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Eine Frage der Menschlichkeit

22 Jan

In den deutschen Kinos läuft derzeit „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“, ein Film über vier Berliner Juden, die während der Nazizeit im Versteck überleben konnten. Nun, 75 Jahre später, hat die Bundesregierung entschieden, die Stelle einer/eines Antisemitismus-Beauftragten zu schaffen. Was ist los mit uns Deutschen? 

Von Liva Haensel

„Mich hat sehr berührt, dass dieser junge Mann im Film am Ende sagt, wenn man ein einziges Menschenleben rettet, dann rettet man die ganze Welt.“ Ein Publikumsbeitrag im Abaton-Kino in Hamburg am Sonntagmorgen. 200 Menschen sind gekommen, um sich den auf Zeitzeugen  basierenden Film „Die Unsichtbaren“ anzuschauen und nach der Vorführung darüber zu diskutieren. Der junge Mann im Film ist Cioma Schönhaus, einer der Protagonisten aus Berlin, der die Nazizeit — immer auf der Flucht und in dauernder Gefahr, erkannt und verraten zu werden, überleben konnte. Der Reichspropaganda-Minister Joseph Goebbels hatte 1943 Berlin als „judenfrei“ proklamiert. Tatsächlich hatten sich bis dahin etwa 7000 Juden dem Deportationsbefehl in den Osten widersetzt und lebten fortan im Untergrund in der Hauptstadt. „Die Unsichtbaren“ existierten nun offiziell nicht mehr. Sie schlüpften unter bei Freunden und Fremden, wochen- oder tageweise, illegal, ohne Geld und Papiere. Dieser Lebensgefahr setzen sich auch ihre Helfer aus. Menschen, die aus allen Schichten kamen, manchmal keine politischen Absichten verfolgten, aber tief in sich spürten, dass der tödliche Auslöschungsstrategie der Nationalsozialisten etwas entgegengesetzt werden musste.

Ich wollte etwas für mein Vaterland tun.                                                                     (Helene Jacobs, Widerstandskämpferin)

Schönhaus zitiert in der Schlussszene seine Retterin Helene Jacobs. Sie ermöglichte ihm, bis zum Schluss in einer Werkstatt als Passfälscher zu arbeiten. Am Ende warnte sie ihn noch vor einer drohenden Verhaftung — und wurde selbst abgeholt. Helene Jacobs gehörte der Bekennenden Kirche an und wurde zu 2,5, Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie habe ihm und anderen Juden mit falschen Papieren, Lebensmitteln und Quartier geholfen, um „etwas für ihr Vaterland“ zu tun, habe sie ihm einmal gesagt. Das hat ihn, den damals jungen Grafiker, der sich auf dem Fahrrad am Kriegsende durch das zerbombte Deutschland in die Schweiz durchschlug, sehr beeindruckt. Schönhaus konnte sich ein neues Leben in der Schweiz aufbauen, er gründete eine Familie und starb 2015. Vor der Kamera sieht man einen Menschen, der mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist. Vermutlich auch, weil er in dem Wahnsinn der Nazizeit, den er durchlitt, auf die Frage nach Menschlichkeit eine positive Antwort erleben konnte.

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Cioma Schönhaus (gespielt von Max Mauff). Fotos: TOBIS

Was ist heute los in Deutschland?

Die Menschen in dem Kinosaal haben einen Altersdurchschnitt von 55+. Junge Menschen unter 20 Jahren sind nicht gekommen. Die moderierte Diskussion, die die Hamburger Balint-Gesellschaft übernommen hat, ist emotional. Alle Teilnehmer drücken ihre Gefühle aus, packen in Worte, was sie beschäftigt. Aber ein wichtiger Aspekt fehlt: Was ist heute los in Deutschland? Wie steht es um unseren eigenen Rassismus und Antisemitismus? Sind wir, die Zuschauer, auf der sicheren Seite, weil wir Hochschulausbildungen und gute Jobs haben?

Zur Erinnerung: Eine rechte Partei sitzt im Bundestag und hat eine signifikante Wählerschaft in den neuen Bundesländern vorzuweisen. Die NSU konnte jahrelang agieren und morden ohne dass Staat und Gesellschaft es gemerkt haben (oder merken wollten). In Dessau wird ein Prozess nach langer Zeit wieder aufgerollt mit vielen Fragezeichen an die deutsche Justiz, bei dem ein Asylbewerber aus Sierra Leone mutmaßlich in seiner Zelle verbrannt wurde. Die Bundesregierung hat gerade das Amt einer/eines Antisemitismus-Beauftragten bestätigt.

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Das Waisenkind Hanny Levy (gespielt von Alice Dwyer) kommt bei Frau Kolzer (Naomi Krauss) in Tempelhof unter. Sie überlebt und wandert später nach Paris aus.

