raabe ist gut darauf entlangbalanciert, hat Eisschollen umschifft.  Er hat eine Hand ausgestreckt und ist mit einer Großzügigkeit dafür von den deutsch-israelischen Zuschauern belohnt worden , die nicht selbstverständlich ist. Das ist doch was. Ein Anfang. Da drängt sich die Frage auf: Könnten auch Palästinenser etwas mit deutscher Musik anfangen, die in den 20iger und 30iger Jahren populär war? Und dann noch von jüdischen Komponisten? Vielleicht in Ramallah, im Goethe-Institut oder im Al-Kasaba-Theater? Die nächste Doku könnte heißen: „Max Raabe in Israel und Palästina“. Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem. Lebe wohl, gute Reise!

Max Raabe ist wieder auf Tournee, und zwar unter anderem im wilden und nicht Nahen Osten, Terminplan hier.

Hörprobe von: „Ich hab kein Heimatland – jüdischer Tango“ von Friedrich Schwarz. Schwarz, Pianist und Schlagerkomponist, musste Nazi-Deutschland  1933 verlassen und wurde wenig später in Paris ermordet. 

*Le chaim (hebr.)= auf das Leben!

„Ich will alles sehen!“ – Mit einem Palästinenser zu Besuch im KZ

17 Jun
Waschbereich, Baracke im KZ-Sachsenhausen. Hier wurden dutzende Häftlinge von SS-Wachmännern ertränkt.   Foto: Liva Haensel

Waschbereich, Baracke im KZ-Sachsenhausen. Hier wurden dutzende Häftlinge von SS-Wachmännern ertränkt. Foto: Liva Haensel

Das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin war das erste KZ, das die Nationalsozialisten in Preußen errichteten. Von 1936 bis 1945 ermordete die SS dort zehntausende politische und jüdische Häftlinge, darunter auch den Schriftsteller Erich Mühsam und den Hitler-Attentäter Georg Elser. Das Curriculum zum Thema Zweiter Weltkrieg, Konzentrationslager und Holocaust sieht in dem meisten palästinensischen Schulen eher dürftig aus. Schüler in Palästina lernen nur unzureichend  im Unterricht, wie die Besatzungspolitik Hitlers genau aussah und wie sich das Leben europäischer Juden von anfänglicher Diskriminierung bis hin zum totalen Rassenwahn der Nazis dramatisch veränderte. Der Holocaust gilt nach wie vor als Tabu in der Diskussion, weil er offiziell die Legitimation für einen jüdischen Staat darstellt und Palästinenser dies als Gefährdung ihrer eigenen Existenz wahrnehmen. Das Interesse von Palästinensern, mehr über deutsche Geschichte und Judenverfolgung zu erfahren, ist dennoch groß. Ein Besuch mit einem Palästinenser im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Oranienburg, Eingang zum ehemaligen Konzentrationslager. Im Eingangsbereich stehen graue Blöcke, die trist in den Himmel ragen. Ein paar japanische Touristen streifen über das Gelände und knipsen Fotos.

Die Deutsche: So, hier sind wir also. An der Info liegt ein Plan zum KZ. Komm, wir gucken uns das mal an. Ich frage den Herrn an der Info, ob es den auch in Englisch gibt. Vielleicht haben sie sogar einen in Arabisch.

Zum Mitarbeiter an der Info: Hallo, guten Tag! Wir würden gerne einen Übersichtsplan in Deutsch haben und einen in Englisch. Gibt es den eigentlich auch auf Arabisch?

Mitarbeiter KZ Sachsenhausen: Nee, tut mir leid. Auf Arabisch? Nee, also, danach hat noch nie jemand hier gefragt, ehrlich gesagt. Sie sind die ersten.

Der Palästinenser: Oh, ich bin der erste. Noch nie hat jemand nach einem Infoplan auf Arabisch gefragt. Ok. Irgendwann ist immer das erste Mal. (lacht, dann zur Deutschen): Komm!

Die beiden machen sich auf, um das Gelände zu erkunden. In den letzten Jahren hat die Mahn- und Gedenkstätte die ehemaligen Baracken wiederaufgebaut und viele originale Details wiederhergestellt, um Besuchern einen authentischen Eindruck davon zu vermitteln, wie das KZ bis 1945 aussah und unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Häftlingen dort leben und arbeiten mussten.

Der Palästinenser: Ich möchte sehen, was den armen Juden passiert ist hier. Ja, ich will das alles sehen.

Die Deutsche: Was weißt Du denn? Habt ihr das in der Schule denn nicht gelernt? Was genau hat der Lehrer Euch denn erzählt?

Der Palästinenser: Ich weiß, dass Hitler sechs Millionen Juden umgebracht hat. Er hat den Krieg angefangen. Aber sag mal, hat er denn nur Böses gemacht? War nichts, wirklich nichts gut an ihm?

