Tag Archives: Palaestina

Jerusalem fühlen

10 Apr
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Foto: Privat

Jerusalem kann man nicht verstehen. Diese Stadt muss man spüren, mit jedem Faser des Körpers, mit jedem der Sinne, die einem zur Verfügung stehen.

Jerusalem fühlt man.

Es gibt Menschen, die verfallen der Schönen, Goldenen, hoffnungslos. Einmal um die Altstadtmauern geschlendert, auf dem Tempelberg umhergestreift, den Freitagabend an der Klagemauer verbracht, schon ist es um einen geschehen. Vielleicht liegt es an der Vielfalt dieser Stadt, deren Stein- und Erdschichten sich im Laufe der  Jahrzehnte und Jahrhunderte so unzählig übereinander legten, dass Archäologen heute nur noch müde lächelnd abwinken: Ausgrabungen in Jerusalem? Ach, ganz wundervoll! Aber wo anfangen und wo aufhören…

Jerusalem, das Fass ohne Boden. Wer einmal anfängt, von ihr zu trinken, der will nicht mehr aufhören. Dabei ist hier nichts einfach und unkompliziert. Der Stadt hängt immer auch ein dunkler Trauerschleier über dem Haupt. Freilich, man kann all das vergessen. Gute Restaurants und Bars sind hier fast genauso zuhause wie in Tel Aviv. Aber der bittere Geschmack der israelischen Besatzung verfolgt einen dennoch in die besten Lokale, höchsten Aussichtsterrassen, in die Basare und vielen Kirchen.

Jerusalem, das ist hochsensible Dramaturgie, das ist ein Adrenalinstoß .

Die systematische Besatzungspolitik schnürt Palästinensern zunehmend die Luft ab. Die Enteignung von Land durch Behörden und jüdische Siedler verändert die geografischen Linien. 70 Jahre Israel bedeuten auch 70 Jahre Leid – für Palästinenser vor allem. Und Israelis.

Soldaten und Polizisten spannen ein Sicherheitsnetz um die Schöne. Oben am Himmel segelt die Drohne und sieht alles.

Hier wird hart durchgegriffen, kläglich geweint, zärtlich geflüstert.

Sicherheit contra Freiheit.

Nichts ist gegensätzlich. Ungleiche Paare lieben sich doch auch während Kinder fröhlich  in den Gassen plärren.

Im Armenischen Viertel verästeln sich die feinen Linien der Stadtsilhouette auf den farbenfrohen Keramikkunstwerken während die Stadtverwaltung  ihre unpolitischen Briefe zur Stadtaufteilung verschickt.

Jerusalem, was antwortest Du? Hast Du schon Dein Kleid für die Zukunft gewählt?

Jerusalem Cover
Tipp: Die Bundeszentrale für Politsche Bildung hat gerade ein Sonderheft herausgegeben: „Jerusalem“ kann man hier lesen oder gratis über die Webseite bestellen.

Begleitung im Jordantal

7 Jan

 

Die Begleitpersonen im Jordantal tragen eine weithin sichtbare Weste mit der Friedenstaube.                                      Foto: Vanessa

