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Jerusalem fühlen

10 Apr
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Foto: Privat

Jerusalem kann man nicht verstehen. Diese Stadt muss man spüren, mit jedem Faser des Körpers, mit jedem der Sinne, die einem zur Verfügung stehen.

Jerusalem fühlt man.

Es gibt Menschen, die verfallen der Schönen, Goldenen, hoffnungslos. Einmal um die Altstadtmauern geschlendert, auf dem Tempelberg umhergestreift, den Freitagabend an der Klagemauer verbracht, schon ist es um einen geschehen. Vielleicht liegt es an der Vielfalt dieser Stadt, deren Stein- und Erdschichten sich im Laufe der  Jahrzehnte und Jahrhunderte so unzählig übereinander legten, dass Archäologen heute nur noch müde lächelnd abwinken: Ausgrabungen in Jerusalem? Ach, ganz wundervoll! Aber wo anfangen und wo aufhören…

Jerusalem, das Fass ohne Boden. Wer einmal anfängt, von ihr zu trinken, der will nicht mehr aufhören. Dabei ist hier nichts einfach und unkompliziert. Der Stadt hängt immer auch ein dunkler Trauerschleier über dem Haupt. Freilich, man kann all das vergessen. Gute Restaurants und Bars sind hier fast genauso zuhause wie in Tel Aviv. Aber der bittere Geschmack der israelischen Besatzung verfolgt einen dennoch in die besten Lokale, höchsten Aussichtsterrassen, in die Basare und vielen Kirchen.

Jerusalem, das ist hochsensible Dramaturgie, das ist ein Adrenalinstoß .

Die systematische Besatzungspolitik schnürt Palästinensern zunehmend die Luft ab. Die Enteignung von Land durch Behörden und jüdische Siedler verändert die geografischen Linien. 70 Jahre Israel bedeuten auch 70 Jahre Leid – für Palästinenser vor allem. Und Israelis.

Soldaten und Polizisten spannen ein Sicherheitsnetz um die Schöne. Oben am Himmel segelt die Drohne und sieht alles.

Hier wird hart durchgegriffen, kläglich geweint, zärtlich geflüstert.

Sicherheit contra Freiheit.

Nichts ist gegensätzlich. Ungleiche Paare lieben sich doch auch während Kinder fröhlich  in den Gassen plärren.

Im Armenischen Viertel verästeln sich die feinen Linien der Stadtsilhouette auf den farbenfrohen Keramikkunstwerken während die Stadtverwaltung  ihre unpolitischen Briefe zur Stadtaufteilung verschickt.

Jerusalem, was antwortest Du? Hast Du schon Dein Kleid für die Zukunft gewählt?

Jerusalem Cover
Tipp: Die Bundeszentrale für Politsche Bildung hat gerade ein Sonderheft herausgegeben: „Jerusalem“ kann man hier lesen oder gratis über die Webseite bestellen.

Eine Frage der Menschlichkeit

22 Jan

In den deutschen Kinos läuft derzeit „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“, ein Film über vier Berliner Juden, die während der Nazizeit im Versteck überleben konnten. Nun, 75 Jahre später, hat die Bundesregierung entschieden, die Stelle einer/eines Antisemitismus-Beauftragten zu schaffen. Was ist los mit uns Deutschen? 

Von Liva Haensel

„Mich hat sehr berührt, dass dieser junge Mann im Film am Ende sagt, wenn man ein einziges Menschenleben rettet, dann rettet man die ganze Welt.“ Ein Publikumsbeitrag im Abaton-Kino in Hamburg am Sonntagmorgen. 200 Menschen sind gekommen, um sich den auf Zeitzeugen  basierenden Film „Die Unsichtbaren“ anzuschauen und nach der Vorführung darüber zu diskutieren. Der junge Mann im Film ist Cioma Schönhaus, einer der Protagonisten aus Berlin, der die Nazizeit — immer auf der Flucht und in dauernder Gefahr, erkannt und verraten zu werden, überleben konnte. Der Reichspropaganda-Minister Joseph Goebbels hatte 1943 Berlin als „judenfrei“ proklamiert. Tatsächlich hatten sich bis dahin etwa 7000 Juden dem Deportationsbefehl in den Osten widersetzt und lebten fortan im Untergrund in der Hauptstadt. „Die Unsichtbaren“ existierten nun offiziell nicht mehr. Sie schlüpften unter bei Freunden und Fremden, wochen- oder tageweise, illegal, ohne Geld und Papiere. Dieser Lebensgefahr setzen sich auch ihre Helfer aus. Menschen, die aus allen Schichten kamen, manchmal keine politischen Absichten verfolgten, aber tief in sich spürten, dass der tödliche Auslöschungsstrategie der Nationalsozialisten etwas entgegengesetzt werden musste.

Ich wollte etwas für mein Vaterland tun.                                                                     (Helene Jacobs, Widerstandskämpferin)

Schönhaus zitiert in der Schlussszene seine Retterin Helene Jacobs. Sie ermöglichte ihm, bis zum Schluss in einer Werkstatt als Passfälscher zu arbeiten. Am Ende warnte sie ihn noch vor einer drohenden Verhaftung — und wurde selbst abgeholt. Helene Jacobs gehörte der Bekennenden Kirche an und wurde zu 2,5, Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie habe ihm und anderen Juden mit falschen Papieren, Lebensmitteln und Quartier geholfen, um „etwas für ihr Vaterland“ zu tun, habe sie ihm einmal gesagt. Das hat ihn, den damals jungen Grafiker, der sich auf dem Fahrrad am Kriegsende durch das zerbombte Deutschland in die Schweiz durchschlug, sehr beeindruckt. Schönhaus konnte sich ein neues Leben in der Schweiz aufbauen, er gründete eine Familie und starb 2015. Vor der Kamera sieht man einen Menschen, der mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist. Vermutlich auch, weil er in dem Wahnsinn der Nazizeit, den er durchlitt, auf die Frage nach Menschlichkeit eine positive Antwort erleben konnte.

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Cioma Schönhaus (gespielt von Max Mauff). Fotos: TOBIS

Was ist heute los in Deutschland?

