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Intifada auf Probe

6 Okt
Im "Schwitzkasten": Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

Im „Schwitzkasten“: Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

 

Von Liva Haensel

Israel stellt die palästinensische Bevölkerung auf eine harte Probe. Diese möchte in Frieden leben – und soll gleichzeitig ihre lebenslange Besatzung akzeptieren. Kann dieser Nervenkrieg gutgehen?

Intifada (arabisch: etwas abschütteln, loswerden). Bezeichnung für den Aufstand der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten gegen den israelischen Besatzer. Im Kontext des Palästina-Israel-Konflikts gab es bisher zwei Perioden, von denen Politikwissenschafter als „Intifada“ sprechen: Zum einen die sogenannte erste Intifada, die 1987 begann und sich bis ca. 1992 hinzog und mit dem Beginn der Oslo-Verhandlungen ein Ende fand sowie die zweite Intifada, die offiziell im Jahr 2000 mit dem Gang des damaligen israelischen Premierministers Ariel Sharon auf den Tempelberg begann und bis ca. 2004 anhielt.

„Die Menschen sagen, dass ist jetzt die dritte Intifada“, berichtet ein Mitarbeiter der Al Quds Universität in Bethlehem, der seinen Namen nicht nennen möchte.  Die momentane Situation in der Westbank und Jerusalem sei „schrecklich“, die Lage „sehr deprimierend“. Allein in den vergangenen Tagen sind laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan News 400 Menschen zum Teil schwer verletzt worden – durch Tränengas, Kugeln und Gummigeschosse der israelischen Armee. Am Wochenende wurde ein 18-Jähriger Palästinenser in Ost Jerusalem in der Nähe des Damaskus Tores erschossen und von jüdischen Siedlern verhöhnt. Gestern starb der 13-jährige Schüler Abdul-Rahman Obeidallah, er wurde auf dem Schulweg in Bethlehems Stadtzentrum unweit des Checkpoints von einem israelischen Scharfschützen erschossen. Obeidallah war unbewaffnet und nicht an Demonstrationen gegen die israelische Besatzung beteiligt. Sonntagnacht erschossen israelische Soldaten Huthaifa Sulaiman (18), der in der Stadt Bal’a östlich von Tulkarem im Norden der Westbank gegen die Besatzungsmacht demonstriert hatte. Am Samstag hatten Palästinenser ein israelisches Siedler-Ehepaar in einem Auto in der Westbank getötet.

Israel verletzt die Abmachung

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhängte daraufhin eine 9-tägige Ausgangsperre in Jerusalems Altstadt für Palästinenser, ausgenommen sind lediglich Bewohner sowie Touristen. Der Tempelberg ist bis auf weiteres für muslimische Betende gesperrt. Er hat eine zentrale Schlüsselrolle im

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg. Foto: Ahmad Gharabli

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg.                Foto: Ahmad Gharabli

Islam und gilt nach Mekka und Medina als drittheiligster Ort für Muslime weltweit. Zudem hatte Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 die Souveränität des Tempelberges in die Hände des islamischen Waqf übergeben und sich damit einverstanden erklärt, dass Juden den heiligen Berg nicht als religiöses Monument betreten dürfen. Diese Abmachung wurde vor allem seit dem Jahr 2000 zunehmend von Seiten Israels verletzt. An jüdischen Feiertagen betreten immer wieder jüdische Nationalisten den Tempelberg und drohen damit, den Felsendom sowie die Al-Aksa-Moschee darauf zu zerstören, um den jüdischen Tempel, der einst dort gestanden haben soll, wieder aufzubauen. Die jüdischen Extremisten werden stets von israelischen Soldaten und Polizisten eskortiert. Während dieser Besuche ist der Tempelberg für muslimische Betende jedes Mal komplett unzugänglich. Dies führt regelmäßig zu Protesten der palästinensischen Bevölkerung, die sich auf ihr Recht auf Religionsfreiheit beruft.

Ausschreitungen wie vor einem Jahr

In größeren Städten Israels, in denen mindestens 50 % der Bevölkerung arabisch sind, kommt es derzeit zu massiven Ausschreitungen. In Nazareth, Jaffa und Jerusalem wehren sich immer mehr Menschen gegen die unzumutbaren Zustände. Die israelische Bevölkerung besteht zu 20 Prozent aus palästinensischen Bewohnern. Die sogenannte „fünfte Säule“ in Israel sind die arabischen Menschen, denen es trotz des Krieges nach der Staatsausrufung Israels 1948 gelang, in ihrer Heimat zu verbleiben.

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt. Foto: PNN

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt.                                                    Foto: PNN

Sie besitzen die israelische Staatsangehörigkeit, aber nicht dieselben Rechte wie die jüdisch-israelische Bevölkerung. 2014  waren die israelischen Araber oder „48-Palestinians“ wie sich die Bewohner selbst oft nennen, diejenigen, die am stärksten Widerstand gegen ihre israelischen Besatzer leisteten. Im Juli 2014 war es zu drastischen rassistischen Ausschreitungen gegen palästinensische Bewohner Ost Jerusalems gekommen, nachdem erst drei jüdische Teenager in der Westbank ermordet worden waren und daraufhin in einem Racheakt der 17-jährige Mohammed Abu Khdeir bei lebendigem Leib von jüdischen Siedlern in einem Westjerusalemer Waldstück verbrannt worden war. Wütende Palästinenser des Stadtteils Shuafat (aus dem der Junge stammte) hatten daraufhin die Straßenbahntrassen zersägt und die Stationen Es Sahel und Shuafat für den öffentlichen Verkehr unbrauchbar gemacht. Damit protestierten sie auch gegen das stark anwachsende und vom Staat Israel unterstützte Anwachsen illegaler jüdischer Siedlungen in Ost Jerusalem, die die Straßenbahnlinie seit 2011 mit West Jerusalem verbindet. In dem arabischen Teil der Stadt, die Israel 1967 völkerrechtswidrig besetzte und 1982 annektierte, leben derzeit etwa 300.000 Palästinenser und 150.000 jüdische Israelis.

