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Schönes neues Jahr

19 Feb
Ungewisse Zukunft: Beduinenkinder im Jordantal sind besonders stark von Armut bedroht. Fotos: Haensel

Ungewisse Zukunft: Beduinenkinder im Jordantal sind besonders stark von Armut bedroht.                                                                                Fotos: Haensel

 

Ein Stimmungsbarometer von Liva Haensel

Eigentlich hätte hier jetzt ein Jahresrückblick stehen müssen. Ich hätte zu Beginn des jungen Jahres gerne mit einer Sektflasche in der Hand in den Himmel von Jerusalem geschaut, die Sterne gezählt über dieser unheiligen Stadt mit ihren flüsternden Mauern und dabei innerlich die Monate an mir vorüberziehen lassen. Dann hätte ich das Innerste auf Papier gebracht. Hier sollte ein handfestes Stück stehen für Sie, liebe Leser. Aber es ging irgendwie nicht. Weil ich nicht wusste, wie ich etwas in Worte fassen sollte, für das es keinen passenden Rahmen gibt. Wie beschreibt man einen Ausnahmezustand in einem besetzten Land, der normal ist und gleichzeitig absolut wahnsinnig?

Der Tod ist still

Ende September 2015 bäumte sich eine Welle von Unruhe auf, die Jerusalem und die Westbank erfasste. Fast jeden Tag greifen unter Besatzung Lebende ihre Besatzer an. Die Besatzer sind meist Angehörige der sogenannten Border Police Einheit und israelische Soldaten. Die unter Besatzung Lebenden sind sehr junge Menschen mit einem Messer, meistens Männer. Fast immer endet es tödlich – für die Palästinenser. Bisher wurden 50 von ihnen sofort noch an Ort und Stelle von den israelischen Sicherheitskräften getötet, die israelische Presse schreibt mehrheitlich von neutralisieren, neutralized. Vor ein paar Stunden wurden wieder 2 Attentaeter in Jerusalems Altstadt neutralisiert. Das Wort ist ein hübsches Beispiel dafür, wie still der Tod sein kann, wenn man ihm nur den richtigen Namen gibt. In dieser Woche wurden alleine 222 palaestinensische Zivilisten von israelischen Soldaten und Polizisten verletzt. Für das Jahr 2015 nennt UN Ocha die Zahl von knapp 14.000.

Angst vor allem

Die Angst der Israelis vor unberechenbaren Attacken hat wieder zugenommen. Sicherheit? Gibt es nicht in dem einzigen jüdischen Staat auf der Welt. Aber die Angst ist ein gutes Argument dafür, um Menschen in Schach zu halten und eine radikale politische Linie zu verfolgen. Die Knesset, das israelische Abgeordnetenhaus, ist dabei, ein Gesetz zu verabschieden, dass linksliberale NGOs in Israel künftig dazu verpflichtet, ihre zumeist ausländischen Finanzquellen veröffentlichen zu müssen. Die Israel kritischen Organisationen befürchten dadurch weitere Einschränkungen in ihrer (politischen) Arbeit. Journalisten in Israel dürfen nur frei arbeiten und bekommen Zugang zu staatlichen Stellen, wenn die zuständige Behörde es dort genehmigt. Dies betrifft gerade auch internationale Medienmacher, die auf Presseausweis und Arbeitsvisum angewiesen sind. Gleichzeitig zeigt die Boykottbewegung BDS, die 2005 von der palästinensischen Zivilgesellschaft am Beispiel Südafrikas gegründet wurde und international mittlerweile schmerzhafte Einbussen für Israel bedeutet, Wirkungen, die wiederum Angst in Israel schüren. Wer sich nicht mit der Tatsache abfinden kann, dass er und sie Besatzer ist gegen internationales Recht und deshalb Gegenwind bekommt, fangt an zu dämonisieren. Oder die Besatzung mit all ihren Konsequenzen zu rechtfertigen. Aus vermeintlich zwischenmenschlichen Gründen wird darüber öffentlich nachgedacht, dass israelische Unternehmen in der Westbank Arbeitsplätze für Palästinenser bedeuten – und deshalb sehr gut für die unter Besatzung lebenden Menschen seien. Es ist folglich sehr schlecht, wenn diese Unternehmen schliessen müssen, weil sie von der BDS-Bewegung boykottiert werden. Auch eine Logik. Aber sie hat einen Denkfehler. Denn die palästinensische Bevölkerung hat sich ihre Besatzung nie selbst ausgesucht. Frauenrechte, Menschenrechte, kritische Stimmen in den palästinensischen Gebieten, Demokratieverständnis und strukturelle Organisation? Ja, es gibt Defizite dort. Aber sie alle können die illegale Landnahme, die unzähligen Privilegien für die jüdische Bevölkerung, die hundertfachne Hauszerstörungen und die überproportionale Anwendung von Gewalt der israelischen Sicherheitskräfte längst nicht mehr versüssen.

Die Logik der Besatzung

Menschen in der Region wollen in Frieden leben. Dafür müssen sie alle Zugang zu Bildung, Gesundheit, Ausweisen, Wasser und Land haben. Auch zu Religionsfreiheit – was bedeutet das in einem jüdischen Staat, der sich mit einer Mauer umgibt?

Ein palästinenscher Bekannter hat es einmal so ausgedrückt: Das ganze Land ist eine einzige, grosse Psychiatrie mit einem Dach, unter dem sie gemeinsam leben müssen – Palästinenser und Israelis. Das stimmt, das Bild ist nicht ganz falsch gewählt. Ab und an besucht man ein schönes Restaurant in dieser psychiatrischen Einrichtung, man geht an den Strand und bestellt Pommes mit Steak und einen frisch gepressten Saft. Leute haben hier oft guten Sex, es gibt eine grossartige Musik- und Clubszene in Tel Aviv und Ramallah hat sogar einen kleinen Ikea mit Billyregalen.

Rein ins wilde Leben

Die Menschen in Israel und den palästinensischen Gebieten sind ausnehmend schön. Man kann gut und gerne einen ganzen Tag damit verbringen, sie anzuglotzen, am besten von einem Balkon in der Mamilla Mall oder in der Jaffa Street in einem Straßencafé sitzend. Man kann für einen Augenblick den Nahostkonflikt vergessen. Diesen ganzen Psychokram einfach mal wegwischen wie ein paar lästige Krümmel von dem sonst so sauberen Tisch. Aber am Ende wird es nichts nützen. Dann steht man auf und geht. Wieder voll rein in diese Psychiatrie, in das wilde, verrückte Leben. Wenn ich jetzt zurückblicke auf das Jahr 2015 und dann auf das neue Jahr, dann mit Hoffnung und Angst zugleich für das, was da noch kommen wird.