Von Vanessa 

Obwohl ich erst seit knapp zwei Wochen in Jericho bin, kommt es mir schon viel länger vor. Ich habe das Gefühl, das Jordantal von Jericho im Süden bis Bardala im Norden mit seinen Menschen und deren Geschichten langsam zu kennen.  Besonders die Besuche bei Mahyoub sind inzwischen so, als würden wir zu einem alten Freund kommen.  Mahyoub ist ein Beduine aus Khirbet Samra, einer kleinen Gemeinde im Norden der Westbank.  Er besitzt ungefähr zweihundert Schafe und Ziegen und die Familie lebt vom Verkauf des Käses.  Wir von EAPPI kommen zweimal pro Woche, um ihn mit seinen Schafen in die Berge zu begleiten. Futter zu kaufen ist sehr teuer für Mahyoub, weshalb er lieber mit den Schafen tagsüber in umliegende Gebiete geht, wo es genug Pflanzen zum Fressen gibt. Die Ländereien sind im Besitz seiner Familie, die entsprechenden Papiere sind vorhanden. Sein Zelt und das seiner Cousins liegen in einem Tal zwischen den Bergen. Auf dem gegenüberliegenden Hügel befinden sich ein israelischer Militärstützpunkt und ein Siedlungsaußenposten[1], der im Dezember 2016 errichtet wurde. Davor war sein Leben als Schäfer im Jordantal zwar schwierig, seitdem der Außenposten errichtet wurde, wird das Leben in Khirbet Samra jedoch zunehmend unerträglich. Mahyoub traut sich alleine nur noch auf die eine Seite des Tals direkt hinter seinen Zelten, da er
Angst vor den Siedlern hat. Aber dort gibt es inzwischen nicht mehr genug Futter für die Tiere, weshalb EAPPI Mahyoub und seine zwei Cousins seit ein paar Monaten begleitet, wenn sie mit den Schafen auf die andere Seite des Tals gehen, in Richtung Außenposten.

Schutz durch Anwesenheit

Einmal haben wir einen Militärjeep gesehen, wie er zum Außenposten gefahren ist und die Soldaten dort offensichtlich mit Uri gesprochen haben, bevor sie uns langsam auf der Straße gefolgt sind und beobachtet haben. Einmal sind die Soldaten ausgestiegen und sind auf uns zugekommen, als wir gerade eine Pause gemacht und Tee getrunken haben.  An diesem Tag waren auch israelische Vertreter der Gruppe „Ta’ayush“ in Khirbet Samra anwesend.  Auch sie begleiten Menschen unter Besatzung in ihrem Alltag.  Wir tauschen uns gern mit ihnen aus und besprechen unsere möglichen Einsatzzeiten, um uns effektiv aufzuteilen. Von den Soldaten wurde uns an diesem Tag gesagt, dass das hier Uris Land sei.  Teile des Gebiets sind offiziell als Naturreservat markiert, Teile gehören zu einem militärischen Übungsgelände, aber laut Mahyoubs Dokumenten gehört das Land seiner Familie.  Wir werden aufgefordert, „Uris Land“ zu verlassen und auf die andere Straßenseite zu gehen, in den Bereich, der als militärische Sperrzone gilt. Dort ist es angeblich in Ordnung, Schafe zu hüten.  Jedes Mal wird Mahyoub etwas anderes gesagt.

Die Siedler des Außenpostens kommen auch ab und zu nachts zur Familie und fahren mit dem Jeep um die Zelte und die Schafe herum, um der Familie Angst zu machen und sie einzuschüchtern. Mahyoubs Mutter berichtet uns davon, wie sie sich gefühlt hat, als sie einmal nachts alleine im Zelt lag und den Jeep gehört hat: „Es war schrecklich, ich konnte mich vor Angst kaum bewegen und wusste nicht, was ich machen soll“.

Die Hoffnung liegt auf den Kindern

Bei diesen Lebensgeschichten ist es manchmal schwer, noch Hoffnung auf ein Ende der Besatzung und die Versöhnung zwischen Palästinensern und Israeli und den gerechten Frieden zu sehen. Aber unsere Hoffnung liegt auf der neuen Generation, den Kindern. Wenn wir bei Mahyoub sind nehme ich mir immer die Zeit, zu den Frauen zu gehen und versuche, mit meinem gebrochenen Arabisch mit ihnen zu reden. Vor allem die Mädchen freuen sich unglaublich, wenn ich ihnen Luftballons aufpuste und wir damit spielen. Letzte Woche kamen sie auf die Idee, die Ballons mit Wasser und Spülmittel zu befüllen, was zu einem gegenseitigen Bewerfen mit Wasserbomben geführt hat. Als ein Ballon dann auf mir zerplatzt ist und ich voller Wasser und Spülmittel war, konnten wir nicht mehr aufhören zu lachen.  Durch unsere Anwesenheit konnten die Mädchen einfach Kinder sein und sich für eine halbe Stunde von ihrem schweren Leben unter Besatzung ablenken. Das Lachen der Kinder ist meine Bestätigung dafür, dass wir weitermachen müssen und wir die Hoffnung nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Info: Vanessa ist Menschenrechtsbeobachterin des Ecumenical Accompaniement Programme in Palestine and Israel (EAPPI): „Ich nehme für die Evangelische Mission in Solidarität (EMS) am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Dieser Bericht gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die der EMS oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind. Berichte aller deutschen Ökumenischen Begleiter*innen finden Sie auf der Webseite des EAPPI‐Netzwerk Deutschland und auf Facebook