Die Deutsche: Du stellst komische Fragen! Nein, es war nichts gut an ihm, gar nichts. Er hat einen Pakt nach dem anderen gebrochen, mit den Nachbarländern und den anderen. England, Frankreich, Polen und so weiter, was meinst Du, warum die Deutschen so unbeliebt sind. Das ist unser Erbe, das ist so. Wir werden nie geliebt werden. Und Hitler hat die europäischen Juden verfolgt, erst perfide und leise, aber dann kamen die Nürnberger Rassengesetze und es wurde gesellschaftsfähig, dass man antisemitisch war. Erst dürfen Juden nicht mehr als Ärzte arbeiten, dann nicht mehr an der Universität, es ging immer so weiter, dann dürfen sie ihr Haus nicht mehr verlassen nach 18 Uhr, Ausgangssperre, einfach, weil sie Juden sind. Sie dürfen sich nicht mehr auf Parkbänke setzen. Sie werden ausgeschlossen aus der Gesellschaft, kannst Du Dir das vorstellen? Das Wasser wird ihnen abgegraben, die Luft zum Atmen genommen. Was soll daran gut sein? Die Nazis haben diese Menschen getötet, sie haben damit einfach Leben ausgelöscht und auch eine vielfältige Kultur vernichtet, die wir nicht wiederbekommen werden. Erinnerst Du Dich daran, dass ich Dir von Ada erzählte, der israelischen Friedensaktivistin mit der deutschen Mutter? Die Mutter hat ja nie über diese ganzen Diskriminierungen mit ihrer Familie gesprochen, aber es hat Spuren hinterlassen. Ada sagt, sie möchte nicht nach Deutschland fahren, in das Land der Täter. Das verstehe ich irgendwie. Auch wenn wir keine Mörder mehr sind.

Der Palästinenser (bleibt vor dem Galgen stehen auf dem Appellplatz, den die SS für öffentliche Hinrichtungen nutzte, um die anderen Häftlinge damit abzuschrecken): Ja, ich erinnere mich, die Ada habe ich ja selbst kennengelernt. Aber sag mal, warum fühlst Du Dich jetzt immer noch schuldig als Deutsche? Das verstehe ich irgendwie nicht. Du hast damals nicht gelebt, Du bist nicht für den Tod von sechs Millionen Juden verantwortlich. Ich begreife nicht, warum Deutschland gesamt in diesem Schuldgefühl verstrickt ist. Und dann alles macht, was Israel will. Das ist merkwürdig. Es behindert einen palästinensischen, lebendigen Staat. Es ist schlimm, was Deutschland den Juden angetan hat. Aber es ist vorbei.

Die Deutsche: Das verstehst Du nicht. Ich bin Deutsche, ich werde es immer sein. Wenn ich verantwortlich mit meiner Geschichte umgehe, dann heißt das, dass ich den Holocaust nie vergesse, er ist immer präsent für mich. Unsere Außenpolitik muss diplomatisch sein, das erwarten sowohl die Palästinenser als auch die Israelis von uns. Wir können nun mal nicht einfach reinhauen und sagen: So, jetzt reicht es mit der kolonialen Politik, mit dem Zionismus, ihr habt euren Staat, jetzt sind die Palästinenser dran. Das ist hochsensibel. Aber ja, es stimmt schon, eine uneingeschränkte blinde Solidarität mit Israel nach dem Motto „Wir-machen-alles-mit“, das ist natürlich Unsinn. Wenn ich hier stehe und die Baracken sehe, die Gitter, den Appellplatz, dann muss ich mir auch eingestehen, dass palästinensische Häftlinge von ähnlichen Haftbedingungen berichten, von Folter und Erpressung. Der Holocaust war einmalig in seiner Grausamkeit, aber Unmenschlichkeit ist kein Attribut, was nur die Deutschen gepachtet haben, sicher nicht.

Beide gehen in das sogenannte „Kleine Lager“, in dem vor allem jüdische KZ-Häftlinge einsaßen. Sie bleiben vor den Waschräumen stehen: In der Mitte steht ein Becken, ähnlich einem schäbigen Springbrunnen, an dem sich bis zu 50 Gefangene wuschen. Links daneben befinden sich kleine Waschbecken am Boden. Die Infotafel am Türrahmen verrät, dass die Wachleute dort gerne Häftlinge ertränkten, indem sie ihren Kopf in das Wasser hielten. Beide bleiben stehen, sie lesen den Text und starren auf die Waschbecken. Stille.

Der Palästinenser macht Fotos mit seiner Digitalkamera: Das muss ich Shlomi zeigen, meinem Freund in der jüdischen Siedlung. Ich werde ihm erzählen, dass ich hier war. Das glaubt er nur, wenn er die Fotos sieht.

Die Deutsche: Ja, aber sei vorsichtig. Das setzt ihm bestimmt zu, wenn er das sieht. Du sagtest ja, er kommt aus den USA, aber vielleicht hat er Verwandte, die in einem KZ in Europa umkamen. Wer weiß, vielleicht redet ihr irgendwann mal darüber. Die Nazis waren sehr kreativ in Bezug auf Mordmethoden. Einige wurden berühmt-berüchtigt dafür, wie sie die Häftlinge quälten.

