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Hexenjagd in Tel Aviv

19 Mai

 

Von Liva Haensel

In Israel geht die Marginalisierung von israelischen Menschenrechtsorganisationen in eine neue Runde. Die Nichtregierungsorganisation „Breaking the silence“ muss sich nun vor der Staatsanwaltschaft erklären. Die Organisation, die seit 2004 Augenzeugenberichte von israelischen Soldaten aus den völkerrechtswidrig besetzten palästinensischen Gebieten veröffentlicht, soll jetzt nach Informationen der Zeitung Haaretz Auskunft Weber die Identität und gesamte Kommunikation eines ihrer Autoren geben, der fuer die Publikation und Videos „This is how we fought in Gaza“ „ (erschienen im Mai 2015) Zeugnis abgelegt hat. Die Publikation beinhaltet Berichte von Soldaten zum Gazakrieg im Sommer 2014, in dem rund 2200 Palaestinenser starben, darunter  auch 500 Kinder. Der Organisation wird vorgeworfen, nicht nur die israelische Besatzung als solche, sondern auch die Moral selbst in der israelischen Armee in Frage zu stellen. Die Zeugnisse der Soldatinnen und Soldaten, die ueber ihre Armeezeit berichten, geschieht normalerweise anonymisiert. „Breaking the silence“ legt Wert darauf, dass dies auch in Zukunft so bleibt. „Die Staatsanwaltschaft hat nun von Grund auf entschieden, ihr  politischstes Instrument einzusetzen. Aber wir hoffen, dass die Richter sich weigern, dieses Spiel mitzumachen“, kommentierte der Mitgründer der NGO, Jehuda Shaul, die aktuellen Ereignisse in der französischen Zeitung „Le Figaro“.

Besatzung greifbar machen: Teilnehmer einer Tour der NGO in den suedlich von Hebron gelegenen Bergen. Foto: Breaking the silence

Besatzung greifbar machen: Teilnehmer einer Tour der NGO in den südlich von Hebron gelegenen Bergen.                                              Foto: Breaking the silence

Verheerende Folgen

Die israelische Armee hatte nach dem Erscheinen des Berichts im vergangenen Jahr selbst acht Untersuchungen angeregt. Dabei hatte sie „Breaking the silence“ um konkrete Informationen zu Soldaten gebeten. Das Argument, die Untersuchungen in den eigenen Reihen damit zu unterstützen, haelt die NGO fuer einen Vorwand. Die erste Anhörung vor der Staatsanwaltschaft ist fuer den 22. Mai vorgesehen. Wenn die Richter entscheiden, dass  „Breaking the silence“  künftig seine Zeugen offenlegen muss, koennte dies verheerende Folgen fuer alle Menschenrechtsorganisationen in Israel haben. Bisher konnten Soldaten, die kritisch ueber die Armee berichten, aehnlich wie Journalisten als Quellen geschützt werden. Wenn dies aufgehoben werden sollte, wuerde damit die Meinungsvielfalt weiter eingeschränkt werden. Die Organisation, die rund 200 Mitglieder mit Sitz in Tel Aviv hat, wird unter anderem von ausländischen Gebern finanziert. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte im vergangenen Jahr ein Gesetz auf den Weg gebracht, dass vornehmlich auf linke, besatzungskritische Menschenrechtsorganisationen abzielt. Diese muessen kuenftig ihre Geldgeber offenlegen.

„Breaking the silence“ war in der Vergangenheit wiederholt Zielscheibe von Cyberattacken geworden. Jehuda Shaul berichtet auch von unangekündigten Durchsuchungen. Erst kürzlich hatte ein ehemaliger Generalstabschef der israelischen Armee die voranschreitende Zensur im Land mit der Situation im nationalsozialistischen Deutschland verglichen.

Anmerkung der Redaktion: dreiecksbeziehung hat bereits 2012 ueber die Organisation „Breaking the Silence“ berichtet. Das Gespraechsprotokoll eines der Mitarbeiter, Avihai Stollar, finden Sie unter dem Titel „Israelis fuer Frieden“.