Der Antisemitismus-Bericht, der seit 2013 jährlich erscheint, gibt auf rund 300 Seiten Auskunft darüber, welche Formen des Antisemitismus es gibt, wie dieser ausgeprägt ist und welche Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben. Ein Punkt darin ist, dass Einrichtungen, die aufklären und fördern, unbedingt finanziell sichergestellt werden sollten. Ein paar Kapitel sind auch dem „Israel bezogenen Antisemitismus“ geschuldet. In diese Kategorie, die naturgemäß parallel zum Nahostkonflikt und Israels Anspruch auf die Westbank, Gaza und Jerusalem entstand, fällt vermutlich das Verbrennen israelischer Flaggen auf Demonstrationen in Deutschland. Auch geht der Bericht auf Judenfeindlichkeit unter Migranten und Muslimen ein. Dennoch stellt er am Ende  heraus: Antisemitismus ist ein primär rechtes Problem. Es muss in der Mitte der Gesellschaft bekämpft werden. Das Problem existiert in unseren Emotionen, eine Messung eben dieser ist eine schwierige Angelegenheit. Wir können uns ergo nicht zu den Wissenden stilisieren, die sich besser anders verhalten und die wir so gerne wären.

Ich kann eingreifen. Oder es sein lassen.

Zivilcourage kann man üben. In Trainings und Diversity-Workshops. Aber vor allem in Alltagssituationen, in ganz normalen Gesprächen. Im Kontakt mit Menschen, am besten vielen unterschiedlichen Menschen. Wie reagiere ich, wenn ich mitbekomme, dass auf dem U-Bahn-Steig ein schwarzer Mann von Polizisten nach seinen Papieren gefragt wird? Nehme ich als Nicht-Betroffene das „Racial Profiling“ überhaupt wahr? Ich kann eingreifen. Ich kann es auch sein lassen. Habe ich Kontakt mit jüdischen Schülern, Nachbarn, Bekannten, der Gemeinde in meinem Ort? Sogar die Volkshochschulen bieten Kurse zu Judentum und jüdischer Literatur an. Ich kann einen Kurs belegen. Ich kann es auch sein lassen.

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Ruth Gumpel (2. v. l, gespielt von Ruby O. Fee) serviert mit falscher Identität Delikatessen bei einem Nazi-Offizier. Sie und ihre Familie können so dem Holocaust entkommen.

Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren einmal in einer Berliner-S-Bahn Richtung Steglitz die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ las. Mir gegenüber saß ein Ehepaar, das sehr gut gekleidet war, beide etwa Ende 50. Die Frau guckte auf den Zeitungstitel, beobachtete mich eindringlich und guckte dann wieder auf den Titel. Schließlich trafen sich unsere Blicke und sie lächelte mich an. Ihr Lächeln bestand aus einem Mund, der zu einer Grimasse verzerrt war. In ihren Augen konnte ich eine Mischung aus Mitleid und Argwohn entdecken.

Dieses Erlebnis wäre eigentlich klein und fast unbedeutend gewesen. Hätte es mir damals nicht so deutlich gezeigt, was es bedeutet, auf einmal als „anders“ wahrgenommen zu werden. Mitten in der Weltstadt Berlin.

 

Der Film „Die Unsichtbaren“ des Regisseurs Claus Räfle läuft seit November 2017 in den deutschen Kinos. 

Jakob, der Lügner?

19 Feb
"Ich bitte Sie, beenden Sie diesen Krieg." Bar Mitzwah an der Klagemauer in Jerusalem 2012. Foto: Liva Haensel

„Ich bitte Sie, beenden Sie diesen Krieg.“ Bar Mitzwah an der Klagemauer in Jerusalem 2012.
Foto: Liva Haensel

Im Januar erhitzte der Antisemitismusstreit um den Freitag-Herausgeber und Publizisten Jakob Augstein die deutschen Gemüter. Jetzt ist ein Buch erschienen, das wissenschaftlich antisemitische Sprache analysiert. „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ könnte Antworten auf die Frage geben, wo genau Antisemitismus beginnt. Aber es hinterlässt eher Fragezeichen.

Von Liva Haensel

Berlin – Inge Deutschkron steht vorne am Rednerpult im Berliner Centrum Judaicum, eine kleine Person mit fester Stimme. Sie ist 90 Jahre alt, man sieht ihr das Alter nicht an. „Ich habe im Holocaust meine ganze Familie verloren“, sagt sie, „und als der Krieg zu Ende war, bin ich durch die Stadt gegangen und habe zu mir selbst gesagt: So was wie Antisemitismus wird es hier nie wieder geben.“ Die rund 100 Besucher, die zur Buchvorstellung gekommen sind, lauschen aufmerksam als sie weiter redet: „Aber ich glaube, Antisemitismus in Deutschland hat nie aufgehört. Und er wird auch nie aufhören.“

