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Jerusalem fühlen

10 Apr
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Foto: Privat

Jerusalem kann man nicht verstehen. Diese Stadt muss man spüren, mit jedem Faser des Körpers, mit jedem der Sinne, die einem zur Verfügung stehen.

Jerusalem fühlt man.

Es gibt Menschen, die verfallen der Schönen, Goldenen, hoffnungslos. Einmal um die Altstadtmauern geschlendert, auf dem Tempelberg umhergestreift, den Freitagabend an der Klagemauer verbracht, schon ist es um einen geschehen. Vielleicht liegt es an der Vielfalt dieser Stadt, deren Stein- und Erdschichten sich im Laufe der  Jahrzehnte und Jahrhunderte so unzählig übereinander legten, dass Archäologen heute nur noch müde lächelnd abwinken: Ausgrabungen in Jerusalem? Ach, ganz wundervoll! Aber wo anfangen und wo aufhören…

Jerusalem, das Fass ohne Boden. Wer einmal anfängt, von ihr zu trinken, der will nicht mehr aufhören. Dabei ist hier nichts einfach und unkompliziert. Der Stadt hängt immer auch ein dunkler Trauerschleier über dem Haupt. Freilich, man kann all das vergessen. Gute Restaurants und Bars sind hier fast genauso zuhause wie in Tel Aviv. Aber der bittere Geschmack der israelischen Besatzung verfolgt einen dennoch in die besten Lokale, höchsten Aussichtsterrassen, in die Basare und vielen Kirchen.

Jerusalem, das ist hochsensible Dramaturgie, das ist ein Adrenalinstoß .

Die systematische Besatzungspolitik schnürt Palästinensern zunehmend die Luft ab. Die Enteignung von Land durch Behörden und jüdische Siedler verändert die geografischen Linien. 70 Jahre Israel bedeuten auch 70 Jahre Leid – für Palästinenser vor allem. Und Israelis.

Soldaten und Polizisten spannen ein Sicherheitsnetz um die Schöne. Oben am Himmel segelt die Drohne und sieht alles.

Hier wird hart durchgegriffen, kläglich geweint, zärtlich geflüstert.

Sicherheit contra Freiheit.

Nichts ist gegensätzlich. Ungleiche Paare lieben sich doch auch während Kinder fröhlich  in den Gassen plärren.

Im Armenischen Viertel verästeln sich die feinen Linien der Stadtsilhouette auf den farbenfrohen Keramikkunstwerken während die Stadtverwaltung  ihre unpolitischen Briefe zur Stadtaufteilung verschickt.

Jerusalem, was antwortest Du? Hast Du schon Dein Kleid für die Zukunft gewählt?

Jerusalem Cover
Tipp: Die Bundeszentrale für Politsche Bildung hat gerade ein Sonderheft herausgegeben: „Jerusalem“ kann man hier lesen oder gratis über die Webseite bestellen.
28 Mrz

Trotz zahlreicher Schwierigkeiten gelingt es israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten häufig, sich gemeinsam für ein Ende der israelischen Besatzung zu engagieren. Aber das Ringen um Menschenrechte ist mühsam – und oftmals mit persönlichen Risiken verbunden

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.  Foto: privat

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.
Foto: privat

Von Liva Haensel

Ein Nudnik ist ein Mensch, der solange Fragen stellt, bis sein Gegenüber genervt aufgibt. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und hat sich mittlerweile ins moderne Hebräisch, der Sprache der Israelis, hineineingeschlichen. Ein Nudnik ist wie die Pest, er lässt nicht locker, sagen die Rabbiner. Aber das Wort beinhaltet auch eine ausgezeichnete Eigenschaft: Beharrlichkeit.  Die braucht Efrat (48), wenn sie an einem israelischen Kontrollpunkt auf dem Weg in das palästinensische Dorf An Numan angehalten wird. „Du bist eine linke Ashkenazi-Schlampe“,  (Aschkenasim: europäischstämmige Juden; Anm. d. Red.)  bellt ihr der junge israelische Soldat dort entgegen, wenn sie mit ihrem Auto den Kontrollpunkt zwischen Jerusalem und Bethlehem passieren möchte. Die israelische Friedensaktivistin reagiert darauf meistens gelassen. „Nur neulich habe ich die Nerven verloren“, erzählt sie, „ich bin ausgestiegen, habe mit denen diskutiert und schließlich darum gebeten, mit dem diensthabenden Offizier zu sprechen“. „Mit denen“, damit könnte die Mutter dreier Kinder auch die Mehrheit der jüdischen Israelis meinen.  Diejenigen, die die Besatzung der palästinensischen Gebiete seit 1967 nicht in Frage stellen. Oder sie achselzuckend als gegeben hinnehmen, obwohl sie völkerrechtswidrig ist.

Sie werden beobachtet

Efrat ist politische Friedens-Aktivistin und gehört damit einer Minderheit in ihrem Land an. Ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht im Internet oder einer Zeitung lesen, denn „ich hab‘ zwar keine Angst, aber man weiß ja nie“, sagt sie.  Als nach dem Ausbruch der 2. Intifada und der Bau der Sperranlage Besuche zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern immer schwieriger wurden, trat sie 2002 der israelisch-arabischen Nichtregierungsorganisation Ta‘ ayush (arabisch; zusammen leben) bei.  Ta‘ ayush ist eine der wenigen Organisationen, die Grenzen im wahrsten Sinne des Wortes überwindet. Ihre jüdischen Mitglieder machen sich auf den Weg in die Westbank, um Gewaltexzesse zu beobachten und zu dokumentieren. Außerdem halten sie Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Das Büro der Vereinten Nationen in Jerusalem hat errechnet, dass Gewalt von Siedlern gegenüber Palästinensern in 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 150 Prozent gestiegen ist. Bei  Zusammenstößen wie in der Stadt Hebron, oder bei den vielen Freitags-Demonstrationen in palästinensischen Dörfern,  schützt die israelische Armee stets die bewaffneten Siedler. Nicht aber die Palästinenser. Die oft aggressive Gangart der israelischen Armee gegen friedlich demonstrierende Menschen mit dem Einsatz von Tränengaskanistern und Munition blieb lange unbeobachtet von der Welt. Die jüdischen Israelis  von Ta‘ ayush  setzen mit ihrer Präsenz etwas dagegen und stehen so den Palästinensern in ihrem gewaltfreien Widerstand bei. „ Die israelischen Soldaten und Polizisten müssen wissen, dass sie bei ihren Aktivitäten von uns beobachtet werden“, sagt  Efrat.