Hebrons Superwoman

27 Sep
Nawal Slemiah vor einer ihrer Stickereien im Ladengeschäft in Idna.     Fotos: lha

Nawal Slemiah vor einer ihrer Stickereien im Ladengeschäft in Idna.           Fotos: lha

„Men can do something – women can do anything“. Der Schriftzug auf der kleinen Geldbörse ist echte Handarbeit, und er ist von Frauenhand gestickt. Naval Hassan Mahmood Slemiah (46) dreht das Täschchen in ihrer Hand und grinst. Der Spruch – Frauen können alles schaffen – ist ihr Lebensmotto.  Was auch sonst?

Nichts ist hier normal

Heute ist es relativ ruhig in Hebron. Die jüdischen Siedler, rund 800 an der Zahl, die in den vier illegalen Siedlungen in der arabischen Altstadt Hebrons leben, haben sich zurückgezogen in ihre Häuser. Gerade war Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, und bald wird Rosh Hashana gefeiert, das Versöhnungsfest mit Gott. Noch ist die Ibrahimi-Moschee unweit von Nawal Ladengeschäft im Sukh für Muslime geöffnet. Doch in ein paar Tagen dürfen die

In der Moschee: Nach muslimischer, jüdischer und christlicher Überlieferung befinden sich hier die Gräber von Abraham und Sara.

In der Moschee: Nach muslimischer, jüdischer und christlicher Überlieferung befinden sich hier die Gräber von Abraham und Sara.

Gläubigen nicht mehr am Grab der Propheten in ihrem Gotteshaus beten. Sie müssen das Feld dann für die jüdischen Siedler räumen, die die Moschee für zehn Tage als Synagoge nutzen werden. „Hier ist nichts normal“, sagt eine Soldatin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und zum Wehrdienst nach Israel gekommen, wie viele Juden außerhalb des Landes. Maryam ist seit einem Jahr in Hebron stationiert und leistet ihren Armeedienst direkt vor der Ibrahimi-Moschee. Sie weiß, dass Hebron auch als „Ghost City“ bezeichnet wird, als verlassene Geister-Stadt. Auf die Frage, warum sie ihren Armeedienst hier

Streng bewacht: Der Eingang der Ibrahimi-Moschee wird Tag und Nacht von israelischen Soldaten kontrolliert.

Streng bewacht: Der Eingang der Ibrahimi-Moschee wird Tag und Nacht von israelischen Soldaten kontrolliert.

leistet, zuckt sie nur mit den Schultern. „Sie ist meine Freundin, sie ist eine gute Soldatin. Ja, sie ist auch meine Besatzerin, aber sie ist eine nette Frau“, sagt ein junger Palästinenser und lacht zynisch. Maryam guckt verlegen, dann versucht sie ein Lächeln.

Niemand öffnet die Straße wieder

Als die israelische Armee 2000 im Zuge der Zweiten Intifada die Stadt wiederbesetzte und die gesamte Altstadt für Palästinenser sperrte, mussten viele ihre Häuser und Geschäfte verlassen. Es gab hunderte Tote und Verletzte. Die Shuhada Straße, die „Straße der Märtyrer“, war einst die pulsierende Einkaufstraße und Achse Hebrons. Nach Israels Invasion stehen jetzt seit Jahren 1000 Läden leer,  die meisten wurden von der Armee verschlossen, Zugänge und Fenster wurden versperrt oder zugemauert. Gegenüber von Navals Shop hat jemand ein Graffitti an die Wand gesprüht. „Open Shuhada

Am Eingang zum Hauptsukh der Altstadt.

Am Eingang zum Hauptsouk der Altstadt.

Street“. Aber hier öffnet niemand mehr die Straße. In der Shuhada joggen Siedler mit Kippa, Davidstern und amerikanischem Akzent. Und Menschen aus anderen Ländern schlendern etwas unsicher durch die Shuhada, die sich dabei neugierig umsehen und ein bisschen was von der gewalttätigen Atmosphäre dieser Situation mitbekommen, vielleicht begreifen wollen. Hebron, das ist Trennung von Palästinensern und jüdischen Radikalen, dreizehn Checkpoints in der Altstadt und israelischen Soldaten, die ihren Job sehr ernst nehmen.