 

Screenshot mit Jericho der Karte „West Bank Access Restrictions“ von Ocha (United Nations Office for the coordination of humanitarian affairs Occupied Palestinian Territories), Januar 2017

[1]Israelische Siedlungen und Außenposten in den besetzten palästinensischen Gebieten sind nach internationalem Recht illegal und werden oft als eine der zentralen Behinderungen des Friedensprozesses zwischen Palästinensern und Israelis gesehen.  Das israelische Recht unterschied bis Anfang 2017 zwischen einer legalen Siedlung und einem illegalen Außenposten. Außenposten werden häufig auf privatem palästinensischem Land errichtet und sind im Vergleich zu den Siedlungen eher kleine Ansammlungen von Containern und Wohnwagen. Durch die Verabschiedung eines neuen Gesetzes ist es den israelischen Behörden seit Februar 2017 möglich, illegal errichtete Außenposten rückwirkend zu legalisieren, auch wenn diese auf privatem palästinensischem Land gebaut sind.

Aktuelle Informationen und Kartenmaterial zu der Situation in Ost Jerusalem, der West Bank und Gaza in den Bereichen Land, Mobilität(-seinschränkungen), Siedlergewalt, Sperrzonen, Mauer und weiteren findet man auf der Homepage von Ocha

Rote Karte für’s Hamburger Rathaus

1 Mrz
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Eigentlich geht es um sie: Palästinenser unter israelischer Besatzung, hier eine Familie im Jordantal, das als sogenanntes C-Gebiet unter vollkommener Kontrolle Israels steht.          Foto: dreiecksbeziehung.net

 

Von Liva Haensel

Die Hamburger Bürgerschaft ist in Aufruhr : Die CDU-Fraktion möchte einen Antrag im Rathaus stellen, der die Israel kritische Boykottbewegung BDS  als antisemitisch einstuft. Dem ganzen vorausgegangen war die Berufung eines südafrikanischen Professors an die Universität Hamburg. Farid Esack ist Vorsitzender der BDS-Bewegung in seinem Heimatland, das als Pionier in Sachen ziviler Ungehorsam gilt. Die Boykottbewegung in Südafrika wurde zu Zeiten der Apartheid weltweit mitgetragen und unterstützte die mehrheitlich schwarze Bevölkerung damals darin, endlich gleichberechtigte Bürger in ihrem eigenen Staat zu werden, das von wenigen weißen Menschen regiert wurde. Sie beruht darauf, Menschenrechte  solange durch einen Boykott von z. Bsp. nationalen Waren aber auch akademischen und kulturellen Kooperationen auf Basis Internationalen Rechts einzufordern, bis das Land bereit ist, die durch seine Politik unterdrückte Bevölkerungsgruppe nachweisbar auf allen Ebenen gleichzustellen mit der bislang privilegierten Gruppe von Bürgern. Wer Parallelen zieht zwischen dem Apartheidregime Südafrikas und dem jüdischen Staat Israel, konzentriert sich vor allem dabei auf die Unrechtssituation: Hier wie dort genossen und genießen Menschen basale Rechte auf Bildung, Wasser, Gesundheit, Zugang zu Ressourcen und Religionsfreiheit, die anderen in demselben Land lebenden Menschen gleichzeitig vorenthalten wurden/werden.