Die beiden Frauen trinken gemeinsam Tee

Durch  Ta‘ ayush  kam die promovierte Historikerin damals auch nach An Numan, einem Dorf östlich von Bethlehem. Manchmal sitzt  sie dort jetzt mit Fadwa Mansour (Name v. d. Red. geändert) in der Nachmittagssonne auf einem weißen Plastikstuhl draußen vor dem Haus nahe der kleinen Moschee, beide Frauen lachen gemeinsam und trinken süßen Tee. Efrat rezitiert ein Gedicht von Mahmoud Darwish, dem berühmtesten Dichter Palästinas, auf Arabisch. Die 30-jährige Fadwa lauscht ihren Worten, wenn ihre Freundin stockt, vervollständigt die Pharmazeutin die Verse. „Wir sind einsam hier in dem Dorf. Niemand besucht uns, wir sind von der Welt vergessen worden“, sagt Fadwa Mansour. Da sei  es schön, wenn wenigstens ein paarmal im Monat Besucher von außen kämen.

Ein paradoxes Schicksal

Als Israel 1967 die Westbank, Gaza, die Golanhöhen und Ost-Jerusalem einnahm, änderte die Regierung auch ihre Bebauungspläne. Land, das zwischen Jerusalem und dem nur 10 Kilometer entfernten Bethlehem lag, wurde zu großen Teilen konfisziert. Palästinensische Bauern verloren es an jüdische Siedlungen, die sich von kleinen Containeransammlungen zu heute mittelgroßen Städten entwickelten. An Numan mit seinen 200 Einwohnern gehörte nach 1967 somit zu Jerusalem und nicht mehr zu der palästinensischen Westbank. Die Einwohner bewarben sich bei der Stadtverwaltung daraufhin um spezielle Jerusalem-Ausweise. Aber die Behörden verweigerten sie ihnen. Die An Numaner wie Fadwa Mansour leben deshalb als illegale Einwohner in ihrem eigenen Dorf. Als Inhaber von Westbank-Ausweisen erhalten sie weder Baugenehmigungen der israelischen Behörden, noch dürfen sie ihren Ort problemlos verlassen. Palästinensische Besucher, ob  nun Verwandte oder die Müllabfuhr, haben keine Erlaubnis, das Dorf zu betreten. Dieses paradoxe Schicksal teilen rund 20.000 Menschen in der Westbank.

Der Schlüsselfaktor für Frieden

„An Numan ist ein Albtraum geworden, ein Freiluftgefängnis für seine Bewohner“, sagt Efrat. Seit 2002 besucht sie die Dorfbewohner regelmäßig. „Wir von Ta‘ ayush  wissen, dass wir

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.  Foto: Haensel

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.
Foto: Haensel

damit die israelische Besatzung nicht sofort beenden können“, sagt sie. Aber in schwierigen Momenten könne sie den Palästinensern wenigstens etwas beistehen. Als das Haus von Fadwa und ihrer Familie im Herbst 2011 von israelischen Bulldozern zerstört wurde, war die Friedensaktivistin  sofort zur Stelle. Die Zerstörung konnte sie nicht verhindern, aber sie schaltete andere Organisationen ein, die der schwer traumatisierten Familie mit einem späteren Hausbau aushalfen. Darunter waren auch Teilnehmer von EAPPI. Die Abkürzung steht für  „Ecumenical Acompaniment Program for Palestine and Israel“, das ökumenische Begleitprogramm vom Weltrat der Kirchen aus Genf. Ihre Teilnehmer kommen aus 25 Ländern nach Palästina und Israel, um dort für drei Monate mit den Menschen zu leben und sie in ihrem Alltag zu begleiten. Laut dem Statement auf der Webseite unterstützen sie israelische und palästinensische Aktivisten „bei ihren Bemühungen, die israelische Besatzung zu beenden“.  Allen Friedensgruppen dies- und jenseits der Grünen  Linie ist eins gemein:  Das Ende der Besatzung in den palästinensischen Gebieten gilt  für sie als Schlüsselfaktor für Frieden in der Region. Und es basiert auf den Forderungen  Internationalen Rechts und der Genfer Konventionen.

Himmel voller Tränen

EAPPI entstand in derselben Zeit wie Ta‘ ayush, auf dem Höhepunkt der 2. Intifada. Städte wie Bethlehem und Nablus waren damals wochenlang von der Außenwelt abgeriegelt, tausende Männer und Kinder saßen in Gefängnissen.  Der Himmel roch nach Feuer, Blut und Tränen.  Die Euphorie des Oslo-Abkommens von 1993 war verflogen, Palästina war immer noch unfrei. Es war die Zeit, in der Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land,  die Kirchen weltweit um internationale Unterstützung bat, weil  sich das Wort Frieden in Luft aufgelöst zu haben schien.  Unter dem Motto „Kommt und seht“ wurden die ersten Freiwilligen – vom Chefarzt aus Deutschland bis zum Philosophie-Studenten aus Brasilien –  ausgesandt.