Weltweit 9 Millionen Flüchtlinge

Bei dem Gazakrieg (8. Juli bis 27. August, danach Waffenstillstand zwischen Hamas-Israel), den Israel 2014 unter dem Namen „Protective Edge“ führte, starben rund 2200 Menschen im Gazastreifen, darunter 500 Kinder. Auf der israelischen Seite verloren nach offiziellen Angaben Israels 66 Soldaten und sieben Zivilisten ihr Leben.

Weltweit leben rund 9 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge und Nachkommen von Flüchtlingen außerhalb ihrer Heimat. Seit 1980 haben 1 Million jüdische Israelis den Staat Israel verlassen. Etwa 40.000 Israelis leben derzeit in Berlin. Angela Merkel erwartet Benjamin Netanjahus Staatsbesuch morgen in Deutschland. Die Situation ist angespannt, das hat auch die Kanzlerin erkannt. Der Ministerpräsident der palästinensischen Gebiete, Mahmoud Abbas, hatte vergangene Woche das Osloer Abkommen von 1993 als nicht mehr bindend für sein Volk erklärt und damit offiziell der Zwei-Staaten-Lösung, die Deutschland unterstützt, den Wind aus den müden Segeln genommen.

„Wir wollen Freiheit“

Palästinenser befürchten, dass Netanjahus rechte Regierung den Gürtel für die arabische Bevölkerung jetzt noch enger schnallen wird. In den meisten Städten in der Westbank waren vergangenes Wochenende hunderte von Soldaten mit Gewehren und Gummigeschossen im Einsatz, bei zahlreichen nächtlichen Razzien wurden Jugendliche und junge Männer wiederholt nachts gewaltsam aus ihren Betten gerissen und ohne eine Erklärung von der Armee verhaftet. „Wir wollen in Freiheit leben, ohne die israelische Besatzung, als Menschen in Würde“, sagt der palästinensische Universitätsmitarbeiter. Wenn jedoch seine Familie oder er selbst von Soldaten angegriffen werde, werde er sich wehren. „Niemand kann von uns verlangen, dass wir drangsaliert und getötet werden  – und dabei einfach tatenlos zusehen.“

 

Im Ungleichgewicht

1 Okt
Schwarz auf weiß: Wer siich in der Diskussion um den Israel-Palästina-Konflikt jenseits von Emotionen bewegen möchte, kann sich zumindest auf Zahlen verlassen. Quelle: UN Ocha

Schwarz auf weiß: Wer sich in der Diskussion um den Israel-Palästina-Konflikt jenseits von Emotionen bewegen möchte, kann sich auf diese Zahlen beziehen. Mit einem Doppelklick vergrößern Sie das Bild.                      Quelle: UN Ocha

 

 

Manchmal ist es besser, Zahlen sprechen zu lassen.

Vor allem, wenn sie so eindeutig sind wie in diesem Fall. Oder bei Argumenten, die lauten: Ich kann da jetzt keine Stellung beziehen, das steht mir nicht zu. Es steht jedem einzelnen von uns zu, sich eine Meinung zu bilden. Dafür brauchen wir Informationen. Das Büro der Vereinten Nationen in Ost Jerusalem arbeitet mit Fokus auf Erhebungen, Landkarten und engmaschigem Monitoring zu den Ereignissen in den Besetzten Gebieten (Gaza, Westbank, Ost Jerusalem, Golanhöhen).  Das „Office for the Coordination of humanitarian affairs for the occupied palestinian territories – kurz: UN Ocha – vereint auf seiner Webseite wöchentliche Berichte, Dokumentationen, Karten zu allen Gebieten (inklusive Mauerverlag, Checkpoints, Straßensperren, Erdwälle, Siedlerstraßen und weiteres) sowie Schwerpunktreports zu Sonderthemen (Area C, Hauszerstörungen, Situation Gaza/Jerusalem). Wer die deutsche Berichterstattung als zu mager empfindet und tiefergehende Hintergrundinformationen erhalten möchte, kann sich dort auch für Newsletter anmelden.

Das deutsche Netzwerk des ökumenischen Begleitprogramms EAPPI entsendet jährlich rund zwölf Teilnehmer in die besetzten palästinensischen Gebiete und Israel. Auf der Webseite der Organisation erfährt man u.a., wie man sich dafür bewerben kann. Außerdem können User die Blogfunktion abonnieren und erhalten dann alle Berichte der Menschenrechtsbeobachter direkt in ihr E-Mailfach.