Einen Kompromiss gibt es nicht

Palästinensern ist es lediglich erlaubt, nur eine Straßenseite zu benutzen, ein Teil ist für sie sogar ganz gesperrt. Palästinensische Fahrzeuge haben keinen Zugang. „Das ist nicht normal, das ist Apartheid“, hatte der SPD-Politiker Sigmar Gabriel im Frühjahr dazu auf facebook gepostet, nachdem er Hebrons Altstadt besucht hatte. Zu Hebron gibt es viele Meinungen. Die einen sagen, die Stadt sei ein konzentrierter Mikrokosmos der Gesamtsituation der Palästinenser unter israelischer Besatzung. Left-wing Israelis finden es gruselig dort, weil sie die Siedler hassen und dennoch vergessen, dass ihre Armee diese gleichzeitig bei jedem Zwischenfall sofort unterstützt. Siedler finden die eigene Anwesenheit berechtigt – schließlich sind Abraham und Sara ihre Stammesväter und in Hebron begraben. Das Land ist Eretz Israel, einen Kompromiss gibt es nicht. Jüdisches Leben in der arabischen Altstadt? Für sie ganz normal.

Er spuckte ihr ins Gesicht

Als Nawal Slemiah 2005 ihren Tisch mit Handstickereien im Sukh unweit der

Trendy: Die handbestickte Tasche kommt bei europäischen Kunden gut an.

Trendy: Die handbestickte Tasche kommt bei europäischen Kunden gut an.

Ibrahimi-Moschee das erste Mal aufbaute, stießen ihn Siedler jede Woche um – die israelischen Soldaten eilten herbei und beschützen die jüdischen Bewohner, nicht aber die einheimische Händlerin. „Einmal spuckte mir ein Siedler direkt ins Gesicht“, erinnert sie sich. Doch die Grundschullehrein, die in Amman studiert hat und drei Kinder aufzieht, ließ sich nie entmutigen. Auch nachdem der radikale Siedler wiederkam und ihr ein Foto des jüdischen Terroristen Baruch Goldstein (der amerikanische Arzt und Siedler Baruch Goldstein erschoß 1994 30 betende Muslime in der Ibrahimi-Moschee und verletzte rund 25 schwer) ins Gesicht klatschte, gab sie nicht auf, sondern machte weiter.

Mit einem Tisch vor der Moschee

Nawal ist eine Businessfrau. In Hebrons Altstadt hat sie es mittlerweile zu einer bescheidenen Berühmtheit gebracht. Ihre „Idna Cooperation – women in Hebron“ beschäftigt mittlerweile 150 Frauen. Die Frauen, meist ohne Studienabschluss oder Berufsbildung, sticken und nähen in Heimarbeit Shoppingtaschen, Laptop-Etuis und Portemonaies. Sie fertigen nach Wunsch Designs an, schneidern Hochzeitskleider oder verzieren Blusen mit

Kette mit Münze aus der Zeit des Ottomanischen Reiches.

Kette mit Münze aus der Zeit des Ottomanischen Reiches.

palästinenscher Stickerei. Laila, Navals Schwester, zwirbelt Fäden zwischen ihren Fingern und reiht Perlen auf für Ketten und Ohrringe mit palästinensischen Münzen, die die Frauen anschließend im Laden verkaufen. „Ich hatte kein Geld und war krank durch die politische Situation“, berichtet Nawal über ihre Anfänge. Weil sich aufgrund der Zusammenstöße mit der israelischen Armee 2005 niemand während der Zweiten Intifada in die Altstadt traute, gab es dort kein Geschäftsleben mehr. Nawal nutzte das und verkaufte anfangs mit einem kleinen Tisch vor der Moschee. Später konnte sie einen leerstehenden Laden im Souk beziehen, über dem im 1. Stock jüdische Siedler eingezogen waren.

Deutsche kaufen nichts

Heute leitet sie als Managerin die Idna Kooperation, benannt nach dem Dorf, in dem sie selbst lebt. „Wir machen noch nicht genug Umsatz, weil in Hebron kaum Touristen sind“, sagt sie. Das sei ein Problem, auch, weil das Material für die Taschen und Stickereien teuer sei. Heute aber ist ein guter Tag, die Frauen haben rund 600 Schekel eingenommen, 120 Euro. Deutsche kaufen nie etwas, hat Nawal beobachtet und es ärgert sie. „Die kommen und gucken. Aber kaufen tun sie nichts“.

Die Besatzung wird niemals Normalität

Women can do anything  - Naval mit Tochter Yaffa.