„Wir leben mit der Angst“

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.  Foto: Haensel

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.
Foto: Haensel

Neben den Treffen mit Efrat und Fadwa in An Numan gehört auch der Kontakt zu Daoud Nassar und seinem Projekt „Tent of Nations“  (Zelt der Völker) bei Bethlehem zu den Aufgaben der ökumenischen Begleiter. Daoud Nassars Großvater kaufte das Land oberhalb des Dorfes Nahalin während der osmanischen Zeit im 19. Jahrhundert und ließ sich  – damals ungewöhnlich – Besitz-Urkunden darüber geben.  1991 erfuhr die Familie Nassar durch Zufall, dass Israel das Land als sein eigenes ansehe. Die Familie schaltete einen Anwalt ein und verteidigt ihr Recht auf den Privatbesitz nun seit 22 Jahren vor dem Gerichtshof in Jerusalem. Die Nassars erhalten jährlich einen sogenannten Landkonfiszierungsbefehl der israelischen Armee. Sie dürfen offiziell nicht bauen  oder Strom- und Wasserleitungen auf ihrem Land legen. Für die 90.000 jüdischen Siedler, ihre direkten Nachbarn, ist dies erlaubt.  Doch anstelle wütend zu werden über die israelische Regierung, entwickelte Daoud Nassar in Andenken an seinen Großvater, einen lutherischen Christen, eine Begegnungsstätte für alle Völker und Religionen oben auf seinem Weinberg. Eine befreundete britisch-jüdische Friedensgruppe pflanzte 250 Olivenbäumchen auf dem Gelände. Es waren genau diese Symbole, die israelische Soldaten jetzt kürzlich zerstörten.  Anpflanzungen seien dort nicht erlaubt, hieß es. „Wir leben immer mit der Angst, dass wir eines Tages unser Land verlieren“, sagt Daoud Nassar. Aber Gewalt sei keine Lösung, denn beide Völker wollen in Frieden leben. Deshalb lud er auch israelische und jüdische Journalisten aus aller Welt ein. In der israelischen Zeitung Haaretz erschien  daraufhin eine winzige Meldung in der englischen Ausgabe über Tent of Nations, in der hebräischen aber nicht ein Wort. Daoud Nassar bedauert das: „Israelische Leser sollten erfahren, dass wir hier solche Friedensprojekte auf die Beine stellen.“

Eine Antwort auf Trennung

Damit diese Lücke geschlossen wird, haben sich einige Organisationen einer fairen Berichterstattung zum Nahostkonflikt verschrieben. Das Alternative Information Center (AIC) wurde 1984 von progressiven Israelis und Palästinensern gegründet. Auf die räumliche Trennung ihrer Nationen durch den Mauerbau 2003 reagierte die Organisation, indem sie neben ihrem Büro im israelischen West-Jerusalem ein weiteres im palästinensischen Beit Sahour eröffnete. „Wir berichten über Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten, aber auch über die israelische und palästinensische Gesellschaft an sich“, sagt Sergio Yahni, Co-Direktor des AIC. Alle Israelis des AIC sind Anti-Zionisten – jüdische Menschen, die den Zionismus als Kolonialisierungsbewegung ablehnen.

Beide sind Nudniks

Für Palästinenser ist der Kampf um Freiheit  zu einem ständigen Luftholen geworden. Für Israelis wird er zunehmend zur Konfrontation mit den Werten ihrer eigenen Gesellschaft, die sich als demokratisch definiert. Beide sind Nudniks, beide wollen Antworten.  Ihre zentrale Frage an ihre Regierungen und die Welt lautet: Warum glaubt ihr an Krieg, wenn es doch keine Alternative zum Frieden gibt? Die einen fragen es als Besatzer, die anderen als unter Besatzung Lebende.  „Wir stehen den Palästinensern bei. Es ist eine frustrierende Aufgabe“, sagt Efrat, die demnächst ein Buch über die Geschichte von An Numan veröffentlichen wird.  „Aber zumindest tun wir sie gemeinsam.“

Der Artikel erschien kürzlich im monothematischen Magazin „Zur Sache“ zu Israel-Palästina, herausgegeben vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt.

Jakob, der Lügner?

19 Feb
"Ich bitte Sie, beenden Sie diesen Krieg." Bar Mitzwah an der Klagemauer in Jerusalem 2012. Foto: Liva Haensel

„Ich bitte Sie, beenden Sie diesen Krieg.“ Bar Mitzwah an der Klagemauer in Jerusalem 2012.
Foto: Liva Haensel

Im Januar erhitzte der Antisemitismusstreit um den Freitag-Herausgeber und Publizisten Jakob Augstein die deutschen Gemüter. Jetzt ist ein Buch erschienen, das wissenschaftlich antisemitische Sprache analysiert. „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ könnte Antworten auf die Frage geben, wo genau Antisemitismus beginnt. Aber es hinterlässt eher Fragezeichen.

Von Liva Haensel

Berlin – Inge Deutschkron steht vorne am Rednerpult im Berliner Centrum Judaicum, eine kleine Person mit fester Stimme. Sie ist 90 Jahre alt, man sieht ihr das Alter nicht an. „Ich habe im Holocaust meine ganze Familie verloren“, sagt sie, „und als der Krieg zu Ende war, bin ich durch die Stadt gegangen und habe zu mir selbst gesagt: So was wie Antisemitismus wird es hier nie wieder geben.“ Die rund 100 Besucher, die zur Buchvorstellung gekommen sind, lauschen aufmerksam als sie weiter redet: „Aber ich glaube, Antisemitismus in Deutschland hat nie aufgehört. Und er wird auch nie aufhören.“

In der Mitte der Gesellschaft

224 Seiten, ISBN 978-3-423-30000-1 24. Auflage, November 2012, 12,90 Euro, dtv Foto: dtv

224 Seiten, ISBN 978-3-423-30000-1
24. Auflage, November 2012, 12,90 Euro, dtv
Foto: dtv

Inge Deutschkron, Berliner Jüdin, überlebte den Naziterror, weil sie sich zweieinhalb Jahre unter schwierigsten Bedingungen und mit Hilfe von Freunden gemeinsam mit ihrer Mutter verstecken konnte. Die Nationalsozialisten ermordeten fast alle 66.000 Berliner Juden, die ab 1941 in die Konzentrationslager im Osten deportiert wurden. Nur 1423 von ihnen überlebten. Inge Deutschkron ist eine von ihnen. Sie hat mehrere Bücher darüber geschrieben, am bekanntesten ist ihr Werk „Ich trug den gelben Stern“, den in Deutschland jedes Schulkind kennt. Als Botschafterin gegen Antisemitismus und als Erzählerin ihrer eigenen Leidensgeschichte geht sie noch immer regelmäßig in Schulen und berichtet darüber. Ihre Rede, die sie am 30. Januar dieses Jahres im Bundestag hielt und ihre Worte im Centrum Judaicum decken sich mit den Ergebnissen der Studie „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“. Die Verfasser des Buches sind Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz, sie Linguistik-Professorin an der TU Berlin, er Historiker an der Brandeis Universität in Massachusetts. Beide kommen in ihrem 444-Seiten-Werk zu dem Schluss, dass Antisemitismus in der Mitte der deutschen Gesellschaft sitzt. Ihre Auswertung von über 14.000 Briefen und E-Mails an den Zentralrat der Juden in Deutschland und die israelische Botschaft in den Jahren 2002 bis 2012 lautet zugespitzt: Antisemitismus ist vor allem in gebildeten Kreisen verbreitet. Es sind Ärzte und Pfarrer, Lokalpolitiker und Lehrer, die Schmähkritik an Juden üben und gerne betonen, dass sie dennoch „keine Nazis“ seien. Das ist erschütternd.