Der Palästinenser nickt und geht dann weiter. Beide treten in die Baracke 37 ein, in der die Häftlinge auf Holzpritschen schliefen. Schließlich sehen sie sich die Einzelzellen für die politischen Gefangenen an. In den Zellen hängen Gedenktafeln an die Ermordeten und die Fahnen ihrer Länder. Einige Zellen waren völlig abgedunkelt, um die Insassen durch Lichtentzug besonders zu strafen.

Der Palästinenser: Das ist trostlos hier. Der Tod ist in jedem Winkel spürbar, die Trauer. Auch ich habe mal in einem Gefängnis gesessen, in Israel, in Einzelhaft, ohne Licht. Drei Monate lang. Am Ende weißt Du nicht mehr, wo oben und unten ist, welcher Tag ist, welche Uhrzeit. Du hast niemanden zum Reden. Du denkst nach und dann hörst Du auf, Du schläfst ein bisschen, wachst auf, nickst wieder ein. Du hast kein Gefühl mehr – für nichts.

Die Deutsche (geschockt): Du warst in Einzelhaft? Das wusste ich nicht. (nach einer Weile) Okay, das ist deine Geschichte. Aber das kannst Du jetzt nicht mit dem Holocaust vermischen, finde ich. Das hier ist was anderes. Hast Du eigentlich die Inschrift gesehen in der Eingangstür zum Appellplatz? „Arbeit macht frei.“ Das steht auch in Auschwitz in Polen. Die Nazis benutzten gerne solche ironischen Sprüche, purer Hohn.

Der Palästinenser: Oh, das wusste ich nicht. Auschwitz, ja, davon habe ich gehört. Können wir dahin fahren, was meinst Du? Ich würde mir das gerne ansehen.

Die Deutsche: Hm, würde ich gerne, aber lass uns erst mal hier weitermachen, bevor wir gleich nach Polen fahren. Sachsenhausen ist nicht so anders, auf dem Plan steht, dass sie hier auch medizinische Experimente gemacht haben und dass es dort drüben (zeigt mit dem Finger Richtung Westen) ein Krematorium mit Verbrennungsöfen gab.

Der Palästinenser wendet sich nach links und entdeckt den Erschießungsgraben, in dem KZ-Wächter tausende Kriegsgefangene und Oppositionelle töteten. Er geht die Rampe hinunter und steht nun an der Stelle, an der die Häftlinge kurz vor ihrer Erschießung standen.

Die Deutsche: Geh da weg, das ist gruselig, ich kann das nicht  mit ansehen! (Sie folgt ihm langsam und liest den Text der Gedenktafeln durch, die dort hängen.)

Der Palästinenser: Du, aber was sieht man nun wirklich hier? Ich will doch alles sehen, das habe ich Dir doch gesagt!

Die Deutsche: Reicht es nicht, dass wir hier sind? 1945 ist nun mal vorbei. Glaubst Du die Geschichte erst, wenn die Leichen wiederauferstehen? DU bist an einem Originalschauplatz, mehr geht nicht. Vielleicht weißt Du einfach zu wenig über die Zeit damals.

Der Palästinenser: Ja, ich glaube, ich muss noch mehr lesen darüber. Dann verstehe ich alles besser. Es gibt nicht so viel arabische Literatur über den Holocaust und die Judenverfolgung und das Dritte Reich. (Geht zur Mauer mit einem meterlangen Text, der über den Alltag der Häftlinge in Sachsenhausen, Einzelschicksale und die Bau-Etappen des KZ berichtet.)

Nach vier Stunden.

Deutsche: Du, wir müssen gehen, die schließen. Es ist 18 Uhr. Bis zum Ausgang ist noch ein weiter Weg, wir müssen uns ein bisschen beeilen.

Der Palästinenser: Nee, ich bleibe noch. Wir haben noch nicht mal die Hälfte geschafft. Wir müssen unbedingt wiederkommen, ich muss noch weiterlesen. (Knipst rund 15 Fotos von KZ-Gelände). Ich bin noch lange nicht fertig.

 Zur Website „Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen“ hier
Das „Arab Educational Institute“ (Arabisches Institut für Bildung und Erziehung) mit Sitz in Bethlehem hat kürzlich eine Publikation für arabische Jugendliche zum Thema Holocaust herausgebracht. Website hier

Schlüsselrolle

15 Mai
Passt zumindest in Berlin: Der Bethlehemer Schlüssel aus dem Aida-Flüchtlingslager mit seinen beiden Wächtern Fadi Kattan (links) und Munther A Meewa.       Fotos: Liva Haensel  mit

Passt zumindest in Berlin: Der Bethlehemer Schlüssel aus dem Aida-Flüchtlingslager auf der Biennale mit seinen beiden Wächtern Fadi Kattan (links) und Munther A Meewa. Fotos: Liva Haensel

Man könnte sich vorstellen, wie er den Schlüssel in die Hand nimmt, ihn in seinen Händen wiegt, hin- und her, hin- und her. Ein wenig verrostet ist er, alt, ein Modell aus vergangenen Zeiten. Aber er passt noch, nach so vielen Jahren. Der Schlüssel sitzt fast wie angegossen im Schloss, er dreht sich jetzt quietschend einmal um die eigene Achse, klick, die Tür springt auf. Licht fällt in den Raum, der einmal sein Leben beherbergte, seine ganze Existenz. Das Haus im Westen Jerusalems steht noch. Sein Haus. Seine Tür. Der Schlüssel.