Die Menschen in dem Kinosaal haben einen Altersdurchschnitt von 55+. Junge Menschen unter 20 Jahren sind nicht gekommen. Die moderierte Diskussion, die die Hamburger Balint-Gesellschaft übernommen hat, ist emotional. Alle Teilnehmer drücken ihre Gefühle aus, packen in Worte, was sie beschäftigt. Aber ein wichtiger Aspekt fehlt: Was ist heute los in Deutschland? Wie steht es um unseren eigenen Rassismus und Antisemitismus? Sind wir, die Zuschauer, auf der sicheren Seite, weil wir Hochschulausbildungen und gute Jobs haben?

Zur Erinnerung: Eine rechte Partei sitzt im Bundestag und hat eine signifikante Wählerschaft in den neuen Bundesländern vorzuweisen. Die NSU konnte jahrelang agieren und morden ohne dass Staat und Gesellschaft es gemerkt haben (oder merken wollten). In Dessau wird ein Prozess nach langer Zeit wieder aufgerollt mit vielen Fragezeichen an die deutsche Justiz, bei dem ein Asylbewerber aus Sierra Leone mutmaßlich in seiner Zelle verbrannt wurde. Die Bundesregierung hat gerade das Amt einer/eines Antisemitismus-Beauftragten bestätigt.

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Das Waisenkind Hanny Levy (gespielt von Alice Dwyer) kommt bei Frau Kolzer (Naomi Krauss) in Tempelhof unter. Sie überlebt und wandert später nach Paris aus.

Der Antisemitismus-Bericht, der seit 2013 jährlich erscheint, gibt auf rund 300 Seiten Auskunft darüber, welche Formen des Antisemitismus es gibt, wie dieser ausgeprägt ist und welche Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben. Ein Punkt darin ist, dass Einrichtungen, die aufklären und fördern, unbedingt finanziell sichergestellt werden sollten. Ein paar Kapitel sind auch dem „Israel bezogenen Antisemitismus“ geschuldet. In diese Kategorie, die naturgemäß parallel zum Nahostkonflikt und Israels Anspruch auf die Westbank, Gaza und Jerusalem entstand, fällt vermutlich das Verbrennen israelischer Flaggen auf Demonstrationen in Deutschland. Auch geht der Bericht auf Judenfeindlichkeit unter Migranten und Muslimen ein. Dennoch stellt er am Ende  heraus: Antisemitismus ist ein primär rechtes Problem. Es muss in der Mitte der Gesellschaft bekämpft werden. Das Problem existiert in unseren Emotionen, eine Messung eben dieser ist eine schwierige Angelegenheit. Wir können uns ergo nicht zu den Wissenden stilisieren, die sich besser anders verhalten und die wir so gerne wären.

Ich kann eingreifen. Oder es sein lassen.

Zivilcourage kann man üben. In Trainings und Diversity-Workshops. Aber vor allem in Alltagssituationen, in ganz normalen Gesprächen. Im Kontakt mit Menschen, am besten vielen unterschiedlichen Menschen. Wie reagiere ich, wenn ich mitbekomme, dass auf dem U-Bahn-Steig ein schwarzer Mann von Polizisten nach seinen Papieren gefragt wird? Nehme ich als Nicht-Betroffene das „Racial Profiling“ überhaupt wahr? Ich kann eingreifen. Ich kann es auch sein lassen. Habe ich Kontakt mit jüdischen Schülern, Nachbarn, Bekannten, der Gemeinde in meinem Ort? Sogar die Volkshochschulen bieten Kurse zu Judentum und jüdischer Literatur an. Ich kann einen Kurs belegen. Ich kann es auch sein lassen.

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Ruth Gumpel (2. v. l, gespielt von Ruby O. Fee) serviert mit falscher Identität Delikatessen bei einem Nazi-Offizier. Sie und ihre Familie können so dem Holocaust entkommen.

Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren einmal in einer Berliner-S-Bahn Richtung Steglitz die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ las. Mir gegenüber saß ein Ehepaar, das sehr gut gekleidet war, beide etwa Ende 50. Die Frau guckte auf den Zeitungstitel, beobachtete mich eindringlich und guckte dann wieder auf den Titel. Schließlich trafen sich unsere Blicke und sie lächelte mich an. Ihr Lächeln bestand aus einem Mund, der zu einer Grimasse verzerrt war. In ihren Augen konnte ich eine Mischung aus Mitleid und Argwohn entdecken.

Dieses Erlebnis wäre eigentlich klein und fast unbedeutend gewesen. Hätte es mir damals nicht so deutlich gezeigt, was es bedeutet, auf einmal als „anders“ wahrgenommen zu werden. Mitten in der Weltstadt Berlin.

 

Der Film „Die Unsichtbaren“ des Regisseurs Claus Räfle läuft seit November 2017 in den deutschen Kinos. 

„Ich will alles sehen!“ – Mit einem Palästinenser zu Besuch im KZ

17 Jun
Waschbereich, Baracke im KZ-Sachsenhausen. Hier wurden dutzende Häftlinge von SS-Wachmännern ertränkt.   Foto: Liva Haensel

Waschbereich, Baracke im KZ-Sachsenhausen. Hier wurden dutzende Häftlinge von SS-Wachmännern ertränkt. Foto: Liva Haensel

Das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin war das erste KZ, das die Nationalsozialisten in Preußen errichteten. Von 1936 bis 1945 ermordete die SS dort zehntausende politische und jüdische Häftlinge, darunter auch den Schriftsteller Erich Mühsam und den Hitler-Attentäter Georg Elser. Das Curriculum zum Thema Zweiter Weltkrieg, Konzentrationslager und Holocaust sieht in dem meisten palästinensischen Schulen eher dürftig aus. Schüler in Palästina lernen nur unzureichend  im Unterricht, wie die Besatzungspolitik Hitlers genau aussah und wie sich das Leben europäischer Juden von anfänglicher Diskriminierung bis hin zum totalen Rassenwahn der Nazis dramatisch veränderte. Der Holocaust gilt nach wie vor als Tabu in der Diskussion, weil er offiziell die Legitimation für einen jüdischen Staat darstellt und Palästinenser dies als Gefährdung ihrer eigenen Existenz wahrnehmen. Das Interesse von Palästinensern, mehr über deutsche Geschichte und Judenverfolgung zu erfahren, ist dennoch groß. Ein Besuch mit einem Palästinenser im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Oranienburg, Eingang zum ehemaligen Konzentrationslager. Im Eingangsbereich stehen graue Blöcke, die trist in den Himmel ragen. Ein paar japanische Touristen streifen über das Gelände und knipsen Fotos.