„Ihr drangsaliert die armen Palästinenser“

Eine Holocaustleugnung komme so gut wie nicht vor in dem untersuchten Material, dafür aber historisch tradierte Vorurteile gegenüber Juden, die sich

intensiv anhand von Kritik an der Politik Israels bemerkbar machen und denen beide Wissenschaftler das Kapitel „Anti-Israelismus als moderne Formvariante des Verbal-Antisemitismus“ mit mehreren Unterebenen widmen. „Anti-Israelismus ist die dominante Erscheinungsform des modernen Antisemitismus“, sagt die Wissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel. Dabei greife der Kritiker auf Juden als Kollektiv zurück, er dämonisiere oder abstrahiere sie und stelle sie als Stellvertreter für den Staat Israel dar. Der Gegensatz zum Anti-Israelismus ist in ihren Augen die legitime Israel-Kritik. „Es ist

Erscheinungsdatum Dezember 2012,  ISBN 978-3-11-027772-2  , Europäisch-jüdische Studien – Beiträge 7, 79,90 Euro, Verlag De Gruyter

Erscheinungsdatum Dezember 2012,
ISBN 978-3-11-027772-2 , Europäisch-jüdische Studien – Beiträge 7, 79,90 Euro, Verlag De Gruyter

einfach nicht wahr, dass man Israel in Deutschland nicht kritisieren darf, dass das ein Tabubruch sein soll“, sagt Monika Schwarz-Friesel und ist sichtlich erregt. Gerade die deutschen Medien würden Israel sehr häufig als Aggressor darstellen, betont sie, lässt aber ungesagt, woran sie das belegt. Den Besuchern zeigt sie Zitate aus Mails und Briefen, die sie untersucht hat. „Ihr drangsaliert die armen Palästinenser völlig grundlos und sperrt sie hinter Mauern. Pfui!“  hat dort jemand an die israelische Botschaft am 10.3.2011 geschrieben. Dass es sich um Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der israelischen Zivilbevölkerung handele (die nach zahlreichen terroristischen Attacken eingeführt worden seien), bleibe unerwähnt, schreiben Schwarz-Friesel und Reinharz in ihrem Werk. Von Wissenschaftlern würde man etwas anderes erwarten: nämlich, dass sie nicht nur die offizielle PR-Kommunikation Israels wahrnehmen, sondern sich zumindest differenzierter auf Grundlage des Internationalen Völkerrechts und den Entscheidungen  von israelischen Gerichten sowie dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag (der den Mauerverlauf 2004 kritisierte) auskennen. Demnach verläuft die israelische Sperranlage zu 85 Prozent auf palästinensischem Gebiet und immer dort, wo die illegalen jüdischen Siedlungen stehen, die direkte Nachbarbauten der Palästinenser sind. Das führt ebenfalls zu Terror, nach UN-Angaben aber vor allem von israelischen  Siedlern verursachtem.

Ist das antisemitisch?

Es gibt viele eindeutige Fälle in all dem untersuchten Material, die gar keine Diskussion darüber entstehen lassen, ob sie antisemitisch sind oder nicht. „Hallo ihr bluttriefenden Judenschweine! Ich bestreite ein Existenzrecht Israels und ein Lebensrecht der jüdischen Pestilenz.“ (an die israelische Botschaft vom 26.4. 2009) ist eine mit antisemitischen, indiskutablen Stereotypen durchsetzte Mail. Aber was ist mit „Stoppt eure Brüder in Israel und macht endlich Frieden?“ Oder: „Ich protestiere nachdrücklich und entschieden gegen die fortgesetzten und vorsätzlichen Vergehen gegen die Menschenrechte… Es ist eine Schande, durch nichts zu rechtfertigen, Israel stellt sich nach meiner Ansicht dadurch in die Reihe der Schurkenstaaten.“ Letzteres Schreiben ist für den Adressaten nicht schön, es ist kein Kompliment, irgendwie beleidigend und sehr direkt. Aber ist es antisemitisch?

Der Antisemitismus wird zunehmen

Jakob Augstein ist es, zumindest nach Ansicht von Schwarz-Friesel. Sie habe, so erzählt sie, allein 12 Verbalantisemitismen in Augsteins umstrittenen Spiegel-Kolumnen „Im Zweifel

Gibt seit 2009 den "Freitag" heraus: Jakob Augstein

Umstritten: Freitag-Herausgeber Jakob Augstein.
Foto: Jakob_Augstein_2010.jpg: xtranews.de derivative work: Hic et nunc  via Wikimedia Commons

links“ gefunden, die „eindeutig“ seien. Typisch für Antisemiten ist, dass sie die Realität ausblenden. Augstein sei noch nicht ein Mal in Israel gewesen, das sei merkwürdig, weil er ja so eine klare Meinung zum Nahostkonflikt habe, sagt Schwarz-Friesel, die selbst mit einem israelischen Juden verheiratet ist. Was aber ist die Realität in einem komplexen Konflikt inmitten einer komplexen Welt? „Durch die Politik Israels, durch die Besatzung der palästinensische Gebiete wird der Antisemitismus weltweit wieder steigen“, hat Ada Gorny, eine israelische Menschenrechtsaktivistin von „Machsom Watch – women against occupation and for human rights“ einmal gesagt. Das sei gefährlich, Israel verhalte sich absolut falsch mit seiner Siedlungspolitik, kritisiert sie, deren Mutter 1933 aus Hamburg ins damalige Palästina fliehen musste. Das hat auch Augstein gesagt. Ist er ein Lügner, wenn er behauptet, er sei kein Antisemit?