Ein Kunstobjekt in Berlin-Mitte

Munther A Meeva (40) lehnt neben dem monströsen Kunstwerk, das sein eigenes Schicksal und das tausender anderer Palästinenser symbolisiert. Er ist geduldig mit den Berlinern, die etwas verwundert die Szenerie im Hof der Bienalle an der Auguststraße betrachten und viele Fragen stellen. A Meeva betrachtet den riesigen, acht Meter langen rostigen Schlüssel auf dem Boden neben sich. Der Palästinenser ist Leiter der Jugendarbeit im Flüchtlingslager Aida, eines von dreien in der Geburtsstadt Jesu. Auf dem Eingangstor zum Camp thront der riesige Schlüssel normalerweise. Jetzt ist er in Berlin eines der Objekte bei der Biennale, eine der bekanntesten und renommiertesten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst.

Die Rückkehr, ein Traum

Das Heimatdorf seiner Eltern und Großeltern kannte A Meewa nur noch aus Erzählungen, sagt er.“Meine Familie stammt aus Diraban, nicht weit von Bethlehem, aber damals gehörte es zu Jerusalem“, sagt er. „1948 vertrieben jüdische Soldaten die Bewohner, die aus Angst vor Krieg und Tod ihre Häuser über Nacht verließen und ihre Schlüssel mitnahmen.“ Man habe sich darauf eingestellt, dass es für einige Zeit Unruhen geben würde, berichtet er. Eine Flucht auf Lebenszeit sei aber niemals für die Dörfler aus Diraban präsent gewesen. „Wir dachten, wir kommen bald wieder zurück. Bis heute haben wir diesen Traum“, sagt A Meeva. Übrig aus der Zeit blieben allein die Schlüssel der verlassenen Häuser, die Palästinenser bis heute aufbewahren als eine Art mahnende Erinnerung, als Status Quo. Wer seinen Schlüssel hat, der hat Hoffnung. Die 536 zerstörten arabischen Dörfer aus der damaligen Zeit sind entweder verschwunden oder wurden durch die neuen jüdischen Bewohner verändert. Diraban beispielsweise gibt es noch. A Meewa besuchte sein Dorf als er 14 Jahre alt war und als Westbank-Bewohner eine Erlaubnis von Israel dafür bekam. Jetzt ist er ein Flüchtling von insgesamt rund eine Million anderer Palästinenser, die damals fliehen mussten.

Die Angst vor zu vielen Palästinensern

Das Kapitel der Flüchtlinge ist kein beliebtes im jüdischen Staat Israel, in dem 20 Prozent Palästinenser leben, die damals in ihrer Heimat verblieben. Im Falle einer Rückkehr

Im Juni wieder zurück: Der Schlüssel auf dem Eingangstor des Aida-Camps.

Im Juni wieder zurück: Der Schlüssel auf dem Eingangstor des Aida-Camps.

hunderttausender Palästinenser wäre das demografische Gleichgewicht in Israel empfindlich gestört. Zwar bekommen palästinensische Frauen nicht mehr so viele Kinder wie noch vor einigen Jahren und die ultraorthodoxen Frauen dafür um so mehr. Dennoch wäre eine jüdische Mehrheitsbevölkerung nicht mehr gewährleistet. Israel, rechtlich und laut seinen „basic laws“ ein Staat für Juden, müsste seine Demokratie auf die nicht-jüdischen Bevölkerungsanteile ausweiten. Die dann gleichgestellte arabische Bevölkerung könnte ein großer Gewinn sein für das kleine Land und den Weg ebnen für einen multireligiösen und multiethnischen Staat mit Vorzeige-Charakter im Nahen Osten. Doch davon ist die momentane Regierung weit entfernt. Benjamin Netanjahus Politik zielt auf eine klare Judaisierung der besetzte Gebiete und Ost-Jerusalems ab, was sich derzeit besonders im Masterplan der heiligen Stadt zeigt. Nach Plänen des Bauministeriums, die in den 70iger Jahren ihren Anfang nahmen, möchte die Stadtverwaltung Jerusalems die jüdische Bevölkerung bis zum Jahr 2020 auf 70 Prozent anheben und die der arabischen Bewohner auf 35 Prozent reduzieren. Palästinenser bekommen keine Baugenehmigungen in der Stadt, deren Land zum großen Teil von zionistischen halbstaatlichen Organisationen wie dem Jewish National Fund vergeben werden und damit einen Grundstückserwerb für Palästinenser unmöglich machen.