Die Deutsche: So, hier sind wir also. An der Info liegt ein Plan zum KZ. Komm, wir gucken uns das mal an. Ich frage den Herrn an der Info, ob es den auch in Englisch gibt. Vielleicht haben sie sogar einen in Arabisch.

Zum Mitarbeiter an der Info: Hallo, guten Tag! Wir würden gerne einen Übersichtsplan in Deutsch haben und einen in Englisch. Gibt es den eigentlich auch auf Arabisch?

Mitarbeiter KZ Sachsenhausen: Nee, tut mir leid. Auf Arabisch? Nee, also, danach hat noch nie jemand hier gefragt, ehrlich gesagt. Sie sind die ersten.

Der Palästinenser: Oh, ich bin der erste. Noch nie hat jemand nach einem Infoplan auf Arabisch gefragt. Ok. Irgendwann ist immer das erste Mal. (lacht, dann zur Deutschen): Komm!

Die beiden machen sich auf, um das Gelände zu erkunden. In den letzten Jahren hat die Mahn- und Gedenkstätte die ehemaligen Baracken wiederaufgebaut und viele originale Details wiederhergestellt, um Besuchern einen authentischen Eindruck davon zu vermitteln, wie das KZ bis 1945 aussah und unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Häftlingen dort leben und arbeiten mussten.

Der Palästinenser: Ich möchte sehen, was den armen Juden passiert ist hier. Ja, ich will das alles sehen.

Die Deutsche: Was weißt Du denn? Habt ihr das in der Schule denn nicht gelernt? Was genau hat der Lehrer Euch denn erzählt?

Der Palästinenser: Ich weiß, dass Hitler sechs Millionen Juden umgebracht hat. Er hat den Krieg angefangen. Aber sag mal, hat er denn nur Böses gemacht? War nichts, wirklich nichts gut an ihm?

Die Deutsche: Du stellst komische Fragen! Nein, es war nichts gut an ihm, gar nichts. Er hat einen Pakt nach dem anderen gebrochen, mit den Nachbarländern und den anderen. England, Frankreich, Polen und so weiter, was meinst Du, warum die Deutschen so unbeliebt sind. Das ist unser Erbe, das ist so. Wir werden nie geliebt werden. Und Hitler hat die europäischen Juden verfolgt, erst perfide und leise, aber dann kamen die Nürnberger Rassengesetze und es wurde gesellschaftsfähig, dass man antisemitisch war. Erst dürfen Juden nicht mehr als Ärzte arbeiten, dann nicht mehr an der Universität, es ging immer so weiter, dann dürfen sie ihr Haus nicht mehr verlassen nach 18 Uhr, Ausgangssperre, einfach, weil sie Juden sind. Sie dürfen sich nicht mehr auf Parkbänke setzen. Sie werden ausgeschlossen aus der Gesellschaft, kannst Du Dir das vorstellen? Das Wasser wird ihnen abgegraben, die Luft zum Atmen genommen. Was soll daran gut sein? Die Nazis haben diese Menschen getötet, sie haben damit einfach Leben ausgelöscht und auch eine vielfältige Kultur vernichtet, die wir nicht wiederbekommen werden. Erinnerst Du Dich daran, dass ich Dir von Ada erzählte, der israelischen Friedensaktivistin mit der deutschen Mutter? Die Mutter hat ja nie über diese ganzen Diskriminierungen mit ihrer Familie gesprochen, aber es hat Spuren hinterlassen. Ada sagt, sie möchte nicht nach Deutschland fahren, in das Land der Täter. Das verstehe ich irgendwie. Auch wenn wir keine Mörder mehr sind.

Der Palästinenser (bleibt vor dem Galgen stehen auf dem Appellplatz, den die SS für öffentliche Hinrichtungen nutzte, um die anderen Häftlinge damit abzuschrecken): Ja, ich erinnere mich, die Ada habe ich ja selbst kennengelernt. Aber sag mal, warum fühlst Du Dich jetzt immer noch schuldig als Deutsche? Das verstehe ich irgendwie nicht. Du hast damals nicht gelebt, Du bist nicht für den Tod von sechs Millionen Juden verantwortlich. Ich begreife nicht, warum Deutschland gesamt in diesem Schuldgefühl verstrickt ist. Und dann alles macht, was Israel will. Das ist merkwürdig. Es behindert einen palästinensischen, lebendigen Staat. Es ist schlimm, was Deutschland den Juden angetan hat. Aber es ist vorbei.

Die Deutsche: Das verstehst Du nicht. Ich bin Deutsche, ich werde es immer sein. Wenn ich verantwortlich mit meiner Geschichte umgehe, dann heißt das, dass ich den Holocaust nie vergesse, er ist immer präsent für mich. Unsere Außenpolitik muss diplomatisch sein, das erwarten sowohl die Palästinenser als auch die Israelis von uns. Wir können nun mal nicht einfach reinhauen und sagen: So, jetzt reicht es mit der kolonialen Politik, mit dem Zionismus, ihr habt euren Staat, jetzt sind die Palästinenser dran. Das ist hochsensibel. Aber ja, es stimmt schon, eine uneingeschränkte blinde Solidarität mit Israel nach dem Motto „Wir-machen-alles-mit“, das ist natürlich Unsinn. Wenn ich hier stehe und die Baracken sehe, die Gitter, den Appellplatz, dann muss ich mir auch eingestehen, dass palästinensische Häftlinge von ähnlichen Haftbedingungen berichten, von Folter und Erpressung. Der Holocaust war einmalig in seiner Grausamkeit, aber Unmenschlichkeit ist kein Attribut, was nur die Deutschen gepachtet haben, sicher nicht.

Beide gehen in das sogenannte „Kleine Lager“, in dem vor allem jüdische KZ-Häftlinge einsaßen. Sie bleiben vor den Waschräumen stehen: In der Mitte steht ein Becken, ähnlich einem schäbigen Springbrunnen, an dem sich bis zu 50 Gefangene wuschen. Links daneben befinden sich kleine Waschbecken am Boden. Die Infotafel am Türrahmen verrät, dass die Wachleute dort gerne Häftlinge ertränkten, indem sie ihren Kopf in das Wasser hielten. Beide bleiben stehen, sie lesen den Text und starren auf die Waschbecken. Stille.

