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„Wir brauchen eine nachhaltige Lösung“

15 Okt
m August noch friedlich, jetzt wieder Hotspot: Das Damaskustor in Jerusalem beim Lightfestival 2015. Foto: L. Haensel

Im August noch friedlich, jetzt wieder Schauplatz von Gewalt: Das Damaskustor in Jerusalem während des Ramadan.                                          Foto: L. Haensel

Dr. Katja Hermann leitet das Büro der Rosa Luxemburg Stiftung in den Palästinensischen Gebieten. Sie lebt in Jerusalem und fährt täglich über den Checkpoint zu ihren Kollegen nach Ramallah. Ein Gespräch über Gewalt, politische Führung und was wir Deutschen besser nicht tun sollten

 

Frau Hermann, seit etwa 3 Wochen kämpfen Palästinenser und Israelis offen gegeneinander auf den Straßen in Israel und der Westbank, täglich werden Menschen schwer verletzt und getötet. Wie konnte es zu so viel Gewalt kommen?

Die Eskalation kommt alles andere als überraschend, sondern war zu erwarten. Die tagtägliche Gewalt, der die Palästinenser unter Besatzung ausgesetzt sind, die zunehmende Brutalität der Siedler, die Kriege gegen Gaza, die Auseinandersetzungen um die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, die das Fass letztlich zum Überlaufen gebracht haben. Aufgestaute Frustrationen, Perspektivlosigkeit, eine schwache Regierung, die im vergleichsweise illustren Ramallah mehr mit sich selbst als mit den Interessen der Menschen beschäftigt ist – da war es klar, dass das nicht länger gut gehen konnte. Die Welt hat sich an den Konflikt gewöhnt und angesichts des Auseinanderfallens der gesamten arabischen Region spielt er keine große Rolle mehr. Ganz anders ist das natürlich in den Palästinensischen Gebieten, in denen sich der enorme Frust jetzt Bahn bricht – mit messerstechenden Jugendlichen und wütenden Demonstranten.

Wie würden Sie die Stimmung im Moment in Jerusalem beschreiben? 

Dr. Katja Hermann ist Islamwissenschaftlerin und Mediatorin. Sie leitet seit 2012 das Palästina-Büro der Rosa Luxemburg Stiftung in Ramallah. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Moderner Orient sowie als Projekt-Koordinatorin beim Fortbildungsinstitut für die pädagogische Praxis in Berlin tätig. Foto: privat

Dr. Katja Hermann ist Islamwissenschaftlerin und Mediatorin. Sie leitet seit 2012 das Palästina-Büro der Rosa Luxemburg Stiftung in Ramallah. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Moderner Orient sowie als Projekt-Koordinatorin beim Fortbildungsinstitut für die pädagogische Praxis in Berlin tätig.                Foto: privat

Die Stimmung in Jerusalem ist sehr angespannt. Dies gilt vor allem für den arabischen Teil der Stadt. Dort sind viele Schulen geschlossen und die Straßen menschenleer. Die Nachrichten von den zahlreichen Angriffen und Erschießungen, die in den letzten Tagen vor allem über die sozialen Medien verbreitet wurden, haben Angst, ja beinahe Hysterie ausgelöst. Dazu kursieren Gerüchte, dass Ost-Jerusalem in den nächsten Tagen ganz abgeriegelt werden soll. Der Bürgermeister der Stadt hat Israelis, die einen Waffenschein haben, aufgefordert, diese bei sich zu tragen, das ist alles andere als deeskalierend. Auf allen Seiten liegen die Nerven blank, das macht es so gefährlich. In einer solchen Situation gibt es keinen sicheren Ort und die Menschen bleiben lieber zu Hause.

Schon im Sommer 2014 sprachen viele von der „Dritten Intifada“ – was verstehen Sie unter diesem Begriff?

Sobald es auf palästinensischer Seite zu Gewalt kommt, wird überall, auch innerhalb der palästinensischen Bevölkerung, reflexartig von einer „Dritten Intifada“ gesprochen und darüber diskutiert, ob diese nun schon angefangen hat oder nicht. Im palästinensischen Kontext bezeichnet der Begriff „Intifada“ einen mehr oder weniger organisierten Volksaufstand und davon kann derzeit (noch) keine Rede sein. Die palästinensischen Jugendlichen, die in diesen Tagen Israelis angreifen, sind nicht organisiert. Das Gleiche gilt für die Demonstranten an den Sperranlagen und Checkpoints. Wenn wir aber bedenken, wie unterschiedlich die Erste und die Zweite Intifada waren, merken wir schnell, dass solch semantische Diskussionen nicht hilfreich sind und wir uns besser mit den Hintergründen der Gewalt auseinandersetzen und der Frage nachgehen sollten, was genau palästinensische Jugendliche bewegt, jetzt mit Steinen zu werfen und Messer als Waffen einzusetzen.

Wie beurteilen Sie die Messerattacken von palästinensischen Zivilisten gegen israelische Soldaten und Polizisten?