Neun Millionen Flüchtlinge weltweit

Die UN-Resolution 194 besagt, dass alle Flüchtlinge ein Recht auf Rückkehr haben. In jedem einzelnen Flüchtlingslager in der Westbank findet man sie überall an den Mauern, die die Grenze zwischen Camp und Stadt markieren. In Aida, wo A Meewa lebt und arbeitet, prangt die „194“ dick gemalt direkt am Eingang unweit des Schlüssels. Ist es realistisch, dass er eines Tages zurückkehren wird in sein Dorf? „Ja, das ist es. Ich kämpfe weiter dafür, ich bin Flüchtling“, sagt A Meewa. Und: „Es ist mir egal, wie der Staat dann dort heißt, ob Israel oder Palästina. Erst die Rückkehr. Danach reden wir über den Namen des Staates.“ Nach Auskunft der palästinensischen Nichtregierungsorganisation Badil aus Bethlehem leben mittlerweile 9 Millionen Palästinenser im weltweiten Exil, in Europa, den USA, Kanada, Südamerika. Darunter fallen Menschen, die 1948 und 1967 in den Kriegen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn flohen,  genauso wie die zweite und dritte Generation, die die Heimatorte nur noch als eine schwammige Erinnerung wahrnehmen.

Mauer im Aida-Camp mit UN-Resolution und Bewohnern, die im Kampf für die Freiheit ums Leben kamen.

Mauer im Aida-Camp mit UN-Resolution und Bildern von Bewohnern, die im Kampf für die Freiheit Palästinas ums Leben kamen.

Gelobtes Land

Der „Key of Return“, der Rückkehrschlüssel, war Ende März über den Seeweg aufwändig vom Aida-Flüchtlingslager in Bethlehem über den israelischen Hafen Ashdod nach Deutschland verschifft worden. 1948 kämpften Araber und Juden um das Heilige Land, es ging um Landnahme und Eroberung. Am 14. Mai 1948 rief Ben Gurion, Israels erster Ministerpräsient, den jungen Staat Israel aus. Die jüdische Bevölkerung jubelte, gerade die Holocaust-Flüchtlinge Europas  reagierten mit immenser Freude über einen jüdischen Staat, der ihnen endlich Heimkehr und Sicherheit vor Verfolgung und Diskriminierung versprach. Die britische Mandatsmacht  – schon lange nicht mehr Herr der Lage in dem komplizierten Konflikt  – zog erleichtert ab. Doch sie  hinterließ auch rund 800.000 arabische Menschen, die ihre Heimat gleichzeitig verloren. Was dem einen zu neuer Zuflucht und einer sicheren Existenz verhalf, bedeutete für den anderen Vertreibung und Flucht. Der britische Regisseur Peter Kosminsky hat dies in seinem mehrteiligen Spielfilm „Gelobtes Land“ gekonnt gezeigt, der kürzlich auf Arte lief.

Die NGOs nerven

Graffiti im Aida-Flüchtlingslager.

Graffiti im Aida-Flüchtlingslager.

Bis heute fällt es sowohl israelischen Juden als auch Palästinensern schwer, sich das Narrativ der jeweils anderen Seite anzuhören und es zu akzeptieren. Sich als Opfer zu sehen und nicht die eigenen Täteraspekte miteinzubeziehen, scheint leichter zu fallen als das Leid des anderen anzuerkennen und reflektiert damit umzugehen. Der israelische Psychologe Dan Bar-On hatte dies erkannt und die getrennten Narrative aufgebrochen, indem er bis zu seinem Tod 2008 Israelis und Palästinenser sich gegenseitig konditioniert ihre persönliche Geschichte erzählen ließ. Die Story-Telling-Methode war sehr erfolgreich, Dan Bar-On veröffentlichte mehrere Bücher dazu. Ohnehin ist die Opferrolle wohl auch nicht gerade die erstrebenswerteste, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Das gilt in der Westbank auch für das Verhältnis NGOs-Palästinenser, hat A Meewa mit seinem Kollegen Fadi Kattan aus Bethlehem festgestellt. „Was wir brauchen, ist politische Solidarität, keine Almosen. Wir müssen nicht gefüttert werden, Palästina ist nicht Somalia“, sagt Kattan (34) trocken in perfektem Englisch. Ihn nerve die totale Abhängigkeit der Palästinenser von internationalen Geldern. Bevor die NGOs ins Land kamen, seien die Palästinenser selbst ihre besten Volontäre gewesen, sagt er. Das sei nun anders, die NGOs hätten sie quasi abgelöst.