Der Palästinenser macht Fotos mit seiner Digitalkamera: Das muss ich Shlomi zeigen, meinem Freund in der jüdischen Siedlung. Ich werde ihm erzählen, dass ich hier war. Das glaubt er nur, wenn er die Fotos sieht.

Die Deutsche: Ja, aber sei vorsichtig. Das setzt ihm bestimmt zu, wenn er das sieht. Du sagtest ja, er kommt aus den USA, aber vielleicht hat er Verwandte, die in einem KZ in Europa umkamen. Wer weiß, vielleicht redet ihr irgendwann mal darüber. Die Nazis waren sehr kreativ in Bezug auf Mordmethoden. Einige wurden berühmt-berüchtigt dafür, wie sie die Häftlinge quälten.

Der Palästinenser nickt und geht dann weiter. Beide treten in die Baracke 37 ein, in der die Häftlinge auf Holzpritschen schliefen. Schließlich sehen sie sich die Einzelzellen für die politischen Gefangenen an. In den Zellen hängen Gedenktafeln an die Ermordeten und die Fahnen ihrer Länder. Einige Zellen waren völlig abgedunkelt, um die Insassen durch Lichtentzug besonders zu strafen.

Der Palästinenser: Das ist trostlos hier. Der Tod ist in jedem Winkel spürbar, die Trauer. Auch ich habe mal in einem Gefängnis gesessen, in Israel, in Einzelhaft, ohne Licht. Drei Monate lang. Am Ende weißt Du nicht mehr, wo oben und unten ist, welcher Tag ist, welche Uhrzeit. Du hast niemanden zum Reden. Du denkst nach und dann hörst Du auf, Du schläfst ein bisschen, wachst auf, nickst wieder ein. Du hast kein Gefühl mehr – für nichts.

Die Deutsche (geschockt): Du warst in Einzelhaft? Das wusste ich nicht. (nach einer Weile) Okay, das ist deine Geschichte. Aber das kannst Du jetzt nicht mit dem Holocaust vermischen, finde ich. Das hier ist was anderes. Hast Du eigentlich die Inschrift gesehen in der Eingangstür zum Appellplatz? „Arbeit macht frei.“ Das steht auch in Auschwitz in Polen. Die Nazis benutzten gerne solche ironischen Sprüche, purer Hohn.

Der Palästinenser: Oh, das wusste ich nicht. Auschwitz, ja, davon habe ich gehört. Können wir dahin fahren, was meinst Du? Ich würde mir das gerne ansehen.

Die Deutsche: Hm, würde ich gerne, aber lass uns erst mal hier weitermachen, bevor wir gleich nach Polen fahren. Sachsenhausen ist nicht so anders, auf dem Plan steht, dass sie hier auch medizinische Experimente gemacht haben und dass es dort drüben (zeigt mit dem Finger Richtung Westen) ein Krematorium mit Verbrennungsöfen gab.

Der Palästinenser wendet sich nach links und entdeckt den Erschießungsgraben, in dem KZ-Wächter tausende Kriegsgefangene und Oppositionelle töteten. Er geht die Rampe hinunter und steht nun an der Stelle, an der die Häftlinge kurz vor ihrer Erschießung standen.

Die Deutsche: Geh da weg, das ist gruselig, ich kann das nicht  mit ansehen! (Sie folgt ihm langsam und liest den Text der Gedenktafeln durch, die dort hängen.)

Der Palästinenser: Du, aber was sieht man nun wirklich hier? Ich will doch alles sehen, das habe ich Dir doch gesagt!

Die Deutsche: Reicht es nicht, dass wir hier sind? 1945 ist nun mal vorbei. Glaubst Du die Geschichte erst, wenn die Leichen wiederauferstehen? DU bist an einem Originalschauplatz, mehr geht nicht. Vielleicht weißt Du einfach zu wenig über die Zeit damals.

Der Palästinenser: Ja, ich glaube, ich muss noch mehr lesen darüber. Dann verstehe ich alles besser. Es gibt nicht so viel arabische Literatur über den Holocaust und die Judenverfolgung und das Dritte Reich. (Geht zur Mauer mit einem meterlangen Text, der über den Alltag der Häftlinge in Sachsenhausen, Einzelschicksale und die Bau-Etappen des KZ berichtet.)

Nach vier Stunden.

Deutsche: Du, wir müssen gehen, die schließen. Es ist 18 Uhr. Bis zum Ausgang ist noch ein weiter Weg, wir müssen uns ein bisschen beeilen.

Der Palästinenser: Nee, ich bleibe noch. Wir haben noch nicht mal die Hälfte geschafft. Wir müssen unbedingt wiederkommen, ich muss noch weiterlesen. (Knipst rund 15 Fotos von KZ-Gelände). Ich bin noch lange nicht fertig.

 Zur Website „Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen“ hier
Das „Arab Educational Institute“ (Arabisches Institut für Bildung und Erziehung) mit Sitz in Bethlehem hat kürzlich eine Publikation für arabische Jugendliche zum Thema Holocaust herausgebracht. Website hier

Israel’s Love and Iran’s fear

21 Mrz
Israel loves Iran

Der Regierung eins ausgewischt: israelische Posterkampagne auf facebook.

Wer hat eigentlich Angst vor wem im Nahen Osten? Muss Israel Angst haben vor iranischen Bombentüftlern, die an einem Atomwaffenprogramm arbeiten, das noch gar nicht fertig ist? Oder sind es vielmehr die 75 Millionen Iraner, die jetzt zittern seit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im vergangenen  November den Iran als Israels Erzfeind Nummer eins ausgemacht hat? Ich traf gestern eine Frau auf der Straße aus der Nachbarschaft, deren Stimme ernst und dunkel wurde als sie ihre Sorge vortrug: „Der Iran droht mit der Atombombe und will Israel auslöschen. Vielleicht wird es den Staat Israel dann irgendwann nicht mehr geben. Ich habe Angst!“ Ja, ich auch, dachte ich nur während ich den silbernen hebräischen Buchstaben l’chaim   (= auf das Leben), der an ihrer Halskette baumelte, betrachtete. Ich habe Angst, dass sich weiter Spaliere bilden zwischen dem ach so zivilisierten Westen, dessen Teil ich als Deutsche bin, und dem verwilderten arabischen Osten, der nach Demokratie sucht und islamische Parteien gründet. Mein gebildeter, aufgeklärter Westen in Form der Bundesrepublik Deutschland hat jetzt gerade wieder Israel Unterstützung zugesagt, indem es drei U-Boote der Sorte Dolphin zugesagt hat. Dolphins sind Kriegswaffen, die Raketen transportieren können und werden genau zu dem Zweck eingesetzt. Die Bevölkerung des eingesperrten Gazastreifens litt besonders unter deutschen Waffen 2008/2009 als die israelische Armee in Gaza einrückte und 1500 Zivilisten tötete. Die unbemannten Drohnen, die vom Himmel herunterkamen und Kinder, Frauen und Männer schwer verletzten und töteten, kamen aus unserer Heimat. Hatten wir Deutsche nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, der Zerstörung und fast vollkommenen Auslöschung des jüdischen Volkes mit Massenvernichtungsmitteln gesagt „NIE WIEDER?“