Emotionen zwischen Buchdeckeln

Ob also tatsächlich 90 Prozent der Schreiber des untersuchten Materials im Buch Antisemiten sind, können die Wissenschaftler ebenso wenig konkret beantworten wie auch die Frage, wie genau sich legitime Israel-Kritik anhören darf. Doch das ist genau der Knackpunkt. Ein Buch, das viel verspricht im wissenschaftlichen Gewand. Aber am Ende doch aufzeigt: Es gibt keine reine Wissenschaft, sondern am Ende köcheln die Emotionen zwischen den Buchdeckeln. Und ein Rabbiner Cooper erscheint noch nicht einmal zu einer Buchvorstellung, die ihm aus der Seele gesprochen hätte.

No sunshine in E1

13 Jan
Ruhe vor dem Sturm: Bab als Shams vor der Räumung.

Ruhe vor dem Sturm: Bab als Shams vor der Räumung.

Ost-Jerusalem. Nur 48 Stunden nach der Gründung eines palästinensischen Zeltlagers mit den Namen Bab al Shams (hier auf facebook) haben 500 israelische Polizisten und Soldaten das E1-Gebiet heute in den frühen Morgenstunden  gewaltsam geräumt. Dabei kam es zu zahlreichen Verhaftungen, Verletzungen und Abtransporten der 200 Demonstranten auf dem sogenannten E1 („East 1“)-Gebiet zwischen Ost-Jerusalem und der illegalen jüdischen Siedlung Maale Adumim in der Westbank. Die Demonstranten, darunter palästinensische

Verletzte Demonstranten heute Morgen, Bab Al Shams. Fotos: Babalshams

Verletzte Demonstranten heute Morgen, Bab Al Shams.

Landbesitzer und israelische sowie internationale Friedensaktivisten, hatten mit ihrer neuen Siedlung gewaltfrei gegen die völkerrechtswidrige Ausweitung von Maale Adumim protestiert und dafür eine Taktik angewandt, die sonst jüdische Siedler benutzen. Am Freitag versammelten sie sich auf dem E1-Gebiet, das zwischen Ost-Jerusalem und der jüdischen Siedlung liegt und errichten Zelte. Man wolle damit auf die illegale Landnahme Israels aufmerksam machen, bei der Siedler palästinensisches Land Stück für Stück besiedelten, es später als Staatsland deklarierten und sich dort für immer niederließen, so die Veranstalter. Das neue Dorf Bab al Shams („Tor zur Sonne“) wurde auf dem palästinensischen Teilstück errichtet, das für Palästinenser eine wichtige Verbindung zwischen Ost-Jerusalem und Westbank darstellt. Nachdem die Vereinten Nationen Ende November 2012 grünes Licht für den Beobachterstatus Palästinas gaben, reagierte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu daraufhin mit einer Trotzreaktion, indem er den weiteren Bau von 3000 neuen Wohneinheiten in jüdischen Siedlungen, darunter auch für Maale Adumin, genehmigte. Die Internationale Gemeinschaft hatte Israel daraufhin mehrmals kritisiert, darunter auch Deutschland.

 Entstanden unter Rabin

Umstritten: E1 liegt zwischen Jerusalem und der Westbank. Grafik: peacenow.org

Umstritten: E1 liegt zwischen Jerusalem und der Westbank. Grafik: peacenow.org

Der Bebauungsplan E1 entstand unter dem Friedensnobelpreisträger und früheren Ministerpräsidenten Israels, Jitzak Rabin. In der Amtsperiode von Ariel Sharon (2001-2006) gewann der Plan stetig an Fahrt. Ziel von E1 ist es, für jüdische Israelis Jerusalem mit der Siedlung Maale Adumim zu verbinden und damit den Erweiterungsplan von Groß-Jerusalem, der schon in den 1970er Jahren entstand, umzusetzen. „Damit wird ein eigenständiger Staat Palästina unmöglich gemacht“, sagt Angela Godfrey-Goldstein, israelische Friedensaktivistin aus Jerusalem. Für Palästinenser bedeute der E1-Plan eine de-facto-Trennung zwischen Nord- und Süd-Westbank. Damit sei die Region um Hebron gänzlich abgeschnitten von nördlicher gelegenen Städten und Dörfern, darunter vor allem Jerusalem als künftige Hauptstadt und kulturell-politisches Zentrum des palästinensischen Staates, kritisiert sie. Bei dem E1-Gebiet handelt es sich um palästinensisches Privatland. Der Oberste Gerichtshof erkannte dies an und entschied vergangenen Freitag, dass das Zeltlager Bab al Shams sechs Tage bleiben dürfe. Die israelische Armee ignorierte diese Entscheidung und erklärte das Gebiet am Samstag zu einer „militärischen Sicherheitszone“,  kurze Zeit später dann zu einem „höchsten Sicherheitsrisiko“. Bei facebook und dem Kurznachrichtendienst  twitter posteten zahlreiche Aktivisten direkt zu der Räumung. Journalisten berichteten auf den Kanälen unter anderem, dass sie von israelischen Soldaten mit Blendlicht von ihrer Arbeit abgehalten und Menschen ohne Angabe von Gründen und Zielen verhaftet worden seien.

Auch Beduinen sind betroffen

In der nach internationalem Recht illegalen jüdischen Siedlung Maale Adumim wohnen derzeit rund 43.000 Menschen. Im E1-Gebiet wohnen 3000 Beduinen vom Stamm der Jahalin unter der Armutsgrenze, die nach 1948 von der israelischen Regierung aus ihrer Heimat, der Negevwüste, vertrieben wurden. Die Jahalin-Beduinen (hier Dokumentation auf youtube) sind jetzt akut von einer weiteren Zwangsevakuierung bedroht, sollte Israel seinen Bebauungsplan umsetzen. Ihnen wurde eine Alternativfläche weiter südlich neben einer Müllhalde angeboten, die sie ablehnen. Die Aktivisten von Bab al Shams ließen derweil verlauten, dass sie weitermachen werden: „Wir werden wiederkommen. Israel hat gezeigt, dass es ethnische Säuberungen betreibt, wenn es uns abtransportiert. Das machen sie mit ihren eigenen Siedlern nicht“, schrieb ein Mann auf facebook.