Der Holocaust bleibt ein deutsches Thema

Die Gleichsetzung des Boykotts gegen Juden in Deutschland 1938 (Slogan „Deutsche, kauft nicht bei Juden“) mit der BDS-Bewegung, wie sie nun von der CDU-Fraktion vorgetragen wird, ist die Folge eines Denkfehlers. Deutsche Juden wurden durch die antisemitische Rassenpolitik Hitler-Deutschlands als „Nicht-Deutsche“ gekennzeichnet und entwürdigt von einer sie beherrschenden Bevölkerungsgruppe mit enormer Macht. Die zivilgesellschaftliche Bewegung BDS diskriminiert nicht Israelis als juedische Menschen, sie wurde gegründet von den Unterdrückten selbst und basiert auf der Charta der Menschenrechte. Die Bewegung setzt sich gewaltfrei für ein Ende der illegalen israelischen Besatzungspolitik ein, damit Palästinenser genauso gut  leben können wie juedische Israelis.

Im nationalsozialistischen Deutschland wurden juedische Bürger zunehmend entrechtet  – bis hin zu ihrer vollkommenen Vernichtung. Der Holocaust ist ein Teil des deutschen Geschichtsverständnisses, er kann niemals ausgeklammert werden. Die Sensibilisierung für die Diskriminierung von Menschen aufgrund von Zuschreibungen und damit einhergehende Ächtung ist und bleibt ein deutsches Thema. Dies gilt in Hinblick auf den Terror des Holocaust und juedische Menschen weltweit. Es gilt aber genauso für alle anderen diskriminierten Menschen.

Absagen und Offene Briefe

Die palästinensische BDS-Bewegung hat mittlerweile weltweit viele Anhänger. Und sie wächst weiter. Auch in Hamburg gibt es seit etwa zehn Jahren eine Gruppe von Menschen, die auf Israels Besatzungspolitik mit Aufklärungskampagnen reagieren, Veranstaltungen zum Nahostkonflikt organisieren und kritischen Jüdinnen und Juden sowie Israelis und Palästinensern und dem interessierten Publikum Raum bieten für einen offenen Meinungsaustausch. Dieser wäre nun gefährdet wenn dem Antrag stattgegeben würde. Gleichzeitig reagierte die Universität Hamburg umgehend und sagte die Veranstaltung der Akademie für Weltreligionen „Wem erlaube ich, im Zug neben mir zu sitzen? Religionsfreiheit in einer Zeit des Terrors“  von Professor Farid Esack ab.

Die BDS-Bewegung Hamburg antwortete darauf mit einem Offenen Brief auf ihrer Webseite.

Universale Menschenrechte sind zentral

Wenn eine gewaltfreie Boykottbewegung, die auch von jüdischen Organisationen in Israel und den USA mitgetragen wird, nun von der Hamburger CDU-Fraktion als „antisemitisch“ gelabelt wird – was bedeutet dies dann konkret für einen ersehnten Frieden in Israel und Palästina und für die dort lebenden Menschen? Dass sich nichts ändern wird. 7 Millionen Palästinenser leben unter einer Besatzung, die im Kern gewalttätig ist. Gerade von deutschen Politikern sollten Palästinenser, Israelis und Deutsche im Sinne der Dreiecksbeziehung eigentlich mehr erwarten können, wenn es um die Einhaltung universaler Menschenrechte geht.

 

+++ Die israelische Künstlerin Nirit Sommerfeld hat einen Offenen Brief an alle Fraktionen im Hamburger Rathaus verfasst, der hier im Folgenden nachzulesen ist:

©Nirit Sommerfeld

©Nirit Sommerfeld

Sehr geehrte Damen und Herren der Hamburger Bürgerschaft,

am morgigen Mittwoch werden Sie über einen Antrag der CDU-Fraktion beraten, der fordert, die BDS-Initiative und ihre Aktivitäten als antisemitisch zu verurteilen. Ich bin in Israel geboren und aufgewachsen, mein Vater war Holocaust-Überlebender, der fast seine ganze Familie in Konzentrationslagern verloren hat. Ich habe mit der Muttermilch gelehrt bekommen, was Antisemitismus ist, ich habe ihn zum Glück sehr selten am eigenen Leib erfahren. Meine ganze Familie mütterlicherseits lebt in Israel, mich verbinden enge Freundschaften dorthin – und dennoch musste ich mich vor einigen Jahren gegen ein Leben in diesem Land entscheiden. Denn nirgendwo ist mir so viel Antisemitismus begegnet wie dort.
Ich möchte Ihnen im Folgenden erläutern, warum ich Ihnen dringend und aus meiner sehr persönlichen Sicht als Israelin empfehlen möchte, diesem Antrag nicht stattzugeben.
Über die politischen Hintergründe muss ich Ihnen wohl nichts erzählen; ich gehe davon aus, dass Sie wissen, wie etwa in der EU mit dem Boykott von Waren aus den illegalen Siedlungen umgegangen wird. Sie alle kennen die Forderung, das EU-Assoziierungsabkommen auszusetzen, solange Israel massiv Menschenrechte verletzt; natürlich wissen Sie auch alle, dass Meinungsfreiheit und die Freiheit, Dinge zu boykottieren, zu unseren demokratischen Grundrechten gehören. Sie kennen die Geschichte Südafrikas und erinnern sich alle daran, dass der wirtschaftliche Boykott damals ein Schlüssel zur Wende in der Apartheidpolitik war.
Sie haben sicher auch alle fraktionsübergreifend eine ähnliche Meinung zu Antisemitismus: Er ist eine besondere Form des Rassismus, weil er sich auf Juden und deren angebliche Eigenschaften bezieht. Und er ist – wie jede Form von Rassismus – verabscheuenswürdig und muss bekämpft werden. In Deutschland umso mehr, zu Recht: Denn die Geschichte des Holocaust erinnert uns mahnend daran, wohin Rassismus und Antisemitismus führen kann.
Worüber die aller wenigsten von Ihnen vermutlich urteilen können ist die Realität, in der Palästinenser unter und Israelis mit Besatzung leben. Dass Palästinenser tagtäglich extrem leiden unter eingeschränkter Bewegungsfreiheit, Wassermangel, wirtschaftlicher Abhängigkeit, Checkpoints, Einschränkung ihres Lebensraumes, Siedler- und Militärgewalt und vielem mehr, was man eben unter Militärbesatzung ertragen muss und was einem Leben in Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie diametral entgegengesetzt ist, wissen Sie, auch wenn sich kaum ein Mensch vorstellen kann, was so ein Leben tatsächlich bedeutet. Um dies begreifen zu können, empfehle ich Ihnen vor allem, eine Reise* nach Israel UND Palästina zu unternehmen und sich ein eigenes Bild zu machen. Da dies kurzfristig nicht möglich sein wird, können Sie auch einen Blick auf diesen Blog des Bündnisses BIB e.V. werfen. Er beschreibt den Alltag unter Besatzung.
Aber wissen Sie auch etwas über die Veränderung durch die Besatzung in der israelischen Gesellschaft? Wissen Sie, dass israelischen Kindern bereits in der Schule beigebracht wird, sie seien Holocaust-Opfer, weil die Palästinenser sie ins Meer werfen wollen? Ich musste das bei meiner Tochter und all ihren Schulfreundinnen erleben.
Sie wollen sich gegen Antisemitismus in Deutschland einsetzen? Tun Sie dies, indem Sie uns Israelis und vor allem unsere Regierung endlich auf Augenhöhe begegnen! Verbieten Sie nicht ein Gespräch und demokratische Werkzeuge wie Boykott zu einem Land, von dem ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass es zu dem wird, was sich viele Israelis und Juden weltweit mit mir wünschen, nämlich dass Israel Teil einer demokratischen Wertegemeinschaft ist und diese Werte auch zu lebt.
Wie hätte die große deutsch-jüdische Denkerin Hannah Arendt zu BDS gestanden? Hätte sie sich die Möglichkeit des freien Denkens und Handelns nehmen lassen, weil die Gefahr des Antisemitismus-Vorwurfs gedroht hätte? BDS ist ein gewaltfreies Mittel, sich gegen die Besatzung zu wehren – aus der palästinensischen Zivilgesellschaft hervorgegangen und mittlerweile weltweit unterstützt. Es ist ein demokratisches Mittel; es mag uns so wenig schmecken wie ein Streik, aber es könnte die Wirkung haben, Israel zu zeigen, dass die Welt es ernst nimmt und es gerne als gleichwertigen Partner dabei haben möchte – aber ohne Besatzung. Eines ist BDS aber bestimmt nicht: Antisemitisch.