In der Mitte der Gesellschaft

224 Seiten, ISBN 978-3-423-30000-1 24. Auflage, November 2012, 12,90 Euro, dtv Foto: dtv

224 Seiten, ISBN 978-3-423-30000-1
24. Auflage, November 2012, 12,90 Euro, dtv
Foto: dtv

Inge Deutschkron, Berliner Jüdin, überlebte den Naziterror, weil sie sich zweieinhalb Jahre unter schwierigsten Bedingungen und mit Hilfe von Freunden gemeinsam mit ihrer Mutter verstecken konnte. Die Nationalsozialisten ermordeten fast alle 66.000 Berliner Juden, die ab 1941 in die Konzentrationslager im Osten deportiert wurden. Nur 1423 von ihnen überlebten. Inge Deutschkron ist eine von ihnen. Sie hat mehrere Bücher darüber geschrieben, am bekanntesten ist ihr Werk „Ich trug den gelben Stern“, den in Deutschland jedes Schulkind kennt. Als Botschafterin gegen Antisemitismus und als Erzählerin ihrer eigenen Leidensgeschichte geht sie noch immer regelmäßig in Schulen und berichtet darüber. Ihre Rede, die sie am 30. Januar dieses Jahres im Bundestag hielt und ihre Worte im Centrum Judaicum decken sich mit den Ergebnissen der Studie „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“. Die Verfasser des Buches sind Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz, sie Linguistik-Professorin an der TU Berlin, er Historiker an der Brandeis Universität in Massachusetts. Beide kommen in ihrem 444-Seiten-Werk zu dem Schluss, dass Antisemitismus in der Mitte der deutschen Gesellschaft sitzt. Ihre Auswertung von über 14.000 Briefen und E-Mails an den Zentralrat der Juden in Deutschland und die israelische Botschaft in den Jahren 2002 bis 2012 lautet zugespitzt: Antisemitismus ist vor allem in gebildeten Kreisen verbreitet. Es sind Ärzte und Pfarrer, Lokalpolitiker und Lehrer, die Schmähkritik an Juden üben und gerne betonen, dass sie dennoch „keine Nazis“ seien. Das ist erschütternd.

„Ihr drangsaliert die armen Palästinenser“

Eine Holocaustleugnung komme so gut wie nicht vor in dem untersuchten Material, dafür aber historisch tradierte Vorurteile gegenüber Juden, die sich

intensiv anhand von Kritik an der Politik Israels bemerkbar machen und denen beide Wissenschaftler das Kapitel „Anti-Israelismus als moderne Formvariante des Verbal-Antisemitismus“ mit mehreren Unterebenen widmen. „Anti-Israelismus ist die dominante Erscheinungsform des modernen Antisemitismus“, sagt die Wissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel. Dabei greife der Kritiker auf Juden als Kollektiv zurück, er dämonisiere oder abstrahiere sie und stelle sie als Stellvertreter für den Staat Israel dar. Der Gegensatz zum Anti-Israelismus ist in ihren Augen die legitime Israel-Kritik. „Es ist

Erscheinungsdatum Dezember 2012,  ISBN 978-3-11-027772-2  , Europäisch-jüdische Studien – Beiträge 7, 79,90 Euro, Verlag De Gruyter

Erscheinungsdatum Dezember 2012,
ISBN 978-3-11-027772-2 , Europäisch-jüdische Studien – Beiträge 7, 79,90 Euro, Verlag De Gruyter

einfach nicht wahr, dass man Israel in Deutschland nicht kritisieren darf, dass das ein Tabubruch sein soll“, sagt Monika Schwarz-Friesel und ist sichtlich erregt. Gerade die deutschen Medien würden Israel sehr häufig als Aggressor darstellen, betont sie, lässt aber ungesagt, woran sie das belegt. Den Besuchern zeigt sie Zitate aus Mails und Briefen, die sie untersucht hat. „Ihr drangsaliert die armen Palästinenser völlig grundlos und sperrt sie hinter Mauern. Pfui!“  hat dort jemand an die israelische Botschaft am 10.3.2011 geschrieben. Dass es sich um Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der israelischen Zivilbevölkerung handele (die nach zahlreichen terroristischen Attacken eingeführt worden seien), bleibe unerwähnt, schreiben Schwarz-Friesel und Reinharz in ihrem Werk. Von Wissenschaftlern würde man etwas anderes erwarten: nämlich, dass sie nicht nur die offizielle PR-Kommunikation Israels wahrnehmen, sondern sich zumindest differenzierter auf Grundlage des Internationalen Völkerrechts und den Entscheidungen  von israelischen Gerichten sowie dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag (der den Mauerverlauf 2004 kritisierte) auskennen. Demnach verläuft die israelische Sperranlage zu 85 Prozent auf palästinensischem Gebiet und immer dort, wo die illegalen jüdischen Siedlungen stehen, die direkte Nachbarbauten der Palästinenser sind. Das führt ebenfalls zu Terror, nach UN-Angaben aber vor allem von israelischen  Siedlern verursachtem.

Ist das antisemitisch?