Ich persönlich lehne die Ausübung von Gewalt grundsätzlich ab. Gleichzeitig halte ich es für wichtig nachzuvollziehen und zu verstehen, wie es zu dieser Gewalt kommt. Die Messerattacken werden hauptsächlich von sehr jungen Palästinensern durchgeführt. Sie gehören zu einer Generation, die nichts anderes kennt als die Besatzung. Diese Palästinenser sind ungefähr so alt wie der Oslo-Friedensprozess, der Anfang der 1990er Jahre begann und schon seit Jahren gescheitert ist. Sie sind aufgewachsen mit dem Versprechen, dass sie in ihrem eigenen Staat leben werden, in Freiheit, Würde und Sicherheit. Nichts von all dem ist bis heute passiert. Die junge Generation ist davon am allermeisten betroffen. Sie greifen zum Messer, weil sie zutiefst verzweifelt und ohne Hoffnung sind. Weder ihre Eltern und Lehrer noch ihre politische Führung oder internationale Experten sind in der Lage, ihnen glaubhaft irgendwelche Perspektiven zu vermitteln. So gefährlich diese Messerattacken sind, die Reaktion seitens Israel ist aus meiner Sicht inakzeptabel. Allein in den letzten zwei Wochen sind 25 Angreifer und mutmaßliche Angreifer erschossen worden, die meisten waren zwischen 17 und 25 Jahren alt. Einige Vorfälle, die gefilmt wurden, zeigen deutlich, dass von den Angreifern zur Zeit der Erschießung keine akute Gefahr ausgegangen ist. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns fragen, warum keine anderen Möglichkeiten gewählt werden, um diesen Attentätern beizukommen.

Die Rosa Luxemburg Stiftung arbeitet mit Partner-Organisationen in Jerusalem, der Westbank und dem Gazastreifen. Können deren Mitarbeiter derzeit problemlos mit Ihnen arbeiten? Wie sieht das genau aus?

Angesichts der derzeitigen Situation ist es an den meisten Orten nicht möglich, ungestört zu arbeiten, das gilt für unsere Partnerorganisationen, aber auch für mein Team. Die erste Herausforderung ist, überhaupt zur Arbeit zu kommen, da viele Checkpoints sowohl im Inneren des Westjordanlandes als auch zwischen dem Westjordanland und Jerusalem aufgrund von Demonstrationen und Straßenschlachten geschlossen oder nicht passierbar sind. Der Gazastreifen ist komplett abgeriegelt. Dazu kommt die permanente Flut von schlechten Nachrichten, die auf die Kollegen einprasselt und die sie verarbeiten müssen, was Zeit und Kraft in Anspruch nimmt. Veranstaltungen werden verschoben, weil die Referenten nicht anreisen können oder weil es nicht vertretbar ist, in solchen Zeiten, Filme zu zeigen und Ausstellungen zu eröffnen. Hier herrscht derzeit ein Angstgefühl darüber, nicht zu wissen, wie sich die Lage nun weiter entwickelt. Es ist diese permanente Unsicherheit und dazu die Erinnerungen an die letzte Intifada, die alle lähmt und einen normalen Arbeitsalltag gerade unmöglich macht.

Mahmoud Abbas hat kürzlich die Osloer Abkommen von 1993 bzw. 1995 aufgekündigt vor den Vereinten Nationen. Was bedeutet das vor dem Hintergrund der Eskalationen?

Mahmoud Abbas steht mit dem Rücken zur Wand. Er hat jahrelang politische Verhandlungen mit Israel geführt, selbst dann noch, als die Mehrheit der Palästinenser und auch der internationalen Beobachter den Verhandlungsprozess längst für gescheitert erklärt hat. Mahmoud Abbas hat kaum noch Rückhalt in der palästinensischen Gesellschaft, aber auch Israel hat seine Bemühungen über all die Jahre nicht goutiert. Ob er tatsächlich die Osloer Abkommen aufgekündigt hat, wird hierzulande kontrovers diskutiert. Ich würde eher sagen, dass er gedroht hat, sich nicht mehr an die Abkommen zu halten, solange Israel das nicht tut. Das mag spitzfindig sein, lässt ihm aber einen gewissen Spielraum. Auf jeden Fall war seine Rede ein deutliches Signal, dass seine und die Geduld der Palästinenser zu Ende ist. Es ist gut möglich, dass seine Worte von einem Teil der palästinensischen Gesellschaft und insbesondere von der jungen Generation als eine Aufforderung zur Eskalation verstanden worden sind. Allerdings hat sich Mahmoud Abbas schnell bemüht, die Lage zu beruhigen. Dass ihm das bislang nicht gelungen ist, zeigt, dass er keinen wirklichen Einfluss mehr auf die palästinensische Straße und auf die Entwicklungen im Land hat. Es zeigt aber auch, dass er bislang nicht bereit ist, seine eigenen Sicherheitskräfte gegen die Jugendlichen einzusetzen, um sie von den Checkpoints und Grenzzäunen abzuhalten.

Was muss passieren, damit die Gewaltspirale ein Ende hat?

Die aktuelle Gewaltspirale wird irgendwann ein Ende haben, das kann in ein paar Tagen oder in einigen Monaten sein. Aber das alleine reicht nicht. Was gebraucht wird, ist die Erarbeitung einer gerechten und nachhaltigen Lösung des Konfliktes, umgehend, ansonsten wird es immer wieder zu neuen Gewalteskalationen kommen. Ein Blick auf den Gazastreifen zeigt das sehr deutlich: die dortigen Konflikte werden nicht bearbeitet, sondern mit militärischen Interventionen niedergebombt, mit verheerenden Auswirkungen für die Zivilbevölkerung. Eine Folge ist, dass die Abstände zwischen den Kriegen mittlerweile immer kürzer werden. Ich glaube nicht, dass Israelis und Palästinenser alleine in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen, sondern dass dies nur über Vermittlung, über eine Drittpartei gehen kann, über einen fairen und beidseitig anerkannten Mediator. Das macht wiederum nur Sinn, wenn man aus Oslo die Lehre zieht, dass Verhandlungen in asymmetrischen Konflikten nicht ohne klar vereinbarte und nachgehaltene Monitoring- und Sanktionsmechanismen funktionieren. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist insofern asymmetrisch, dass er von zwei sehr ungleichen Konfliktparteien gekennzeichnet ist.

