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Intifada auf Probe

6 Okt
Im "Schwitzkasten": Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

Im „Schwitzkasten“: Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

 

Von Liva Haensel

Israel stellt die palästinensische Bevölkerung auf eine harte Probe. Diese möchte in Frieden leben – und soll gleichzeitig ihre lebenslange Besatzung akzeptieren. Kann dieser Nervenkrieg gutgehen?

Intifada (arabisch: etwas abschütteln, loswerden). Bezeichnung für den Aufstand der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten gegen den israelischen Besatzer. Im Kontext des Palästina-Israel-Konflikts gab es bisher zwei Perioden, von denen Politikwissenschafter als „Intifada“ sprechen: Zum einen die sogenannte erste Intifada, die 1987 begann und sich bis ca. 1992 hinzog und mit dem Beginn der Oslo-Verhandlungen ein Ende fand sowie die zweite Intifada, die offiziell im Jahr 2000 mit dem Gang des damaligen israelischen Premierministers Ariel Sharon auf den Tempelberg begann und bis ca. 2004 anhielt.

„Die Menschen sagen, dass ist jetzt die dritte Intifada“, berichtet ein Mitarbeiter der Al Quds Universität in Bethlehem, der seinen Namen nicht nennen möchte.  Die momentane Situation in der Westbank und Jerusalem sei „schrecklich“, die Lage „sehr deprimierend“. Allein in den vergangenen Tagen sind laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan News 400 Menschen zum Teil schwer verletzt worden – durch Tränengas, Kugeln und Gummigeschosse der israelischen Armee. Am Wochenende wurde ein 18-Jähriger Palästinenser in Ost Jerusalem in der Nähe des Damaskus Tores erschossen und von jüdischen Siedlern verhöhnt. Gestern starb der 13-jährige Schüler Abdul-Rahman Obeidallah, er wurde auf dem Schulweg in Bethlehems Stadtzentrum unweit des Checkpoints von einem israelischen Scharfschützen erschossen. Obeidallah war unbewaffnet und nicht an Demonstrationen gegen die israelische Besatzung beteiligt. Sonntagnacht erschossen israelische Soldaten Huthaifa Sulaiman (18), der in der Stadt Bal’a östlich von Tulkarem im Norden der Westbank gegen die Besatzungsmacht demonstriert hatte. Am Samstag hatten Palästinenser ein israelisches Siedler-Ehepaar in einem Auto in der Westbank getötet.

Israel verletzt die Abmachung

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhängte daraufhin eine 9-tägige Ausgangsperre in Jerusalems Altstadt für Palästinenser, ausgenommen sind lediglich Bewohner sowie Touristen. Der Tempelberg ist bis auf weiteres für muslimische Betende gesperrt. Er hat eine zentrale Schlüsselrolle im

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg. Foto: Ahmad Gharabli

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg.                Foto: Ahmad Gharabli

Islam und gilt nach Mekka und Medina als drittheiligster Ort für Muslime weltweit. Zudem hatte Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 die Souveränität des Tempelberges in die Hände des islamischen Waqf übergeben und sich damit einverstanden erklärt, dass Juden den heiligen Berg nicht als religiöses Monument betreten dürfen. Diese Abmachung wurde vor allem seit dem Jahr 2000 zunehmend von Seiten Israels verletzt. An jüdischen Feiertagen betreten immer wieder jüdische Nationalisten den Tempelberg und drohen damit, den Felsendom sowie die Al-Aksa-Moschee darauf zu zerstören, um den jüdischen Tempel, der einst dort gestanden haben soll, wieder aufzubauen. Die jüdischen Extremisten werden stets von israelischen Soldaten und Polizisten eskortiert. Während dieser Besuche ist der Tempelberg für muslimische Betende jedes Mal komplett unzugänglich. Dies führt regelmäßig zu Protesten der palästinensischen Bevölkerung, die sich auf ihr Recht auf Religionsfreiheit beruft.

Ausschreitungen wie vor einem Jahr

In größeren Städten Israels, in denen mindestens 50 % der Bevölkerung arabisch sind, kommt es derzeit zu massiven Ausschreitungen. In Nazareth, Jaffa und Jerusalem wehren sich immer mehr Menschen gegen die unzumutbaren Zustände. Die israelische Bevölkerung besteht zu 20 Prozent aus palästinensischen Bewohnern. Die sogenannte „fünfte Säule“ in Israel sind die arabischen Menschen, denen es trotz des Krieges nach der Staatsausrufung Israels 1948 gelang, in ihrer Heimat zu verbleiben.

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt. Foto: PNN

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt.                                                    Foto: PNN

Sie besitzen die israelische Staatsangehörigkeit, aber nicht dieselben Rechte wie die jüdisch-israelische Bevölkerung. 2014  waren die israelischen Araber oder „48-Palestinians“ wie sich die Bewohner selbst oft nennen, diejenigen, die am stärksten Widerstand gegen ihre israelischen Besatzer leisteten. Im Juli 2014 war es zu drastischen rassistischen Ausschreitungen gegen palästinensische Bewohner Ost Jerusalems gekommen, nachdem erst drei jüdische Teenager in der Westbank ermordet worden waren und daraufhin in einem Racheakt der 17-jährige Mohammed Abu Khdeir bei lebendigem Leib von jüdischen Siedlern in einem Westjerusalemer Waldstück verbrannt worden war. Wütende Palästinenser des Stadtteils Shuafat (aus dem der Junge stammte) hatten daraufhin die Straßenbahntrassen zersägt und die Stationen Es Sahel und Shuafat für den öffentlichen Verkehr unbrauchbar gemacht. Damit protestierten sie auch gegen das stark anwachsende und vom Staat Israel unterstützte Anwachsen illegaler jüdischer Siedlungen in Ost Jerusalem, die die Straßenbahnlinie seit 2011 mit West Jerusalem verbindet. In dem arabischen Teil der Stadt, die Israel 1967 völkerrechtswidrig besetzte und 1982 annektierte, leben derzeit etwa 300.000 Palästinenser und 150.000 jüdische Israelis.

Weltweit 9 Millionen Flüchtlinge

Bei dem Gazakrieg (8. Juli bis 27. August, danach Waffenstillstand zwischen Hamas-Israel), den Israel 2014 unter dem Namen „Protective Edge“ führte, starben rund 2200 Menschen im Gazastreifen, darunter 500 Kinder. Auf der israelischen Seite verloren nach offiziellen Angaben Israels 66 Soldaten und sieben Zivilisten ihr Leben.