Wahre Freundschaft zu Israel?

Einwohner der Stadt Kiel wollen jetzt beim Ostermarsch gegen Israel und die deutsche Beteiligung an Kriegen demonstrieren, wie die taz berichtet. Im taz-Artikel heißt es: „Seit Ende Februar liegt das erste U-Boot der neuen Dolphin-Klasse im Dock der Kieler HDW-Werft. Nach Informationen der ARD-Tagesschau haben die Boote Mittelstreckenraketen an Bord, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Ein israelischer Regierungsmitarbeiter sagte der Tageszeitung Haaretz, die Lieferung aus Kiel habe „große strategische Bedeutung“ für Israels Sicherheit.“ Aha, da haben wir sie also wieder, die Atomwaffen. Die „Freundschaft“ zu Israel besteht nicht aus Reflexion über die deutsch-jüdische Geschichte, aufrichtige Anteilnahme und konstruktive Kritik bezüglich Israels  auf der Basis internationalen Völkerrechts. Sondern Waffen- und Geldlieferungen. Geht so Frieden? Aber kommen wir zurück zum Iran und einer möglichen Bombengefahr. Die Verwirrung ist da. Und groß. Bei aller Ernsthaftigkeit, die das Thema birgt und bei allen Ängsten auf beiden Seiten, ist dennoch bemerkenswert, dass sich derzeit – seit sich die Drohgebärden auf beiden Seiten gesteigert haben – fast niemand in der deutschen Medienlandschaft und darüber hinaus mit der Bedrohung israelischer Atomwaffen beschäftigt. Das ist fast schon putzig. Der Iran ist böse, aber Israel nicht? Dabei ist Israels Rüstungsprogramm im Gegensatz zu der vermuteten iranischen Atomwaffe ein ganz reales. Es ist daher passend an einen alten Freund Israels zu erinnern, der als erster öffentlich über Israels Atomwaffen sprach. Mordechai Vanunu, Nukleartechniker in Dimona, hatte 1986 nach seinem Weggang aus Israel in einer englischen Zeitung über die Rüstungsprogramme und Waffen seines Heimatlandes gesprochen. Er wurde als Landesverräter inhaftiert und kam 2004 unter strengen Auflagen frei. Vanunu hat sicher eine Meinung zur derzeitigen Endzeitstimmung, die Netanjahu verbreitet. Leider darf er die aber nicht sagen, da er weder reden noch schreiben noch das Land verlassen kann. So kann Heimat zum Gefängnis werden und Demokratie verkommt zu einer Worthülse. Der israelische Friedensaktivist mit deutschen Wurzeln, Uri Avnery, hat einmal einen Witz dazu erzählt, der so geht: In der Dunkelheit eines Kinosaales hört man eine Frauenstimme: „He! Nimm deine Hände weg! Nicht du! Du!“ Dieser alte Witz illustriert die amerikanische Politik, wenn es sich um Atomwaffen im Nahen Osten handelt. „He, ihr da, der Irak, der Iran und Libyen macht Schluss damit! Nein, Israel, du nicht!“

Iranische Juden gehen nicht nach Israel

Aber, hey, was ist jetzt eigentlich mit den 250.000 iranischen Juden, die im jüdischen Staat mit 20%-iger palästinensischer Bevölkerung leben? Und was ist mit den rund 25.000 Juden,

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

die in ihrer Heimat Iran leben? Nach dem Inkrafttreten des Mullahregimes im Iran verließen nach 1979 viele Juden das Land und siedelten sich woanders an –  nur ein Drittel der Exilanten allerdings im jüdischen Staat. Warum geht ein bedrohtes Volk nicht in das „Land der Väter“, wenn es doch dort eine Heimstätte und Zuflucht vor Verfolgung und Feinden dieser Welt finden wird? Die Antwort liegt irgendwo im Graubereich zwischen Diskriminierung von arabischen und afrikanischen Juden in Israel, einer fatalen Spaltung zwischen „jüdischer“ und „arabischer“ Lebens-Welt (die Jahrhunderte lang eine war!) und einem Unwohlsein arabischer Juden, sich zwischen dem jüdischen Staat und ihrer arabischen Herkunft, Sprache und Kultur entscheiden zu müssen, weil Israels Politik ihnen keine andere Wahl lässt. Mittlerweile verlassen mehr Juden Israel, als dass sie dort einwandern. Ein Staat, der die palästinensische Bevölkerung ihrer Lebensgrundlage beraubt und sich seit 1967 (und in Teilen auch schon vorher) dem Völkerrecht widersetzt, ist nicht mehr attraktiv. Und Sicherheit garantiert er seinen Bürgern schon mal gar nicht.

Wir lieben Euch!

Ein paar iranische Juden sind schon in Berlin gestrandet. Die Poster-Kampagne eines israelischen Ehepaares mit der Aufschrift „Iranians, we love you. We will never bomb your country“ ist fast rührend, die facebook-Gruppe „Israel loves Iran“ hat jetzt 8500 Mitglieder. Ich finde, wir sollten nicht  nur traumatisierte Israelis hier aufnehmen, die mittlerweile schon eine ganze  Kleinstadt mit ihren rund 15.000 Einwohnern in Berlin füllen könnten und die Stadt bunt machen. Iraner, welcome, too! Wer immer Angst vor der israelischen Atombombe hat, der komme hierher! Lasst uns gemeinsam türkischen Kaffee in Mitte trinken.