Die Redaktion von dreiecksbeziehung wünscht Ihnen, liebe Leser, ein schönes und friedliches Jahr 2016! stern

„Wir brauchen eine nachhaltige Lösung“

15 Okt
m August noch friedlich, jetzt wieder Hotspot: Das Damaskustor in Jerusalem beim Lightfestival 2015. Foto: L. Haensel

Im August noch friedlich, jetzt wieder Schauplatz von Gewalt: Das Damaskustor in Jerusalem während des Ramadan.                                          Foto: L. Haensel

Dr. Katja Hermann leitet das Büro der Rosa Luxemburg Stiftung in den Palästinensischen Gebieten. Sie lebt in Jerusalem und fährt täglich über den Checkpoint zu ihren Kollegen nach Ramallah. Ein Gespräch über Gewalt, politische Führung und was wir Deutschen besser nicht tun sollten

 

Frau Hermann, seit etwa 3 Wochen kämpfen Palästinenser und Israelis offen gegeneinander auf den Straßen in Israel und der Westbank, täglich werden Menschen schwer verletzt und getötet. Wie konnte es zu so viel Gewalt kommen?

Die Eskalation kommt alles andere als überraschend, sondern war zu erwarten. Die tagtägliche Gewalt, der die Palästinenser unter Besatzung ausgesetzt sind, die zunehmende Brutalität der Siedler, die Kriege gegen Gaza, die Auseinandersetzungen um die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, die das Fass letztlich zum Überlaufen gebracht haben. Aufgestaute Frustrationen, Perspektivlosigkeit, eine schwache Regierung, die im vergleichsweise illustren Ramallah mehr mit sich selbst als mit den Interessen der Menschen beschäftigt ist – da war es klar, dass das nicht länger gut gehen konnte. Die Welt hat sich an den Konflikt gewöhnt und angesichts des Auseinanderfallens der gesamten arabischen Region spielt er keine große Rolle mehr. Ganz anders ist das natürlich in den Palästinensischen Gebieten, in denen sich der enorme Frust jetzt Bahn bricht – mit messerstechenden Jugendlichen und wütenden Demonstranten.

Wie würden Sie die Stimmung im Moment in Jerusalem beschreiben? 

Dr. Katja Hermann ist Islamwissenschaftlerin und Mediatorin. Sie leitet seit 2012 das Palästina-Büro der Rosa Luxemburg Stiftung in Ramallah. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Moderner Orient sowie als Projekt-Koordinatorin beim Fortbildungsinstitut für die pädagogische Praxis in Berlin tätig. Foto: privat

Dr. Katja Hermann ist Islamwissenschaftlerin und Mediatorin. Sie leitet seit 2012 das Palästina-Büro der Rosa Luxemburg Stiftung in Ramallah. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Moderner Orient sowie als Projekt-Koordinatorin beim Fortbildungsinstitut für die pädagogische Praxis in Berlin tätig.                Foto: privat

Die Stimmung in Jerusalem ist sehr angespannt. Dies gilt vor allem für den arabischen Teil der Stadt. Dort sind viele Schulen geschlossen und die Straßen menschenleer. Die Nachrichten von den zahlreichen Angriffen und Erschießungen, die in den letzten Tagen vor allem über die sozialen Medien verbreitet wurden, haben Angst, ja beinahe Hysterie ausgelöst. Dazu kursieren Gerüchte, dass Ost-Jerusalem in den nächsten Tagen ganz abgeriegelt werden soll. Der Bürgermeister der Stadt hat Israelis, die einen Waffenschein haben, aufgefordert, diese bei sich zu tragen, das ist alles andere als deeskalierend. Auf allen Seiten liegen die Nerven blank, das macht es so gefährlich. In einer solchen Situation gibt es keinen sicheren Ort und die Menschen bleiben lieber zu Hause.

Schon im Sommer 2014 sprachen viele von der „Dritten Intifada“ – was verstehen Sie unter diesem Begriff?

Sobald es auf palästinensischer Seite zu Gewalt kommt, wird überall, auch innerhalb der palästinensischen Bevölkerung, reflexartig von einer „Dritten Intifada“ gesprochen und darüber diskutiert, ob diese nun schon angefangen hat oder nicht. Im palästinensischen Kontext bezeichnet der Begriff „Intifada“ einen mehr oder weniger organisierten Volksaufstand und davon kann derzeit (noch) keine Rede sein. Die palästinensischen Jugendlichen, die in diesen Tagen Israelis angreifen, sind nicht organisiert. Das Gleiche gilt für die Demonstranten an den Sperranlagen und Checkpoints. Wenn wir aber bedenken, wie unterschiedlich die Erste und die Zweite Intifada waren, merken wir schnell, dass solch semantische Diskussionen nicht hilfreich sind und wir uns besser mit den Hintergründen der Gewalt auseinandersetzen und der Frage nachgehen sollten, was genau palästinensische Jugendliche bewegt, jetzt mit Steinen zu werfen und Messer als Waffen einzusetzen.

Wie beurteilen Sie die Messerattacken von palästinensischen Zivilisten gegen israelische Soldaten und Polizisten?

Ich persönlich lehne die Ausübung von Gewalt grundsätzlich ab. Gleichzeitig halte ich es für wichtig nachzuvollziehen und zu verstehen, wie es zu dieser Gewalt kommt. Die Messerattacken werden hauptsächlich von sehr jungen Palästinensern durchgeführt. Sie gehören zu einer Generation, die nichts anderes kennt als die Besatzung. Diese Palästinenser sind ungefähr so alt wie der Oslo-Friedensprozess, der Anfang der 1990er Jahre begann und schon seit Jahren gescheitert ist. Sie sind aufgewachsen mit dem Versprechen, dass sie in ihrem eigenen Staat leben werden, in Freiheit, Würde und Sicherheit. Nichts von all dem ist bis heute passiert. Die junge Generation ist davon am allermeisten betroffen. Sie greifen zum Messer, weil sie zutiefst verzweifelt und ohne Hoffnung sind. Weder ihre Eltern und Lehrer noch ihre politische Führung oder internationale Experten sind in der Lage, ihnen glaubhaft irgendwelche Perspektiven zu vermitteln. So gefährlich diese Messerattacken sind, die Reaktion seitens Israel ist aus meiner Sicht inakzeptabel. Allein in den letzten zwei Wochen sind 25 Angreifer und mutmaßliche Angreifer erschossen worden, die meisten waren zwischen 17 und 25 Jahren alt. Einige Vorfälle, die gefilmt wurden, zeigen deutlich, dass von den Angreifern zur Zeit der Erschießung keine akute Gefahr ausgegangen ist. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns fragen, warum keine anderen Möglichkeiten gewählt werden, um diesen Attentätern beizukommen.