Ist die israelische Gesellschaft eine rassistische Gesellschaft?

Das ist eine heikle Frage und ich möchte hier ungern vereinfachen und eine ganze Gesellschaft über einen Kamm scheren. Ich glaube aber, dass die Besatzung und auch die strukturelle Diskriminierung der palästinensischen Minderheit innerhalb Israels von einem politischen System getragen werden, das in hohem Maße auf Rassismus basiert und dass der Entmenschlichung der Palästinenser das Wort redet. Das geht so weit, dass selbst Gewaltanwendungen gegen Palästinenser geduldet werden. Die radikale Siedlerbewegung setzt diesen Rassismus auf brutalste Weise um, aber er findet sich auch in der Mitte der Gesellschaft.

Was können wir Deutschen tun, um zu einem Frieden für beide Völker beizutragen?

 Aus der deutschen Geschichte zu lernen, bedeutet für mich, dass ich versuche, Formen von Entrechtung und Unterdrückung klar und deutlich zu benennen, auch im israelisch-palästinensischen Kontext. Ich glaube, dass die Solidarität mit Israel, die in Deutschland Staatsräson ist, nicht dazu führen darf, die Augen vor dem Unrecht an den Palästinensern zu verschließen. Damit macht man sich gemein mit dem menschenverachtenden System von Besatzung und Unterdrückung. Damit ist keiner Seite geholfen, auch nicht der israelischen.

Sie leben jetzt seit 3 Jahren in Jerusalem und arbeiten in Ramallah. Wie ertragen Sie persönlich die schier ausweglose Konfliktsituation?

Momentan nimmt mich die Lage auch persönlich mit, die Sorge um die Menschen, mit denen ich arbeite und lebe, der mühsame Alltag zwischen Sicherheitsmeldungen und geschlossenen Checkpoints, die Angst um die eigenen Kinder, die viel mehr mitbekommen, als wahrscheinlich gut ist. Was mich aber besonders deprimiert, ist, kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Ich erkenne auf keiner Seite politische Visionen, Strategien oder besondere Ambitionen, um dieser Konfliktsituation ein Ende zu setzen. Dies gilt auch für die internationale Gemeinschaft: Hilfszahlungen in Milliardenhöhe wurden investiert und tausende Projektmaßnahmen umgesetzt, Bücher geschrieben und Analysen erarbeitet, aber die Besatzung hat all das weitgehend unbeschadet überstanden. Ich lerne aus der gegenwärtigen Situation, wie brüchig die Lage in den Palästinensischen Gebieten ist. Der Checkpoint nach Ramallah, der für internationale Mitarbeiter von NGOs und Botschaften stets geöffnet war und den ich oft nutze, hat sich über Nacht in eine Kulisse für Straßenschlachten und den Kampf um Leben und Tod verwandelt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr Infos: Rosa Luxemburg Stiftung Ramallah

Das Interview führte Liva Haensel.

Catch the Date!

12 Mrz
Nicht nur Klagen: Wer Veranstaltungen zum Nahostkonflikt besucht, kann dabei Infos aus erster Hand mitnehmen.  Foto: Haensel

Mehr als nur Klagen: Wer Veranstaltungen zum Nahostkonflikt besucht, kann dabei Infos und Begegnungen aus erster Hand mitnehmen.    Foto: Haensel

 

Im März und April gibt es folgende Termine in Berlin, die Nahost-Interessierten einen intensiveren Einblick in aktuelle Diskussionen geben. Die Zuhörer können dort mit Palästinensern und Israelis direkt in Kontakt treten und sich  so – jenseits der Berichterstattung deutscher Mainstream-Medien – ein eigenes Bild der Szenerie machen. Der Eintritt ist – wenn nicht anders angegeben, kostenlos. Alle Termine findet man künftig auch unter dem Menüpunkt DATE.

Mittwoch, 13. März, 19.00 Uhr, taz-Café, Rudi-Dutschke-Str. 23, 10969 Berlin: Boycott – Divestment – Sanctions (BDS) – Königsweg zum Frieden oder Sackgasse? Diskussion zwischen Omar Barghouti (Ramallah) und Micha Brumlik (Frankfurt) über die BDS-Kampagne, Infos hier

Freitag, 15. März , 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: „Die Zukunft Palästinas – ein lebensfähiger Staat neben Israel?“ Ein Vortrag des palästinensischen Botschafters Salah Abdel Shafi

Mittwoch, 20.03.2013, 20 Uhr in der Regenbogenfabrik Block 109 e. V., Lausitzer Straße 22, 10999 Berlin: Vortrag/Diskussion mit Yazid Zaha, Vorsitzender des Yes Theatre Hebron. Theater eignet sich gut zum Darstellen gesellschaftlicher Widersprücheund Spannungen. Mit Theater lässt sich Hoffnung stiften. Im Jahr 2007gründeten drei junge palästinensische Schauspieler das YES-Theatrein Hebron. Gemeinsam mit dem Weltfriedensdienst wurde das Projekt „YES4 Youth“entwickelt. Kinder und Jugendliche erhalten die Möglichkeit, die belasten-de Erfahrung der israelischen Besatzung mit kreativen Mitteln zu verar-beiten und neue Lebensperspektiven zu entwickeln.Das YES-Theatre bietet Schulen Workshops an und lädt in die eigenenRäume ein. Dabei entstehen spannende Stücke von Kindern für Kinder.Weitere Informationen: Jasmin Thielen, Tel. 030 253 990 22

Sonntag, 14. April, 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: Gespräch mit Daoud Nassar über sein Friedens- und Begegnungszentrum „Zelt der Völker -Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nasser kämpft seit 22 Jahren für sein Land und hat wiederholt Landkonfiszierungsbescheide erhalten.