Israelis für Frieden

13 Jan
Avihai Stollar

Avihai Stollar

Avihai Stollar 28 Jahre alt, West-Jerusalem, Mitarbeiter der Organisation „Breaking the silence – Israeli   soldiers talk about the territories“, die Berichte von israelischen Soldaten über ihren Wehrdienst in der    Westbank veröffentlicht

„Eigentlich bin ich ein ganz normaler Israeli. Ich wuchs in einem Vorort von Haifa in Nord-Israel auf. In meiner Familie ging jeder zur Armee, mein älterer Bruder, mein jüngerer, alle. Es ist keine Frage, ob Du gehst oder nicht, Du tust es einfach, weil der Staat es von Dir verlangt.  Ich hatte gerade die Highschool beendet und war  19, als ich Soldat in der israelischen Armee wurde. Mein Einsatzort waren die South Hebron Hills, südlich von Hebron also. Ich war dort von 2001 bis 2004 eingesetzt. Gerade hatte die erste Phase der 2. Intifada begonnen, die Stimmung war aufgeheizt. Die ersten acht Monate wurde uns in der Armee erzählt, dass wir alles schaffen können, dass wir Rambo sind. Du glaubst das erst, Du willst kämpfen, schießen, losrennen. Acht Monate wirst Du vorbereitet, dann geht es in den Einsatz. Endlich kannst Du was tun. Viele unserer Verhaftungen, die wir durchgeführt haben, machten keinen Sinn. Aber wir haben es gemacht, weil man nach 2 Jahren Militärdienst ausgebrannt ist und frustriert. Du willst ausbrechen aus der Routine, zum Beispiel, wenn Du an einem Checkpoint Palästinenser kontrollieren musst. Du lernst alles ganz genau: Wie verhalte ich mich, wenn eine schwangere Frau vor mir steht, was mache ich, wenn jemand eine Kamera hat und so weiter. Irgendwann glaubst Du dem Palästinenser nicht mehr, der Dir erzählt, dass er ins Krankenhaus muss, dass er wirklich krank ist. Du lässt ihn nicht durch. Ich habe erlebt, dass unser Kommandeur bei einem Einsatz in Yatta (Anm.: Stadt mit 80.000 Einwohnern in den South Hebron Hills) einfach zehn Bulldozer hinschickte, die dort Häuser zerstörten, weil es eben mal was anderes ist. Yatta wurde wochenlang blockiert für Palästinenser, die aus den umliegenden Dörfern kamen und andersherum, aus Sicherheitsgründen. Niemand hatte Zugang, niemand der Bewohner konnte sich frei bewegen. Oft haben die Befehle keinen höheren Sinn und es gibt auch nicht immer eine Strategie hinter allem. In den B- und C-Gebieten (Anm.:  palästinensische Gebiete, die unter voller Kontrolle des israelischen Militärs stehen = 75 %) kann das Militär sehr frei entscheiden und tut das auch. Kinder-Verhaftungen sind an der Tagesordnung, wir haben teilweise 8-Jährige festgenommen.  Oft geht es auch einfach um Abschreckung und Einschüchterung. Du gehst nachts in ein arabisches Haus mit deinen Waffen und Kameraden und erklärst das Haus zur militärischen Zone. Das passiert in Hebron sehr häufig.

Frustriert, angeödet, gelangweilt

Alle Soldaten, die Kombattanten sind, kommen gerade aus der Schule und sehen alles schwarz-weiß, auch wenn sie aus liberalen, sogenannten linken Elternhäusern stammen und nicht in jüdischen Siedlungen aufgewachsen sind. Ich stamme aus einem lockeren Elternhaus, meine Eltern waren immer entspannt, beide gebildet und europäischstämmig. In der Armee wird zwischen den „yellow soldiers“ und den „black soldiers“ unterschieden.  Die Yellows sind die soften, die aschkenazi-stämmigen Juden, die Blacks sind die Sefardi, die arabischstämmigen Juden.  Wenn Du ein tougher, harter Junge bist, dann bist Du ein „black soldier“ und natürlich wollen alle so sein, auch die Frauen. Ich war immer der „yellow soldier“. Für Soldaten gibt es nur die Guten und die Bösen, die Israelis und die Palästinenser. Einem 19-Jährigen klarzumachen, dass dies anders ist, ist sehr schwierig. Die meisten Soldaten sind frustriert, gelangweilt und angeödet von ihrem Militärdienst. Und es findet derzeit ein Wandel statt: Früher kamen die Offiziere aus nicht-religiösen Kibbuzim, heute kommen sie aus jüdischen Siedlungen. Ob die Armee mit den Siedlern zusammenarbeitet? Naja, offiziell  nicht. Es gibt Auflagen, die Soldaten erfüllen müssen und die richten sich auch gegen gewalttätige Siedler. Aber in der Praxis sieht das anders aus. Kein einziger Soldat würde je gegen einen Siedler vorgehen. Die religiösen erst recht nicht, weil es ihre eigenen Leute sind.

Ich redete drei Stunden lang

Nach meinem Armeedienst bin ich erst einmal in der Welt herumgereist, ich war 1,5 Jahre in Indien. Dann kam ich wieder und fing an, auf Demonstrationen gegen die israelische Besatzung zu gehen und machte dort ein paar Fotos. Irgendwann sprach mich jemand an und erzählte von „Breaking the silence“.  Der Typ fragte mich, ob ich über meinen Armeedienst erzählen wolle, ich sagte, klar, kann ich machen, aber ich habe eigentlich nichts zu sagen. Wir trafen uns auf einen Kaffee und ich redete drei Stunden lang.“
Homepage Breaking the Silence: http://www.breakingthesilence.org.il/

Ex-Soldaten kommen auf Anfrage gerne nach Deutschland und halten Vorträge und Diskussionsrunden.  Außerdem bietet die Organisation Führungen in den besetzten Gebieten an.