Nahostkonflikt – Fotoserie

15 Apr
Protest in Sheik JarrahDie andere SeiteHoffnung auf RückkehrLebensfreudeNachdenklichNie Langeweile
TrostlosIn der SchuleFehlt nieFlower-Power arabischZuhörenIMG_6296
DurchgeschnittenMasterplan JerusalemVolle FruchtParadiesischDem Himmel so nah
PufferzoneTür in die andere WeltZu klein?WeitermachenBasis legenEyewitness

Oliva Azul Fotostream auf Flickr.

Schwarze Schafe in Tel Aviv

14 Apr
Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben veröffentlichte Netanjahus Sprecher am Samstagabend.

Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben für die Westbank-Besucher veröffentlichte Netanjahus Sprecher Ofir Gendelman am Samstagabend via Twitter. Quelle: +972 mag

Guns' no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampane wird es keine Blumen zum Empfang gegen.          Foto: Liva Haensel

Guns no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampagne wird es keine Blumen zum Empfang geben. Foto: Liva Haensel

Auf sie warten kein Sekt oder Champagner. Keine bequemen Sessel,  erfrischendes Wasser oder gar Rosen zum Empfang. Wenn sie ankommen,  ist da nur Unverständnis. Viele Fragen. Festnahmen. Abschiebung. Oder Haft in einem israelischen Militärgefängnis. Die Rede ist von den rund 1500 Flugpassagieren, die in einer Stunde und dann den ganzen Sonntag über am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv landen und von denen die israelischen Sicherheitskräfte wollen, dass sie so schnell wie möglich wieder verschwinden. Die „Welcome to Palestine“-Kampagne von palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen findet jetzt zum 3. Mal statt. Aus aller Welt kommen am 15. April Menschen in die palästinensischen Gebiete, um in palästinensischen Gastfamilien zu wohnen, den Alltag unter Besatzung hinter der Mauer in der Westbank mitzuerleben, an Workshops teilzunehmen, Olivenbäume zu pflanzen.

Deutsche Botschaft hielt sich zurück

Doch nie zuvor ist vorab so viel darüber berichtet worden wie jetzt. Im vergangenen Jahr fiel das Datum auf den 10. Juli. Damals berichteten die Medien vor allem über das Ergebnis: Israel hatte 124 Menschen abgeschoben, die am Flughafen erklärt hatten, dass sie in die besetzten Gebiete weiterfahren. Die Besucher wurden umgehend in Maschinen verfrachtet, die in ihre Heimatländer zurückflogen. Wer sich weigerte, kam für eine Woche in Haft. „Das Gefängnis war von den Haftbedingungen her gesehen noch sehr privilegiert, wenn man es mit denen für palästinensische Gefangene vergleicht“, berichtet eine Frau aus Deutschland. Die Berlinerin schaltete noch am Ben-Gurion-Flughafen ihren Anwalt ein und informierte auch die Deutsche Botschaft. Die habe sich allerdings“ feige rausgehalten und gar nichts unternommen“, stellte sie ernüchtert fest.

Lufthansa cancelte als erste Fluglinie die Tickets

Während die Sommer-Kampagne im Juli noch eine Art Premieren-Charakter hatte – und sich zeitgleich die israelische Regierung  in einer nervösen Anspannung wegen der zahlreichen Tent-Proteste für mehr soziale Gerechtigkeit befand – scheint nun alles gut vorbereitet. Die israelische Regierung glich dieses Mal zwar auch ihre sogenannten Black Lists mit Namen von „Aktivisten“ wieder mit denen der Airlines ab, die Tel Aviv anfliegen. Aber sie forderte auch im Vorfeld dazu auf, die gebuchten Tickets einiger Passagiere gleich wieder zu stornieren. Die Lufthansa kam dem als erste nach,  Air France und die britische Jet2.com folgten. Bis jetzt sind dazu 600 Artikel weltweit in mehr als sechs Sprachen darüber zu finden (AFP ist hier einer davon). Die Flytilla-Passagiere (Flytilla erinnert an das Wort Flotilla, das vor allem in Bezug auf die Gaza-Flotillen von 2010 und 2011, die die Blockade Gazas durchbrechen wollten, benutzt wurde) und die „Welcome-to-Palestine“-Organisatoren deuten dies als gutes Zeichen: „Israel hat eine Heidenangst vor diesen Besuchern. Der Staat will um alles in der Welt verhindern, dass Internationals sehen, was in der Westbank vor sich geht“, sagt Mazin Qumzieh, Menschenrechtsaktivist und Professor für Genetik an der katholischen Bethlehem University. Qumzieh, Autor von „Sharing the land of Canaan“ und einer der Sprecher der Pressekonferenz in Bethlehem, hält die Aktion für extrem wichtig. Nicht nur die Menschen in Gaza, sondern auch in der Westbank seien abgetrennt von der Außenwelt. Dass Israel auf Besucher, die am Flughafen nicht lügen, sondern ehrlich sagen, dass sie in die Westbank wollen, agressiv reagiere, zeige lediglich, „dass wir als Friedensaktivisten einen guten Job machen“.

Mit Babybauch vier Stunden warten

Aber es trifft auch immer andere. Eine schwedische Touristin, im fünften Monat schwanger und gerade von Jordanien kommend, staunte nicht schlecht an der Grenze zu Eilat im Süden Israels. Sie musste eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, in der steht, dass sie weder an pro-palästinensischen Aktivitäten teilnehmen werde und dass sie aber im Falle dass doch  „Deportation und Abweisung Israels“ akzeptieren werde. Statt eines normalen 3-Monats-Visums bekam sie nur noch sieben Tage im Heiligen Land zugebilligt. Und dass erst nach vier Stunden und 20 Minuten Wartens an der Grenze zu Israel (siehe hierzu den Bericht des israelischen Journalisten Dimi Reider für das Onlinemagazin +972)

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze.