Weltweit leben rund 9 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge und Nachkommen von Flüchtlingen außerhalb ihrer Heimat. Seit 1980 haben 1 Million jüdische Israelis den Staat Israel verlassen. Etwa 40.000 Israelis leben derzeit in Berlin. Angela Merkel erwartet Benjamin Netanjahus Staatsbesuch morgen in Deutschland. Die Situation ist angespannt, das hat auch die Kanzlerin erkannt. Der Ministerpräsident der palästinensischen Gebiete, Mahmoud Abbas, hatte vergangene Woche das Osloer Abkommen von 1993 als nicht mehr bindend für sein Volk erklärt und damit offiziell der Zwei-Staaten-Lösung, die Deutschland unterstützt, den Wind aus den müden Segeln genommen.

„Wir wollen Freiheit“

Palästinenser befürchten, dass Netanjahus rechte Regierung den Gürtel für die arabische Bevölkerung jetzt noch enger schnallen wird. In den meisten Städten in der Westbank waren vergangenes Wochenende hunderte von Soldaten mit Gewehren und Gummigeschossen im Einsatz, bei zahlreichen nächtlichen Razzien wurden Jugendliche und junge Männer wiederholt nachts gewaltsam aus ihren Betten gerissen und ohne eine Erklärung von der Armee verhaftet. „Wir wollen in Freiheit leben, ohne die israelische Besatzung, als Menschen in Würde“, sagt der palästinensische Universitätsmitarbeiter. Wenn jedoch seine Familie oder er selbst von Soldaten angegriffen werde, werde er sich wehren. „Niemand kann von uns verlangen, dass wir drangsaliert und getötet werden  – und dabei einfach tatenlos zusehen.“

 

Ihr seid die Reben

18 Sep
Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus. Foto: Olivera D.

Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus.                                                            Fotos: Olivera D.

In dem Tal Cremisan bauen katholische Mönche berühmte Weinreben an und Nonnen unterrichten 200 Kinder. Doch der Oberste Gerichtshof in Jerusalem hat entschieden: Hier wird die israelische Trennmauer gebaut. Die palästinensischen Bewohner sind verzweifelt. Jeden Freitag halten Geistliche einen Gottesdienst unter freiem Himmel ab. Menschenrechtsbeobachterin Olivera D. besucht das Tal regelmäßig und berichtet aus Bethlehem

BETHLEHEM  – Nach nun 28 Tagen schreiten die Arbeiten im christlichen Tal von Cremisan, in Bir Ouna, einem Teil von Beit Jala, westlich von Bethlehem, voran. Wo zu Beginn der Arbeiten am 17. August der Olivenhain noch deutlich als solcher zu erkennen war, liegen nun weite Teile des Landes brach. Stück für Stück müssen jahrhundertealte Olivenbäume der Erweiterung der israelischen Trennmauer weichen

Zum Hintergrund

Am 17. August 2015 begann ein Bauunternehmen damit, Olivenbäume – von denen einige aus der Römerzeit stammen – zu schneiden, um die Entwurzelung für das endgültige Abroden zu ermöglichen. Soldaten der israelischen Armee (IDF) sowie Polizei und private Sicherheitskräfte bewachen die Arbeiten. Die Ohnmacht und Trauer auf Seiten der Landbesitzer ist groß und tief. Lokale christliche Familien aus der überwiegend christlichen Region Bethlehems sind hauptsächlich betroffen. Im Tal von Cremisan sind das insgesamt 58 Familien, die vom israelischen Verteidigungsministerium enteignet wurden und deren Land in diesem Fall der Erweiterung der Mauer zum Opfer fällt – und dies, obwohl im April 2015 der Oberste Gerichtshof Israels noch zugunsten der Familien entschieden und die Enteignungsbefehle aufgehoben hatte. Das israelische Verteidigungsministerium hob jedoch bald darauf die Entscheidung des Obersten Gerichts auf (und machte sie dadurch quasi wertlos).

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal. Foto: Olivera D.

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal.

Abwehr von Terroristen

Der angebliche Zweck der Konstruktion lautet: Attentäter von Jerusalem und Israel fernzuhalten. „Mit dem Bau würde ein fruchtbares Tal – de facto das letzte in der Gegend um Bethlehem – an Jerusalem angegliedert und damit die Erweiterung der illegalen israelischen Siedlung Gilo ermöglicht. Der Anschluss von Land ist jedoch nach internationalem Recht verboten, ebenso ist das Ansiedeln eigener Bevölkerung auf besetztem Gebiet ein klarer Verstoß gegen § 49 der 4. Genfer Konvention, in der es heißt: ,Die Besetzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder umsiedeln.’ Israel macht sich somit einer eklatanten Verletzung des Völkerrechts schuldig“, so Manfred Budzinski, der Sprecher der pax christi‐Nahostkommission.

Beit Jala im Sandsturm

Patrouille im Sandsturm: Die Zufahrtsstraßen sind mittlerweile auch für die Anwohner teilweise gesperrt.

Die Grüne Linie wird ignoriert

Der Bau der israelischen Trennmauer begann im Jahre 2002 und soll Terrorangriffe auf Israel abwehren. Neun Meter hoch ist sie, höher als die Berliner Mauer. Gebaut wurde sie auf palästinensischem Gebiet. Teilweise reicht sie sogar tief in das palästinensische Land hinein. Die sogenannte „grüne Linie“, die Grenze, die 1949 von der UNO festgelegt wurde, existiert somit nicht mehr bzw. wird ignoriert. Stück für Stück, Meter für Meter wird Land von Israel konfisziert und annektiert. So auch in Bir Ouna: 3 Quadratkilometer wird die Mauer, wenn sie einmal fertig ist, in das palästinensische Gebiet hineinragen. Und die Menschen können nur hilflos dabei zusehen.

Die Mauer ist illegal

Hilflosigkeit fühlt auch der Bürgermeister der Stadt Beit Jala, Nikola Kharmis, aber auch tiefe Trauer. Die Region Bir Ouna und das Cremisan‐Tal gehören zu Beit Jala: Er ist damit für sie verantwortlich. Der Beginn der Arbeiten wirkt sich stark auf seine Arbeit als Bürgermeister aus. Seine Arbeitstage sind geprägt von Terminen, Interviews und Demonstrationen, um das Irgendmögliche zu tun gegen den Bau des Übels – gegen die illegale Mauer, die Bürgerinnen und Bürger ihrer Ländereien beraubt – die einzige Einnahmequelle und einziges Anbaugebiet der Stadt, wie er selbst sagt.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage. Foto: Olivera D.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage.