Freitag, 24. Mai, 19 Uhr, WILMA, Wilmersdorfer Str. 163, 10585 Berlin: Vortrag von Felicia Langer (israelische Menschenrechtsanwältin und alternative Nobelpreisträgerin) über „Perspektiven von Besatzung und Vertreibung in Palästina“

Gute Schuhe braucht das Land

9 Sep
Pumps to go von Rahalashoes.           Fotos: Liva Haensel

Pumps to go von Rahalashoes. Fotos: Liva Haensel

Man kann nicht gerade sagen, dass Palästina arm an Schuhen ist. Im Gegenteil. Ballerinas, Schnürschuhe, Sandalen, Tiptoes, sie alle baumeln vor den Shops der Städte an Drahtgerüsten und warten darauf, dass sie ein williger Käufer mitnimmt. Aber wer hat Lust auf „made in China“, wenn es doch auch „made in Palestine“ gibt?

Sandale mit palästinensischer Stickerei.

Sandale mit palästinensischer Stickerei.

Imad Abed Al Qader ist ein kleiner, rundlicher Mann mit breitem Schädel, auf dem sich kein einziges Haar mehr befindet. Er bindet sich eine Schürze um, setzt sich flink an die Nähmaschine und greift sich dann einen kirschroten Lederflecken. „Deutsche wollen, dass immer alles glatt geht, sie sind klar und zielgerichtet und wenn etwas nicht klappt, sind sie schnell verärgert“, sagt der Besitzer von Rahala Shoes. Erfahrungen, die ein Schuhdesigner in Ramallah mit deutschen Kunden macht. Die Einwohner der Stadt mit Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, die prozentual die meisten Ausländer aufgrund der hohen NGO-Dichte hat, kaufen gerne bei Imad ein. Denn die Schuhe im kleinen Laden sind handgemacht, alle aus Leder und in trendy Farben erhältlich. Dass es sie nicht in Berlin-Kreuzberg gibt, aber dafür ausgerechnet in Ramallah-City, unauffällig auf 40 Quadratmetern, ist da fast verwunderlich. Aber weil in Palästina vieles möglich ist, sich auch Mini-Ananas neben Kentucky Fried Chicken und kitschigen Herz-Gasluftballons finden, gibt es hier eben auch erstklassige Rahala Shoes.

Schuhmacher Imad Abed Al Qader

Schuhmacher Imad Abed Al Qader

In Ramallah Mangel an Schuhmachern

Imad fertigt pro Tag rund 30 Paar Schuhe  in seiner kleinen Werkstatt um die Ecke des Geschäfts an. Wenn es besonders viele Bestellungen gibt, müssen seine Mitarbeiter in Hebron ebenfalls ran an die Werkmaschinen. „Ich würde lieber Schuhhandwerker in Ramallah haben“, sagt Imad, „aber hier gibt es keine mehr.“ Die jungen Männer wollen lieber studieren, Mädchen kennenlernen und in die Welt hinaus. Da sei kein Platz mehr für ein echtes Handwerk, bedauert der Schuhmacher. Imad lernte seinen Beruf in Jerusalem bei dem armenischen Schuhdesigner Karkur Bustian. Der Künstler brachte ihm nicht nur bei, wie man Schuhe selbst handgemacht herstellt, sondern auch, wie Designs und Farben entwickelt und

Chic in Ramallah

Chic in Ramallah

diese gekonnt kombiniert werden. 1985 eröffnete Imad seinen ersten Laden in Nablus, seiner Heimatstadt. Weil er gegen die israelische Besatzung kämpfte, landete er während der Ersten Intifada im Gefängnis und musste sein Geschäft wieder schließen. 2008 zog er mit der Familie nach Ramallah.

Apfelgrün anstelle von silber

Ehefrau Raheb stellt mit anderen Frauen traditionelle palästinensische Stickereien auf Samtstoff her, die anschließend von ihrem Mann auf Stiefelschafte, Sandalenriemen oder Pumps genäht werden. Das Logo „Made in Palestine“ mit dem kleinen Schäfer daneben auf der Sohle rundet die Authentizität vollends ab. Wer guten Laufkomfort zu einem moderaten Preis haben will, ist bei Rahala Shoes richtig. Zu wählerisch darf man allerdings nicht sein: Da jeder Schuh handgefertigt ist, sind Größen schnell ausverkauft und Imad braucht eine Woche, um diese nachzumachen. Da kann es dann auch schon mal passieren, dass der Kunde ein alternatives Paar nimmt oder beim Abholen seiner Wunschschuhe feststellt, dass der Silberstreif auf der Sandale jetzt apfelgrün ist. Aber das spielt keine Rolle. Denn Hauptsache, das „Made in Palestine“ stimmt.

100 % echte Kunst

100 % echte Kunst

Rahala Shoes – Hand Made in Palestine  –

Al Ersal Street/Daragma Center, Ramallah – Westbank

www.rahalashoes.com

Ich hab kein Heimatland oder: Le chaim!