 

Schild in dem Fridensprojekt Tent of Nations der palästinensischen Familie Nasser, von einem Kind gemalt. Foto: L. Haensel

Schild in dem Friedensprojekt Tent of Nations/Zelt der Völker der palästinensischen Familie Nasser, von einem Kind gemalt.                                     Foto: L. Haensel

Wer die Möglichkeit hat, sollte selbst nach Israel und Palästina reisen. Es geht nichts über das eigene Sehen, Beobachten, Reisen, Sprechen mit den Menschen vor Ort. Dahin, wo es schön ist und wundersam. Denn das ist die Region  – trotz des Konfliktes. Aber es tut auch weh, die Realität wahrzunehmen und zu erfassen. Die Deutschen haben einmal die halbe Welt okkupiert, Menschen unterjocht, gedemütigt, getötet. Die deutsch-jüdische Kultur wurde fast vollständig zerstört. Die Trauer darum bleibt bis heute. Rassisten und Antisemiten, Sexisten und Homophoben muss ein Stop-Schild vorgesetzt werden. Wir wollen das nicht mehr, wir, die wir so vielen Menschen bereits Leid angetan haben.

Die israelische Besatzung muss ein Ende haben, damit beide Völker, Palästinenser und Israelis, in Frieden und Gleichberechtigung leben können. 

Eine Randbemerkung von Liva Haensel
23 Dez
Foto: Liva Haensel

Foto: Liva Haensel

Inside Jerusalem

Die Stadt

Sie hat ausgedient.

Ihre Steine sind sich altgeworden

unter der Last ihrer Aussagen.

Das Gold der Dächer hat sich

verbittert davongemacht

ob der Intoleranz seiner Könige und Ritter

Am Tisch für alle Götter und Menschen

sitzt jetzt nur noch Einer

Leibesfülle gedeihend.

die Luft zum Atmen zieht ein

nichts bewegt sich

aber alle rennen

in die Nacht hinein

weil die Sonne zum Mond gemacht wurde.

Nervös ziehst Du an deiner Zigarette

die TAGE sind gezählt

sagst Du

mit Zuversicht

das Lachen hängt in den Ritzen

zwischen den Wünschen und Gebeten

aber Gott macht nichts

außer einer Siesta

in der Wüsten-Höhle

die uns retten wird.

BDS – Boycott Dates softly

18 Jun
Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.  Foto: gomeal.de

Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.                                                      Foto: privat

Der junge Mann in dem Frucht- und Gemüseladen am Bethlehemer Cinema Square reibt eine Avocado zwischen seinen Händen und schüttelt dann den Kopf. Nein, von einem Boykott gegen israelische Waren habe er noch nie etwas gehört, sagt er. Die Kunden fordern gutaussehendes Obst und Gemüse, das glänze und lecker aussehe. Palästinensisch verarbeitete Produkte aber sähen runzlig und schlecht geschnitten aus. „Die kauft doch keiner“, sagt Mohammed. „Wir haben hier in Palästina kein gutes Schneidwerkzeug dafür. Also gehen unsere Gemüse- und Obstsorten erst nach Israel, werden dort professionell mit Maschinen und Chemie bearbeitet und landen dann wieder bei uns. Warum sollte ich das boykottieren, ich habe doch gar nicht die Möglichkeiten dazu. Oder?“

König Kunde kriegt die A-Klasse

Das „Oder?“ bleibt im Raum stehen und setzt sich als Fragezeichen auf unzählige Avocados, Orangen, Bananen und Salatköpfe in dem kleinen Geschäft. Die Nahrungsmittel stammen aus dem palästinensischen Jordantal, das als C-Gebiet unter voller Kontrolle Israels steht. Unter dem Dach von großen israelischen Fruchthandelsketten gehen sie nach der Ernte nach Israel und werden dort – ähnlich der Gebietsaufteilung der Westbank – in A-, B- und C-Früchte eingeteilt. Die A-Früchte sind das, was auf der Titanic die 1. Klasse war: Sie werden nach Europa exportiert und dort König Kunde als israelische Ware im heimischen Supermarkt verkauft. B-Ware geht in die israelischen Läden, die C-Früchte landen wieder in der Westbank in den Regalen von Mohammed und anderen Lebensmittelhändlern. Das standardisierte System in der Lebensmittelbranche kritisiert der israelische Wirtschaftswissenschaftler Shir Hever als ausbeuterisch. „Die palästinensischen Bauern sind vollkommen abhängig vom israelischen Markt“, sagt er und fügt dann hinzu: „Deshalb ist es wichtig, dass Palästinenser ihre eigenen Gewerkschaften haben und ihre  Preise selbst bestimmen.“

Shir Hever  Foto: privat

Shir Hever
Foto: privat

Druck auf Israel ist wichtig

Omar Barghouti Foto: privat

Omar Barghouti
Foto: privat

Hever ist BDS-Befürworter. BDS, das steht für Boykott-Divest-Sanctions – eine Kampagne der palästinensischen Zivilgesellschaft, die 2005 gegründet wurde. In Anlehnung an den Boykott südafrikanischer Waren zu Apartheidszeiten ruft die Organisation zu einem gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Besatzung auf. Dabei kommt der Boykott auf mehreren Ebenen zum Tragen. Er adressiert sowohl den kulturellen  Bereich(Regisseure, Musiker, Schauspieler mit Theaterproduktionen, Filmen, Festivals) als auch den akademischen (Professoren, Studentenaustausche, Kooperationen mit Hochschulen und anderen Einrichtungen). Und möchte den Staat Israel da treffen, wo es am meisten weh tut: ökonomisch. „Es geht uns nicht darum, Israel und seine Bürger zu bestrafen. Aber die völkerrechtswidrige Besatzung unseres Landes ist nicht normal, sie geht nicht konform mit Menschenrechten und sollte auch nicht so tun, als ob“, sagt Omar Barghouti, (44) einer der Gründer von BDS und Autor des Buches „Boycott, Divestment, Sanctions – The Global Struggle for Palestinian Rights“. Deshalb sei Druck auf den Staat Israel wichtig, um ihn an seine Pflichten zu erinnern.