Hoffnung und Halt

Doch was tun, wenn selbst der Oberste Gerichtshof dem „Sicherheitsbedürfnis“ und somit den Methoden des Verteidigungsministeriums weichen muss? Sowohl Nikola Kharmis als auch die Landbesitzer, Nachbarn und viele Unterstützer nehmen seit dem 18. August täglich um halb neun an der Morgenandacht im Tal teil. Viele verschiedene kirchliche Vertreter beten gemeinsam, um sich und ihren Mitbürgern Hoffnung und Halt zu geben und schlussendlich etwas zu bewirken.

Im Rahmen der Andacht wird die folgende Bibelpassage gesprochen:

Lukas 19:41-47, Neue Genfer Übersetzung (NGU-DE): Jesus weint über Jerusalem

41 Als Jesus sich nun der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über
sie 42 und sagte: „Wenn doch auch du am heutigen Tag erkannt hättest[a], was dir Frieden bringen würde! Nun aber ist es dir verborgen, du siehst es nicht. 43 Es kommt für dich eine Zeit, da werden deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und dich von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich zerstören und deine Kinder[b], die in dir wohnen, zerschmettern und werden in der ganzen Stadt[c] keinen Stein auf dem anderen lassen,weil du die Zeit, in der Gott dir begegnete,[d] nicht erkannt hast.“3

Eine ökumenische Begleitperson des Programms EAPPI beobachtet die Lage vor Ort. Foto: Olivera D.

Olivera D., mit der Weste des Programms EAPPI, vor Ort. Die Weste ist das Markenzeichen des Programms und signalisiert „Schutz durch Anwesenheit“ durch alle Mitwirkenden. 

Seit dem 18. August habe ich an 14 Morgenandachten teilgenommen. Ich habe gesehen, wie ein wunderschönes Tal mit uralten Olivenbäumen Tag für Tag schwindet. Wo über 100 Bäume standen, ist nun Brachland. Ich habe neben der ausführenden Baufirma viele Soldaten, Polizisten und private Sicherheitskräfte gesehen, die die Arbeiten bewachen. Ich habe Menschen gesehen, die zusammenkommen und beten, in der Hoffnung, dass dieses Verbrechen gestoppt wird. Ich habe Geistliche gesehen mit Tränen in den Augen. Ich habe den Bürgermeister der Stadt mit Tränen in den Augen gesehen. Ich selbst habe die Ohnmacht gespürt und meine Tränen versucht zurückzuhalten.

Am 15. November wird es eine Anhörung vor dem israelischen Obersten Gericht für die Familien geben, denen das Land gehört. Sie werden von der katholischen Menschenrechtsorganisation „Society of St. Yves“ vertreten, die hier einen ausführlichen Bericht über die Situation im Cremisan-Tal veröffentlicht hat. 

Über die Autorin: Olivera D. ist derzeit in Israel und den besetzten Gebieten im Rahmen des Programms EAPPI (Ecumenical Accompaninemt Program for Palestine and Israel – Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel), das sich zum Ziel gesetzt hat, Freiwillige aus der ganzen Welt vor Ort einzusetzen und ihnen durch Begegnungen und Beobachtungen einen eigenen Einblick in den Konflikt zu geben, tätig. Ihre Entsende-Organisation ist die EMS (Evangelische Mission in Solidarität) im Verbund mit dem ökumenischen Weltrat der Kirchen/Genf.
Die Fotorechte liegen bei der Autorin.

Glaube, Liebe – Hoffnung

1 Jun

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Vor zwei Wochen zerstörten israelische Bulldozer 1500 Obstbäume der Familie Nasser im Friedensprojekt „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Die Familie kämpft seit über 23 Jahren vor Gericht um ihr Land. Ein Besuch.

Von Liva Haensel

„Eines Tages wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen“, sagt Daoud Nasser. 25 Menschen aus der lutherischen Erlösergemeinde in Jerusalem sitzen in einer Kapelle aus Stein und hören dem Mann in dem blauen Polohemd zu. Die blonde Frau neben ihm, eine Musiklehrerin, guckt stumpf auf den Boden. Der Satz von Daoud Nasser bleibt kurz in der Luft hängen. Man versucht krampfhaft, sich jetzt einen strahlenden goldgelben Sonnenball vorzustellen, der ein warmes Licht verbreitet. Der so aussieht, wie man sich Güte und so etwas wie Gerechtigkeit als Form und Farbe vorstellen könnte. Aber da kommt nichts. Das Kopfkino funktioniert  irgendwie nicht im „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nicht jetzt, nachdem die Bulldozer da waren. Nicht, wenn man die ganze Geschichte der Familie Nasser hört, sich ein Bild vor Ort macht.

Es ist die Geschichte eines dramatischen Kampfes, aber auch eine ohne Happy End. Vorläufig. Die Sonne ist hier gerade hinter den Wolken verschwunden. „Tent of Nations“, das Zelt der Völker, wie es auf Deutsch heißt, ist nicht Hollywood. Es ist palästinensisches Land unter israelischer Besatzung. Hier gibt es kein Stromnetz und kein Wasser aus Hähnen, weil die Nassers keine Baugenehmigungen dafür vom Staat Israel bekommen.

Symbol für gewaltfreien Widerstand

Am 19. Mai fuhren drei israelische Bulldozer der israelischen Armee den Berg bei der jüdischen Siedlung Neve Daniel herunter und auf das Land der Familie Nasser zu. Dort zerstörten sie 1500 Obstbäume, darunter 700 Weinstöcke. Die Reste der Bäume – Zweige und Stämme – versteckten die Soldaten in großen Erdlöchern. Dieser Akt ist illegal, denn die Nassers befinden sich seit 1991 in einem schwebendem Gerichtsverfahren mit dem Staat Israel. Damals erfuhren sie nur durch einen Zufall, dass ihre 400 Dunum Land (1 Dunum=1000 m²) für Israel zu „Staatsland“ erklärt worden waren. „Wir zeigten vor Gericht alle unsere Besitzurkunden, die mein Großvater seit dem Landerwerb 1916 lückenlos aufbewahrt hatte“, erzählt Daoud Nasser, der Leiter des Projektes „Tent of Nations“. Die israelische Seite reagierte schockiert, damit hatte sie nicht gerechnet. Doch noch schockierender muss es für sie gewesen sein, dass die christlich-palästinensische Familie ab 2000 systematisch damit begann, ein Friedensprojekt für Menschen auf ihrem Land aufzubauen, das so gar nicht in das gängige Klischee des Steine werfenden Palästinensers passte. Seitdem pflanzen dort auf dem Hügel bei Bethlehem jüdische Friedensaktivisten Bäume, arabische Kinder aus den Flüchtlingslagern malen Herzen und deutsche Volontäre basteln an Zisternen und Solaranlagen. Rupert Neudeck von der Organisation „Kap Anamur“ berät zu Alternativen Energien. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält gerne ihre schützende Hand über das Stück Land.