24 Jul
Max Raabe und das Palastorchester.    Foto: www.palastorchester.de

Max Raabe und das Palastorchester. Foto: http://www.palast-orchester.de

אהבה באה, אהבה הולכת Die Liebe kommt, die Liebe geht. Pause. Mit diesen Worten beginnt Max Raabe, der Chansonier mit seinem Berliner Palastorchester,  seine abendlichen Konzerte, damit stimmt er sein Publikum in Israel und sich selbst musikalisch ein.  Alle Lieder, Chansons und legendären Schlager, die er singt, stammen mehrheitlich aus der Feder jüdischer Komponisten. „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘“, „Bei mir bist Du schön“, „Armer Gigolo, schöner Gigolo“.  Es ist eine Hommage an die goldenen Zwanziger Jahre der Weimarer Republik, an die übersprudelnde Musikindustrie mit ihren frechen Texten und den augenzwinkernden Noten, der Ironie, dem Sarkasmus und Schalk im Nacken.  Das Markenzeichen dieser Lieder ist, das sie oft  – beladen mit Schwerstgewicht zwischen den Zeilen – leichtfüßig daherzukommen scheinen.  Tabus, wie Homosexualität, Geschlechtervermischung und Anderssein, werden mit dem Notenschlüssel gebrochen und bohren sich in Herz und Hirn. Denn: Wer denkt bei „Veronika, der Lenz ist da“ tatsächlich an frischen Spargel?

Wie soll man Worte finden?

Vielleicht war es auch ein Tabu, das Max Raabe brach, als er sich 2010 mit seiner Crew nach Israel aufmachte. Zumindest bricht er das Eis, irgendwie, manchmal hilflos, vor allem aber mit der Musik. Die internationale Tournee der deutschen Musiker – elf Instrumentalisten, eine erste Geige, ein Sänger – sollte ihren Abschluss in dem Land krönen, das so vielen deutschen Juden nach dem nationalsozialistischen  Terror zur zweiten Heimat geworden war. Max Raabe lud ein und die Jeckes kamen. Vier Regisseurinnen haben Raabes Tournee, seine Gespräche mit deutschen Juden und Begegnungen mit der Kamera begleitet. Die Dokumentation „Max Raabe in Israel“ lief kürzlich im Fernsehen. „Peinlich“ sei es manchmal gewesen, er habe manches Mal nicht gewusst, was er hätte sagen sollen zu den Überlebenden des Holocaust, gibt Raabe darin offenherzig zu. Wie Worte finden für diejenigen,  die es noch geschafft hatten aus Nazi-Deutschland rauszukommen, während ihre restlichen Verwandten in Konzentrationslagern vergast wurden?

An einer Stelle erwidert Raabe einer jungen israelischen Reporterin in Armeekleidung, die bei den Verteidigungskräften Zahal dient, dass die jüdischen Songschreiber auf Deutsch

Friedrich Hollaender, jüdischer Komponist und Revuetexter.  Von ihm stammt die Filmmusik aus "der blaue Engel".    Foto: jewprom.com

Berühmt geworden: Friedrich Hollaender schrieb die Filmmusik zu „Der blaue Engel“. Foto: jewprom.com

texteten, weil es ja ihre Muttersprache gewesen sei. Die Soldatin, vielleicht 25 Jahre alt und Enkelin von deutschen Holocaust-Überlebenden, hatte zuvor vorwurfsvoll gefragt, warum ausgerechnet auf Deutsch gesungen wird. Doch nicht alle sind voreingenommen oder assoziieren mit Deutschen nur Nationalsozialisten, das wird klar. Dass Juden zum Erstaunen vieler (meist nicht-jüdischer) Menschen verschieden sind und jüdisch nicht gleich jüdisch ist, zeigt sich wunderbar durch den ganzen Film hinweg. Da ist Shimon Yaron, der eigentlich mal Siggi hieß und in Berlin geboren wurde. Trotz der Kränkungen, Diskriminierungen und Verfolgung durch die Deutschen im Dritten Reich, ist dieser Mann reich an Würde und Bedachtsamkeit. „Jeder so wie er kann“, sagt der damals 90-Jährige zu Max Raabe im Flugzeug von Berlin nach Tel Aviv mit Berliner Dialekt und lacht. Hanna Schächter, 1936 mit einem Kindertransport nach Palästina entkommen, gibt zu, dass sie Berlin, „die Heimat“, immer noch liebt. Aber auch, „dass man das in Israel nicht sagen darf“, sagt sie verschmitzt hinter vorgehaltener Hand während ihr Enkelsohn, in Münster geboren, neben ihr sitzt und zuhört.

Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?

Max Raabe, der große deutsche Mann mit Po-Scheitel und Pomade, stakst ins Tote Meer, die Kamera geht mit. Grinst und zeigt Zunge. Zupft sich den Frack zurecht, bedankt sich artig beim Auditorium, redet über Gefühle und Religion. Und bleibt trotzdem sehr ungenau dabei. Es fallen Begriffe wie „Tragweite“, „schönes Land“ und „Offenheit“. Die „Probleme“ im Land werden nur vage erwähnt ohne sie tatsächlich zu bezeichnen, sie sind „ein anderes großes Thema“.  Auch ist erstaunlich, dass sich der Sänger, dessen Repertoire so immens viele deutsch-jüdische Urheber hat, so wenig mit dem Leid eben dieser und damit dem seines Publikums auseinandergesetzt hat. „Das kannte ich nicht“ und: „Das wäre zu schlimm für mich gewesen“, sagt er über die Schicksale der Jeckes. Aber warum nur? Ist es nicht schlimmer für diejenigen, die durch die deutsche Musik in dem Konzert an ihre Heimat erinnert werden, die ihnen am Ende das Gefühl gab, dass sie nichts mehr wert waren? „Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?“ Das fragt die Mutter ihren Sohn in einem der letzten Briefe 1935 aus Deutschland, nachdem sie ihn gerade noch in den rettenden Zug setzen konnte. Der alte Mann, Shimon Yaron,  liest ihn vor, er sitzt auf einem Stuhl, dann legt er die Briefe zurecht. Seine Hände zittern.