Ruth Hiller

Ruth Hiller

Ruth Hiller
58 Jahre alt, Kibbuz Haogen Nord-Israel. Gründerin der NGO „New profile for he Civil-aziation of the Israeli Society“, die junge Menschen über Demilitarisierung aufklärt und rechtliche Beratung für Israelis anbietet, die den Militärdienst verweigern möchten

„Es ist ein Mythos, dass man den Militärdienst in Israel nicht verweigern darf. Es stimmt einfach nicht. Aber niemand klärt Dich darüber in diesem Land auf, und junge Menschen sind verunsichert, was sie tun sollen. Deshalb habe ich mit anderen gemeinsam 1989 „New Profile“ gegründet. Unsere Gesellschaft ist bis zu den Zähnen bewaffnet, überall, in der Werbung, im Fernsehen und draußen. Alles ist militarisiert. Egal, ob Du eine Telefonkarte kaufst oder eine Hustentablette in Israel, alles steht in Zusammenhang mit dem israelischen Militär. Kleine Kinder wachsen von Anfang an damit auf, dass dies normal ist und dass es gut ist, für unser Land zu sterben. Aber was sind wir? Ist Israel mittlerweile ein Militärapparat mit Staat oder ein Staat mit Militär? Dieses Land gibt rund 7 % seiner Haushaltskosten für Verteidigung und Sicherheit aus (Anm: Deutschland liegt bei 1,3 Prozent). Im Sommer sind unsere Leute auf die Straße gegangen wegen Humus und zu hoher Mieten. Tatsächlich aber ging es um die Besatzung und die Kosten dafür. Und das erste Mal in der Geschichte ging die Polizei auch gegen ihre eigenen Leute vor. Vorher hatten sie die Palästinenser geschlagen, nun sind es auch jüdische Leute.

Wir gingen vor Gericht

Als ich in das Land kam, war ich überzeugte Zionistin. Das war 1972, ich war voller Tatendrang und verließ die USA. Ich wollte Israel aufbauen, dieses junge Land, mit meinen eigenen Händen. Ich lernte meinen Mann, auch ein amerikanischer Jude, kennen und wir heirateten. Wir haben sechs Kinder, davon zwei Töchter. Meine erste Tochter ging zum Militär und ich machte mir Sorgen, wie jede Mutter. Wie würde es ihr ergehen? Zu allem Übel entschied sie sich dafür, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen. Wir sagten okay, das ist deine Entscheidung, wir akzeptierten es. Meine 2. Tochter machte ihren Armeedienst. Dann kam mein Sohn. Er wusste schon mit elf, dass er niemals Soldaten werden würde, dass das nicht in sein Konzept passt. Er wollte den Wehrdienst verweigern. Wir als Eltern waren hilflos, wir wussten nicht, was wir tun sollen. Verweigern aus ideologischen Gründen? Das bedeutete Gefängnis. Jeder, der in Israel seinen Armeedienst aus politischen Gründen ablehnt, muss für einen Monat in ein Militärgefängnis. Leute, die religiös sind, auch Frauen, können verweigern, aber ansonsten gab es keine Alternative. Wir entschlossen uns, unseren Sohn zu unterstützen und den Fall vor Gericht zu bringen und zwar mit dem Ziel, dass er auf keinen Fall ins Gefängnis muss. Niemand vor uns hatte das je versucht, wir waren die ersten Israelis überhaupt. Aber wir fanden keinen Anwalt, niemand wollte diesen Fall übernehmen, noch nicht einmal israelische Juristen, die ansonsten Palästinenser als Klienten haben! Schließlich meldete sich ein junger Anwalt aus Jerusalem. Der Fall dauerte drei Jahre, dann war unser Sohn frei. Wir hatten es geschafft, wir hatten einen Präzedenzfall geschaffen.

Ich bin guter Hoffnung

Wer beim Militär arbeitet, hat die Fäden in der Hand. Dort sitzt die Macht. Und die meisten Frauen sind nicht darunter, was „New Profile“ kritisiert. Viele hochrangige Militärs gehen in die Politik und machen dort weiter und nach wie vor sitzen in fast allen Führungspositionen europäischstämmige Juden und keine afrikanischen oder arabischen. Die Armee missbraucht oftmals ihre Position, indem sie Rekruten abhängig macht. Junge äthiopische Soldaten beispielsweise verdienen nur 150 Dollar im Monat dort, das ist miserabel, aber sie machen es dem Staat Israel gegenüber aus Pflichtgefühlt und auch gegenüber ihrer Familie, weil die Eltern vielleicht arbeitslos sind.
Israel befindet sich seit über 60 Jahren in einem Dauer-Alarmzustand. Wenn es nicht die Palästinenser sind, dann gibt es ein neues Feindbild. Derzeit ist das der Iran.  Es gibt immer wieder Gründe für die Regierung, nicht auf Frieden einzugehen, und zwar aus Sicherheitsgründen, das Lieblingsargument meines Landes. Wir missbrauchen Euch Europäer, indem wir den Holocaust als Vorwand dafür benutzen, Menschenrechte zu verletzen und die Besatzung zu argumentieren. Aber die junge israelische Aktivistenszene wächst gerade und ich bin guter Hoffnung, dass sich was ändert. Gilat Shalits Vater möchte jetzt in die Politik gehen und ein bekannter israelischer Journalist ebenfalls. Hier passiert gerade was!“ htttp://www.newprofile.org/english/

Minem Maroof

Minem Maroof

Minem Maroof

35 Jahre alt, Haifa. Mitarbeiter am „Mossawa Center – the Advocacy Center for Arab Citizens in Israel“, das zum Thema Benachteiligung palästinensischer Israelis forscht, sich für Gleichberechtigung einsetzt und Hintergrundinformationen vermittelt

„Ich bin in Haifa aufgewachsen und habe in den USA studiert. Mein Großvater stammt aus einem kleinen Dorf bei Haifa, aus dem er 1948 vertrieben wurde. Aber meine Familie flüchtete nicht in die heutige Westbank oder in ein arabisches Land, sondern verblieb in dem Land, das heute Israel ist. In Israel leben 20% Palästinenser, die sich entweder „Israeli Arabs“ oder auch „Israeli Palestinians“ nennen. Wir sind Bürger 2. Klasse in einem Staat, der sich als einzige Demokratie im Nahen Osten bezeichnet, als Demokratie inmitten des arabischen Dschungels, wie Benjamin Netanjahu gerne zu sagen pflegt. Die Knesset, das israelische Abgeordnetenhaus, hat mehr als 20 Gesetze, die uns als nicht-jüdische Bürger in Israel direkt betreffen und diskriminieren. Eins davon wurde im Sommer verabschiedet und beinhaltet, dass ich als Palästinenser das arabische Wort Al-Nakba (Anm.: =Katastrophe, steht für die Vertreibung der arabischen Bevölkerung 1948 zeitgleich mit der Staatsgründung Israels) nicht erwähnen darf. Ich darf meine persönliche Geschichte nicht erzählen. Westbank- und Gaza-Bewohner bekommen keine israelische Staatsbürgerschaft zugesprochen, auch dann nicht, wenn sie mit einem Israeli oder einer Israelin verheiratet sind. Deshalb leben viele illegal in Israel, immer mit der Gefahr, dass sie entdeckt und rausgeworfen werden. Das Militär macht immer wieder Nacht- und Nebelaktionen, in denen diese Menschen heimlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die Westbank oder nach Gaza evakuiert werden.