Fuchtelndes Kind

Omar Barghouti war im März in Berlin, um dort über den Boykott, der immer weitere Kreise zieht, zu sprechen. Im taz-Café diskutierte der Palästinenser mit dem jüdischen

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland. Foto: privat

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland.
Foto: privat

Wissenschaftler Micha Brumlik ebenso wie mit CDU-Abgeordneten und Berliner Zuhörern. Dabei habe er beobachtet, „dass Deutsche eine Hemmschwelle bezüglich des Boykotts haben, weil es sie an alte Zeiten erinnert.“ Doch BDS habe nichts mit antijüdischen Ressentiments zu tun, sagt er. Hier gehe es um die Unterdrückung des palästinensischen Volkes und einer Landenteignung, die ihresgleichen suche. Iris Hefets stimmt dem zu. Die Israelin ist Mitglied in der Gruppe „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ und Anhängerin von „The voice from within“, dem israelischen Unterstützer von der BDS-Bewegung. In der „Stimme von innen heraus“ organisieren sich jüdische Israelis, die die BDS-Bewegung aufrichtig unterstützen. Israel sei wie ein wild gewordenes Kind, sagt Iris Hefets, eine Psychologin: „Es fuchtelt mit seinen Gewehren herum, stößt überall an und nimmt sich alles heraus. Dem müssen wir Grenzen setzen.“

Das „nie wieder“ verlacht sich selbst

Doch wer in Deutschland lebt oder deutsche Medien nutzt, sucht darin vergeblich nach Aufklärung zur Rolle des gewaltfreien Widerstandes der palästinensischen Zivilgesellschaft. Die Jüdische Allgemeine stempelte den gewaltlosen Widerstand gegen Israels Völkerrechtsverletzungen als naturgemäß sofort antisemitisch ab und druckte ein Bild dazu in der Printausgabe, auf dem SS-Leute vor einem jüdischen Laden stehen, auf dessen Schaufenster „Deutsche, kauft nicht bei Juden“, steht. Das deutsche „Nie wieder“ verlacht sich allerdings selbst, wenn ein Volk, das den Massenmord an sechs Millionen Menschen zuließ, es nicht geschafft hat, sich danach umso mehr für Gleichheit und gegen Diskriminierung zu engagieren. „Gerade die Deutschen sind es doch, die sich wegen des Holocaust erst recht für die Palästinenser und damit für Frieden in der Region einsetzen sollten“, verlangt der israelische Journalist Sergio Yahni vom Alternativen Informationszentrum.

Kein Thema in West-Jerusalem

In keiner einzigen deutschen Tageszeitung findet sich ein ausführlicherer Artikel über BDS und seinen Hintergrund sowie seine wachsende Befürworter- Zahl und Fakten. Auch nicht in der FAZ, die kürzlich das Thema aufgriff, weil in Bethlehem vor zwei Wochen die vierte BDS-Konferenz stattfand. In dem Artikel erfährt man, dass die Bewegung wächst, weil „immer mehr Bewohner der Autonomiegebiete nichts mehr mit ihren israelischen Nachbarn zu tun haben wollen, solange die Armee das Westjordanland besetzt hält“. Das ist allerdings schon seit 1948 so. Geändert hat sich, dass weltweit ein Bewusstsein bei Menschen in Südamerika, Afrika, Asien, Europa und Nordamerika darüber entstanden ist, dass das demokratische Israel seine arabische Bevölkerung massiv benachteiligt und die Westbank de facto mit Siedlungen überzieht sowie seinen  Armeeapparat unter dem Vorwand von Sicherheitsmythen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung einsetzt. Das hat der FAZ-Autor unterschätzt, vielleicht ist es in dem von deutschen Auslandskorrespondenten bewohnten West-Jerusalem oder Tel Aviv aber auch kein Thema. In Ramallah und Ost-Jerusalem dagegen schon.

Der Strichcode 729

Das Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre erhob die Bewegung und den Palästina-Konflikt 2012 zum ersten Mal in der Geschichte zu seinem Hauptthema. Allein in Deutschland gibt es mittlerweile mehr als 6 Stadt-Gruppen, die bundesweit Aufklärungskampagnen betreiben. Dazu zählen Informationsflyer über den Wassersprudler Sodastream, der in einer illegalen jüdischen Siedlung hergestellt wird genauso, wie angestoßene Debatten darüber, ob künftig eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte aus den Siedlungen gelten soll. Ohne diese Gruppen würde der Konsument nicht erfahren, dass der Strichcode 729 auf der Avocado im Supermarkt verrät, dass die Ware aus Israel kommen soll – und es oftmals doch nicht tut.

Datteln ohne Hochglanz

Für den Fastenmonat Ramadan haben sich viele Palästinenser jetzt vorgenommen, keine Datteln mehr aus Israel zu kaufen. Sie setzen lieber auf ihre eigenen Produkte. Auch, wenn diese nicht auf Hochglanz poliert sind. Mohammed will das jetzt auch mal probieren, sagt er. Der einzigartig vanillige Geschmack der palästinensischen Datteln könne ihnen ohnehin so schnell keiner nachmachen. Auch nicht ihr mächtiger Besatzer.