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze. Quelle: +972 mag

Deutsche machen sich ein Bild des Konflikts

Das Vorgehen gegen sogenannte Activists, schwarze Schafe in den Augen Israels, könnte der einzigen Demokratie im Nahen Osten künftig zum Verhängnis werden. Denn die Grenze zwischen Aktivismus, den die Teilnehmer selbst als friedlich und gewaltfrei bezeichnen, zwischen Tourismus, Arbeit und Abenteuerlust, ist längst verwischt. Allein sämtliche christliche Einrichtungen und Organisationen in Israel und Palästina ziehen jährlich tausende Besucher an. Deutschland ist das Land mit der höchsten Zahl an Volunteers, Freiwilligen, die für eine Zeit lang in Israel leben und arbeiten. Alle diese Menschen machen sich während ihres Aufenthalts ein umfassendes Bild der Region, sie sprechen mit Palästinensern und Israelis  und lernen damit durch eigene Anschauung den Nahostkonflikt ganz praktisch kennen. Ist sich Israel selbst genug als jüdischer Staat (mit einem Fünftel davon palästinensischer Einwohner), der auf Touristen und Andersdenkende und -gläubige künftig verzichten möchte, ist dies der richtige Weg dafür. Möchte sich das kleine Land aber offen gegenüber Fremden zeigen, und dass auch von seiner bitteren Schokoladenseite, kann es sich dieses Vorgehen nicht lange leisten. Auch schwarze Schafe tragen weiße Westen. Manchmal sind sie aber auch blau. So wie diejenigen der Security-Mitarbeiter morgen am Ben-Gurion-Airport.

„Als Jude ist mein Herz gebrochen“

25 Mrz
"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte.            Foto: Liva Haensel

"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte. Fotos: Liva Haensel

Mark Braverman hat ein Buch verfasst, das Schweigen brechen und Menschenrechten Raum geben soll. Darin fordert der amerikanische Psychologe die Kirchen weltweit dazu auf, Israels Siedlungspolitik schnellstens Einhalt zu gebieten.  (Der Artikel erschien am 22.3.2012 in der evangelischen Wochenzeitung „die kirche“)

Von Liva Haensel
 

Der Mann blickt nach oben. Seine Augen wandern die graue Betonwand entlang, über die kleinen Unebenheiten, die Streifen, ein paar Risse. Sie bleiben an dem Stacheldraht hängen, der die Mauer entlang kriecht bis zum nächsten Wachturm. Wer als Kind mal beim Spielen in einem Stacheldrahtzaun hängengeblieben ist, der weiß wie spitz sich die Metallenden in das Fleisch bohren. Der Mann ist zierlich und schmal. Für eine Weile steht er da vor der riesigen Mauer, die ihm ihre graue Fassade entgegenstreckt und denkt nach. Dann hat er seine Antwort gefunden. Die Mauer hat sie ihm gegeben. Er kann es kaum glauben.

 Nur ein weltweiter Boykott kann den Frieden retten

Die Geschichte des Mannes, der an die Mauer in Bethlehem im besetzten Westjordanland kommt und dort sein eigenes Ich findet, ist die von Mark Braverman. Es ist die Geschichte eines amerikanischen Juden, der im Nachkriegs-Amerika in einem jüdisch-traditionellen Haushalt in Philadelphia großwird und viele Jahre zionistisches Dasein führt. Mark Braverman nennt es „my jewish bubble – meine jüdische Blase“. Es habe gedauert, zu verstehen, dass Jüdischsein nicht nur Opfersein bedeutet, dass nicht alle den Juden an den Kragen wollen und Araber und Deutsche per se keine schlechten Menschen seien, sagt er. Braverman steht vor 60 Menschen im Berliner Hendrik-Kraemer-Haus, die gekommen sind, um ihm zuzuhören. Seine Dolmetscherin schwitzt. Die deutschen Worte kommen ihr rasch über die Lippen. Aber der Nahostkonflikt ist kein leichtes Thema. Noch nicht einmal für Menschen, die ihn nur in eine andere Sprache übersetzen.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Die Kirchen sind passiv

2006 fuhr der 64-Jährige, der in Washington DC lebt, nach Israel und besuchte das erste Mal auch die Westbank. Als er vor dem israelischen Sperrwall stand, der Bethlehem von Jerusalem trennt, habe er das erste Mal verstanden, was mit ihm als Jude los ist: „Diese Mauer stand für die physische Manifestation unserer jüdischen Identität. Wir Juden sind umringt von einer Mauer, wir haben uns in einer Burg verschanzt“, sagt er zu seinen deutschen Zuhörern. Von Klein auf lerne jeder Jude, dass er verfolgt werde und Feinde habe. Die Welt ist voller Antisemiten und Bösewichten, voller iranischer Nuklearwaffen und arabischer Nachbarn, deutscher Nazis  – und antijüdischer Christen. „So wachsen wir auf“, sagt Braverman, der klinischer Psychologe ist und an der Medical Harvard University studiert hat. Fatal sei daran, dass sich Juden dadurch in eine Sonderrolle begeben, die vor allem an der Politik Israels zum Ausdruck kommt. In seinem soeben im Gütersloher Verlagshaus erschienenen Buch „Verhängnisvolle Scham – Israels Politik und das Schweigen der Christen“, prangert Mark Braverman genau dies an. Und fordert umgehend zum Handeln auf. Aber nicht, indem er sich an eine jüdische Leserschaft wendet, sondern explizit an Christen. Sie seien diejenigen, die seit Jahrhunderten über ein gut funktionierendes Netzwerk verfügen und dies nun ausnutzen sollten, um Israels Verstöße gegen die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung zu ahnden. „Kirchen sind überall aktiv. Nur im Israel-Palästina-Konflikt mischen sie sich nicht ein, das ist ein Tabu, an das sie nicht rangehen.“ Dabei sei gerade das 2009 erschienene Kairos-Palestine-Dokument mit seinem Boykottaufruf für Palästina ein Meilenstein und eine große Chance, findet er. Denn nur durch einen weltweiten Boykott gegen Israel, wie er damals durch die Kirchenführer in Südafrikas Apartheidssystem öffentlich gemacht wurde, kann die Internationale Gemeinschaft noch das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat und Frieden im Nahen Osten retten, findet er.