Die Gesellschaft spaltet sich

Wir arabischen Israelis zahlen Steuern so wie alle anderen auch, aber die Teilnahme am öffentlichen Leben und damit an den Einrichtungen, für die wir unsere Steuern zahlen, ist begrenzt. Haifa ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Trennung praktiziert wird. Im Süden leben Russen, im Norden Äthiopier, in Downtown Palästinenser und im Karmelgebirge die Aschkenazi. Apartheid würde ich die Situation hier nicht nennen. Aber es geht einfach darum, ob Du  jüdisch bist oder nicht. Sobald man jüdisch ist, klappt auf einmal alles. Eine Mitarbeiterin von uns, eine amerikanische Anwältin, bekam lediglich ein 3-Wochen-Visum. Sie heißt Maryam Hussein und ist Muslimin. Sie versuchte es immer wieder im Innenministerium, aber mit so einem Namen ist es schwierig. Ein amerikanisch-jüdischer Praktikant von uns dagegen wollte eigentlich nur ein Touristenvisum haben und bekam gleich eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Wir arbeiten dafür, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, niemand benachteiligt oder bevorzugt wird. Ich denke, dass sich Israel darüber künftig klar werden muss, wohin die Reise geht. Ich beobachte, dass sich die israelische Gesellschaft mittlerweile spaltet: In diejenigen, die für,  und andere, die gegen die Menschenrechte sind. Das ist bedenklich.“  http://www.mossawa.org/

Roni Keidar

Roni Keidar

Roni Keidar
63, Netive Ha’sara/ israelische Grenze zu Gaza. Mitarbeiterin der NGO „Other Voice“, die sich auf zwischenmenschlicher Ebene mit Bewohnern aus dem Gazastreifen trifft und über  Alltagssorgen austauscht. Das Dorf in der Nähe der Stadt Sderot wird monatlich von Raketen aus dem Gazastreifen heimgesucht und hat überall Luftschutzbunker sowie einen speziellen Spielplatz mit Einschlag sicheren  Metallwänden

„Ich bin in England aufgewachsen und lebe schon lange in Israel. Mein Mann ist ägyptischer Jude, spricht also Arabisch. Und weil er Agrarwissenschaftler ist und aus Ägypten stammt, hatten wir die Möglichkeit, fünf Jahre in Kairo zu leben. Erst fand ich diese Idee nicht gut, ich lehnte es ab, aber dann entschieden wir uns zu diesem Schritt. In Kairo lernte meine Tochter ein Mädchen in der Schule kennen, mit der sie sich sehr anfreundete. Eigentlich stimmte alles, die beiden mochten sich. Aber als die erste Geburtstagsfeier der Freundin anstand, wurde meine Tochter als einzige nicht dazu eingeladen. Warum, darüber wurde nie gesprochen. Es war einfach tabu, darüber zu reden, dass wir jüdisch sind, dass dieser enge Kontakt eigentlich nicht sein soll mit einer arabischen Familie. Wir fanden schließlich Wege, damit sich die beiden Mädchen auch außerhalb der Schule treffen konnten, aber das dauerte drei Jahre. Nach drei langen Jahren waren wir mit der Familie befreundet, konnten uns austauschen und gemeinsam lachen. Ich habe daraus gelernt, dass Dialog das Wichtigste ist im Leben.

Gaza? Die Armee wird den Fall klären

Ich bin pro-palästinensisch und pro-israelisch, es geht beides. Und ich bin keine Träumerin. Wer glaubt, dass man die Israelis ins Meer werfen kann, der irrt genauso wie derjenige, der meint, dass die Palästinenser keinen eigenen Staat brauchen und dass man den Gazastreifen vernichten kann. Wenn wir hier in Israel an der Grenze das Chanukkafest feiern, entzünden wir den Leuchter oben auf dem Hügel, damit die Menschen in Gaza ihn sehen können und wissen, dass wir an sie denken. Wir senden ihnen Briefe mit Grüßen und Botschaften. Manchmal veranstalten wir Symposien und freuen uns dann, wenn Gaza-Bewohner eine Erlaubnis von der israelischen Seite dafür bekommen, daran teilzunehmen. Wir sprechen über unsere Sorgen und Ängste, unsere Kinder und alles, was uns bewegt. Über Politik reden wir nicht so viel, wir begegnen uns vor allem auf menschlicher Ebene. In meinem Dorf gehöre ich einer Minderheit an, die für „Other Voice“ arbeitet. Die meisten meiner Familienmitglieder verstehen meinen Einsatz für Dialog mit der palästinensischen Seite nicht. Aber immerhin akzeptieren sie es und ich darf für Veranstaltungen unseren Dorf-Gemeinschaftsaal benutzen. Was ich über den Einsatz der israelischen Armee auf der Gaza-Flotilla denke, bei der zehn Menschen ums Leben kamen? Hm. Ich denke, dass eventuell einige der Soldaten ihre Macht vielleicht missbraucht haben. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich bin überzeugt davon, dass darüber aber nur unsere Armee urteilen darf und niemand anderes. Und ich glaube daran, dass unsere Armee diesen Fall dann intern klärt, dessen bin ich mir ganz sicher. www.othervoice.org

(Alle Gesprächsprotokolle wurden von Liva Haensel aufgezeichnet.)

Hintergrundinformationen und  aktuelle Karten zum Nahostkonflikt sowie monatliche Berichte über die Situation in den besetzten palästinensischen Gebieten gibt es bei OCHA – Office for the Coordination of the Humanitarian Affairs United Nations: http://www.ochaopt.org/default.aspx

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