Tipp: Die Menschenrechtsorganisation Medico International hat kürzlich eine Broschüre zum Herunterladen über Europas Komplizenschaft im Handel mit israelischen Siedlungsgütern herausgegeben.

 

28 Mrz

Trotz zahlreicher Schwierigkeiten gelingt es israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten häufig, sich gemeinsam für ein Ende der israelischen Besatzung zu engagieren. Aber das Ringen um Menschenrechte ist mühsam – und oftmals mit persönlichen Risiken verbunden

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.  Foto: privat

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.
Foto: privat

Von Liva Haensel

Ein Nudnik ist ein Mensch, der solange Fragen stellt, bis sein Gegenüber genervt aufgibt. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und hat sich mittlerweile ins moderne Hebräisch, der Sprache der Israelis, hineineingeschlichen. Ein Nudnik ist wie die Pest, er lässt nicht locker, sagen die Rabbiner. Aber das Wort beinhaltet auch eine ausgezeichnete Eigenschaft: Beharrlichkeit.  Die braucht Efrat (48), wenn sie an einem israelischen Kontrollpunkt auf dem Weg in das palästinensische Dorf An Numan angehalten wird. „Du bist eine linke Ashkenazi-Schlampe“,  (Aschkenasim: europäischstämmige Juden; Anm. d. Red.)  bellt ihr der junge israelische Soldat dort entgegen, wenn sie mit ihrem Auto den Kontrollpunkt zwischen Jerusalem und Bethlehem passieren möchte. Die israelische Friedensaktivistin reagiert darauf meistens gelassen. „Nur neulich habe ich die Nerven verloren“, erzählt sie, „ich bin ausgestiegen, habe mit denen diskutiert und schließlich darum gebeten, mit dem diensthabenden Offizier zu sprechen“. „Mit denen“, damit könnte die Mutter dreier Kinder auch die Mehrheit der jüdischen Israelis meinen.  Diejenigen, die die Besatzung der palästinensischen Gebiete seit 1967 nicht in Frage stellen. Oder sie achselzuckend als gegeben hinnehmen, obwohl sie völkerrechtswidrig ist.

Sie werden beobachtet

Efrat ist politische Friedens-Aktivistin und gehört damit einer Minderheit in ihrem Land an. Ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht im Internet oder einer Zeitung lesen, denn „ich hab‘ zwar keine Angst, aber man weiß ja nie“, sagt sie.  Als nach dem Ausbruch der 2. Intifada und der Bau der Sperranlage Besuche zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern immer schwieriger wurden, trat sie 2002 der israelisch-arabischen Nichtregierungsorganisation Ta‘ ayush (arabisch; zusammen leben) bei.  Ta‘ ayush ist eine der wenigen Organisationen, die Grenzen im wahrsten Sinne des Wortes überwindet. Ihre jüdischen Mitglieder machen sich auf den Weg in die Westbank, um Gewaltexzesse zu beobachten und zu dokumentieren. Außerdem halten sie Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Das Büro der Vereinten Nationen in Jerusalem hat errechnet, dass Gewalt von Siedlern gegenüber Palästinensern in 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 150 Prozent gestiegen ist. Bei  Zusammenstößen wie in der Stadt Hebron, oder bei den vielen Freitags-Demonstrationen in palästinensischen Dörfern,  schützt die israelische Armee stets die bewaffneten Siedler. Nicht aber die Palästinenser. Die oft aggressive Gangart der israelischen Armee gegen friedlich demonstrierende Menschen mit dem Einsatz von Tränengaskanistern und Munition blieb lange unbeobachtet von der Welt. Die jüdischen Israelis  von Ta‘ ayush  setzen mit ihrer Präsenz etwas dagegen und stehen so den Palästinensern in ihrem gewaltfreien Widerstand bei. „ Die israelischen Soldaten und Polizisten müssen wissen, dass sie bei ihren Aktivitäten von uns beobachtet werden“, sagt  Efrat.

Die beiden Frauen trinken gemeinsam Tee

Durch  Ta‘ ayush  kam die promovierte Historikerin damals auch nach An Numan, einem Dorf östlich von Bethlehem. Manchmal sitzt  sie dort jetzt mit Fadwa Mansour (Name v. d. Red. geändert) in der Nachmittagssonne auf einem weißen Plastikstuhl draußen vor dem Haus nahe der kleinen Moschee, beide Frauen lachen gemeinsam und trinken süßen Tee. Efrat rezitiert ein Gedicht von Mahmoud Darwish, dem berühmtesten Dichter Palästinas, auf Arabisch. Die 30-jährige Fadwa lauscht ihren Worten, wenn ihre Freundin stockt, vervollständigt die Pharmazeutin die Verse. „Wir sind einsam hier in dem Dorf. Niemand besucht uns, wir sind von der Welt vergessen worden“, sagt Fadwa Mansour. Da sei  es schön, wenn wenigstens ein paarmal im Monat Besucher von außen kämen.