Deutsche Lieder will keiner hören

Keiner in Israel wolle die deutschen Lieder mehr hören, sagt Michael Ballhorn, ein alter deutscher Jude, beim Jerusalem Film Festival jetzt im Juli. Max Raabe ist wieder dabei, zwei Jahre nach der Tournee in Israel kehrt er zurück, um der Premiere der Doku beizuwohnen – und zu singen.  Ballhorn deutet damit etwas an, auf das der Videobeitrag der ARD nicht weiter eingeht:  Die Tragik, dass das Leid der Holocaust-Überlebenden, ihre Traumata und Schmerzen, nicht zu einem starken und jungen Israel der Nachkriegszeit passten. Man wollte den jüdischen Staat aufbauen, ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag legen. Deutsch war die Sprache der Täter, die Jeckes sollten schnell Hebräisch lernen und das alte hinter sich lassen. Der Holocaust als Absage an die deutschen Juden, die Jahrhunderte lang um Assimilation und Gleichberechtigung gerungen hatten, als vor allem Deutsche, dieser Bruch, der weitere Ängste und Spannungen nach sich zog, hätte einer intensiven Wundheilung bedurft. Aber dafür war kein Raum.

Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem?

Immerhin, mag man am Ende erleichtert denken: Max Raabe hat es gut hinbekommen. Man atmet durch als Deutscher, wenn man die Doku sieht. Das Palastorchester mit seinem Sänger wurde in der israelischen Presse gefeiert. Das Eis war dünn, aber Raabe ist gut darauf entlangbalanciert, hat Eisschollen umschifft.  Er hat eine Hand ausgestreckt und ist mit einer Großzügigkeit dafür von den deutsch-israelischen Zuschauern belohnt worden , die nicht selbstverständlich ist. Das ist doch was. Ein Anfang. Da drängt sich die Frage auf: Könnten auch Palästinenser etwas mit deutscher Musik anfangen, die in den 20iger und 30iger Jahren populär war? Und dann noch von jüdischen Komponisten? Vielleicht in Ramallah, im Goethe-Institut oder im Al-Kasaba-Theater? Die nächste Doku könnte heißen: „Max Raabe in Israel und Palästina“. Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem. Lebe wohl, gute Reise!

Max Raabe ist wieder auf Tournee, und zwar unter anderem im wilden und nicht Nahen Osten, Terminplan hier.

Hörprobe von: „Ich hab kein Heimatland – jüdischer Tango“ von Friedrich Schwarz. Schwarz, Pianist und Schlagerkomponist, musste Nazi-Deutschland  1933 verlassen und wurde wenig später in Paris ermordet. 

*Le chaim (hebr.)= auf das Leben!

Planet Palestine

26 Apr
"Life and work in Palestine": Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon, das Vertsändnis dafür noch nicht: Der Reisepass wurde kurzerhand von FLughsafenmitarbeitern in Israel für ungültig erklärt.      Fotos: Liva Haensel

Klare Aussage: Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon. Fotos: Liva Haensel

Der kleine Vogel streckt seinen gebogenen Schnabel im Höhenflug Richtung Blüte. Nur ein winziges Stück trennt ihn noch von dem kostbaren Nektar, den die Blüte wie einen Kelch in sich trägt.  Wer in den Raum im ersten Stock der Biennale an der Auguststraße, Berlin-Mitte, tritt, geht vielleicht erst mal an diesem Kunstwerk vorbei. Zu unauffällig, zu weit links da oben an der Wand. Aber – halt – da steht doch noch was: State of Palestine. Ein Stempel für Dokumente, etwas Offizielles. State of was? Palestine? Gibt es doch gar nicht!

Der Jerichonektarvogel als Symbol lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Der Jerichonektarvogel als Symbol für Freiheit lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Khalet Jarrar (36) ist Grafikdesigern und Fotograf und lebt in Ramallah.

Khaled Jarrar (36) ist Grafikdesiger und Fotograf und lebt in Ramallah.