Es gibt viele eindeutige Fälle in all dem untersuchten Material, die gar keine Diskussion darüber entstehen lassen, ob sie antisemitisch sind oder nicht. „Hallo ihr bluttriefenden Judenschweine! Ich bestreite ein Existenzrecht Israels und ein Lebensrecht der jüdischen Pestilenz.“ (an die israelische Botschaft vom 26.4. 2009) ist eine mit antisemitischen, indiskutablen Stereotypen durchsetzte Mail. Aber was ist mit „Stoppt eure Brüder in Israel und macht endlich Frieden?“ Oder: „Ich protestiere nachdrücklich und entschieden gegen die fortgesetzten und vorsätzlichen Vergehen gegen die Menschenrechte… Es ist eine Schande, durch nichts zu rechtfertigen, Israel stellt sich nach meiner Ansicht dadurch in die Reihe der Schurkenstaaten.“ Letzteres Schreiben ist für den Adressaten nicht schön, es ist kein Kompliment, irgendwie beleidigend und sehr direkt. Aber ist es antisemitisch?

Der Antisemitismus wird zunehmen

Jakob Augstein ist es, zumindest nach Ansicht von Schwarz-Friesel. Sie habe, so erzählt sie, allein 12 Verbalantisemitismen in Augsteins umstrittenen Spiegel-Kolumnen „Im Zweifel

Gibt seit 2009 den "Freitag" heraus: Jakob Augstein

Umstritten: Freitag-Herausgeber Jakob Augstein.
Foto: Jakob_Augstein_2010.jpg: xtranews.de derivative work: Hic et nunc  via Wikimedia Commons

links“ gefunden, die „eindeutig“ seien. Typisch für Antisemiten ist, dass sie die Realität ausblenden. Augstein sei noch nicht ein Mal in Israel gewesen, das sei merkwürdig, weil er ja so eine klare Meinung zum Nahostkonflikt habe, sagt Schwarz-Friesel, die selbst mit einem israelischen Juden verheiratet ist. Was aber ist die Realität in einem komplexen Konflikt inmitten einer komplexen Welt? „Durch die Politik Israels, durch die Besatzung der palästinensische Gebiete wird der Antisemitismus weltweit wieder steigen“, hat Ada Gorny, eine israelische Menschenrechtsaktivistin von „Machsom Watch – women against occupation and for human rights“ einmal gesagt. Das sei gefährlich, Israel verhalte sich absolut falsch mit seiner Siedlungspolitik, kritisiert sie, deren Mutter 1933 aus Hamburg ins damalige Palästina fliehen musste. Das hat auch Augstein gesagt. Ist er ein Lügner, wenn er behauptet, er sei kein Antisemit?

Emotionen zwischen Buchdeckeln

Ob also tatsächlich 90 Prozent der Schreiber des untersuchten Materials im Buch Antisemiten sind, können die Wissenschaftler ebenso wenig konkret beantworten wie auch die Frage, wie genau sich legitime Israel-Kritik anhören darf. Doch das ist genau der Knackpunkt. Ein Buch, das viel verspricht im wissenschaftlichen Gewand. Aber am Ende doch aufzeigt: Es gibt keine reine Wissenschaft, sondern am Ende köcheln die Emotionen zwischen den Buchdeckeln. Und ein Rabbiner Cooper erscheint noch nicht einmal zu einer Buchvorstellung, die ihm aus der Seele gesprochen hätte.

Ich hab kein Heimatland oder: Le chaim!

24 Jul
Max Raabe und das Palastorchester.    Foto: www.palastorchester.de

Max Raabe und das Palastorchester. Foto: http://www.palast-orchester.de

אהבה באה, אהבה הולכת Die Liebe kommt, die Liebe geht. Pause. Mit diesen Worten beginnt Max Raabe, der Chansonier mit seinem Berliner Palastorchester,  seine abendlichen Konzerte, damit stimmt er sein Publikum in Israel und sich selbst musikalisch ein.  Alle Lieder, Chansons und legendären Schlager, die er singt, stammen mehrheitlich aus der Feder jüdischer Komponisten. „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘“, „Bei mir bist Du schön“, „Armer Gigolo, schöner Gigolo“.  Es ist eine Hommage an die goldenen Zwanziger Jahre der Weimarer Republik, an die übersprudelnde Musikindustrie mit ihren frechen Texten und den augenzwinkernden Noten, der Ironie, dem Sarkasmus und Schalk im Nacken.  Das Markenzeichen dieser Lieder ist, das sie oft  – beladen mit Schwerstgewicht zwischen den Zeilen – leichtfüßig daherzukommen scheinen.  Tabus, wie Homosexualität, Geschlechtervermischung und Anderssein, werden mit dem Notenschlüssel gebrochen und bohren sich in Herz und Hirn. Denn: Wer denkt bei „Veronika, der Lenz ist da“ tatsächlich an frischen Spargel?

Wie soll man Worte finden?