Die Rosa Luxemburg Stiftung arbeitet mit Partner-Organisationen in Jerusalem, der Westbank und dem Gazastreifen. Können deren Mitarbeiter derzeit problemlos mit Ihnen arbeiten? Wie sieht das genau aus?

Angesichts der derzeitigen Situation ist es an den meisten Orten nicht möglich, ungestört zu arbeiten, das gilt für unsere Partnerorganisationen, aber auch für mein Team. Die erste Herausforderung ist, überhaupt zur Arbeit zu kommen, da viele Checkpoints sowohl im Inneren des Westjordanlandes als auch zwischen dem Westjordanland und Jerusalem aufgrund von Demonstrationen und Straßenschlachten geschlossen oder nicht passierbar sind. Der Gazastreifen ist komplett abgeriegelt. Dazu kommt die permanente Flut von schlechten Nachrichten, die auf die Kollegen einprasselt und die sie verarbeiten müssen, was Zeit und Kraft in Anspruch nimmt. Veranstaltungen werden verschoben, weil die Referenten nicht anreisen können oder weil es nicht vertretbar ist, in solchen Zeiten, Filme zu zeigen und Ausstellungen zu eröffnen. Hier herrscht derzeit ein Angstgefühl darüber, nicht zu wissen, wie sich die Lage nun weiter entwickelt. Es ist diese permanente Unsicherheit und dazu die Erinnerungen an die letzte Intifada, die alle lähmt und einen normalen Arbeitsalltag gerade unmöglich macht.

Mahmoud Abbas hat kürzlich die Osloer Abkommen von 1993 bzw. 1995 aufgekündigt vor den Vereinten Nationen. Was bedeutet das vor dem Hintergrund der Eskalationen?

Mahmoud Abbas steht mit dem Rücken zur Wand. Er hat jahrelang politische Verhandlungen mit Israel geführt, selbst dann noch, als die Mehrheit der Palästinenser und auch der internationalen Beobachter den Verhandlungsprozess längst für gescheitert erklärt hat. Mahmoud Abbas hat kaum noch Rückhalt in der palästinensischen Gesellschaft, aber auch Israel hat seine Bemühungen über all die Jahre nicht goutiert. Ob er tatsächlich die Osloer Abkommen aufgekündigt hat, wird hierzulande kontrovers diskutiert. Ich würde eher sagen, dass er gedroht hat, sich nicht mehr an die Abkommen zu halten, solange Israel das nicht tut. Das mag spitzfindig sein, lässt ihm aber einen gewissen Spielraum. Auf jeden Fall war seine Rede ein deutliches Signal, dass seine und die Geduld der Palästinenser zu Ende ist. Es ist gut möglich, dass seine Worte von einem Teil der palästinensischen Gesellschaft und insbesondere von der jungen Generation als eine Aufforderung zur Eskalation verstanden worden sind. Allerdings hat sich Mahmoud Abbas schnell bemüht, die Lage zu beruhigen. Dass ihm das bislang nicht gelungen ist, zeigt, dass er keinen wirklichen Einfluss mehr auf die palästinensische Straße und auf die Entwicklungen im Land hat. Es zeigt aber auch, dass er bislang nicht bereit ist, seine eigenen Sicherheitskräfte gegen die Jugendlichen einzusetzen, um sie von den Checkpoints und Grenzzäunen abzuhalten.

Was muss passieren, damit die Gewaltspirale ein Ende hat?

Die aktuelle Gewaltspirale wird irgendwann ein Ende haben, das kann in ein paar Tagen oder in einigen Monaten sein. Aber das alleine reicht nicht. Was gebraucht wird, ist die Erarbeitung einer gerechten und nachhaltigen Lösung des Konfliktes, umgehend, ansonsten wird es immer wieder zu neuen Gewalteskalationen kommen. Ein Blick auf den Gazastreifen zeigt das sehr deutlich: die dortigen Konflikte werden nicht bearbeitet, sondern mit militärischen Interventionen niedergebombt, mit verheerenden Auswirkungen für die Zivilbevölkerung. Eine Folge ist, dass die Abstände zwischen den Kriegen mittlerweile immer kürzer werden. Ich glaube nicht, dass Israelis und Palästinenser alleine in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen, sondern dass dies nur über Vermittlung, über eine Drittpartei gehen kann, über einen fairen und beidseitig anerkannten Mediator. Das macht wiederum nur Sinn, wenn man aus Oslo die Lehre zieht, dass Verhandlungen in asymmetrischen Konflikten nicht ohne klar vereinbarte und nachgehaltene Monitoring- und Sanktionsmechanismen funktionieren. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist insofern asymmetrisch, dass er von zwei sehr ungleichen Konfliktparteien gekennzeichnet ist.

Ist die israelische Gesellschaft eine rassistische Gesellschaft?

Das ist eine heikle Frage und ich möchte hier ungern vereinfachen und eine ganze Gesellschaft über einen Kamm scheren. Ich glaube aber, dass die Besatzung und auch die strukturelle Diskriminierung der palästinensischen Minderheit innerhalb Israels von einem politischen System getragen werden, das in hohem Maße auf Rassismus basiert und dass der Entmenschlichung der Palästinenser das Wort redet. Das geht so weit, dass selbst Gewaltanwendungen gegen Palästinenser geduldet werden. Die radikale Siedlerbewegung setzt diesen Rassismus auf brutalste Weise um, aber er findet sich auch in der Mitte der Gesellschaft.

Was können wir Deutschen tun, um zu einem Frieden für beide Völker beizutragen?

 Aus der deutschen Geschichte zu lernen, bedeutet für mich, dass ich versuche, Formen von Entrechtung und Unterdrückung klar und deutlich zu benennen, auch im israelisch-palästinensischen Kontext. Ich glaube, dass die Solidarität mit Israel, die in Deutschland Staatsräson ist, nicht dazu führen darf, die Augen vor dem Unrecht an den Palästinensern zu verschließen. Damit macht man sich gemein mit dem menschenverachtenden System von Besatzung und Unterdrückung. Damit ist keiner Seite geholfen, auch nicht der israelischen.

Sie leben jetzt seit 3 Jahren in Jerusalem und arbeiten in Ramallah. Wie ertragen Sie persönlich die schier ausweglose Konfliktsituation?