Günstiges Leben in Gush Etzion

„Tent of Nations“ ist ein interreligiöses Begegnungsprojekt von Lutheranern. Und mittlerweile zu einem Symbol für gewaltfreien palästinensischen Widerstand geworden, das weltweit hohes Ansehen genießt. Die Familie Nasser will keinen Streit mit den benachbarten Siedlungen, sondern in Frieden mit ihnen leben. Sie ist mittlerweile umringt von 5 Siedlungen mit 90.000 Einwohnern, alle Israelis, die nach Internationalem Recht illegal dort auf palästinensischem Land leben und von ihrem jüdischen Staat dafür subventioniert werden. Das Leben in Gush Etzion ist günstiger als in Jerusalem oder Tel Aviv. Außerdem bekommen die neuen Bewohner Zulagen und bei Gründung eines Unternehmens eine Anschubfinanzierung, die in den Siedlungen fünfmal höher liegt als im Kerngebiet Israel.

Alles, was Recht ist?

Die Nassers bekommen kein Staatsgeld von Israel, sondern entweder nächtliche Blitz-Besuche von Siedlern oder Landkonfiszierungsbefehle der israelischen Armee. Letztere übergibt diese nie persönlich. Die Zettel werden, immer auf Hebräisch verfasst, irgendwo auf dem Grundstück abgelegt. Eine Praktik, die oft zur Folge hat, dass palästinensische Bewohner die Zettel gar nicht erst finden, weil sie vom Regen durchnässt sind oder vom Wind weggefegt wurden. Ungünstig, wenn es um gerichtliche Einsprüche und Deadlines geht, um schnelles überlegtes Handeln, um Land und die eigene Existenz. Günstig, wenn man Land haben will und kein Interesse daran hat, den Landbesitzer rechtzeitig zu informieren. Aber sich auch nicht vorwerfen lassen möchte, man hätte die andere Seite nicht informiert. Das funktioniert in Israel, denn Gesetze sind dehnbar wie Kaugummi und lassen sich zudem aus den unterschiedlichsten Besatzungszeiten anwenden: jordanisches, britisches, israelisches Militärrecht oder das aus dem Osmanischen Reich – alle sind anwendbar, weil Israel Notstandsgesetzte nutzt und immer noch nicht über ein Grundgesetz verfügt, obwohl der Staat 2008 bereits sein 60-jähriges Bestehen feierte.

Bauern können ihr Land nicht erreichen

„Hier gilt: Alles, was Recht ist“, sagt ein palästinensischer Anwalt aus Jetusalem, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Nur rund 20 % seiner Mandanten bekommen am Ende ihr Land zurück, dass der Staat Israel zumeist nach einigen Jahren als Staatsland deklariert, weil es nicht kultiviert wurde, berichtet der Jurist. Was der Staat nicht sagt ist, dass die israelische Mauer nicht auf der Grünen Linie verläuft, sondern sich laut dem Büro von UN Ocha (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs Occuied Palestinian Territories) zu 85 % auf palästinensischem Land befindet – und damit für viele Bauern das Bewirtschaften ihres Land verhindert, weil sie es nicht mehr erreichen können.

Siedlerkolonialismus stoppen

„Der Siedlerkolonialismus ist das gefährlichste Projekt des Staates Israel, das auf dem Rücken der Ureinwohner Palästinas – der Palästinenser – ausgetragen wird“, kritisierte der israelische Historiker Gadi Algazi von der Universität Tel Aviv kürzlich auf einem Politikkongress in Hebron. Dort trafen sich antizionistische Israelis und Palästinenser. Der Friedensaktivist ist für eine Neuordnung in der Region mit einem Staat, der gleiches Recht für alle auf Land und Wasser bedeutet, ein Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge miteinbezieht und die Zerstörungen palästinensischer Existenzen ausschließt. „Das muss sofort gestoppt werden“, sagte Algazi auf der Bühne in Hebron. Aber er sah müde aus bei diesen Worten.

Die Nassers sind nicht naiv

Daoud Nasser hingegen scheint seine Kraft auf wundersame Weise immer wieder neu zu nähren. „Tent of Nations“ ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Er reist mindestens zweimal im Jahr nach Deutschland und in die USA, um über seine Arbeit zu berichten. Er hat viele Pläne. Eine Berufsschule, mehr Jugendarbeit und Umweltbildung soll es hier bald geben. Aber die zerstörten Bäume wird das nicht zurückbringen. „Wir wollten dieses Jahr Weinreben ernten und das erste Mal Wein abfüllen“, sagt er. Daraus werde nun nichts. Es wird vier Jahre dauern, bis die Weinstöcke wieder Ernte reife Trauben tragen werden. Und auch die Olivenbäume müssen neu gepflanzt werden. Die von der Armee illegal abgeholzten Bäume hatten ein Alter von zwölf Jahren. Ein Olivenbaum ist empfindlich und benötigt viel Pflege und Fachkenntnis. Erst nach sieben Jahren trägt er die ersten Früchte. Der Gewaltakt der israelischen Armee war vorsätzlich. Die Nassers sind jetzt erst einmal geschwächt, aber sie sind nicht am Ende. Sie sind nicht naiv. Sie wissen, dass sie mit ihrer Klage am israelischen Gerichtshof – sie wollen eine Entschädigungssumme für die Bäume – niemals durchkommen werden.

Unberechtigte Kritik an Kirchen

Die Zerstörung des Landstückes schlug hohe Wellen und verbreitete sich vor allem Stunden später als erstes in den sozialen Netzwerken. In Deutschland schrieb einzig die Südwestpresse aus Ulm über den Vorfall, während palästinensische und israelische Nichtregierungsorganisationen und Blogger längst schon Berichte auf twitter und facebook veröffentlicht hatten. Johannes Gerloff, ein Theologe, der sich selbst als „Journalist“ und „Korrespondent“ der fundamentalistischen Israel-Nachrichten bezeichnet, kritisierte in seinem öffentlichen Facebook-Profil die Solidarität der Kirchen mit der Familie Nasser nach dem Gewaltakt: „Wer die Augen verschließt, ist mit verantwortlich, wenn mit „Dahers Weinberg“ unter dem Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein“, Zwietracht gesät, antiisraelisch gehetzt und persönliche Bereicherung vorangetrieben wird“, heißt es dort. Gerloff, ein christlicher Zionist, hatte vor kurzem erst in einem Artikel auf Israelnetz.com die illegale Enteignung des palästinensischen Rajabi-Hauses in Hebron verteidigt, das sich nun vollständig in Siedlerhänden befindet. Er ist mit Ulrich Sahm befreundet, einem ehemaligen Israelkorrespondenten des Nachrichtensenders n-tv, der sich zum Ende seiner journalistischen Karriere hin verstärkt mit der Herstellung von Kerzen und der Veröffentlichung von Kochbüchern befasst.