Ein paradoxes Schicksal

Als Israel 1967 die Westbank, Gaza, die Golanhöhen und Ost-Jerusalem einnahm, änderte die Regierung auch ihre Bebauungspläne. Land, das zwischen Jerusalem und dem nur 10 Kilometer entfernten Bethlehem lag, wurde zu großen Teilen konfisziert. Palästinensische Bauern verloren es an jüdische Siedlungen, die sich von kleinen Containeransammlungen zu heute mittelgroßen Städten entwickelten. An Numan mit seinen 200 Einwohnern gehörte nach 1967 somit zu Jerusalem und nicht mehr zu der palästinensischen Westbank. Die Einwohner bewarben sich bei der Stadtverwaltung daraufhin um spezielle Jerusalem-Ausweise. Aber die Behörden verweigerten sie ihnen. Die An Numaner wie Fadwa Mansour leben deshalb als illegale Einwohner in ihrem eigenen Dorf. Als Inhaber von Westbank-Ausweisen erhalten sie weder Baugenehmigungen der israelischen Behörden, noch dürfen sie ihren Ort problemlos verlassen. Palästinensische Besucher, ob  nun Verwandte oder die Müllabfuhr, haben keine Erlaubnis, das Dorf zu betreten. Dieses paradoxe Schicksal teilen rund 20.000 Menschen in der Westbank.

Der Schlüsselfaktor für Frieden

„An Numan ist ein Albtraum geworden, ein Freiluftgefängnis für seine Bewohner“, sagt Efrat. Seit 2002 besucht sie die Dorfbewohner regelmäßig. „Wir von Ta‘ ayush  wissen, dass wir

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.  Foto: Haensel

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.
Foto: Haensel

damit die israelische Besatzung nicht sofort beenden können“, sagt sie. Aber in schwierigen Momenten könne sie den Palästinensern wenigstens etwas beistehen. Als das Haus von Fadwa und ihrer Familie im Herbst 2011 von israelischen Bulldozern zerstört wurde, war die Friedensaktivistin  sofort zur Stelle. Die Zerstörung konnte sie nicht verhindern, aber sie schaltete andere Organisationen ein, die der schwer traumatisierten Familie mit einem späteren Hausbau aushalfen. Darunter waren auch Teilnehmer von EAPPI. Die Abkürzung steht für  „Ecumenical Acompaniment Program for Palestine and Israel“, das ökumenische Begleitprogramm vom Weltrat der Kirchen aus Genf. Ihre Teilnehmer kommen aus 25 Ländern nach Palästina und Israel, um dort für drei Monate mit den Menschen zu leben und sie in ihrem Alltag zu begleiten. Laut dem Statement auf der Webseite unterstützen sie israelische und palästinensische Aktivisten „bei ihren Bemühungen, die israelische Besatzung zu beenden“.  Allen Friedensgruppen dies- und jenseits der Grünen  Linie ist eins gemein:  Das Ende der Besatzung in den palästinensischen Gebieten gilt  für sie als Schlüsselfaktor für Frieden in der Region. Und es basiert auf den Forderungen  Internationalen Rechts und der Genfer Konventionen.

Himmel voller Tränen

EAPPI entstand in derselben Zeit wie Ta‘ ayush, auf dem Höhepunkt der 2. Intifada. Städte wie Bethlehem und Nablus waren damals wochenlang von der Außenwelt abgeriegelt, tausende Männer und Kinder saßen in Gefängnissen.  Der Himmel roch nach Feuer, Blut und Tränen.  Die Euphorie des Oslo-Abkommens von 1993 war verflogen, Palästina war immer noch unfrei. Es war die Zeit, in der Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land,  die Kirchen weltweit um internationale Unterstützung bat, weil  sich das Wort Frieden in Luft aufgelöst zu haben schien.  Unter dem Motto „Kommt und seht“ wurden die ersten Freiwilligen – vom Chefarzt aus Deutschland bis zum Philosophie-Studenten aus Brasilien –  ausgesandt.

„Wir leben mit der Angst“

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.  Foto: Haensel

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.
Foto: Haensel

Neben den Treffen mit Efrat und Fadwa in An Numan gehört auch der Kontakt zu Daoud Nassar und seinem Projekt „Tent of Nations“  (Zelt der Völker) bei Bethlehem zu den Aufgaben der ökumenischen Begleiter. Daoud Nassars Großvater kaufte das Land oberhalb des Dorfes Nahalin während der osmanischen Zeit im 19. Jahrhundert und ließ sich  – damals ungewöhnlich – Besitz-Urkunden darüber geben.  1991 erfuhr die Familie Nassar durch Zufall, dass Israel das Land als sein eigenes ansehe. Die Familie schaltete einen Anwalt ein und verteidigt ihr Recht auf den Privatbesitz nun seit 22 Jahren vor dem Gerichtshof in Jerusalem. Die Nassars erhalten jährlich einen sogenannten Landkonfiszierungsbefehl der israelischen Armee. Sie dürfen offiziell nicht bauen  oder Strom- und Wasserleitungen auf ihrem Land legen. Für die 90.000 jüdischen Siedler, ihre direkten Nachbarn, ist dies erlaubt.  Doch anstelle wütend zu werden über die israelische Regierung, entwickelte Daoud Nassar in Andenken an seinen Großvater, einen lutherischen Christen, eine Begegnungsstätte für alle Völker und Religionen oben auf seinem Weinberg. Eine befreundete britisch-jüdische Friedensgruppe pflanzte 250 Olivenbäumchen auf dem Gelände. Es waren genau diese Symbole, die israelische Soldaten jetzt kürzlich zerstörten.  Anpflanzungen seien dort nicht erlaubt, hieß es. „Wir leben immer mit der Angst, dass wir eines Tages unser Land verlieren“, sagt Daoud Nassar. Aber Gewalt sei keine Lösung, denn beide Völker wollen in Frieden leben. Deshalb lud er auch israelische und jüdische Journalisten aus aller Welt ein. In der israelischen Zeitung Haaretz erschien  daraufhin eine winzige Meldung in der englischen Ausgabe über Tent of Nations, in der hebräischen aber nicht ein Wort. Daoud Nassar bedauert das: „Israelische Leser sollten erfahren, dass wir hier solche Friedensprojekte auf die Beine stellen.“