Das Ende des Hungerstreiks

Von der Biennale erhoffen sich beide nun mehr Aufmerksamkeit für die Sache der Palästinenser. Und während die beiden Männer neben dem Schlüssel stehen und reden, tut sich derweil wirklich etwas im Nahen Osten. Rund 1600 palästinensische Gefangene, ein großer Teil von ihnen seit zwei Monaten im Hungerstreik, haben Israel bessere Haftbedingungen abgerungen. Die Häftlinge, darunter mehrere Abgeordnete, sitzen in sogenannter Administrativhaft in israelischen Gefängnissen. Ohne Anklageschrift, Urteil, Kontakt zu Anwälten und Familienangehörigen, einige davon sogar in jahrelanger Isolationshaft. Letztere wird nun aufgehoben, die Bewilligung für juristischen Beistand und Angehörigenbesuche wurde von Israels Seite gestern zugesagt. Die Gefangenen, deren spektakulärer Hungerstreik zwar auf allen NGO-Kanälen, aber kaum in der westlichen Medienlandschaft  Erwähnung fand, interpretieren dies als Sieg am 64. Jahrestag der Nakba – der arabischen Katrastrophe von 1948. Rechtsgerichtete Siedlergruppen wird dies jedoch nicht davon abhalten, in den kommenden Tagen ihren Jerusalem-Marsch zu begehen und damit den jüdischen Anspruch auf die Stadt  deutlich zu machen. Im Gegenteil. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, dass die Polizeit dieses Jahr  ihr Okay für eine neue Route durch das muslimische Altstadt-Viertel gegeben habe. Vor einem Jahr hatten die Marschierer dabei „Tod den Arabern“ und „Mohammed ist tot“ gerufen. Der Schlüssel zum Frieden sucht noch nach dem passenden Schloss.

Der „Key of Return“ auf der Biennale in Berlin: mehr Informationen hier.

Planet Palestine

26 Apr
"Life and work in Palestine": Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon, das Vertsändnis dafür noch nicht: Der Reisepass wurde kurzerhand von FLughsafenmitarbeitern in Israel für ungültig erklärt.      Fotos: Liva Haensel

Klare Aussage: Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon. Fotos: Liva Haensel

Der kleine Vogel streckt seinen gebogenen Schnabel im Höhenflug Richtung Blüte. Nur ein winziges Stück trennt ihn noch von dem kostbaren Nektar, den die Blüte wie einen Kelch in sich trägt.  Wer in den Raum im ersten Stock der Biennale an der Auguststraße, Berlin-Mitte, tritt, geht vielleicht erst mal an diesem Kunstwerk vorbei. Zu unauffällig, zu weit links da oben an der Wand. Aber – halt – da steht doch noch was: State of Palestine. Ein Stempel für Dokumente, etwas Offizielles. State of was? Palestine? Gibt es doch gar nicht!

Der Jerichonektarvogel als Symbol lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Der Jerichonektarvogel als Symbol für Freiheit lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Khalet Jarrar (36) ist Grafikdesigern und Fotograf und lebt in Ramallah.

Khaled Jarrar (36) ist Grafikdesiger und Fotograf und lebt in Ramallah.

Politisches Coming-Out

In den Köpfen und Herzen von Palästinensern ist der Staat Palästina  längst schon real. Und solange  Politiker, Unterhändler, Israel, die EU, USA und die Vereinten Nationen nicht in der Lage sind, Palästinas Urbevölkerung auch rechtlich ein Land zuzugestehen, schaffen einige eben Tatsachen. So wie Khaled Jarrar, der verantwortlich zeichnet für das Kunstwerk „State of Palestine“ auf der Berlin Biennale, die eine der wichtigsten Kunstevents deutschlandweit ist und nicht mit politischen Aussagen geizt. Die Macher haben sich in diesem Jahr für neuartige Projekte entschieden, ganz unter dem Motto: „Forget Fear“ (Vergiss die Angst). Jarrars Kunststempel als „einfache Geste, die Normalität behauptet anstatt wieder und wieder über die Ein-oder Zweistaatenlösung zu diskutieren“, passt da perfekt hinein. Vor zwei Jahren stand Jarrar das erste Mal mit seinem Stempel am Checkpoint Qualandia, der Ramallah von Jerusalem trennt, und verpasste Westbank-Reisenden seinen Jerichonektarvogel direkt in ihren Reisepass. „Zuerst hatten die Leute Angst, sie sahen den Stempel und erkannten die Botschaft. Aber dann haben sie gelächelt und sich gefreut“, erzählt Jarrar über seine Aktion und das „Coming-Out“ der Passbesitzer. Dieses Lächeln liebe er sehr, sagt er. Die Angst rührt daher, dass der Palestine-Stempel zumeist bei der Ausreise am israelischen Ben-Gurion-Airport von den Sicherheitsmitarbeitern gesehen wird, und anschließend gibt es unangenehme Fragen für den Reisepass-Besitzer. Einigen Israelis wurden kurzerhand sogar die Dokumente entrissen. Am Ende bekamen sie diese zwar wieder, aber mit einem anderen dicken Stempeleintrag: cancelled (ungültig).