Roadblocks aus Sicherheitsgründen

All das macht Daoud Nasser nicht wütend. Er ist die Ruhe selbst. „Gewalt ist keine Option für uns. Es ist leicht zu hassen und schwer, negative Gefühle konstruktiv in positive umzuwandeln. Aber wir gehen diesen Weg weiter“, sagt er überzeugt. Die Sonne steht jetzt hoch oben am Himmel und scheint ihre ganze Strahlkraft auf die 25 Besucher dort unten abzugeben, die sich auf den Rückweg nach Jerusalem machen. Mühsam klettern die Menschen aus der Erlöserkirche über die beiden Roadblocks, mit denen der israelische Staat 2001 die Zufahrtstraße zum „Tent of Nations“ dichtmachte. Aus Sicherheitsgründen, wie es damals hieß. Da hilft nur noch eins: Glaube, Liebe – Hoffnung. Sagt Daoud Nasser jedenfalls.

BDS – Boycott Dates softly

18 Jun
Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.  Foto: gomeal.de

Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.                                                      Foto: privat

Der junge Mann in dem Frucht- und Gemüseladen am Bethlehemer Cinema Square reibt eine Avocado zwischen seinen Händen und schüttelt dann den Kopf. Nein, von einem Boykott gegen israelische Waren habe er noch nie etwas gehört, sagt er. Die Kunden fordern gutaussehendes Obst und Gemüse, das glänze und lecker aussehe. Palästinensisch verarbeitete Produkte aber sähen runzlig und schlecht geschnitten aus. „Die kauft doch keiner“, sagt Mohammed. „Wir haben hier in Palästina kein gutes Schneidwerkzeug dafür. Also gehen unsere Gemüse- und Obstsorten erst nach Israel, werden dort professionell mit Maschinen und Chemie bearbeitet und landen dann wieder bei uns. Warum sollte ich das boykottieren, ich habe doch gar nicht die Möglichkeiten dazu. Oder?“

König Kunde kriegt die A-Klasse

Das „Oder?“ bleibt im Raum stehen und setzt sich als Fragezeichen auf unzählige Avocados, Orangen, Bananen und Salatköpfe in dem kleinen Geschäft. Die Nahrungsmittel stammen aus dem palästinensischen Jordantal, das als C-Gebiet unter voller Kontrolle Israels steht. Unter dem Dach von großen israelischen Fruchthandelsketten gehen sie nach der Ernte nach Israel und werden dort – ähnlich der Gebietsaufteilung der Westbank – in A-, B- und C-Früchte eingeteilt. Die A-Früchte sind das, was auf der Titanic die 1. Klasse war: Sie werden nach Europa exportiert und dort König Kunde als israelische Ware im heimischen Supermarkt verkauft. B-Ware geht in die israelischen Läden, die C-Früchte landen wieder in der Westbank in den Regalen von Mohammed und anderen Lebensmittelhändlern. Das standardisierte System in der Lebensmittelbranche kritisiert der israelische Wirtschaftswissenschaftler Shir Hever als ausbeuterisch. „Die palästinensischen Bauern sind vollkommen abhängig vom israelischen Markt“, sagt er und fügt dann hinzu: „Deshalb ist es wichtig, dass Palästinenser ihre eigenen Gewerkschaften haben und ihre  Preise selbst bestimmen.“

Shir Hever  Foto: privat

Shir Hever
Foto: privat

Druck auf Israel ist wichtig

Omar Barghouti Foto: privat

Omar Barghouti
Foto: privat

Hever ist BDS-Befürworter. BDS, das steht für Boykott-Divest-Sanctions – eine Kampagne der palästinensischen Zivilgesellschaft, die 2005 gegründet wurde. In Anlehnung an den Boykott südafrikanischer Waren zu Apartheidszeiten ruft die Organisation zu einem gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Besatzung auf. Dabei kommt der Boykott auf mehreren Ebenen zum Tragen. Er adressiert sowohl den kulturellen  Bereich(Regisseure, Musiker, Schauspieler mit Theaterproduktionen, Filmen, Festivals) als auch den akademischen (Professoren, Studentenaustausche, Kooperationen mit Hochschulen und anderen Einrichtungen). Und möchte den Staat Israel da treffen, wo es am meisten weh tut: ökonomisch. „Es geht uns nicht darum, Israel und seine Bürger zu bestrafen. Aber die völkerrechtswidrige Besatzung unseres Landes ist nicht normal, sie geht nicht konform mit Menschenrechten und sollte auch nicht so tun, als ob“, sagt Omar Barghouti, (44) einer der Gründer von BDS und Autor des Buches „Boycott, Divestment, Sanctions – The Global Struggle for Palestinian Rights“. Deshalb sei Druck auf den Staat Israel wichtig, um ihn an seine Pflichten zu erinnern.

Fuchtelndes Kind

Omar Barghouti war im März in Berlin, um dort über den Boykott, der immer weitere Kreise zieht, zu sprechen. Im taz-Café diskutierte der Palästinenser mit dem jüdischen

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland. Foto: privat

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland.
Foto: privat

Wissenschaftler Micha Brumlik ebenso wie mit CDU-Abgeordneten und Berliner Zuhörern. Dabei habe er beobachtet, „dass Deutsche eine Hemmschwelle bezüglich des Boykotts haben, weil es sie an alte Zeiten erinnert.“ Doch BDS habe nichts mit antijüdischen Ressentiments zu tun, sagt er. Hier gehe es um die Unterdrückung des palästinensischen Volkes und einer Landenteignung, die ihresgleichen suche. Iris Hefets stimmt dem zu. Die Israelin ist Mitglied in der Gruppe „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ und Anhängerin von „The voice from within“, dem israelischen Unterstützer von der BDS-Bewegung. In der „Stimme von innen heraus“ organisieren sich jüdische Israelis, die die BDS-Bewegung aufrichtig unterstützen. Israel sei wie ein wild gewordenes Kind, sagt Iris Hefets, eine Psychologin: „Es fuchtelt mit seinen Gewehren herum, stößt überall an und nimmt sich alles heraus. Dem müssen wir Grenzen setzen.“