Momentan nimmt mich die Lage auch persönlich mit, die Sorge um die Menschen, mit denen ich arbeite und lebe, der mühsame Alltag zwischen Sicherheitsmeldungen und geschlossenen Checkpoints, die Angst um die eigenen Kinder, die viel mehr mitbekommen, als wahrscheinlich gut ist. Was mich aber besonders deprimiert, ist, kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Ich erkenne auf keiner Seite politische Visionen, Strategien oder besondere Ambitionen, um dieser Konfliktsituation ein Ende zu setzen. Dies gilt auch für die internationale Gemeinschaft: Hilfszahlungen in Milliardenhöhe wurden investiert und tausende Projektmaßnahmen umgesetzt, Bücher geschrieben und Analysen erarbeitet, aber die Besatzung hat all das weitgehend unbeschadet überstanden. Ich lerne aus der gegenwärtigen Situation, wie brüchig die Lage in den Palästinensischen Gebieten ist. Der Checkpoint nach Ramallah, der für internationale Mitarbeiter von NGOs und Botschaften stets geöffnet war und den ich oft nutze, hat sich über Nacht in eine Kulisse für Straßenschlachten und den Kampf um Leben und Tod verwandelt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr Infos: Rosa Luxemburg Stiftung Ramallah

Das Interview führte Liva Haensel.

Intifada auf Probe

6 Okt
Im "Schwitzkasten": Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

Im „Schwitzkasten“: Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

 

Von Liva Haensel

Israel stellt die palästinensische Bevölkerung auf eine harte Probe. Diese möchte in Frieden leben – und soll gleichzeitig ihre lebenslange Besatzung akzeptieren. Kann dieser Nervenkrieg gutgehen?

Intifada (arabisch: etwas abschütteln, loswerden). Bezeichnung für den Aufstand der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten gegen den israelischen Besatzer. Im Kontext des Palästina-Israel-Konflikts gab es bisher zwei Perioden, von denen Politikwissenschafter als „Intifada“ sprechen: Zum einen die sogenannte erste Intifada, die 1987 begann und sich bis ca. 1992 hinzog und mit dem Beginn der Oslo-Verhandlungen ein Ende fand sowie die zweite Intifada, die offiziell im Jahr 2000 mit dem Gang des damaligen israelischen Premierministers Ariel Sharon auf den Tempelberg begann und bis ca. 2004 anhielt.

„Die Menschen sagen, dass ist jetzt die dritte Intifada“, berichtet ein Mitarbeiter der Al Quds Universität in Bethlehem, der seinen Namen nicht nennen möchte.  Die momentane Situation in der Westbank und Jerusalem sei „schrecklich“, die Lage „sehr deprimierend“. Allein in den vergangenen Tagen sind laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan News 400 Menschen zum Teil schwer verletzt worden – durch Tränengas, Kugeln und Gummigeschosse der israelischen Armee. Am Wochenende wurde ein 18-Jähriger Palästinenser in Ost Jerusalem in der Nähe des Damaskus Tores erschossen und von jüdischen Siedlern verhöhnt. Gestern starb der 13-jährige Schüler Abdul-Rahman Obeidallah, er wurde auf dem Schulweg in Bethlehems Stadtzentrum unweit des Checkpoints von einem israelischen Scharfschützen erschossen. Obeidallah war unbewaffnet und nicht an Demonstrationen gegen die israelische Besatzung beteiligt. Sonntagnacht erschossen israelische Soldaten Huthaifa Sulaiman (18), der in der Stadt Bal’a östlich von Tulkarem im Norden der Westbank gegen die Besatzungsmacht demonstriert hatte. Am Samstag hatten Palästinenser ein israelisches Siedler-Ehepaar in einem Auto in der Westbank getötet.

Israel verletzt die Abmachung

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhängte daraufhin eine 9-tägige Ausgangsperre in Jerusalems Altstadt für Palästinenser, ausgenommen sind lediglich Bewohner sowie Touristen. Der Tempelberg ist bis auf weiteres für muslimische Betende gesperrt. Er hat eine zentrale Schlüsselrolle im

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg. Foto: Ahmad Gharabli

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg.                Foto: Ahmad Gharabli

Islam und gilt nach Mekka und Medina als drittheiligster Ort für Muslime weltweit. Zudem hatte Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 die Souveränität des Tempelberges in die Hände des islamischen Waqf übergeben und sich damit einverstanden erklärt, dass Juden den heiligen Berg nicht als religiöses Monument betreten dürfen. Diese Abmachung wurde vor allem seit dem Jahr 2000 zunehmend von Seiten Israels verletzt. An jüdischen Feiertagen betreten immer wieder jüdische Nationalisten den Tempelberg und drohen damit, den Felsendom sowie die Al-Aksa-Moschee darauf zu zerstören, um den jüdischen Tempel, der einst dort gestanden haben soll, wieder aufzubauen. Die jüdischen Extremisten werden stets von israelischen Soldaten und Polizisten eskortiert. Während dieser Besuche ist der Tempelberg für muslimische Betende jedes Mal komplett unzugänglich. Dies führt regelmäßig zu Protesten der palästinensischen Bevölkerung, die sich auf ihr Recht auf Religionsfreiheit beruft.

Ausschreitungen wie vor einem Jahr

In größeren Städten Israels, in denen mindestens 50 % der Bevölkerung arabisch sind, kommt es derzeit zu massiven Ausschreitungen. In Nazareth, Jaffa und Jerusalem wehren sich immer mehr Menschen gegen die unzumutbaren Zustände. Die israelische Bevölkerung besteht zu 20 Prozent aus palästinensischen Bewohnern. Die sogenannte „fünfte Säule“ in Israel sind die arabischen Menschen, denen es trotz des Krieges nach der Staatsausrufung Israels 1948 gelang, in ihrer Heimat zu verbleiben.

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt. Foto: PNN

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt.                                                    Foto: PNN

Sie besitzen die israelische Staatsangehörigkeit, aber nicht dieselben Rechte wie die jüdisch-israelische Bevölkerung. 2014  waren die israelischen Araber oder „48-Palestinians“ wie sich die Bewohner selbst oft nennen, diejenigen, die am stärksten Widerstand gegen ihre israelischen Besatzer leisteten. Im Juli 2014 war es zu drastischen rassistischen Ausschreitungen gegen palästinensische Bewohner Ost Jerusalems gekommen, nachdem erst drei jüdische Teenager in der Westbank ermordet worden waren und daraufhin in einem Racheakt der 17-jährige Mohammed Abu Khdeir bei lebendigem Leib von jüdischen Siedlern in einem Westjerusalemer Waldstück verbrannt worden war. Wütende Palästinenser des Stadtteils Shuafat (aus dem der Junge stammte) hatten daraufhin die Straßenbahntrassen zersägt und die Stationen Es Sahel und Shuafat für den öffentlichen Verkehr unbrauchbar gemacht. Damit protestierten sie auch gegen das stark anwachsende und vom Staat Israel unterstützte Anwachsen illegaler jüdischer Siedlungen in Ost Jerusalem, die die Straßenbahnlinie seit 2011 mit West Jerusalem verbindet. In dem arabischen Teil der Stadt, die Israel 1967 völkerrechtswidrig besetzte und 1982 annektierte, leben derzeit etwa 300.000 Palästinenser und 150.000 jüdische Israelis.