Vielleicht war es auch ein Tabu, das Max Raabe brach, als er sich 2010 mit seiner Crew nach Israel aufmachte. Zumindest bricht er das Eis, irgendwie, manchmal hilflos, vor allem aber mit der Musik. Die internationale Tournee der deutschen Musiker – elf Instrumentalisten, eine erste Geige, ein Sänger – sollte ihren Abschluss in dem Land krönen, das so vielen deutschen Juden nach dem nationalsozialistischen  Terror zur zweiten Heimat geworden war. Max Raabe lud ein und die Jeckes kamen. Vier Regisseurinnen haben Raabes Tournee, seine Gespräche mit deutschen Juden und Begegnungen mit der Kamera begleitet. Die Dokumentation „Max Raabe in Israel“ lief kürzlich im Fernsehen. „Peinlich“ sei es manchmal gewesen, er habe manches Mal nicht gewusst, was er hätte sagen sollen zu den Überlebenden des Holocaust, gibt Raabe darin offenherzig zu. Wie Worte finden für diejenigen,  die es noch geschafft hatten aus Nazi-Deutschland rauszukommen, während ihre restlichen Verwandten in Konzentrationslagern vergast wurden?

An einer Stelle erwidert Raabe einer jungen israelischen Reporterin in Armeekleidung, die bei den Verteidigungskräften Zahal dient, dass die jüdischen Songschreiber auf Deutsch

Friedrich Hollaender, jüdischer Komponist und Revuetexter.  Von ihm stammt die Filmmusik aus "der blaue Engel".    Foto: jewprom.com

Berühmt geworden: Friedrich Hollaender schrieb die Filmmusik zu „Der blaue Engel“. Foto: jewprom.com

texteten, weil es ja ihre Muttersprache gewesen sei. Die Soldatin, vielleicht 25 Jahre alt und Enkelin von deutschen Holocaust-Überlebenden, hatte zuvor vorwurfsvoll gefragt, warum ausgerechnet auf Deutsch gesungen wird. Doch nicht alle sind voreingenommen oder assoziieren mit Deutschen nur Nationalsozialisten, das wird klar. Dass Juden zum Erstaunen vieler (meist nicht-jüdischer) Menschen verschieden sind und jüdisch nicht gleich jüdisch ist, zeigt sich wunderbar durch den ganzen Film hinweg. Da ist Shimon Yaron, der eigentlich mal Siggi hieß und in Berlin geboren wurde. Trotz der Kränkungen, Diskriminierungen und Verfolgung durch die Deutschen im Dritten Reich, ist dieser Mann reich an Würde und Bedachtsamkeit. „Jeder so wie er kann“, sagt der damals 90-Jährige zu Max Raabe im Flugzeug von Berlin nach Tel Aviv mit Berliner Dialekt und lacht. Hanna Schächter, 1936 mit einem Kindertransport nach Palästina entkommen, gibt zu, dass sie Berlin, „die Heimat“, immer noch liebt. Aber auch, „dass man das in Israel nicht sagen darf“, sagt sie verschmitzt hinter vorgehaltener Hand während ihr Enkelsohn, in Münster geboren, neben ihr sitzt und zuhört.

Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?

Max Raabe, der große deutsche Mann mit Po-Scheitel und Pomade, stakst ins Tote Meer, die Kamera geht mit. Grinst und zeigt Zunge. Zupft sich den Frack zurecht, bedankt sich artig beim Auditorium, redet über Gefühle und Religion. Und bleibt trotzdem sehr ungenau dabei. Es fallen Begriffe wie „Tragweite“, „schönes Land“ und „Offenheit“. Die „Probleme“ im Land werden nur vage erwähnt ohne sie tatsächlich zu bezeichnen, sie sind „ein anderes großes Thema“.  Auch ist erstaunlich, dass sich der Sänger, dessen Repertoire so immens viele deutsch-jüdische Urheber hat, so wenig mit dem Leid eben dieser und damit dem seines Publikums auseinandergesetzt hat. „Das kannte ich nicht“ und: „Das wäre zu schlimm für mich gewesen“, sagt er über die Schicksale der Jeckes. Aber warum nur? Ist es nicht schlimmer für diejenigen, die durch die deutsche Musik in dem Konzert an ihre Heimat erinnert werden, die ihnen am Ende das Gefühl gab, dass sie nichts mehr wert waren? „Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?“ Das fragt die Mutter ihren Sohn in einem der letzten Briefe 1935 aus Deutschland, nachdem sie ihn gerade noch in den rettenden Zug setzen konnte. Der alte Mann, Shimon Yaron,  liest ihn vor, er sitzt auf einem Stuhl, dann legt er die Briefe zurecht. Seine Hände zittern.

Deutsche Lieder will keiner hören

Keiner in Israel wolle die deutschen Lieder mehr hören, sagt Michael Ballhorn, ein alter deutscher Jude, beim Jerusalem Film Festival jetzt im Juli. Max Raabe ist wieder dabei, zwei Jahre nach der Tournee in Israel kehrt er zurück, um der Premiere der Doku beizuwohnen – und zu singen.  Ballhorn deutet damit etwas an, auf das der Videobeitrag der ARD nicht weiter eingeht:  Die Tragik, dass das Leid der Holocaust-Überlebenden, ihre Traumata und Schmerzen, nicht zu einem starken und jungen Israel der Nachkriegszeit passten. Man wollte den jüdischen Staat aufbauen, ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag legen. Deutsch war die Sprache der Täter, die Jeckes sollten schnell Hebräisch lernen und das alte hinter sich lassen. Der Holocaust als Absage an die deutschen Juden, die Jahrhunderte lang um Assimilation und Gleichberechtigung gerungen hatten, als vor allem Deutsche, dieser Bruch, der weitere Ängste und Spannungen nach sich zog, hätte einer intensiven Wundheilung bedurft. Aber dafür war kein Raum.

Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem?

Immerhin, mag man am Ende erleichtert denken: Max Raabe hat es gut hinbekommen. Man atmet durch als Deutscher, wenn man die Doku sieht. Das Palastorchester mit seinem Sänger wurde in der israelischen Presse gefeiert. Das Eis war dünn, aber Raabe ist gut darauf entlangbalanciert, hat Eisschollen umschifft.  Er hat eine Hand ausgestreckt und ist mit einer Großzügigkeit dafür von den deutsch-israelischen Zuschauern belohnt worden , die nicht selbstverständlich ist. Das ist doch was. Ein Anfang. Da drängt sich die Frage auf: Könnten auch Palästinenser etwas mit deutscher Musik anfangen, die in den 20iger und 30iger Jahren populär war? Und dann noch von jüdischen Komponisten? Vielleicht in Ramallah, im Goethe-Institut oder im Al-Kasaba-Theater? Die nächste Doku könnte heißen: „Max Raabe in Israel und Palästina“. Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem. Lebe wohl, gute Reise!

Max Raabe ist wieder auf Tournee, und zwar unter anderem im wilden und nicht Nahen Osten, Terminplan hier.

Hörprobe von: „Ich hab kein Heimatland – jüdischer Tango“ von Friedrich Schwarz. Schwarz, Pianist und Schlagerkomponist, musste Nazi-Deutschland  1933 verlassen und wurde wenig später in Paris ermordet. 

*Le chaim (hebr.)= auf das Leben!

„Ich will alles sehen!“ – Mit einem Palästinenser zu Besuch im KZ

17 Jun
Waschbereich, Baracke im KZ-Sachsenhausen. Hier wurden dutzende Häftlinge von SS-Wachmännern ertränkt.   Foto: Liva Haensel

Waschbereich, Baracke im KZ-Sachsenhausen. Hier wurden dutzende Häftlinge von SS-Wachmännern ertränkt. Foto: Liva Haensel

Das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin war das erste KZ, das die Nationalsozialisten in Preußen errichteten. Von 1936 bis 1945 ermordete die SS dort zehntausende politische und jüdische Häftlinge, darunter auch den Schriftsteller Erich Mühsam und den Hitler-Attentäter Georg Elser. Das Curriculum zum Thema Zweiter Weltkrieg, Konzentrationslager und Holocaust sieht in dem meisten palästinensischen Schulen eher dürftig aus. Schüler in Palästina lernen nur unzureichend  im Unterricht, wie die Besatzungspolitik Hitlers genau aussah und wie sich das Leben europäischer Juden von anfänglicher Diskriminierung bis hin zum totalen Rassenwahn der Nazis dramatisch veränderte. Der Holocaust gilt nach wie vor als Tabu in der Diskussion, weil er offiziell die Legitimation für einen jüdischen Staat darstellt und Palästinenser dies als Gefährdung ihrer eigenen Existenz wahrnehmen. Das Interesse von Palästinensern, mehr über deutsche Geschichte und Judenverfolgung zu erfahren, ist dennoch groß. Ein Besuch mit einem Palästinenser im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Oranienburg, Eingang zum ehemaligen Konzentrationslager. Im Eingangsbereich stehen graue Blöcke, die trist in den Himmel ragen. Ein paar japanische Touristen streifen über das Gelände und knipsen Fotos.

Die Deutsche: So, hier sind wir also. An der Info liegt ein Plan zum KZ. Komm, wir gucken uns das mal an. Ich frage den Herrn an der Info, ob es den auch in Englisch gibt. Vielleicht haben sie sogar einen in Arabisch.

Zum Mitarbeiter an der Info: Hallo, guten Tag! Wir würden gerne einen Übersichtsplan in Deutsch haben und einen in Englisch. Gibt es den eigentlich auch auf Arabisch?

Mitarbeiter KZ Sachsenhausen: Nee, tut mir leid. Auf Arabisch? Nee, also, danach hat noch nie jemand hier gefragt, ehrlich gesagt. Sie sind die ersten.

Der Palästinenser: Oh, ich bin der erste. Noch nie hat jemand nach einem Infoplan auf Arabisch gefragt. Ok. Irgendwann ist immer das erste Mal. (lacht, dann zur Deutschen): Komm!

Die beiden machen sich auf, um das Gelände zu erkunden. In den letzten Jahren hat die Mahn- und Gedenkstätte die ehemaligen Baracken wiederaufgebaut und viele originale Details wiederhergestellt, um Besuchern einen authentischen Eindruck davon zu vermitteln, wie das KZ bis 1945 aussah und unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Häftlingen dort leben und arbeiten mussten.