Das „nie wieder“ verlacht sich selbst

Doch wer in Deutschland lebt oder deutsche Medien nutzt, sucht darin vergeblich nach Aufklärung zur Rolle des gewaltfreien Widerstandes der palästinensischen Zivilgesellschaft. Die Jüdische Allgemeine stempelte den gewaltlosen Widerstand gegen Israels Völkerrechtsverletzungen als naturgemäß sofort antisemitisch ab und druckte ein Bild dazu in der Printausgabe, auf dem SS-Leute vor einem jüdischen Laden stehen, auf dessen Schaufenster „Deutsche, kauft nicht bei Juden“, steht. Das deutsche „Nie wieder“ verlacht sich allerdings selbst, wenn ein Volk, das den Massenmord an sechs Millionen Menschen zuließ, es nicht geschafft hat, sich danach umso mehr für Gleichheit und gegen Diskriminierung zu engagieren. „Gerade die Deutschen sind es doch, die sich wegen des Holocaust erst recht für die Palästinenser und damit für Frieden in der Region einsetzen sollten“, verlangt der israelische Journalist Sergio Yahni vom Alternativen Informationszentrum.

Kein Thema in West-Jerusalem

In keiner einzigen deutschen Tageszeitung findet sich ein ausführlicherer Artikel über BDS und seinen Hintergrund sowie seine wachsende Befürworter- Zahl und Fakten. Auch nicht in der FAZ, die kürzlich das Thema aufgriff, weil in Bethlehem vor zwei Wochen die vierte BDS-Konferenz stattfand. In dem Artikel erfährt man, dass die Bewegung wächst, weil „immer mehr Bewohner der Autonomiegebiete nichts mehr mit ihren israelischen Nachbarn zu tun haben wollen, solange die Armee das Westjordanland besetzt hält“. Das ist allerdings schon seit 1948 so. Geändert hat sich, dass weltweit ein Bewusstsein bei Menschen in Südamerika, Afrika, Asien, Europa und Nordamerika darüber entstanden ist, dass das demokratische Israel seine arabische Bevölkerung massiv benachteiligt und die Westbank de facto mit Siedlungen überzieht sowie seinen  Armeeapparat unter dem Vorwand von Sicherheitsmythen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung einsetzt. Das hat der FAZ-Autor unterschätzt, vielleicht ist es in dem von deutschen Auslandskorrespondenten bewohnten West-Jerusalem oder Tel Aviv aber auch kein Thema. In Ramallah und Ost-Jerusalem dagegen schon.

Der Strichcode 729

Das Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre erhob die Bewegung und den Palästina-Konflikt 2012 zum ersten Mal in der Geschichte zu seinem Hauptthema. Allein in Deutschland gibt es mittlerweile mehr als 6 Stadt-Gruppen, die bundesweit Aufklärungskampagnen betreiben. Dazu zählen Informationsflyer über den Wassersprudler Sodastream, der in einer illegalen jüdischen Siedlung hergestellt wird genauso, wie angestoßene Debatten darüber, ob künftig eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte aus den Siedlungen gelten soll. Ohne diese Gruppen würde der Konsument nicht erfahren, dass der Strichcode 729 auf der Avocado im Supermarkt verrät, dass die Ware aus Israel kommen soll – und es oftmals doch nicht tut.

Datteln ohne Hochglanz

Für den Fastenmonat Ramadan haben sich viele Palästinenser jetzt vorgenommen, keine Datteln mehr aus Israel zu kaufen. Sie setzen lieber auf ihre eigenen Produkte. Auch, wenn diese nicht auf Hochglanz poliert sind. Mohammed will das jetzt auch mal probieren, sagt er. Der einzigartig vanillige Geschmack der palästinensischen Datteln könne ihnen ohnehin so schnell keiner nachmachen. Auch nicht ihr mächtiger Besatzer.

Tipp: Die Menschenrechtsorganisation Medico International hat kürzlich eine Broschüre zum Herunterladen über Europas Komplizenschaft im Handel mit israelischen Siedlungsgütern herausgegeben.

 

Catch the Date!

12 Mrz
Nicht nur Klagen: Wer Veranstaltungen zum Nahostkonflikt besucht, kann dabei Infos aus erster Hand mitnehmen.  Foto: Haensel

Mehr als nur Klagen: Wer Veranstaltungen zum Nahostkonflikt besucht, kann dabei Infos und Begegnungen aus erster Hand mitnehmen.    Foto: Haensel

 

Im März und April gibt es folgende Termine in Berlin, die Nahost-Interessierten einen intensiveren Einblick in aktuelle Diskussionen geben. Die Zuhörer können dort mit Palästinensern und Israelis direkt in Kontakt treten und sich  so – jenseits der Berichterstattung deutscher Mainstream-Medien – ein eigenes Bild der Szenerie machen. Der Eintritt ist – wenn nicht anders angegeben, kostenlos. Alle Termine findet man künftig auch unter dem Menüpunkt DATE.

Mittwoch, 13. März, 19.00 Uhr, taz-Café, Rudi-Dutschke-Str. 23, 10969 Berlin: Boycott – Divestment – Sanctions (BDS) – Königsweg zum Frieden oder Sackgasse? Diskussion zwischen Omar Barghouti (Ramallah) und Micha Brumlik (Frankfurt) über die BDS-Kampagne, Infos hier

Freitag, 15. März , 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: „Die Zukunft Palästinas – ein lebensfähiger Staat neben Israel?“ Ein Vortrag des palästinensischen Botschafters Salah Abdel Shafi

Mittwoch, 20.03.2013, 20 Uhr in der Regenbogenfabrik Block 109 e. V., Lausitzer Straße 22, 10999 Berlin: Vortrag/Diskussion mit Yazid Zaha, Vorsitzender des Yes Theatre Hebron. Theater eignet sich gut zum Darstellen gesellschaftlicher Widersprücheund Spannungen. Mit Theater lässt sich Hoffnung stiften. Im Jahr 2007gründeten drei junge palästinensische Schauspieler das YES-Theatrein Hebron. Gemeinsam mit dem Weltfriedensdienst wurde das Projekt „YES4 Youth“entwickelt. Kinder und Jugendliche erhalten die Möglichkeit, die belasten-de Erfahrung der israelischen Besatzung mit kreativen Mitteln zu verar-beiten und neue Lebensperspektiven zu entwickeln.Das YES-Theatre bietet Schulen Workshops an und lädt in die eigenenRäume ein. Dabei entstehen spannende Stücke von Kindern für Kinder.Weitere Informationen: Jasmin Thielen, Tel. 030 253 990 22

Sonntag, 14. April, 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: Gespräch mit Daoud Nassar über sein Friedens- und Begegnungszentrum „Zelt der Völker -Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nasser kämpft seit 22 Jahren für sein Land und hat wiederholt Landkonfiszierungsbescheide erhalten.