Green Card für die Westbank

Jarrar lacht, als er das erzählt. Der Grafikdesigner, der in Jenin aufwuchs und an der International Academy of Art in Ramallah studierte, ist bisher als politischer Künstler verschont geblieben von Haft oder Drohungen. Nur 2007, als Jarrar seine künstlerische Laufbahn zunehmend in die Öffentlichkeit verlegte, wollte ihn das israelische Militär festnehmen. Damals hatte er Bildaufnahmen von wartenden Menschen an den Checkpoints gemacht und sie dann an der Mauer auf der israelischen Seite an den Grenzübergängen in Ramallah und Nablus befestigt. Das habe die Soldaten wütend gemacht, aber die Anwesenheit von internationalen Beobachtern hätte die Israelis von Strafmaßnahmen abgehalten. Auch die Ausstellung von Green Cards in einem winzigen Office in Ramallah für Menschen, die ins Westjordanland einwandern wollen, habe ihm niemand streitig gemacht, sagt der hünenhafte Künstler, der acht Jahre lang Arafats Leibwächter war.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Deutsche Briefmarken unter dem Tisch

Auf der Biennale steht Jarrar ab jetzt für die kommenden drei Wochen an einem langen Holztisch mit Fotos, auf denen Menschen lachend, ernst oder schmunzelnd in die Kamera blicken und ihren Pass mit dem Palestine-Stempel entgegenstrecken. In der Hand dreht er dabei den Stempel zwischen seinen Fingern. Mittlerweile ist er durch die halbe Welt gereist, er war in Rom, Paris und Brüssel und vergangenen Frühling hat er auch schon mal am Checkpoint Charly gestanden. Seine Biennale-Ansprechpartnerin Franziska Zahl kam vor Monaten auf die Idee, der Deutschen Post Jarrars Stempelmotiv anzubieten. Jetzt kann man die Sondermarken zwar nicht am Postschalter kaufen – „der deutschen Post ist das irgendwie peinlich oder zu politisch“, so Jarrar – aber man bekommt sie entweder im Biennale-Shop in der Auguststraße 69 oder per Bestellung. Das Wichtigste ist dabei: Sie sind tatsächlich echt und frankieren Briefe und Karten. Der Palästinenser erzählt all dies mit einer Ruhe und Gelassenheit, als wäre es das Normalste der Welt. Wer es nicht besser weiß, der könnte denken, Palästina gibt es längst. Und so geht ein Staat, der noch keiner ist, auf eine Reise durch die ganze Welt und erzählt die Geschichte der Zukunft eines ganzen Volkes. Planet Palestine lebt.

Khaled Jarrar/State of Palestine auf der 7. Berlin Biennale for Contemporary Art   (27. April bis 1. Juli 2012). Ort: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Berlin – Die Briefmarken  sind  als 20er-Päckchen für  15 EUR zu haben (plus  1,45 EUR Portokosten) und können bei Franziska Zahl per E-Mail bestellt werden:  fz@berlinbiennale.de  – Khaled Jarrar ist am 3.5. auf der Filistina Hannover vertreten, mehr Infos dazu hier.

Israel’s Love and Iran’s fear

21 Mrz
Israel loves Iran

Der Regierung eins ausgewischt: israelische Posterkampagne auf facebook.

Wer hat eigentlich Angst vor wem im Nahen Osten? Muss Israel Angst haben vor iranischen Bombentüftlern, die an einem Atomwaffenprogramm arbeiten, das noch gar nicht fertig ist? Oder sind es vielmehr die 75 Millionen Iraner, die jetzt zittern seit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im vergangenen  November den Iran als Israels Erzfeind Nummer eins ausgemacht hat? Ich traf gestern eine Frau auf der Straße aus der Nachbarschaft, deren Stimme ernst und dunkel wurde als sie ihre Sorge vortrug: „Der Iran droht mit der Atombombe und will Israel auslöschen. Vielleicht wird es den Staat Israel dann irgendwann nicht mehr geben. Ich habe Angst!“ Ja, ich auch, dachte ich nur während ich den silbernen hebräischen Buchstaben l’chaim   (= auf das Leben), der an ihrer Halskette baumelte, betrachtete. Ich habe Angst, dass sich weiter Spaliere bilden zwischen dem ach so zivilisierten Westen, dessen Teil ich als Deutsche bin, und dem verwilderten arabischen Osten, der nach Demokratie sucht und islamische Parteien gründet. Mein gebildeter, aufgeklärter Westen in Form der Bundesrepublik Deutschland hat jetzt gerade wieder Israel Unterstützung zugesagt, indem es drei U-Boote der Sorte Dolphin zugesagt hat. Dolphins sind Kriegswaffen, die Raketen transportieren können und werden genau zu dem Zweck eingesetzt. Die Bevölkerung des eingesperrten Gazastreifens litt besonders unter deutschen Waffen 2008/2009 als die israelische Armee in Gaza einrückte und 1500 Zivilisten tötete. Die unbemannten Drohnen, die vom Himmel herunterkamen und Kinder, Frauen und Männer schwer verletzten und töteten, kamen aus unserer Heimat. Hatten wir Deutsche nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, der Zerstörung und fast vollkommenen Auslöschung des jüdischen Volkes mit Massenvernichtungsmitteln gesagt „NIE WIEDER?“

Wahre Freundschaft zu Israel?