Der Palästinenser: Ich möchte sehen, was den armen Juden passiert ist hier. Ja, ich will das alles sehen.

Die Deutsche: Was weißt Du denn? Habt ihr das in der Schule denn nicht gelernt? Was genau hat der Lehrer Euch denn erzählt?

Der Palästinenser: Ich weiß, dass Hitler sechs Millionen Juden umgebracht hat. Er hat den Krieg angefangen. Aber sag mal, hat er denn nur Böses gemacht? War nichts, wirklich nichts gut an ihm?

Die Deutsche: Du stellst komische Fragen! Nein, es war nichts gut an ihm, gar nichts. Er hat einen Pakt nach dem anderen gebrochen, mit den Nachbarländern und den anderen. England, Frankreich, Polen und so weiter, was meinst Du, warum die Deutschen so unbeliebt sind. Das ist unser Erbe, das ist so. Wir werden nie geliebt werden. Und Hitler hat die europäischen Juden verfolgt, erst perfide und leise, aber dann kamen die Nürnberger Rassengesetze und es wurde gesellschaftsfähig, dass man antisemitisch war. Erst dürfen Juden nicht mehr als Ärzte arbeiten, dann nicht mehr an der Universität, es ging immer so weiter, dann dürfen sie ihr Haus nicht mehr verlassen nach 18 Uhr, Ausgangssperre, einfach, weil sie Juden sind. Sie dürfen sich nicht mehr auf Parkbänke setzen. Sie werden ausgeschlossen aus der Gesellschaft, kannst Du Dir das vorstellen? Das Wasser wird ihnen abgegraben, die Luft zum Atmen genommen. Was soll daran gut sein? Die Nazis haben diese Menschen getötet, sie haben damit einfach Leben ausgelöscht und auch eine vielfältige Kultur vernichtet, die wir nicht wiederbekommen werden. Erinnerst Du Dich daran, dass ich Dir von Ada erzählte, der israelischen Friedensaktivistin mit der deutschen Mutter? Die Mutter hat ja nie über diese ganzen Diskriminierungen mit ihrer Familie gesprochen, aber es hat Spuren hinterlassen. Ada sagt, sie möchte nicht nach Deutschland fahren, in das Land der Täter. Das verstehe ich irgendwie. Auch wenn wir keine Mörder mehr sind.

Der Palästinenser (bleibt vor dem Galgen stehen auf dem Appellplatz, den die SS für öffentliche Hinrichtungen nutzte, um die anderen Häftlinge damit abzuschrecken): Ja, ich erinnere mich, die Ada habe ich ja selbst kennengelernt. Aber sag mal, warum fühlst Du Dich jetzt immer noch schuldig als Deutsche? Das verstehe ich irgendwie nicht. Du hast damals nicht gelebt, Du bist nicht für den Tod von sechs Millionen Juden verantwortlich. Ich begreife nicht, warum Deutschland gesamt in diesem Schuldgefühl verstrickt ist. Und dann alles macht, was Israel will. Das ist merkwürdig. Es behindert einen palästinensischen, lebendigen Staat. Es ist schlimm, was Deutschland den Juden angetan hat. Aber es ist vorbei.

Die Deutsche: Das verstehst Du nicht. Ich bin Deutsche, ich werde es immer sein. Wenn ich verantwortlich mit meiner Geschichte umgehe, dann heißt das, dass ich den Holocaust nie vergesse, er ist immer präsent für mich. Unsere Außenpolitik muss diplomatisch sein, das erwarten sowohl die Palästinenser als auch die Israelis von uns. Wir können nun mal nicht einfach reinhauen und sagen: So, jetzt reicht es mit der kolonialen Politik, mit dem Zionismus, ihr habt euren Staat, jetzt sind die Palästinenser dran. Das ist hochsensibel. Aber ja, es stimmt schon, eine uneingeschränkte blinde Solidarität mit Israel nach dem Motto „Wir-machen-alles-mit“, das ist natürlich Unsinn. Wenn ich hier stehe und die Baracken sehe, die Gitter, den Appellplatz, dann muss ich mir auch eingestehen, dass palästinensische Häftlinge von ähnlichen Haftbedingungen berichten, von Folter und Erpressung. Der Holocaust war einmalig in seiner Grausamkeit, aber Unmenschlichkeit ist kein Attribut, was nur die Deutschen gepachtet haben, sicher nicht.

Beide gehen in das sogenannte „Kleine Lager“, in dem vor allem jüdische KZ-Häftlinge einsaßen. Sie bleiben vor den Waschräumen stehen: In der Mitte steht ein Becken, ähnlich einem schäbigen Springbrunnen, an dem sich bis zu 50 Gefangene wuschen. Links daneben befinden sich kleine Waschbecken am Boden. Die Infotafel am Türrahmen verrät, dass die Wachleute dort gerne Häftlinge ertränkten, indem sie ihren Kopf in das Wasser hielten. Beide bleiben stehen, sie lesen den Text und starren auf die Waschbecken. Stille.