Schreibt schon wieder an einem neuen Buch: Braverman nachdenklich.Deutschland und Israel – eine besondere Beziehung

Braverman kommt gerade aus der Westbank, er war Teilnehmer der Konferenz „Christ at the Checkpoint“, die zum zweiten Mal in Bethlehem am Bible College stattfand und 600 renommierte Theologen aus aller Welt versammelte. Er ist deprimiert. Die Israelis haben gerade wieder tausende Dunum palästinensischen Lands enteignet und mehrere Dutzend Palästinenser verhaftet, die ohne Anwalt und Gerichtsverhandlungen festgehalten werden. In Khallet Sakarya, einem Dorf bei Bethlehem, haben radikale jüdische Siedler 450 Olivenbäume abgeholzt. UN Ocha, das Büro der Vereinten Nationen in den besetzten palästinensischen Gebieten, dokumentiet die Zahl von 24 toten Palästinensern diese Woche in Gaza und 24 Palästinensern, die bei gewaltfreien Demonstrationen in der Westbank von israelischen Soldaten verletzt wurden. Es ist eine unruhige Zeit, in der Braverman sein Buch auf Deutsch herausgebracht hat. Eine Zeit, in der der SPD-Politiker Sigmar Gabriel seinen Eindruck von Hebron bei seiner Nahostreise mit dem Wort Apartheid beschreibt  und kurz danach Antisemitismus-Vorwürfe erntet. Deutschland und Israel, das ist eine besondere Beziehung. Braverman weiß das.

Du bist jüdisch, na und?

In der Konferenz ging es darum, wie sich Hoffnung in einem Konflikt säen lässt, der hoffnungslos erscheint in einer Stadt, die mittlerweile von 15 illegalen jüdischen Siedlungen und 90.000 jüdischen Einwohnern darin umschlossen ist. Seiner Erfahrungen im Jahr 2006 in der Westbank ließen Braverman, den überzeugten Juden, der immer an den Staat Israel geglaubt hatte, entsetzt zurück.  Der Psychologe, der sich in den USA in seiner Arbeit intensiv mit Traumaopfern befasst hatte, fuhr nach Nablus und Jenin im Norden, er sprach mit palästinensischen Muslimen und Christen in Ost-Jerusalem und Ramallah. Er besuchte Daoud Nassar, der das Friedensprojekt „Tent of nations“ bei Bethlehem unterhält und der seit 1991 gegen die Ladenteignung seines Hügels ankämpft. Braverman gründete kurz danach den Verein „Freunde von Tent of Nations in Nordamerika“, dessen Vorsitzender er jetzt ist. Im Gegensatz zu verschlossenen Israelis, die nichts über die Besatzung und ihre dunkle Seite wissen wollten, stieß er auf der anderen Seite auf offene Ohren. „Okay, Du bist jüdisch, na und, toll, dass Du hier bist. Jetzt lass uns endlich reden“, war die Reaktion von palästinensischen Menschen, die er dort traf. Sein Buch habe die Türen der Synagogen nicht gerade geöffnet, sagt er und lacht. Aber in christlichen Gemeinden sei er auf „einen Hunger gestoßen, mehr über den Nahostkonflikt zu erfahren und sich für Gerechtigkeit einzusetzen“.

Seine einwöchige Leserreise führt in zum Abschluss auch nach Berlin, der Stadt, die Adolf Hitlers Plänen zum Großreich Germania ein Gesicht geben sollte. Braverman blickt auf ein Stück Berliner Mauer beim früheren SS-Reichshauptquartier in Mitte. Touristen knipsen Fotos auf dem Gelände von der „Topografie des Terrors“, der Ausstellung über Deutschlands Nazi-Apparat. „In Bethlehem ist die Mauer zwölf Meter hoch“, sagt Braverman. Mauern schaffen keinen Frieden. An dem „Stiftung Denkmal zur Ermordung der Juden Europas“ setzt er sich auf eine der grauen Stelen und blickt um sich. „Für uns Juden gibt es überall ein Denkmal.“

 Jesus ist ein Revoluzzer unter römischer Besatzung

Sein Buch ist dick geworden, teilweise kommen die Worte auf den 336 Seiten sogar ein wenig schwülstig-langatmig daher. Jesus ist darin ein palästinensischer Jude, der unter römischer Besatzung lebt, ein Revoluzzer. Hanna Lehming, Referentin für christlich-jüdischen Dialog der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, bezeichnet es in einer Rezension als „Stimmungsmache ohne Aufklärung“ und den Autor „als weder historisch, noch theologisch sachkundig“. Doch die Stärke des Autors liegt in seinem psychologischen Verständnis für Menschen und seines Graswurzel-Aktionismus, der Wissenschaft zwar mit einbezieht, aber sie nicht als Voraussetzung für eine Friedensbewegung sieht. Die These, dass Christen durch ihr Engagement einen gerechten Frieden in Israel und Palästina verantwortlich hervorrufen können aus jüdischer Sicht, ist die wahre Sensation des Buches . „Ich bin zutiefst verstört und mein Herz ist gebrochen, wenn ich als Jude sehe, was der jüdische Staat in meinen Namen macht“, sagt Braverman. Den Vorwurf des Antijudaismus und Antisemitismus, wenn man mit klaren Worten die Menschenrechtsverletzungen Israels benennt, müssten gerade die Deutschen überwinden. „Es wird unangenehm für Sie werden, aber sie müssen sich davon befreien. Dieses Kreuz müssen jetzt Sie tragen.“

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

Buch: Mark Braverman: Verhängnisvolle Scham. Israels Politik und das Schweigen der Christen. Gütersloher Verlagshaus 2011, 29,90 Euro
 
 
 Zur Person: Mark Braverman, geb. 1948, wuchs in einer jüdischen Familie in Philadelphia auf. Er studierte englische Literatur und Psychologie und promovierte später in Harvard. Bevor er sich ganz dem Engagement im Nahostkonflikt widmete, arbeitete er in mehreren Kliniken und NGOs. Als Psychologe ist er spezialisiert auf posttraumatische Störungen bei Menschen, die in Konfliktregionen leben. Braverman ist Vorsitzender und Mitglied mehrerer Menschenrechtsorganisationen, darunter von „Friends of Tent of Nations Northamerica“, dem „Israeli Commitee against house demolishions“ sowie „American Jews for a just peace“.
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