Women can do anything – Nawal mit Tochter Yaffa.

Im April ist Nawal in die Türkei gereist, als Gast einer internationalen Frauenkonferenz. Sie hat dort vor 2000 Frauen gesprochen. Am Ende weinten alle. Und lachten dann gemeinsam. Sie sagt, das vergisst man nicht so schnell. Die Frau, die zwölf Jahre lang auf ihren Verlobten warten musste, weil der in einem israelischen Gefängnis saß, sprach dort nicht über Frauenrechte. „Die sind ganz klar wichtig“, sagt sie. Aber eins sei das Wichtigste überhaupt: Dass die Palästinenser eines Tages frei sein werden. „Darum geht es, darüber habe ich erzählt. Ich möchte, dass die israelische Besatzung aufhört. Sie ist nicht normal und ich werde sie auch niemals als Normalität akzeptieren.“ Nawal fährt morgen wieder von ihrem Dorf Idna nach Hebron. Sie wird wieder mit den wenigen Touristen sprechen, die vorbeikommen, vielleicht wird sie eine Tasche verkaufen oder zwei. Auf dem Weg zur Arbeit wird sie am Checkpoint gestoppt, wie jeden Tag, ganz normal, vielleicht muss sie ihre grüne Westbank-ID-Karte herausholen und sie dem 19-jährigen israelischen Soldaten zeigen. Was bedeutet Normalität schon in einer Stadt wie Hebron?

Die „Women in Hebron“ sind auf facebook.

Der Deutsche Sam Lee ist derzeit als ökumenischer Begleiter für das Programm EAPPI in Hebron im Einsatz. in seinem Blog „Witness Hebron“ kann man aktuelle Berichte aus der größten Stadt der Westbank lesen.

Am eigenen Leib

31 Dez
Hebron II
Turqumia Checkpoint, Hebron

Tarqumia Checkpoint, Hebron

Donnerstag, 3.45 Uhr: Wir steigen am Parkplatz am Checkpoint aus und verschaffen uns einen Überblick. Meine Kollegin von dem Hebron-Team kennt das Procedere schon, sie war schon einmal hier. Der Tarqumia Checkpoint wird von einer Privatfirma betrieben und nicht, wie so oft, von dem israelischen Militär. Internationale Beobachter und Menschenrechtsaktivisten sehen dies mit Sorge, denn künftig will der Staat Israel alle 70 Checkpoints in der Westbank privatisieren. Dies könnte eine noch weitaus unmoralischere Haltung gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung bedeuten, so die Befürchtung. Diese Sorge ist nicht ganz unberechtigt, wie ich eine halbe Stunde später selbst am eigenen Leib zu spüren kriege. Da der Checkpoint für uns Außenstehende von innen kaum sichtbar ist, einigen wir uns im Team, dass ich einen „Spotcheck“ machen werde: Um 4.35 Uhr starte ich am Eingang und gehe den selben Weg wie alle Palästinenser, die nach Israel zur Arbeit müssen und in Tel Aviv, Haifa oder in anderen israelischen Städten arbeiten. Ich möchte sehen, was innen los ist und wie lange man für das Passieren braucht. Außerdem ist für uns wichtig zu wissen, wieviele Drehkreuze, Metalldetektoren und Sicherheitspersonal drinnen vorhanden ist.

Keine Frau weit und breit

Ich laufe los und winke meiner amerikanischen Kollegin und unserem arabischen Taxifahrer zu, bevor ich mich  in eine Schlange von Menschen einreihe. Los geht’s. Die Männer stehen einer nach dem anderen, nicht wie in Bethlehem, wo sich oftmals mehrere Leute dichtgedrängt nebeneinander quetschen. Ich bin die einzige Frau. Alle sind freundlich, wollen wissen, was ich hier mache und geben teilweise in gutem Englisch Auskunft. Ich halte mich an einen älteren Mann, der mir Details über Tarqumia erzählt, die Gold wert sind. So erfahre ich, dass die Männer mittwochs und sonntags durchschnittlich drei Stunden brauchen, bis sie den Checkpoint überquert haben. „This is very bad, but our daily life (Das ist sehr schlimm, aber gehört zu unserem täglichen Leben“), sagt der Mann, der in Tel Aviv in einer Metallfirma arbeitet. Falls er krank ist und nicht arbeiten kann, muss er seinem israelischen Arbeitgeber ein Ausfallgeld von 150 Schekeln (ca. 30 Euro) pro Tag bezahlen. Eine Kranken- oder Unfallversicherung hat er nicht – wie die meisten palästinensischen Arbeiter. Ich reihe mich hinter ihm in die Schlange der älteren Männer ein. An diesem Checkpoint unterscheiden die Israelis offensichtlich zwischen 45 plus und 19-44 Jahren. Die Jüngeren stehen weit von uns entfernt und werden noch intensiver kontrolliert, weil sie als potenzielle Terroristen gelten.