Es gibt im Übrigen sogar innerhalb Israels eine Solidaritätsbewegung mit BDS: Boycott from Within.

Mit besten Grüßen und der Hoffnung, dass Sie sich nicht gegen BDS, sondern für palästinensische Menschenrechte und damit für eine Chance für ein besseres Israel einsetzen,
Nirit Sommerfeld
*Sollten Sie an einer solchen Reise interessiert sein, schreiben Sie mich bitte an. Meine nächste Reise in einer Kleingruppe für politische Meinungsbildner findet Ende Oktober statt.
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Mehr Infos unter: www.niritsommerfeld.com

 

Schönes neues Jahr

19 Feb
Ungewisse Zukunft: Beduinenkinder im Jordantal sind besonders stark von Armut bedroht. Fotos: Haensel

Ungewisse Zukunft: Beduinenkinder im Jordantal sind besonders stark von Armut bedroht.                                                                                Fotos: Haensel

 

Ein Stimmungsbarometer von Liva Haensel

Eigentlich hätte hier jetzt ein Jahresrückblick stehen müssen. Ich hätte zu Beginn des jungen Jahres gerne mit einer Sektflasche in der Hand in den Himmel von Jerusalem geschaut, die Sterne gezählt über dieser unheiligen Stadt mit ihren flüsternden Mauern und dabei innerlich die Monate an mir vorüberziehen lassen. Dann hätte ich das Innerste auf Papier gebracht. Hier sollte ein handfestes Stück stehen für Sie, liebe Leser. Aber es ging irgendwie nicht. Weil ich nicht wusste, wie ich etwas in Worte fassen sollte, für das es keinen passenden Rahmen gibt. Wie beschreibt man einen Ausnahmezustand in einem besetzten Land, der normal ist und gleichzeitig absolut wahnsinnig?

Der Tod ist still

Ende September 2015 bäumte sich eine Welle von Unruhe auf, die Jerusalem und die Westbank erfasste. Fast jeden Tag greifen unter Besatzung Lebende ihre Besatzer an. Die Besatzer sind meist Angehörige der sogenannten Border Police Einheit und israelische Soldaten. Die unter Besatzung Lebenden sind sehr junge Menschen mit einem Messer, meistens Männer. Fast immer endet es tödlich – für die Palästinenser. Bisher wurden 50 von ihnen sofort noch an Ort und Stelle von den israelischen Sicherheitskräften getötet, die israelische Presse schreibt mehrheitlich von neutralisieren, neutralized. Vor ein paar Stunden wurden wieder 2 Attentaeter in Jerusalems Altstadt neutralisiert. Das Wort ist ein hübsches Beispiel dafür, wie still der Tod sein kann, wenn man ihm nur den richtigen Namen gibt. In dieser Woche wurden alleine 222 palaestinensische Zivilisten von israelischen Soldaten und Polizisten verletzt. Für das Jahr 2015 nennt UN Ocha die Zahl von knapp 14.000.