Politisches Coming-Out

In den Köpfen und Herzen von Palästinensern ist der Staat Palästina  längst schon real. Und solange  Politiker, Unterhändler, Israel, die EU, USA und die Vereinten Nationen nicht in der Lage sind, Palästinas Urbevölkerung auch rechtlich ein Land zuzugestehen, schaffen einige eben Tatsachen. So wie Khaled Jarrar, der verantwortlich zeichnet für das Kunstwerk „State of Palestine“ auf der Berlin Biennale, die eine der wichtigsten Kunstevents deutschlandweit ist und nicht mit politischen Aussagen geizt. Die Macher haben sich in diesem Jahr für neuartige Projekte entschieden, ganz unter dem Motto: „Forget Fear“ (Vergiss die Angst). Jarrars Kunststempel als „einfache Geste, die Normalität behauptet anstatt wieder und wieder über die Ein-oder Zweistaatenlösung zu diskutieren“, passt da perfekt hinein. Vor zwei Jahren stand Jarrar das erste Mal mit seinem Stempel am Checkpoint Qualandia, der Ramallah von Jerusalem trennt, und verpasste Westbank-Reisenden seinen Jerichonektarvogel direkt in ihren Reisepass. „Zuerst hatten die Leute Angst, sie sahen den Stempel und erkannten die Botschaft. Aber dann haben sie gelächelt und sich gefreut“, erzählt Jarrar über seine Aktion und das „Coming-Out“ der Passbesitzer. Dieses Lächeln liebe er sehr, sagt er. Die Angst rührt daher, dass der Palestine-Stempel zumeist bei der Ausreise am israelischen Ben-Gurion-Airport von den Sicherheitsmitarbeitern gesehen wird, und anschließend gibt es unangenehme Fragen für den Reisepass-Besitzer. Einigen Israelis wurden kurzerhand sogar die Dokumente entrissen. Am Ende bekamen sie diese zwar wieder, aber mit einem anderen dicken Stempeleintrag: cancelled (ungültig).

Green Card für die Westbank

Jarrar lacht, als er das erzählt. Der Grafikdesigner, der in Jenin aufwuchs und an der International Academy of Art in Ramallah studierte, ist bisher als politischer Künstler verschont geblieben von Haft oder Drohungen. Nur 2007, als Jarrar seine künstlerische Laufbahn zunehmend in die Öffentlichkeit verlegte, wollte ihn das israelische Militär festnehmen. Damals hatte er Bildaufnahmen von wartenden Menschen an den Checkpoints gemacht und sie dann an der Mauer auf der israelischen Seite an den Grenzübergängen in Ramallah und Nablus befestigt. Das habe die Soldaten wütend gemacht, aber die Anwesenheit von internationalen Beobachtern hätte die Israelis von Strafmaßnahmen abgehalten. Auch die Ausstellung von Green Cards in einem winzigen Office in Ramallah für Menschen, die ins Westjordanland einwandern wollen, habe ihm niemand streitig gemacht, sagt der hünenhafte Künstler, der acht Jahre lang Arafats Leibwächter war.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Deutsche Briefmarken unter dem Tisch

Auf der Biennale steht Jarrar ab jetzt für die kommenden drei Wochen an einem langen Holztisch mit Fotos, auf denen Menschen lachend, ernst oder schmunzelnd in die Kamera blicken und ihren Pass mit dem Palestine-Stempel entgegenstrecken. In der Hand dreht er dabei den Stempel zwischen seinen Fingern. Mittlerweile ist er durch die halbe Welt gereist, er war in Rom, Paris und Brüssel und vergangenen Frühling hat er auch schon mal am Checkpoint Charly gestanden. Seine Biennale-Ansprechpartnerin Franziska Zahl kam vor Monaten auf die Idee, der Deutschen Post Jarrars Stempelmotiv anzubieten. Jetzt kann man die Sondermarken zwar nicht am Postschalter kaufen – „der deutschen Post ist das irgendwie peinlich oder zu politisch“, so Jarrar – aber man bekommt sie entweder im Biennale-Shop in der Auguststraße 69 oder per Bestellung. Das Wichtigste ist dabei: Sie sind tatsächlich echt und frankieren Briefe und Karten. Der Palästinenser erzählt all dies mit einer Ruhe und Gelassenheit, als wäre es das Normalste der Welt. Wer es nicht besser weiß, der könnte denken, Palästina gibt es längst. Und so geht ein Staat, der noch keiner ist, auf eine Reise durch die ganze Welt und erzählt die Geschichte der Zukunft eines ganzen Volkes. Planet Palestine lebt.

Khaled Jarrar/State of Palestine auf der 7. Berlin Biennale for Contemporary Art   (27. April bis 1. Juli 2012). Ort: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Berlin – Die Briefmarken  sind  als 20er-Päckchen für  15 EUR zu haben (plus  1,45 EUR Portokosten) und können bei Franziska Zahl per E-Mail bestellt werden:  fz@berlinbiennale.de  – Khaled Jarrar ist am 3.5. auf der Filistina Hannover vertreten, mehr Infos dazu hier.

Das Licht brennt

4 Apr
Juliano Mer Khamis

Juliano Mer Khamis wurde vor einem Jahr ermordet. Er ist in einem Kibbuz in der Nähe von Haifa begraben. Foto: Freedom Theatre Jenin

After one year of fruitless investigations,

We demand results!

We demand justice!

(Text from the Freedom Theatre, call for today‘ s demonstration in Ramallah)

Die Antwort liegt irgendwo im Sand begraben. Verschüttet unter Schichten von Fragezeichen, von Hoffnung, Mut und Verzagtheit. Die Antwort wartet darauf, entdeckt zu werden. Oder für immer unter den Erdmassen zu verschwinden während das Leben weitergeht. Irgendwie.