Eine Antwort auf Trennung

Damit diese Lücke geschlossen wird, haben sich einige Organisationen einer fairen Berichterstattung zum Nahostkonflikt verschrieben. Das Alternative Information Center (AIC) wurde 1984 von progressiven Israelis und Palästinensern gegründet. Auf die räumliche Trennung ihrer Nationen durch den Mauerbau 2003 reagierte die Organisation, indem sie neben ihrem Büro im israelischen West-Jerusalem ein weiteres im palästinensischen Beit Sahour eröffnete. „Wir berichten über Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten, aber auch über die israelische und palästinensische Gesellschaft an sich“, sagt Sergio Yahni, Co-Direktor des AIC. Alle Israelis des AIC sind Anti-Zionisten – jüdische Menschen, die den Zionismus als Kolonialisierungsbewegung ablehnen.

Beide sind Nudniks

Für Palästinenser ist der Kampf um Freiheit  zu einem ständigen Luftholen geworden. Für Israelis wird er zunehmend zur Konfrontation mit den Werten ihrer eigenen Gesellschaft, die sich als demokratisch definiert. Beide sind Nudniks, beide wollen Antworten.  Ihre zentrale Frage an ihre Regierungen und die Welt lautet: Warum glaubt ihr an Krieg, wenn es doch keine Alternative zum Frieden gibt? Die einen fragen es als Besatzer, die anderen als unter Besatzung Lebende.  „Wir stehen den Palästinensern bei. Es ist eine frustrierende Aufgabe“, sagt Efrat, die demnächst ein Buch über die Geschichte von An Numan veröffentlichen wird.  „Aber zumindest tun wir sie gemeinsam.“

Der Artikel erschien kürzlich im monothematischen Magazin „Zur Sache“ zu Israel-Palästina, herausgegeben vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt.

Catch the Date!

12 Mrz
Nicht nur Klagen: Wer Veranstaltungen zum Nahostkonflikt besucht, kann dabei Infos aus erster Hand mitnehmen.  Foto: Haensel

Mehr als nur Klagen: Wer Veranstaltungen zum Nahostkonflikt besucht, kann dabei Infos und Begegnungen aus erster Hand mitnehmen.    Foto: Haensel

 

Im März und April gibt es folgende Termine in Berlin, die Nahost-Interessierten einen intensiveren Einblick in aktuelle Diskussionen geben. Die Zuhörer können dort mit Palästinensern und Israelis direkt in Kontakt treten und sich  so – jenseits der Berichterstattung deutscher Mainstream-Medien – ein eigenes Bild der Szenerie machen. Der Eintritt ist – wenn nicht anders angegeben, kostenlos. Alle Termine findet man künftig auch unter dem Menüpunkt DATE.

Mittwoch, 13. März, 19.00 Uhr, taz-Café, Rudi-Dutschke-Str. 23, 10969 Berlin: Boycott – Divestment – Sanctions (BDS) – Königsweg zum Frieden oder Sackgasse? Diskussion zwischen Omar Barghouti (Ramallah) und Micha Brumlik (Frankfurt) über die BDS-Kampagne, Infos hier

Freitag, 15. März , 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: „Die Zukunft Palästinas – ein lebensfähiger Staat neben Israel?“ Ein Vortrag des palästinensischen Botschafters Salah Abdel Shafi

Mittwoch, 20.03.2013, 20 Uhr in der Regenbogenfabrik Block 109 e. V., Lausitzer Straße 22, 10999 Berlin: Vortrag/Diskussion mit Yazid Zaha, Vorsitzender des Yes Theatre Hebron. Theater eignet sich gut zum Darstellen gesellschaftlicher Widersprücheund Spannungen. Mit Theater lässt sich Hoffnung stiften. Im Jahr 2007gründeten drei junge palästinensische Schauspieler das YES-Theatrein Hebron. Gemeinsam mit dem Weltfriedensdienst wurde das Projekt „YES4 Youth“entwickelt. Kinder und Jugendliche erhalten die Möglichkeit, die belasten-de Erfahrung der israelischen Besatzung mit kreativen Mitteln zu verar-beiten und neue Lebensperspektiven zu entwickeln.Das YES-Theatre bietet Schulen Workshops an und lädt in die eigenenRäume ein. Dabei entstehen spannende Stücke von Kindern für Kinder.Weitere Informationen: Jasmin Thielen, Tel. 030 253 990 22

Sonntag, 14. April, 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: Gespräch mit Daoud Nassar über sein Friedens- und Begegnungszentrum „Zelt der Völker -Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nasser kämpft seit 22 Jahren für sein Land und hat wiederholt Landkonfiszierungsbescheide erhalten.

Freitag, 24. Mai, 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: Vortrag von Felicia Langer (israelische Menschenrechtsanwältin und alternative Nobelpreisträgerin) über „Perspektiven von Besatzung und Vertreibung in Palästina“

Sihams Revolution

7 Mrz
Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.  Foto: Liva Haensel

Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.
Fotos: Liva Haensel

„Ich vergesse mein Englisch so allmählich. Ich kann mich nicht mehr ausdrücken in dieser Sprache. Es ist entsetzlich.“ Siham schüttelt ungläubig den Kopf über sich selbst, die Baumwollkapuze ihres Sweaters fliegt hin und her. Die junge Frau beugt sich zu ihrer Tochter herunter, streicht ihr kurz über das Haar und schlappt dann in Plastiklatschen ins Haus. In einer Stunde kommt ihr Mann nach Hause, sie will noch frisches Brot für ihn backen.