Weltweit 9 Millionen Flüchtlinge

Bei dem Gazakrieg (8. Juli bis 27. August, danach Waffenstillstand zwischen Hamas-Israel), den Israel 2014 unter dem Namen „Protective Edge“ führte, starben rund 2200 Menschen im Gazastreifen, darunter 500 Kinder. Auf der israelischen Seite verloren nach offiziellen Angaben Israels 66 Soldaten und sieben Zivilisten ihr Leben.

Weltweit leben rund 9 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge und Nachkommen von Flüchtlingen außerhalb ihrer Heimat. Seit 1980 haben 1 Million jüdische Israelis den Staat Israel verlassen. Etwa 40.000 Israelis leben derzeit in Berlin. Angela Merkel erwartet Benjamin Netanjahus Staatsbesuch morgen in Deutschland. Die Situation ist angespannt, das hat auch die Kanzlerin erkannt. Der Ministerpräsident der palästinensischen Gebiete, Mahmoud Abbas, hatte vergangene Woche das Osloer Abkommen von 1993 als nicht mehr bindend für sein Volk erklärt und damit offiziell der Zwei-Staaten-Lösung, die Deutschland unterstützt, den Wind aus den müden Segeln genommen.

„Wir wollen Freiheit“

Palästinenser befürchten, dass Netanjahus rechte Regierung den Gürtel für die arabische Bevölkerung jetzt noch enger schnallen wird. In den meisten Städten in der Westbank waren vergangenes Wochenende hunderte von Soldaten mit Gewehren und Gummigeschossen im Einsatz, bei zahlreichen nächtlichen Razzien wurden Jugendliche und junge Männer wiederholt nachts gewaltsam aus ihren Betten gerissen und ohne eine Erklärung von der Armee verhaftet. „Wir wollen in Freiheit leben, ohne die israelische Besatzung, als Menschen in Würde“, sagt der palästinensische Universitätsmitarbeiter. Wenn jedoch seine Familie oder er selbst von Soldaten angegriffen werde, werde er sich wehren. „Niemand kann von uns verlangen, dass wir drangsaliert und getötet werden  – und dabei einfach tatenlos zusehen.“

 

23 Dez
Foto: Liva Haensel

Foto: Liva Haensel

Inside Jerusalem

Die Stadt

Sie hat ausgedient.

Ihre Steine sind sich altgeworden

unter der Last ihrer Aussagen.

Das Gold der Dächer hat sich

verbittert davongemacht

ob der Intoleranz seiner Könige und Ritter

Am Tisch für alle Götter und Menschen

sitzt jetzt nur noch Einer

Leibesfülle gedeihend.

die Luft zum Atmen zieht ein

nichts bewegt sich

aber alle rennen

in die Nacht hinein

weil die Sonne zum Mond gemacht wurde.

Nervös ziehst Du an deiner Zigarette

die TAGE sind gezählt

sagst Du

mit Zuversicht

das Lachen hängt in den Ritzen

zwischen den Wünschen und Gebeten

aber Gott macht nichts

außer einer Siesta

in der Wüsten-Höhle

die uns retten wird.

4 Aug

Von Liva Haensel

Mimi Weingard (Name von der Redaktion geändert) möchte kein Foto von sich im Internet sehen. Sie sitzt auf der Terrasse des Österreichischen Hospizes in Jerusalems Altstadt und nippt an ihrem Großen Braunen. Ihr Freund Erez sitzt ihr gegenüber. Das Paar hat sich für zwei Nächte ein Doppelzimmer in dem alterwürdigen Haus, das noch aus ungarisch-österreichischen Kaiserzeiten stammt, geleistet. „Wir wollen die Altstadt und ihre Atmosphäre von innen spüren, den Trubel, die Gerüche und Lichter“, sagt Mimi (39). Beide leben in Tel Aviv, der Partybubble am Mittelmeer. Mimi mag Jerusalem nicht besonders, vor allem nicht die Ultra-Orthodoxen, die das Straßenbild mit ihren altmodischen Gewändern in Schwarz tauchen und mittlerweile ein Drittel der jüdischen Bevölkerung ausmachen. Aber ihre Mutter leidet seit einer Hüftoperation an einer schweren Depression und lebt hier. Deshalb nimmt sie die Haredin, die religiösen Siedler, die Intoleranz der Stadt dreier Weltreligionen zeitweise in Kauf.

Hochbeschützte Staatsbürgerin

Im Ramadan –  dem Fastenmonat der Muslime – ist die Altstadt überfüllt mit Gläubigen, die mit Gebetsteppich (Männer) und –Mantel (Frauen) auf den Haram Al-Sharif, den Tempelberg, gehen. Dort befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Aber die Stadt ist auch voller israelischer Soldaten und Polizisten mit Gewehren und Schlagknüppeln. Vor der Treppe zum Österreichischen Hospiz stehen zehn junge Soldaten, die meisten Äthiopier, und sollen für die Sicherheit Israels sorgen. Oben, ein paar Meter höher im Garten des christlichen Hospizes, sitzt Mimi, eine hochbeschützte Staatsbürgerin Israels, im Spagettiträger-Top und mit Flipflops. Mimi ist Informatikerin. Sie hat eine Eigentumswohnung in Tel Avivs schickem Norden und ist gerade dabei, gemeinsam mit ihrer Familie eine Wohnung in Berlin zu erstehen. Die Weingards sind eine deutsch-jüdische Familie, Netas Mutter spricht noch fließend Deutsch und fühlt sich als echte Jecke. Die Großmutter fuhr 1943 in den Tod nach Theresienstadt. Aber Mimi hat mit dem nationalsozialistischen Deutschland ihren Frieden geschlossen, „weil es vorbei ist“, sagt sie. Berlin findet sie „sauber, die Menschen superfreundlich, ganz anders als die aggressiven Israelis“, und „aufregend“.

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.  Grafik: UN Ocha

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.
Grafik: UN Ocha

Nicht politisch aktiv

Sie betont, dass ihr Freund „sehr links“ sei. Mimi selbst ist sich nicht sicher, ob sie Israels Zionismus verteufeln oder gutheißen soll. Als jüdische Israelin genießt sie alle Privilegien im Gegensatz zu arabischen Israelis, die man im Nahen Osten als „48-Palästinenser“ bezeichnet (Araber, die nach der Staatsgründung Israels und der damit einhergehenden Vertreibung in den späteren Staatsgrenzen verblieben). Das weiß sie irgendwie, sie ahnt es, es ist ihr nicht wohl dabei, aber politisch aktiv gegen die israelische Besatzung ist sie nicht.

Warum auch? Es lebt sich gut so.