Freitag, 24. Mai, 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: Vortrag von Felicia Langer (israelische Menschenrechtsanwältin und alternative Nobelpreisträgerin) über „Perspektiven von Besatzung und Vertreibung in Palästina“

Sihams Revolution

7 Mrz
Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.  Foto: Liva Haensel

Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.
Fotos: Liva Haensel

„Ich vergesse mein Englisch so allmählich. Ich kann mich nicht mehr ausdrücken in dieser Sprache. Es ist entsetzlich.“ Siham schüttelt ungläubig den Kopf über sich selbst, die Baumwollkapuze ihres Sweaters fliegt hin und her. Die junge Frau beugt sich zu ihrer Tochter herunter, streicht ihr kurz über das Haar und schlappt dann in Plastiklatschen ins Haus. In einer Stunde kommt ihr Mann nach Hause, sie will noch frisches Brot für ihn backen.

 Frauen tauchen nicht auf

In Palästina ist die Hälfte der Bevölkerung weiblich. Fast alle Frauen hier können – das ist der Unterschied zu ihren arabischen Nachbarinnen – lesen und schreiben. Über die Hälfte hat einen Hochschulabschluss, mindestens einen Bachelor, zahlreiche Frauen weisen einen Master oder gleich einen Doktortitel auf. Aber auf dem palästinensischen Arbeitsmarkt tauchen diese Frauen am oberen Ende der Bildungsleiter nicht mehr auf. Nur 15 Prozent haben einen Job, darunter fallen vor allem Teilzeitjobs. Das ist die Parallele zu hochentwickelten Industrienationen wie Deutschland. Auch im reichen Europa bleiben Frauen oftmals ausgeschlossen von den Kreisen der Macht, des Geldes, der Teilhabe. Aber immerhin leben sie nicht unter Besatzung einer anderen Nation.

Ich bin nichts

Siham ist 30 Jahre alt, sie hat drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne. Nach dem Abitur studierte sie Pharmazie an der Bethlehem Universität, die mit Forschungseinrichtungen in den USA kooperiert. Sie wollte Apothekerin werden. In Palästina gibt es viele davon, fast an jeder Ecke findet man eine „Pharmacy“. Mit 21 heiratete Siham und wurde schwanger. Ihr Mann Rahed, der keine akademische Ausbildung hat, arbeitete eine Zeit lang in der jüdischen Siedlung Har Homa, die gegenüber von An Numan, ihrem Wohnort, liegt. Mit dem Geld brachte er die Familie durch und sparte für ein Haus. Als sich chronische Rückenprobleme bei ihm bemerkbar machten, musste er aufhören. Siham konnte ihre Unisemester nicht mehr bezahlen und brach ihr Studium ab. Darunter leidet sie noch heute. „Ich bin nichts, ich habe nichts. Ich kann noch nicht einmal Geld für uns verdienen, ich kriege keine Arbeit“, sagt sie.

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.  Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.
Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

An Numan ist isoliert

Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Dorf in dem sie lebt, völlig isoliert ist. An Numan, in der Westbank östlich von Bethlehem gelegen, wurde 1967 im Zuge des 6-Tage-Krieges von Israel besetzt. Die damalige Regierung beschloss daraufhin, das Dorf Jerusalem einzuverleiben. Die Dorfbewohner versuchten, blaue Jerusalem-Ausweise zu beantragen, um einen legalen Rechtsstatus zu erlangen. Aber bis zum heutigen Jahr erhalten sie nur Absagen. Siham ist nun eine illegale Einwohnerin ihres eigenen Dorfes. Westbank-Ausweis-Inhabern ist es untersagt, An Numan zu betreten. Müllabfuhr, Ärzte, sogar Verwandte und Freunde können den Checkpoint unten am Fuß des Dorfes nicht passieren.

Israelisches Recht

„Seit ich geheiratet habe und hierher gezogen bin, hat sich mein Leben radikal verschlechtert“, sagt Siham mit Tränen in den Augen, während sie auf die Trümmer ihres Lebens blickt. Vor ihr zieht sich ein riesiger Schutthaufen von Bauresten hoch in den Himmel, der einst das Haus der Familie war. 2011 zerstörten israelische Bulldozer  ihr Heim, weil Bauen dort nicht erlaubt ist. Jetzt muss Siham seit zwei Jahren auf ihr steingewordenes Trauma blicken, weil Transporter von außerhalb nicht die Schuttreste wegfahren dürfen. Israelisches Recht. Manchmal wenn Siham mit ausländischen Besucherinnen spricht, wird sie nachdenklich. Sie begegnet Frauen, die nicht verheiratet sind, die sich selbst verwirklichen, studieren, streiten, sich trennen, ein Kind alleine großziehen. „Es ist eine riesige Verantwortung,  wenn man einen Ehemann hat und Kinder erziehen muss“, sagt sie. Der Mann mache,  was er wolle, aber sie als Frau müsse allein schon der Kinder wegen funktionieren. „Das ist nicht einfach.“

Europäerinnen kapierten es nicht

Im Fernsehen hat Siham viele Länder gesehen, China, Bolivien, Indien, Portugal. In Gedanken ist sie schon oft auf Reisen gegangen, hat ihren Koffer gepackt

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich...

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich…

und ist einfach abgehauen. Als Mitarbeiterinnen einer internationalen Organisation aus Bethlehem sie zu ihrer Abschiedsparty in die Stadt einluden, winkte sie ab. „Nein, das geht nicht, mein Mann möchte das nicht, ich kann hier nicht das Dorf verlassen“, gab sie den verdutzten Ausländerinnen zur Antwort. Es hat eine Weile gedauert bis die Frauen aus Europa begriffen: Das ist Sihams Art der Revolution. Zu bleiben, als Frau und Mensch, wo andere längst feige die Flucht ergriffen hätten. Hasta la victoria siempre, collega!

 Die Redaktion von Dreiecksbeziehung gratuliert am 8. März, dem Internationalen Weltfrauentag, allen Frauen aufs Herzlichste: Weiter so, ihr seid Spitze!