 Frauen tauchen nicht auf

In Palästina ist die Hälfte der Bevölkerung weiblich. Fast alle Frauen hier können – das ist der Unterschied zu ihren arabischen Nachbarinnen – lesen und schreiben. Über die Hälfte hat einen Hochschulabschluss, mindestens einen Bachelor, zahlreiche Frauen weisen einen Master oder gleich einen Doktortitel auf. Aber auf dem palästinensischen Arbeitsmarkt tauchen diese Frauen am oberen Ende der Bildungsleiter nicht mehr auf. Nur 15 Prozent haben einen Job, darunter fallen vor allem Teilzeitjobs. Das ist die Parallele zu hochentwickelten Industrienationen wie Deutschland. Auch im reichen Europa bleiben Frauen oftmals ausgeschlossen von den Kreisen der Macht, des Geldes, der Teilhabe. Aber immerhin leben sie nicht unter Besatzung einer anderen Nation.

Ich bin nichts

Siham ist 30 Jahre alt, sie hat drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne. Nach dem Abitur studierte sie Pharmazie an der Bethlehem Universität, die mit Forschungseinrichtungen in den USA kooperiert. Sie wollte Apothekerin werden. In Palästina gibt es viele davon, fast an jeder Ecke findet man eine „Pharmacy“. Mit 21 heiratete Siham und wurde schwanger. Ihr Mann Rahed, der keine akademische Ausbildung hat, arbeitete eine Zeit lang in der jüdischen Siedlung Har Homa, die gegenüber von An Numan, ihrem Wohnort, liegt. Mit dem Geld brachte er die Familie durch und sparte für ein Haus. Als sich chronische Rückenprobleme bei ihm bemerkbar machten, musste er aufhören. Siham konnte ihre Unisemester nicht mehr bezahlen und brach ihr Studium ab. Darunter leidet sie noch heute. „Ich bin nichts, ich habe nichts. Ich kann noch nicht einmal Geld für uns verdienen, ich kriege keine Arbeit“, sagt sie.

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.  Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.
Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

An Numan ist isoliert

Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Dorf in dem sie lebt, völlig isoliert ist. An Numan, in der Westbank östlich von Bethlehem gelegen, wurde 1967 im Zuge des 6-Tage-Krieges von Israel besetzt. Die damalige Regierung beschloss daraufhin, das Dorf Jerusalem einzuverleiben. Die Dorfbewohner versuchten, blaue Jerusalem-Ausweise zu beantragen, um einen legalen Rechtsstatus zu erlangen. Aber bis zum heutigen Jahr erhalten sie nur Absagen. Siham ist nun eine illegale Einwohnerin ihres eigenen Dorfes. Westbank-Ausweis-Inhabern ist es untersagt, An Numan zu betreten. Müllabfuhr, Ärzte, sogar Verwandte und Freunde können den Checkpoint unten am Fuß des Dorfes nicht passieren.

Israelisches Recht

„Seit ich geheiratet habe und hierher gezogen bin, hat sich mein Leben radikal verschlechtert“, sagt Siham mit Tränen in den Augen, während sie auf die Trümmer ihres Lebens blickt. Vor ihr zieht sich ein riesiger Schutthaufen von Bauresten hoch in den Himmel, der einst das Haus der Familie war. 2011 zerstörten israelische Bulldozer  ihr Heim, weil Bauen dort nicht erlaubt ist. Jetzt muss Siham seit zwei Jahren auf ihr steingewordenes Trauma blicken, weil Transporter von außerhalb nicht die Schuttreste wegfahren dürfen. Israelisches Recht. Manchmal wenn Siham mit ausländischen Besucherinnen spricht, wird sie nachdenklich. Sie begegnet Frauen, die nicht verheiratet sind, die sich selbst verwirklichen, studieren, streiten, sich trennen, ein Kind alleine großziehen. „Es ist eine riesige Verantwortung,  wenn man einen Ehemann hat und Kinder erziehen muss“, sagt sie. Der Mann mache,  was er wolle, aber sie als Frau müsse allein schon der Kinder wegen funktionieren. „Das ist nicht einfach.“

Europäerinnen kapierten es nicht

Im Fernsehen hat Siham viele Länder gesehen, China, Bolivien, Indien, Portugal. In Gedanken ist sie schon oft auf Reisen gegangen, hat ihren Koffer gepackt

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich...

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich…

und ist einfach abgehauen. Als Mitarbeiterinnen einer internationalen Organisation aus Bethlehem sie zu ihrer Abschiedsparty in die Stadt einluden, winkte sie ab. „Nein, das geht nicht, mein Mann möchte das nicht, ich kann hier nicht das Dorf verlassen“, gab sie den verdutzten Ausländerinnen zur Antwort. Es hat eine Weile gedauert bis die Frauen aus Europa begriffen: Das ist Sihams Art der Revolution. Zu bleiben, als Frau und Mensch, wo andere längst feige die Flucht ergriffen hätten. Hasta la victoria siempre, collega!

 Die Redaktion von Dreiecksbeziehung gratuliert am 8. März, dem Internationalen Weltfrauentag, allen Frauen aufs Herzlichste: Weiter so, ihr seid Spitze!

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