Mimi ist eine der Israelinnen, die in Tel Avivs Dizengoff shoppen und dann die Norgau Street runter an den Strand gehen, um sich dort mit Freunden zu treffen. Die Lokale

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang Foto: bestoftelaviv.com

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang
Foto: bestoftelaviv.com

am Meer bieten Meeresfrüchterisotto für 80  (etwa 15,15 Euro) und Fruchtschorle für 20 Shekel an (5 Euro). Das muss man sich leisten können, aber Mimi hat Ersparnisse und eine gutbetuchte Familie. Manch andere Israelin auch. Trotz Wirtschaftskrise und einem israelischen Monatsgehalt von 1600 Euro reiht sich an der Strandpromenade ein Markenshop neben dem nächsten. Und obwohl die Mieten in der Bauhaus geprägten Stadt extrem hoch sind (Einzimmer-Apartments kosten rund 700 Euro aufwärts), scheint die Idylle nichts zu trüben. Frauen mit Babybäuchen in bunten Sommerkleidern plappern emsig mit ihren Freundinnen, während sich sexy Jogger mit Sixpack-Bauch und rasierter Brust an ihnen vorbeiquetschen. Mimi nippt an Ihrem Kaffee im Hospiz, der jetzt fast alle ist. Sie will noch in die St. Anna-Kirche mit der guten Akustik, ihr Freund möchte dort singen. „Komm“, sagt sie, und packt ihre Tasche.

Ihre Augen sprechen

Muna Darawi (Name von der Redaktion geändert) grüßt ihre Kolleginnen kurz und knapp und eilt dann an ihren Schreibtisch. Sie will nicht reden, nicht über das, was gerade passiert ist, aber ihre Augen sprechen aus, was der Mund nicht zu sagen vermag. Vielleicht was mit der Familie, ein Streit darüber, dass sie gerne noch weiter studieren möchte und ihr Vater dagegen ist? Nach einer Stunde sind die Schweißperlen auf der Stirn der 22-Jährigen verschwunden, die Schwere in ihrem Blick ist einer gewissen Leichtigkeit gewichen. Sie lächelt.

Alpträume mit israelischen Soldaten

Muna, die Psychologin, tippt an einem Computer-Programm für die kommenden Monate. Dann wird sie wieder Feldarbeit unternehmen,  mit einer Kollegin in Schulen und Flüchtlingslager gehen, um junge Mädchen und Frauen zu motivieren. Für eine bessere Zukunft in Palästina, ein eigenständiges Leben, bessere Bildungschancen. Dann hilft Muna denen, die auf der sozialen Leiter ganz unten sitzen. Kindern in Jerusalems Altstadt, die mit 10 anderen Familienmitgliedern auf 50 Quadratmeter leben müssen während auf dem Stockwerk über ihnen jüdische Thora-Studenten in einer Jeschiva (Talmudschule) lauthals Gott preisen – Tag und Nacht. Oder Jungen, die noch mit 10 Jahren ins Bett machen, weil sie von Alpträumen geplagt werden, in denen israelische Soldaten ihre Väter verprügeln und sie anschließend verhaften. Mädchen, die heimlich von männlichen Familienmitgliedern nachts unter der Bettdecke missbracht werden. Die Altstadt ist ein soziales Pulverfass, weil die Palästinenser dort keine Bau- und Renovierungsgenehmigungen bekommen während sich gleichzeitig israelische Siedlerorganisationen wie ein Geschwür in ihren knappen bemessenenen Wohnraum fressen.

Eine tickende Zeitbombe

Muna kennt diese

Erzählungen ihrer kleinen und großen Klienten ganz genau. Sie wiederholen sich. Sie häufen sich. Dabei geht es ihr manchmal doch selbst schlecht.

„Heute Morgen kam ich über den Checkpoint Qualandia, der zwischen Ramallah und Jerusalem liegt“, berichtet sie. Als sie dem Soldaten dort ihren blauen Ausweis*, das unverkennbare Zeichen der arabischen Jerusalem-Bewohner zeigt, wird sie von einer Frau angefaucht, die neben ihr steht: „Du weißt gar nicht, was es bedeutet, unter Besatzung zu leben. Du weißt nicht, was es heißt zu leiden“, so die Worte der Westbank-Palästinenserin mit einem grünen Ausweis. Muna hat sich gewehrt, sagt sie. Nur, weil sie keine Sondergenehmigung der Israelis für den Grenzübergang nach Jerusalem benötige, heißt das nicht, dass sie nicht leidet. „Ich muss genauso über diesen Checkpoint wie Du auch, ich muss genauso seine Gitter, die schlecht gelaunten Soldaten, die Demütigungen ertragen.“

Sie fühlt sich als Gast

Am meisten frustriert Muna an solchen Auseinandersetzungen, dass sie einen Keil zwischen die Palästinenser als Ganzes treiben. Wer in Gaza lebt, ist mittlerweile anders sozialisiert als jemand, der in der Westbank aufwächst, in Israel oder in Ost-Jerusalem. Die Segregation als gewollte Politik Israels zeigt mittlerweile ihre Wirkung. Auch die zunehmend künstlich aufgebaute Entfremdung zwischen christlichen und muslimischen Palästinensern durch israelische Autoritäten nimmt zu. Muna stimmt das traurig. Am schlimmsten aber fin

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

det sie, dass sie sich mittlerweile in ihrer Heimatstadt Jerusalem nur noch als Gast fühlt. „Wenn ich mit meinem Kopftuch in West-Jerusalem shoppen gehe, werde ich von den jüdischen Israelis als etwas anderes angesehen, als jemand, der nicht dazugehört. Dabei lebt meine Familie seit Jahrhunderten hier, Jerusalem ist mein Zuhause.“

Muna mag den Strand von Tel Aviv. Sie liebt die Farben in den Schaufensterauslagen Tel Avivs, den Wind dort, das sich Barfüßig-in-den-Sand-zu-Graben. Sie liebt es

genauso wie Mimi. Aber die beiden Frauen trennen Welten. In die eine, in der Besatzer leben und regieren. Und die andere, in der unter Besatzung Lebende den Regeln zu folgen haben.

*Im Sechs-Tage-Krieg 1967 eroberte Israel Ost-Jerusalem und die Altstadt mit der Klagemauer. Die arabischen Bewohner erhielten daraufhin nicht die israelische Staatsbürgerschaft, sondern lediglich den Status von „permanent residents“. Dies beinhaltet, dass Ost-Jerusalemer lückenlos beweisen müssen, dass sie ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt haben (gemeldeten Wohnsitz, Elektrizitäts- und Wasserrechnungen, Jobnachweis etc.) Alle Bewohner leben in ständiger Gefahr, ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren. Dies betrifft vor allem Menschen, die im Ausland gelebt/studiert haben, mit Westbank-Bewohnern verheiratet sind oder direkt an der Mauer leben, die die jüdischen Siedlungen und ihre 190.000 Einwohner illegal miteingemeindet hat. Um Ost-Jerusalemern ihren Status abzuerkennen, benutzt Israel teilweise Notstandsgesetze und solche aus der Zeit des Ottomanischen Reiches. Bisher haben auf diese Weise rund 14.000 in Ost-Jerusalem geborene Einwohner ihr Aufenthaltsrecht verloren. 1980 annektierte der jüdische Staat Ost-Jerusalem gegen internationales Recht und proklamierte kurze Zeit später Jerusalem zu seiner „einzigen, ungeteilten Hauptstadt“. Der Beschluss wird von der Internationalen Gemeinschaft bis heute nicht anerkannt. In Ost-Jerusalem leben derzeit 290. 000 Menschen, jeder vierte unterhalb der Armutsgrenze.