Einwohner der Stadt Kiel wollen jetzt beim Ostermarsch gegen Israel und die deutsche Beteiligung an Kriegen demonstrieren, wie die taz berichtet. Im taz-Artikel heißt es: „Seit Ende Februar liegt das erste U-Boot der neuen Dolphin-Klasse im Dock der Kieler HDW-Werft. Nach Informationen der ARD-Tagesschau haben die Boote Mittelstreckenraketen an Bord, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Ein israelischer Regierungsmitarbeiter sagte der Tageszeitung Haaretz, die Lieferung aus Kiel habe „große strategische Bedeutung“ für Israels Sicherheit.“ Aha, da haben wir sie also wieder, die Atomwaffen. Die „Freundschaft“ zu Israel besteht nicht aus Reflexion über die deutsch-jüdische Geschichte, aufrichtige Anteilnahme und konstruktive Kritik bezüglich Israels  auf der Basis internationalen Völkerrechts. Sondern Waffen- und Geldlieferungen. Geht so Frieden? Aber kommen wir zurück zum Iran und einer möglichen Bombengefahr. Die Verwirrung ist da. Und groß. Bei aller Ernsthaftigkeit, die das Thema birgt und bei allen Ängsten auf beiden Seiten, ist dennoch bemerkenswert, dass sich derzeit – seit sich die Drohgebärden auf beiden Seiten gesteigert haben – fast niemand in der deutschen Medienlandschaft und darüber hinaus mit der Bedrohung israelischer Atomwaffen beschäftigt. Das ist fast schon putzig. Der Iran ist böse, aber Israel nicht? Dabei ist Israels Rüstungsprogramm im Gegensatz zu der vermuteten iranischen Atomwaffe ein ganz reales. Es ist daher passend an einen alten Freund Israels zu erinnern, der als erster öffentlich über Israels Atomwaffen sprach. Mordechai Vanunu, Nukleartechniker in Dimona, hatte 1986 nach seinem Weggang aus Israel in einer englischen Zeitung über die Rüstungsprogramme und Waffen seines Heimatlandes gesprochen. Er wurde als Landesverräter inhaftiert und kam 2004 unter strengen Auflagen frei. Vanunu hat sicher eine Meinung zur derzeitigen Endzeitstimmung, die Netanjahu verbreitet. Leider darf er die aber nicht sagen, da er weder reden noch schreiben noch das Land verlassen kann. So kann Heimat zum Gefängnis werden und Demokratie verkommt zu einer Worthülse. Der israelische Friedensaktivist mit deutschen Wurzeln, Uri Avnery, hat einmal einen Witz dazu erzählt, der so geht: In der Dunkelheit eines Kinosaales hört man eine Frauenstimme: „He! Nimm deine Hände weg! Nicht du! Du!“ Dieser alte Witz illustriert die amerikanische Politik, wenn es sich um Atomwaffen im Nahen Osten handelt. „He, ihr da, der Irak, der Iran und Libyen macht Schluss damit! Nein, Israel, du nicht!“

Iranische Juden gehen nicht nach Israel

Aber, hey, was ist jetzt eigentlich mit den 250.000 iranischen Juden, die im jüdischen Staat mit 20%-iger palästinensischer Bevölkerung leben? Und was ist mit den rund 25.000 Juden,

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

die in ihrer Heimat Iran leben? Nach dem Inkrafttreten des Mullahregimes im Iran verließen nach 1979 viele Juden das Land und siedelten sich woanders an –  nur ein Drittel der Exilanten allerdings im jüdischen Staat. Warum geht ein bedrohtes Volk nicht in das „Land der Väter“, wenn es doch dort eine Heimstätte und Zuflucht vor Verfolgung und Feinden dieser Welt finden wird? Die Antwort liegt irgendwo im Graubereich zwischen Diskriminierung von arabischen und afrikanischen Juden in Israel, einer fatalen Spaltung zwischen „jüdischer“ und „arabischer“ Lebens-Welt (die Jahrhunderte lang eine war!) und einem Unwohlsein arabischer Juden, sich zwischen dem jüdischen Staat und ihrer arabischen Herkunft, Sprache und Kultur entscheiden zu müssen, weil Israels Politik ihnen keine andere Wahl lässt. Mittlerweile verlassen mehr Juden Israel, als dass sie dort einwandern. Ein Staat, der die palästinensische Bevölkerung ihrer Lebensgrundlage beraubt und sich seit 1967 (und in Teilen auch schon vorher) dem Völkerrecht widersetzt, ist nicht mehr attraktiv. Und Sicherheit garantiert er seinen Bürgern schon mal gar nicht.

Wir lieben Euch!

Ein paar iranische Juden sind schon in Berlin gestrandet. Die Poster-Kampagne eines israelischen Ehepaares mit der Aufschrift „Iranians, we love you. We will never bomb your country“ ist fast rührend, die facebook-Gruppe „Israel loves Iran“ hat jetzt 8500 Mitglieder. Ich finde, wir sollten nicht  nur traumatisierte Israelis hier aufnehmen, die mittlerweile schon eine ganze  Kleinstadt mit ihren rund 15.000 Einwohnern in Berlin füllen könnten und die Stadt bunt machen. Iraner, welcome, too! Wer immer Angst vor der israelischen Atombombe hat, der komme hierher! Lasst uns gemeinsam türkischen Kaffee in Mitte trinken.

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