Auf dem Weg nach Israel

Auf dem Weg nach Israel

Nur 20 Minuten?

Nach rund einer Stunde und Drekkreuz Nummer vier stolpere ich durch den Metall-Detektor und lege schnell meine Weste und den Gürtel aufs Band. Eine israelische Security-Angestellte will meinen Ausweis sehen und fragt mich, was ich hier mache. Meine Antwort: „Ich bin ökumenische Begleitperson vom Weltrat der Kirchen“, befriedigt sie nicht. Die Fragerei steigert sich zu einer Schreierei, die mich erst nervös macht, mich dann aber daran erinnert, dass gewaltfreie Kommunikation hier die beste Methode ist, um heil rauszukommen. Ich bleibe also ruhig und antworte freundlich immer wieder das selbe. Nach weiteren 10 Minuten Wartens kommt ein anderer Israeli, der mich weiter befragt. „Wie findest Du diesen Checkpoint? Was fällt Dir auf?“, möchte er wissen. Auf die Frage, wie lange ich bis hierher gebraucht habe, antworte ich mit: 55 Minuten. Er korrigiert mich und sagt, dass der Weg von Hebron nach Israel  immer nur 20 Minuten dauert. Gut, dass ich es besser weiß.

Endlich durch das fünfte Drehkreuz

Nach 1,5, Stunden bewege ich mich in dem fünften und letzten Drehkreuz Richtung Israel, das mich schließlich in die demokratische Freiheit ausspuckt. Zum Entsetzen des israelischen Securityguards hatte ich zum Abschied noch wissen wollen, wie ich wieder Richtung Westbank und Hebron komme, da ich ja wieder zurück muss. Ich überschlage die Ereignisse schnell in meinem Kopf: Zu diesem Zeitpunkt habe ich ein Sonderinterview mit israelischen Sicherheitskräften,  zig Fotosshootings in den Gittergängen, eine Schimpftirade israelischer Security-Frauen bei der Passkontrolle und jede Menge informative Gespräche mit palästinensischen Leuten hinter mir. Ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher, nämlich: Jeder Checkpoint hat seinen ganz eigenen Charakter. Bethlehem Checkpoint 300 ist schlimm, Tarqumia  bei Hebron ist schlimmer. Die Menschen brauchen teils bis zu drei Stunden, um ihn zu passieren. Und: Es scheint Architekten zu geben, die sich ausschließlich mit der Konstruktion von Kontrollpunkten auseinandersetzen. Methodisch legen sie eine gewisse Kreativität an den Tag, was Variationen bezüglich der innereren Gestaltung und des Zusammengehens von Funktionalität plus Wirkung auf die Nutzer anbelangt.

Ich laufe zurück zu meinen Teamkollegen und berichte, was ich gesehen habe, später fertigen wir eine Zeichnung des Checkpoints an.  „Thank you, that you are here“, sagt ein Mann mit Wollmütze und rennt dann weiter Richtung Drehkreuz Nummer 1. Es ist kalt an diesem Morgen. Der Mann hat heute noch einen langen Weg vor sich.

Die geteilte Stadt

30 Dez

Jüdisches Graffiti in Hebron Altstadt

Jüdisches Graffiti in Hebrons Altstadt

Hebron I

Wir steigen aus dem Bus aus und landen direkt vor einem Fast-Food-Restaurant im Zentrum. „Happy Bunny“ heißt der Laden und er verheißt, dass es für mich gute, intensive Tage werden sollen in Hebron, der zweitgrößten Stadt im Süden der Westbank. Dennoch muss ich lachen: Happy Bunny? Was ist happy an einer Stadt, die vor allem durch extreme jüdische Siedler geprägt ist?