Sihams Revolution

7 Mrz
Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.  Foto: Liva Haensel

Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.
Fotos: Liva Haensel

„Ich vergesse mein Englisch so allmählich. Ich kann mich nicht mehr ausdrücken in dieser Sprache. Es ist entsetzlich.“ Siham schüttelt ungläubig den Kopf über sich selbst, die Baumwollkapuze ihres Sweaters fliegt hin und her. Die junge Frau beugt sich zu ihrer Tochter herunter, streicht ihr kurz über das Haar und schlappt dann in Plastiklatschen ins Haus. In einer Stunde kommt ihr Mann nach Hause, sie will noch frisches Brot für ihn backen.

 Frauen tauchen nicht auf

In Palästina ist die Hälfte der Bevölkerung weiblich. Fast alle Frauen hier können – das ist der Unterschied zu ihren arabischen Nachbarinnen – lesen und schreiben. Über die Hälfte hat einen Hochschulabschluss, mindestens einen Bachelor, zahlreiche Frauen weisen einen Master oder gleich einen Doktortitel auf. Aber auf dem palästinensischen Arbeitsmarkt tauchen diese Frauen am oberen Ende der Bildungsleiter nicht mehr auf. Nur 15 Prozent haben einen Job, darunter fallen vor allem Teilzeitjobs. Das ist die Parallele zu hochentwickelten Industrienationen wie Deutschland. Auch im reichen Europa bleiben Frauen oftmals ausgeschlossen von den Kreisen der Macht, des Geldes, der Teilhabe. Aber immerhin leben sie nicht unter Besatzung einer anderen Nation.

Ich bin nichts

Siham ist 30 Jahre alt, sie hat drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne. Nach dem Abitur studierte sie Pharmazie an der Bethlehem Universität, die mit Forschungseinrichtungen in den USA kooperiert. Sie wollte Apothekerin werden. In Palästina gibt es viele davon, fast an jeder Ecke findet man eine „Pharmacy“. Mit 21 heiratete Siham und wurde schwanger. Ihr Mann Rahed, der keine akademische Ausbildung hat, arbeitete eine Zeit lang in der jüdischen Siedlung Har Homa, die gegenüber von An Numan, ihrem Wohnort, liegt. Mit dem Geld brachte er die Familie durch und sparte für ein Haus. Als sich chronische Rückenprobleme bei ihm bemerkbar machten, musste er aufhören. Siham konnte ihre Unisemester nicht mehr bezahlen und brach ihr Studium ab. Darunter leidet sie noch heute. „Ich bin nichts, ich habe nichts. Ich kann noch nicht einmal Geld für uns verdienen, ich kriege keine Arbeit“, sagt sie.

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.  Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.
Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

An Numan ist isoliert

Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Dorf in dem sie lebt, völlig isoliert ist. An Numan, in der Westbank östlich von Bethlehem gelegen, wurde 1967 im Zuge des 6-Tage-Krieges von Israel besetzt. Die damalige Regierung beschloss daraufhin, das Dorf Jerusalem einzuverleiben. Die Dorfbewohner versuchten, blaue Jerusalem-Ausweise zu beantragen, um einen legalen Rechtsstatus zu erlangen. Aber bis zum heutigen Jahr erhalten sie nur Absagen. Siham ist nun eine illegale Einwohnerin ihres eigenen Dorfes. Westbank-Ausweis-Inhabern ist es untersagt, An Numan zu betreten. Müllabfuhr, Ärzte, sogar Verwandte und Freunde können den Checkpoint unten am Fuß des Dorfes nicht passieren.

Israelisches Recht

„Seit ich geheiratet habe und hierher gezogen bin, hat sich mein Leben radikal verschlechtert“, sagt Siham mit Tränen in den Augen, während sie auf die Trümmer ihres Lebens blickt. Vor ihr zieht sich ein riesiger Schutthaufen von Bauresten hoch in den Himmel, der einst das Haus der Familie war. 2011 zerstörten israelische Bulldozer  ihr Heim, weil Bauen dort nicht erlaubt ist. Jetzt muss Siham seit zwei Jahren auf ihr steingewordenes Trauma blicken, weil Transporter von außerhalb nicht die Schuttreste wegfahren dürfen. Israelisches Recht. Manchmal wenn Siham mit ausländischen Besucherinnen spricht, wird sie nachdenklich. Sie begegnet Frauen, die nicht verheiratet sind, die sich selbst verwirklichen, studieren, streiten, sich trennen, ein Kind alleine großziehen. „Es ist eine riesige Verantwortung,  wenn man einen Ehemann hat und Kinder erziehen muss“, sagt sie. Der Mann mache,  was er wolle, aber sie als Frau müsse allein schon der Kinder wegen funktionieren. „Das ist nicht einfach.“

Europäerinnen kapierten es nicht

Im Fernsehen hat Siham viele Länder gesehen, China, Bolivien, Indien, Portugal. In Gedanken ist sie schon oft auf Reisen gegangen, hat ihren Koffer gepackt

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich...

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich…

und ist einfach abgehauen. Als Mitarbeiterinnen einer internationalen Organisation aus Bethlehem sie zu ihrer Abschiedsparty in die Stadt einluden, winkte sie ab. „Nein, das geht nicht, mein Mann möchte das nicht, ich kann hier nicht das Dorf verlassen“, gab sie den verdutzten Ausländerinnen zur Antwort. Es hat eine Weile gedauert bis die Frauen aus Europa begriffen: Das ist Sihams Art der Revolution. Zu bleiben, als Frau und Mensch, wo andere längst feige die Flucht ergriffen hätten. Hasta la victoria siempre, collega!

 Die Redaktion von Dreiecksbeziehung gratuliert am 8. März, dem Internationalen Weltfrauentag, allen Frauen aufs Herzlichste: Weiter so, ihr seid Spitze!