Angst vor allem

Die Angst der Israelis vor unberechenbaren Attacken hat wieder zugenommen. Sicherheit? Gibt es nicht in dem einzigen jüdischen Staat auf der Welt. Aber die Angst ist ein gutes Argument dafür, um Menschen in Schach zu halten und eine radikale politische Linie zu verfolgen. Die Knesset, das israelische Abgeordnetenhaus, ist dabei, ein Gesetz zu verabschieden, dass linksliberale NGOs in Israel künftig dazu verpflichtet, ihre zumeist ausländischen Finanzquellen veröffentlichen zu müssen. Die Israel kritischen Organisationen befürchten dadurch weitere Einschränkungen in ihrer (politischen) Arbeit. Journalisten in Israel dürfen nur frei arbeiten und bekommen Zugang zu staatlichen Stellen, wenn die zuständige Behörde es dort genehmigt. Dies betrifft gerade auch internationale Medienmacher, die auf Presseausweis und Arbeitsvisum angewiesen sind. Gleichzeitig zeigt die Boykottbewegung BDS, die 2005 von der palästinensischen Zivilgesellschaft am Beispiel Südafrikas gegründet wurde und international mittlerweile schmerzhafte Einbussen für Israel bedeutet, Wirkungen, die wiederum Angst in Israel schüren. Wer sich nicht mit der Tatsache abfinden kann, dass er und sie Besatzer ist gegen internationales Recht und deshalb Gegenwind bekommt, fangt an zu dämonisieren. Oder die Besatzung mit all ihren Konsequenzen zu rechtfertigen. Aus vermeintlich zwischenmenschlichen Gründen wird darüber öffentlich nachgedacht, dass israelische Unternehmen in der Westbank Arbeitsplätze für Palästinenser bedeuten – und deshalb sehr gut für die unter Besatzung lebenden Menschen seien. Es ist folglich sehr schlecht, wenn diese Unternehmen schliessen müssen, weil sie von der BDS-Bewegung boykottiert werden. Auch eine Logik. Aber sie hat einen Denkfehler. Denn die palästinensische Bevölkerung hat sich ihre Besatzung nie selbst ausgesucht. Frauenrechte, Menschenrechte, kritische Stimmen in den palästinensischen Gebieten, Demokratieverständnis und strukturelle Organisation? Ja, es gibt Defizite dort. Aber sie alle können die illegale Landnahme, die unzähligen Privilegien für die jüdische Bevölkerung, die hundertfachne Hauszerstörungen und die überproportionale Anwendung von Gewalt der israelischen Sicherheitskräfte längst nicht mehr versüssen.

Die Logik der Besatzung

Menschen in der Region wollen in Frieden leben. Dafür müssen sie alle Zugang zu Bildung, Gesundheit, Ausweisen, Wasser und Land haben. Auch zu Religionsfreiheit – was bedeutet das in einem jüdischen Staat, der sich mit einer Mauer umgibt?

Ein palästinenscher Bekannter hat es einmal so ausgedrückt: Das ganze Land ist eine einzige, grosse Psychiatrie mit einem Dach, unter dem sie gemeinsam leben müssen – Palästinenser und Israelis. Das stimmt, das Bild ist nicht ganz falsch gewählt. Ab und an besucht man ein schönes Restaurant in dieser psychiatrischen Einrichtung, man geht an den Strand und bestellt Pommes mit Steak und einen frisch gepressten Saft. Leute haben hier oft guten Sex, es gibt eine grossartige Musik- und Clubszene in Tel Aviv und Ramallah hat sogar einen kleinen Ikea mit Billyregalen.

Rein ins wilde Leben

Die Menschen in Israel und den palästinensischen Gebieten sind ausnehmend schön. Man kann gut und gerne einen ganzen Tag damit verbringen, sie anzuglotzen, am besten von einem Balkon in der Mamilla Mall oder in der Jaffa Street in einem Straßencafé sitzend. Man kann für einen Augenblick den Nahostkonflikt vergessen. Diesen ganzen Psychokram einfach mal wegwischen wie ein paar lästige Krümmel von dem sonst so sauberen Tisch. Aber am Ende wird es nichts nützen. Dann steht man auf und geht. Wieder voll rein in diese Psychiatrie, in das wilde, verrückte Leben. Wenn ich jetzt zurückblicke auf das Jahr 2015 und dann auf das neue Jahr, dann mit Hoffnung und Angst zugleich für das, was da noch kommen wird.

Die Redaktion von dreiecksbeziehung wünscht Ihnen, liebe Leser, ein schönes und friedliches Jahr 2016! stern
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