Hier leben rund 170.000 Palästinenser und 800 Juden. Die Altstadt mit ihrem höhlenartigen Suq und ihren vielen Händlern, die Falafel und Kufya  – die traditionellen Palästinensertücher, jetzt auch in Bunt und original aus der Hebroner Hirbawi-Fabrik – verkaufen, hat einen besonderen Charme. „Euch verarschen wir nicht mit zu hohen Preisen“, sagt Jamal, ein Tuchhändler zu mir. „Ihr arbeitet hier und seht mit eigenen Augen, was passiert. Wenn ihr zurückgeht, sollt ihr nicht sagen, dass die Palästinenser Euch übers Ohr gehauen haben.“ Ich nicke befriedigt und kaufe eine extrem schicke türkise Kufya für die grauen Straßen Berlins.

Das Rote Kreuz in der Altstadt

Das nette Plauderstündchen mit Jamal, den das Hebron-Team täglich auf seinem Rundgang durch die Altstadt besucht, nehmen wir als schnelles Durchatmen in einer Stadt mit, deren Lunge längst vergiftet ist. Nach dem Oslo-Abkommen von 1994 und der damit verbundenen schrittweisen Unabhängigkeit palästinensischer Städte einigten sich die Beteiligten auf einen besonderen Status für die Stadt, der im sogenannten Hebron-Protokoll festgehalten wurde (siehe auch: http://www.tiph.org/en/About_Hebron/ ) und eine internationale Präsenz in der Stadt vorsieht. Dem vorangegangen war, dass im selben Jahr der amerikanisch-jüdische Siedler und Arzt Baruch Goldstein 29 betende Muslime in der Ibrahimi-Moschee erschossen hatte, die auf der anderen Seite eine Synagoge ist und die Gräber Abrahams und Saras enthält – für Muslime wie Juden gleichbedeutend wichtig. Das Brisante in Hebron sind die vier jüdischen Siedlungen mitten in der arabischen Altstadt, was Hebron zu einem Dauerbrennpunkt und Ort ständiger Konflikte macht. In dem Protokoll wurde festgehalten, dass die Stadt in zwei Gebiete aufgeteilt wird: H1 untersteht der palästinensischen Autonomiebehörde, H2 der israelischen Militärgewalt. H2 betraf vor allem das Herz von Hebron: die florierenden Einkaufsstraßen in der Altstadt, allen voran die prächtige Shuhada-Street mit ihren vielen Geschäften. Dieser Teil der Altstadt ist seit 2002 gänzlich ausgestorben. Die Ladenbesitzer mussten schließen. Seitdem versorgt das Internationale Rote Kreuz die Bewohner mit Familienbesuchen, den nötigsten Medikamenten und einem speziell ausgearbeiteten Programm, das Mikrokredite an palästinensische Anwohner der Straßen dort vergibt, damit sie künftig eigene kleine Firmen und Werkstätten aufmachen können, um finanziell unabhängig zu sein. „Das funktioniert sehr gut und bisher haben wir alle Anfragen positiv beantworten können“, berichtet Barbara Lecq, Leiterin des Roten Kreuzes im Distrikt Hebron. Ein Mann besitze dort Ackerland und sei dabei, eine Erbeerfarm aufzubauen. Auch die Zusammenarbeit zwischen dem israelischen Roten Kreuz – Magen David Adom  -und dem arabischen Roten Halbmond, beide nationale Untergruppen des Roten Kreuzes, funktioniere in gegenseitigem Respekt, sagt Lecq. Trotz der Absperrungen und Mobilitätseinschränkungen in der Altstadt gebe es zumindest in Bezug auf die Gesundheitsversorgung dort Dank des Sonderstatus des Roten Kreuzes keine bemerkenswerten Schwierigkeiten.