Nahalin – das ausradierte Dorf

23 Jan
Wird sein Dorf verlieren: Ein junger Bewohner von Nahalin.   Foto: Liva Haensel

Wird sein Dorf verlieren: Ein junger Bewohner von Nahalin. Foto: Liva Haensel

Rechte Regierung, Rechts-Mitte-Regierung oder Ultrarechts? Für die meisten Palästinenser spielt es kaum noch eine Rolle, wer an Israels Regierungsspitze steht. Als Bevölkerung unter Besatzung wird den 4 Millionen Bewohnern des Westjordanlandes und Gazas das Wahlrecht verwehrt. Die israelische Siedlungspolitik wurde schon in den 50iger Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv vorangetrieben, vor allem unter den liberal-linken zionistischen Parteien. Was das für einzelne Dörfer in der Westbank bedeutet, wird Dreiecksbeziehung künftig näher beleuchten. Frei nach dem Motto: In jedem Dorf  leben Menschen, jedes Dorf hat eine Geschichte. Sie soll hier erzählt werden.

Am 14. November 1991 erscheint ein unauffälliges Buch bei Atlantic Monthly in den USA. „A season of stones“  (Zeit der Steine) wird kein Weltbestseller und ist heute allenfalls nur noch

288 Seiten: Winternitz Buch. Foto: Atlantic Monthly

288 Seiten: Winternitz Buch. Foto: Atlantic Monthly

in Antiquariaten und bei amazon in Ausnahmefällen erhältlich. Doch das Buch mit dem Untertitel „Life in a palestinian village“ (Leben in einem palästinensischen Dorf) beschreibt auf leise und beeindruckende Art das Zusammenleben zwischen Bewohnern des Dorfes Nahalin und einer amerikanischen Journalistin während der Ersten Intifada. Helen Winternitz, unverheiratet, modern, unkonventionell,  lebt für ein Jahr lang in dem konservativen 8000-Seelen-Ort, der südwestlich von Bethlehem liegt. Schon damals war Nahalin, das Dorf im Tal, von jüdischen Siedlungen umringt.

60 Prozent des Landes verloren

Winternitz beschreibt in „The season of stones“, wie Bulldozer die Erde plattmachen und uralte Olivenbäume niederwalzen. Zudem findet in Nahalin ein Massaker israelischer Soldaten an der Zivilbevölkerung statt, bei dem sechs Männer getötet werden. Bis 2008 unterhält das Caritas Baby Hospital aus Bethlehem, das einzige spezialisierte Krankenhaus für Kleinkinder in der Westbank und Gaza, dort eine Zweigstelle für Mütter. Offiziell wird es aus Geldmangel dichtgemacht. Damit rutschte Nahalin wieder in seine alte isolierte Lage zurück, eingequetscht zwischen jüdischen Siedlungen und ohne nennenswerte Verkehrsanbindung an größere Städte.

Israelischer Ausweis – und dann?

UN-Grafik zur Situation Bethlehems.

UN-Grafik zur Situation Bethlehems. Nahalin liegt südwestlich der Stadt.

Heute ist Nahalin nur noch ein gelber Fleck auf der Landkarte, der von der israelischen Regierung ausradiert wird. Umgegeben von elf Siedlungen, davon am direktesten von Betar Illit

im Norden, Newe Daniyel im Südosten, Rosh Zurim im Süden und Nahal Gevaot im Westen, sehen die Bewohner dort einer ungewissen Zukunft umgeben. Das wird auch die neu gewählte Regierung jetzt nicht ändern, im Gegenteil. Die Nahaliner haben vergangene Woche nun darüber Gewissheit bekommen, dass ihr Dorf ab April zu Israel gehören soll. Das berichtet ein Mitarbeiter des Rathauses. Israel plane demnach, das verbliebene Land vollständig zu konfiszieren. Was dann aus den palästinensischen Bewohnern werden soll, ist unklar. Sie könnten ihre Westbank-Ausweise behalten, würden dann aber komplett eingekesselt sein von israelischem Gebiet und sich nicht frei bewegen können. Im Falle, dass die Regierung ihnen die israelische Staatsangehörigkeit geben würde, wären sie zwar israelische Staatsbürger in der Westbank. Damit wären sie aber von den anderen Gebieten, Freunden, Familienangehörigen und Arbeitsplätzen in Bethlehem und den umliegenden Dörfern ebenfalls abgetrennt. „Wenn wir zu Israel gehören werden, werde ich Nahalin verlassen und nach Ramallah gehen“, sagt der Mitarbeiter im Rathaus, der seinen Namen nicht nennen möchte. Dann sei die Zukunft für ihn gelaufen.  Sein ganzes Leben habe er in Nahalin verbracht, erzählt er, sei dort als Kind in den Bergen durch die Wälder gelaufen, habe laut gesungen und Verstecken gespielt mit seinen Freunden. Das ist vorbei, meint er und seine Stimme klingt belegt.

Angriff bei der Mandelernte

Die ehemaligen 12.000 Dunum Land (rund 120 Millionen Quadratmeter) Nahalins, von denen nach Angaben des Applied Research Institutes Jerusalem (ARIJ) 60 Prozent von Israel seit 1967 eingenommen wurde, stellen die Grundlage für die meisten Dörfler dar.  Sie bewirtschaften das Land seit Jahrhunderten, es ist ihre Existenz. Und gleichzeitig auch ihr Problem. Denn die israelischen Siedler aus dem religiösen Betar Illit von gegenüber lassen ihr kontaminiertes Abwasser direkt ins Tal laufen und verunreinigen auf diese Weise die Felder von Nahalin. Zudem

In der illegalen israelischen Siedlung Betar Illit leben 39.000 orthodoxe Juden. Foto: privat

In der illegalen israelischen Siedlung Betar Illit leben 39.000 orthodoxe Juden.
Foto: privat

kommt es immer wieder zu Angriffen auf palästinensische Bauern, die mit ihren Familien im Herbst die Mandel- und Olivenernte vornehmen. Erst im vergangenen Oktober griff eine Gruppe 30 junger Siedler zehn Nahaliner an, die gerade ihre Oliven von den Zweigen striffen und in Decken einsammelten.  Dabei fielen Worte wie „Sharmuta“ (Hure) und „Kusemek“ (Arschloch), mit der die Siedler die palästinensischen Frauen und Männer beleidigten. Nachdem die Gruppe auch noch Bäume und ganze Felder in Brand gesetzt hatte, erschienen schließlich israelische Soldaten mit einem Jeep. Eine Entschuldigung oder Schutz vor Angriffen erhielten die Dorfbewohner von ihnen nicht – geschweige denn rückwirkend eine Entschädigung für das zerstörte Land. „Für uns ändert sich hier nichts, egal, welche Regierung gerade an der Macht ist“, sagt der junge Rathausmitarbeiter resigniert. Es kann sein, dass in drei Monaten etwas passiert, das 1948 sehr oft praktiziert wurde: Ein palästinensisches Dorf wird einfach ausgelöscht vom israelischen Staat.

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