Nahalin – das ausradierte Dorf

23 Jan
Wird sein Dorf verlieren: Ein junger Bewohner von Nahalin.   Foto: Liva Haensel

Wird sein Dorf verlieren: Ein junger Bewohner von Nahalin. Foto: Liva Haensel

Rechte Regierung, Rechts-Mitte-Regierung oder Ultrarechts? Für die meisten Palästinenser spielt es kaum noch eine Rolle, wer an Israels Regierungsspitze steht. Als Bevölkerung unter Besatzung wird den 4 Millionen Bewohnern des Westjordanlandes und Gazas das Wahlrecht verwehrt. Die israelische Siedlungspolitik wurde schon in den 50iger Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv vorangetrieben, vor allem unter den liberal-linken zionistischen Parteien. Was das für einzelne Dörfer in der Westbank bedeutet, wird Dreiecksbeziehung künftig näher beleuchten. Frei nach dem Motto: In jedem Dorf  leben Menschen, jedes Dorf hat eine Geschichte. Sie soll hier erzählt werden.

Am 14. November 1991 erscheint ein unauffälliges Buch bei Atlantic Monthly in den USA. „A season of stones“  (Zeit der Steine) wird kein Weltbestseller und ist heute allenfalls nur noch

288 Seiten: Winternitz Buch. Foto: Atlantic Monthly

288 Seiten: Winternitz Buch. Foto: Atlantic Monthly

in Antiquariaten und bei amazon in Ausnahmefällen erhältlich. Doch das Buch mit dem Untertitel „Life in a palestinian village“ (Leben in einem palästinensischen Dorf) beschreibt auf leise und beeindruckende Art das Zusammenleben zwischen Bewohnern des Dorfes Nahalin und einer amerikanischen Journalistin während der Ersten Intifada. Helen Winternitz, unverheiratet, modern, unkonventionell,  lebt für ein Jahr lang in dem konservativen 8000-Seelen-Ort, der südwestlich von Bethlehem liegt. Schon damals war Nahalin, das Dorf im Tal, von jüdischen Siedlungen umringt.

60 Prozent des Landes verloren

Winternitz beschreibt in „The season of stones“, wie Bulldozer die Erde plattmachen und uralte Olivenbäume niederwalzen. Zudem findet in Nahalin ein Massaker israelischer Soldaten an der Zivilbevölkerung statt, bei dem sechs Männer getötet werden. Bis 2008 unterhält das Caritas Baby Hospital aus Bethlehem, das einzige spezialisierte Krankenhaus für Kleinkinder in der Westbank und Gaza, dort eine Zweigstelle für Mütter. Offiziell wird es aus Geldmangel dichtgemacht. Damit rutschte Nahalin wieder in seine alte isolierte Lage zurück, eingequetscht zwischen jüdischen Siedlungen und ohne nennenswerte Verkehrsanbindung an größere Städte.

Israelischer Ausweis – und dann?

UN-Grafik zur Situation Bethlehems.

UN-Grafik zur Situation Bethlehems. Nahalin liegt südwestlich der Stadt.

Heute ist Nahalin nur noch ein gelber Fleck auf der Landkarte, der von der israelischen Regierung ausradiert wird. Umgegeben von elf Siedlungen, davon am direktesten von Betar Illit

im Norden, Newe Daniyel im Südosten, Rosh Zurim im Süden und Nahal Gevaot im Westen, sehen die Bewohner dort einer ungewissen Zukunft umgeben. Das wird auch die neu gewählte Regierung jetzt nicht ändern, im Gegenteil. Die Nahaliner haben vergangene Woche nun darüber Gewissheit bekommen, dass ihr Dorf ab April zu Israel gehören soll. Das berichtet ein Mitarbeiter des Rathauses. Israel plane demnach, das verbliebene Land vollständig zu konfiszieren. Was dann aus den palästinensischen Bewohnern werden soll, ist unklar. Sie könnten ihre Westbank-Ausweise behalten, würden dann aber komplett eingekesselt sein von israelischem Gebiet und sich nicht frei bewegen können. Im Falle, dass die Regierung ihnen die israelische Staatsangehörigkeit geben würde, wären sie zwar israelische Staatsbürger in der Westbank. Damit wären sie aber von den anderen Gebieten, Freunden, Familienangehörigen und Arbeitsplätzen in Bethlehem und den umliegenden Dörfern ebenfalls abgetrennt. „Wenn wir zu Israel gehören werden, werde ich Nahalin verlassen und nach Ramallah gehen“, sagt der Mitarbeiter im Rathaus, der seinen Namen nicht nennen möchte. Dann sei die Zukunft für ihn gelaufen.  Sein ganzes Leben habe er in Nahalin verbracht, erzählt er, sei dort als Kind in den Bergen durch die Wälder gelaufen, habe laut gesungen und Verstecken gespielt mit seinen Freunden. Das ist vorbei, meint er und seine Stimme klingt belegt.

Angriff bei der Mandelernte

Die ehemaligen 12.000 Dunum Land (rund 120 Millionen Quadratmeter) Nahalins, von denen nach Angaben des Applied Research Institutes Jerusalem (ARIJ) 60 Prozent von Israel seit 1967 eingenommen wurde, stellen die Grundlage für die meisten Dörfler dar.  Sie bewirtschaften das Land seit Jahrhunderten, es ist ihre Existenz. Und gleichzeitig auch ihr Problem. Denn die israelischen Siedler aus dem religiösen Betar Illit von gegenüber lassen ihr kontaminiertes Abwasser direkt ins Tal laufen und verunreinigen auf diese Weise die Felder von Nahalin. Zudem

In der illegalen israelischen Siedlung Betar Illit leben 39.000 orthodoxe Juden. Foto: privat

In der illegalen israelischen Siedlung Betar Illit leben 39.000 orthodoxe Juden.
Foto: privat

kommt es immer wieder zu Angriffen auf palästinensische Bauern, die mit ihren Familien im Herbst die Mandel- und Olivenernte vornehmen. Erst im vergangenen Oktober griff eine Gruppe 30 junger Siedler zehn Nahaliner an, die gerade ihre Oliven von den Zweigen striffen und in Decken einsammelten.  Dabei fielen Worte wie „Sharmuta“ (Hure) und „Kusemek“ (Arschloch), mit der die Siedler die palästinensischen Frauen und Männer beleidigten. Nachdem die Gruppe auch noch Bäume und ganze Felder in Brand gesetzt hatte, erschienen schließlich israelische Soldaten mit einem Jeep. Eine Entschuldigung oder Schutz vor Angriffen erhielten die Dorfbewohner von ihnen nicht – geschweige denn rückwirkend eine Entschädigung für das zerstörte Land. „Für uns ändert sich hier nichts, egal, welche Regierung gerade an der Macht ist“, sagt der junge Rathausmitarbeiter resigniert. Es kann sein, dass in drei Monaten etwas passiert, das 1948 sehr oft praktiziert wurde: Ein palästinensisches Dorf wird einfach ausgelöscht vom israelischen Staat.

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