Nachts sind alle Katzen grau

Arabische Frauen in der Shuhada-Street, Hebron

Arabische Frauen in der Shuhada-Street, Hebron

In der Zeit von 2002 bis 2007 kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern in Hebron. Die israelische Armee fuhr 2002 über Nacht mit Panzern in die Stadt ein und übernahm wieder die Kontrolle. „Sie kamen immer wieder, aber wir wussten nie, wann“, berichtet Murat, ein junger Mann, der in Hebron geboren wurde. Erst schreien die Soldaten und schlagen gegen die Haustür, dann brechen sie ein und reißen die Leute aus dem Schlaf, sagt er. Das Militär käme immer nachts und fordere die Familie dann auf, nach draußen zu gehen. Oder man werde gemeinsam mit Vater und Mutter in ein Zimmer gesperrt, berichtet er. Seit dem Einrollen der israelischen Panzer und den nächtlichen Hausdurchsuchungen kann Murat nicht mehr richtig schlafen. Er ist deshalb um 3 Uhr morgens schon wach und fährt die ökumenischen Begleiter zum Checkpoint Turqumia im Nordwesten des Hebron Distriks. „Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich Schlafstörungen habe“, sagt er tapfer und lächelt schief. Sein Cousin wurde vor kurzem von israelischen Soldaten inhaftiert. Nachts sind alle Katzen grau, auch in Hebron.

Drehkreuz an der Ibrahimi-Moschee

Drehkreuz an der Ibrahimi-Moschee

Info zu Hebron: Warum befinden sich jüdische Siedler in einer arabischen Stadt?

In Hebron lebte ununterbrochen über die Jahrhunderte hindurch eine  jüdische Gemeinde. 1929 fand ein Massaker statt, in derem Zuge 67 jüdische Bewohner Hebrons  von arabischen Bewohnern der Stadt getötet wurden. Die restlichen Gemeindemitglieder verließen daraufhin Hebron und flohen nach Jerusalem. Juden kehrten erst 1967 wieder zurück, nachdem Israel die Westbank besetzt hatte. Die Stadt ist bedeutend für alle drei monotheistischen Religionen, da sich in der sogenanten Machpela-Höhle die Gräber von Abraham, seiner Frau Sara, ihrem Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob befinden sowie deren Frauen Rebekka und Lea. Heute ist das Heiligtum der Patriarchen, das über Jahrhunderte eine gotische Kreuzfahrerkirche war, eine Moschee mit einer im nördlichen Teil gelegenen Synagoge und wird sowohl von Juden als auch Muslimen genutzt. In den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts siedelten sich die ersten jüdischen Gläubigen in Hebrons arabischer Altstadt an, indem sie dort ein Hotel besetzten. Mittlerweile gibt es vier jüdische Siedlungen dort: Tel Rumeida, Beit Hadassah, Beit Romano und Avraham Avinu. Insgesamt leben dort 800 Siedler, die von 200 israelischen Soldaten

beschützt werden und mit Maschinengewehren – Typ M-16 – in den Straßen entlanggehen. Die Spannung in der Altstadt ist spürbar, besonders an hochsensiblen Stellen, wie enteigneten palästinensischen Wohnhäusern, den elf Checkpoints und im Umkreis der Ibrahimi-Moschee bzw. Machpela-Synagoge (siehe auch: http://www.palaestina.org/index.php?id=130 ) die streng bewacht wird. An jüdischen Feiertagen ist es Muslimen nicht erlaubt, ihren Eingang zu der Moschee zu benutzen.  Wir ökumenischen Begleiter positionieren uns am frühen Morgen am Checkpoint direkt bei der Cordoba-Schule, um die Lage zu beobachten. Die Schule ist arabisch, liegt aber direkt an einer der Siedlungen. Siedler mit Kippa und Zauselbart eilen im Laufschritt die Straße hinunter, während winzige palästinensische Mädchen mit riesigem Schulranzen und wippenden Zöpfen hüpfend Richtung Schule laufen. Die Kinder müssen einen Umweg nehmen, weil die Treppe zum Eingang von Siedlern okkupiert wurde. An diesem Morgen kommt es zu keinen weiteren Zwischenfällen, keine Beschimpfungen durch Siedler, keine fliegenden Steine. Am Abend erfahren wir, dass ein junger Siedler auf eines der Kinder mit einem Messer losgegangen ist. Das Kind konnte fliehen und blieb unverletzt. Die Homepage der jüdischen Gemeinde Hebrons ist es wert, angeklickt zu werden, weil dort sehr deutlich wird, dass der jüdische Anspruch auf Hebron arabisches Leben dort völlig ausschließt und auch, um sich selbst ein Bild der einseitigen Propaganda der jüdischen Siedler zu machen: http://www.hebron.com/english/index.php 


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