Der Palästinenser macht Fotos mit seiner Digitalkamera: Das muss ich Shlomi zeigen, meinem Freund in der jüdischen Siedlung. Ich werde ihm erzählen, dass ich hier war. Das glaubt er nur, wenn er die Fotos sieht.

Die Deutsche: Ja, aber sei vorsichtig. Das setzt ihm bestimmt zu, wenn er das sieht. Du sagtest ja, er kommt aus den USA, aber vielleicht hat er Verwandte, die in einem KZ in Europa umkamen. Wer weiß, vielleicht redet ihr irgendwann mal darüber. Die Nazis waren sehr kreativ in Bezug auf Mordmethoden. Einige wurden berühmt-berüchtigt dafür, wie sie die Häftlinge quälten.

Der Palästinenser nickt und geht dann weiter. Beide treten in die Baracke 37 ein, in der die Häftlinge auf Holzpritschen schliefen. Schließlich sehen sie sich die Einzelzellen für die politischen Gefangenen an. In den Zellen hängen Gedenktafeln an die Ermordeten und die Fahnen ihrer Länder. Einige Zellen waren völlig abgedunkelt, um die Insassen durch Lichtentzug besonders zu strafen.

Der Palästinenser: Das ist trostlos hier. Der Tod ist in jedem Winkel spürbar, die Trauer. Auch ich habe mal in einem Gefängnis gesessen, in Israel, in Einzelhaft, ohne Licht. Drei Monate lang. Am Ende weißt Du nicht mehr, wo oben und unten ist, welcher Tag ist, welche Uhrzeit. Du hast niemanden zum Reden. Du denkst nach und dann hörst Du auf, Du schläfst ein bisschen, wachst auf, nickst wieder ein. Du hast kein Gefühl mehr – für nichts.

Die Deutsche (geschockt): Du warst in Einzelhaft? Das wusste ich nicht. (nach einer Weile) Okay, das ist deine Geschichte. Aber das kannst Du jetzt nicht mit dem Holocaust vermischen, finde ich. Das hier ist was anderes. Hast Du eigentlich die Inschrift gesehen in der Eingangstür zum Appellplatz? „Arbeit macht frei.“ Das steht auch in Auschwitz in Polen. Die Nazis benutzten gerne solche ironischen Sprüche, purer Hohn.

Der Palästinenser: Oh, das wusste ich nicht. Auschwitz, ja, davon habe ich gehört. Können wir dahin fahren, was meinst Du? Ich würde mir das gerne ansehen.

Die Deutsche: Hm, würde ich gerne, aber lass uns erst mal hier weitermachen, bevor wir gleich nach Polen fahren. Sachsenhausen ist nicht so anders, auf dem Plan steht, dass sie hier auch medizinische Experimente gemacht haben und dass es dort drüben (zeigt mit dem Finger Richtung Westen) ein Krematorium mit Verbrennungsöfen gab.

Der Palästinenser wendet sich nach links und entdeckt den Erschießungsgraben, in dem KZ-Wächter tausende Kriegsgefangene und Oppositionelle töteten. Er geht die Rampe hinunter und steht nun an der Stelle, an der die Häftlinge kurz vor ihrer Erschießung standen.

Die Deutsche: Geh da weg, das ist gruselig, ich kann das nicht  mit ansehen! (Sie folgt ihm langsam und liest den Text der Gedenktafeln durch, die dort hängen.)

Der Palästinenser: Du, aber was sieht man nun wirklich hier? Ich will doch alles sehen, das habe ich Dir doch gesagt!

Die Deutsche: Reicht es nicht, dass wir hier sind? 1945 ist nun mal vorbei. Glaubst Du die Geschichte erst, wenn die Leichen wiederauferstehen? DU bist an einem Originalschauplatz, mehr geht nicht. Vielleicht weißt Du einfach zu wenig über die Zeit damals.

Der Palästinenser: Ja, ich glaube, ich muss noch mehr lesen darüber. Dann verstehe ich alles besser. Es gibt nicht so viel arabische Literatur über den Holocaust und die Judenverfolgung und das Dritte Reich. (Geht zur Mauer mit einem meterlangen Text, der über den Alltag der Häftlinge in Sachsenhausen, Einzelschicksale und die Bau-Etappen des KZ berichtet.)

Nach vier Stunden.

Deutsche: Du, wir müssen gehen, die schließen. Es ist 18 Uhr. Bis zum Ausgang ist noch ein weiter Weg, wir müssen uns ein bisschen beeilen.

Der Palästinenser: Nee, ich bleibe noch. Wir haben noch nicht mal die Hälfte geschafft. Wir müssen unbedingt wiederkommen, ich muss noch weiterlesen. (Knipst rund 15 Fotos von KZ-Gelände). Ich bin noch lange nicht fertig.

 Zur Website „Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen“ hier
Das „Arab Educational Institute“ (Arabisches Institut für Bildung und Erziehung) mit Sitz in Bethlehem hat kürzlich eine Publikation für arabische Jugendliche zum Thema Holocaust herausgebracht. Website hier
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