Vor einem Jahr überschlugen sich die Zeitungen in Israel, den palästinensischen Gebieten, in der ganzen Welt. Der Regisseur und Theatermacher Juliano Mer Khamis war von fünf Kugeln im Flüchtlingslager Jenin getroffen worden und starb noch am Tatort (Haaretz-Artikel vom 4.4. 2011 hier). Die unbekannten Täter, wie es damals und jetzt noch heißt, werden gesucht. Heute  findet man nur noch wenig über Juliano, den großen Freiheitskämpfer, in den Medien. Ein Jahr ist vergangen seit seinem gewaltsamen Tod. Das Freedom Theatre, das er nach dem Tod seiner Mutter Arna Mer in Jenin im Nodern der besetzten Westbank gegründet hatte, macht indes weiter. Die Filmschule, die Theaterproduktionen und Workshops gehen ihren Gang. Aber der Tod des jüdisch-palästinensischen Grenzgängers bleibt unaufgeklärt und lässt die Theaterstudenten, „Julianos children“, wütend zurück. Sie fordern eine Aufklärung des Mordes an ihrem Vorbild Mer Khamis, das das Theater 2006  etablierte, um den Kindern des Flüchtlingslagers eine Stimme zu geben und durch Kreativität einen kulturellen Aufstand gegen die israelische Besatzung zu wagen. Das ist ihm gelungen.

Operation Schutzschild als Vergeltung für Attentate

Von vielen Israelis als Verräter an der jüdischen Sache gebrandmarkt, ließ sich Mer Khamis nicht beirren und schaffte es tatsächlich in einem Ort von Hoffnungslosigkeit und Resignation eine Oase zu bauen. Dabei verleugnete er nicht die Realität der Besatzung und die kaputten Fassaden des Flüchtlingslagers, das 2002 mit der israelischen Militäroperation „Schutzschild“  in einem gewaltsamen Massaker gegen die Zivilbevölkerung einen traurigen Höhepunkt fand. Damals wurden hunderte Menschen verletzt und ein großer Teil des Flüchtlingslagers zerstört („Operation Schutzschild – Zehn Jahre nach dem Massaker von Dschenin“, Deutschlandradio Kultur-Bericht hier) Der Bericht des ARD-Korrespondenten Torsten Teichmann konzentriert sich vor allem auf diese Vergangenheit und zeigt auf, wie schwierig nach wie vor Das (Über-)Leben in Jenin ist. Es kommen Palästinenser zu Wort, die im Lager aufgewachsen sind und sogar ein Weggefährte Julianos, Zakaria Zubeidi, wird erwähnt. Der als „Bekannter“ des Theatermachers Bezeichnete war tatsächlich ein enger Freund von Mer Khamis. Zubeidi, der während der Zweiten Intifada der Anführer der Al-Aksa-Brigaden Nord war, legte danach offiziell die Waffen nieder und ließ sich auf ein Abkommen mit Israel ein. Er durfte daraufhin nicht mehr die Stadt verlassen und musste nachts im Gebäude des Gouverneurs schlafen sowie sich regelmäßig bei der Palästinensischen Autonomiebehörde und den israelischen Stellen melden. Israel verzichtete auf eine Gefängnisstrafe und drastischere Strafen. Doch die Zeit danach blieb für niemandem ruhig in Jenin. Bewohner berichten, dass bis vor zwei Jahren nachts immer wieder israelische Panzer in die 50.000-Einwohner-Stadt einrollten. Nach 18 Uhr trauten sich die Menschen nicht mehr auf die Straße, sondern verbarrikadierten sich lieber in ihren Häusern aus Angst vor Soldaten, die männliche Angehörige zu Verhören mitnahmen, die nicht wieder zurückkehren. Das Alternative Information Center, eine israelisch-palästinensische NGO mit Sitz in West-Jerusalem und Beit Sahour, hat  in regelmäßigen Abständen neben vielen anderen Menschenrechtsorganisationen immer wieder über Attacken der israelischen Armee gegen Zivilisten aus Jenin berichtet. So wurden nach Mer Khamis Tod in kurzer Abfolge mehrere Theater-Mitarbeiter grundlos verhaftet, ein Teil der Requisiten sogar zerstört (Artikel AIC hier und hier). Zubeidis Immunität wurde zeitweilig aufgehoben. Er galt wieder als „Wanted“, als gesuchte Person made by Israel.

Gefangene Hana Shalabi  jetzt in Gaza

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor demGebäude des Roten Kreuzes,  Ost-Jerusalem.   Foto: AIC

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor dem Gebäude des Roten Kreuzes, Ost-Jerusalem. Foto: AIC

Jenin, das sind vor allem die traurigen Schlagzeilen. Hana Shalabi (30), die zwei Jahre in einem israelischen Gefängnis in Administrativhaft, ähnlich einer Untersuchungshaft ohne Anklage, Gerichtsverhandlung und normalen Rechten eines Häftlings, einsaß, stammt aus dem Dorf Burqin bei Jenin. Ihr Fall erregte Aufsehen, allerdings kaum in israelischen Medien oder in den deutschen. Weil sie im Zuge des Gilat-Shalit-Deals im vergangenen Dezember zwar freigelassen wurde, aber Anfang dieses Jahres erneut in einer Nacht-und-Nebel-Aktion umringt von 50 Soldaten wieder inhaftiert, trat sie daraufhin in einen Hungerstreik, den sie vor ein paar Tagen am 43. Tag der Nahrungsverweigerung beendete. Eine Hungerstreik-Welle von palästinensischen Inhaftierten überschwappte ganz Israel 2011. Der Jubel über die Freilassung Shalits überdeckte die Realität tausender Gefangener, die unter unwürdigen Bedingungen, die teilweise Misshandlungen mit einschlossen, festgehalten wurden. „Die ersten zwei Wochen war ich in einer Einzelzelle mit hunderten von Kakerlaken, die Handteller groß waren, eingesperrt“, berichtet ein ehemaliger Gefangener. Die Tiere hätten ihn nachts gebissen und ihn fast seines Verstands beraubt, sagt der heute 38-Jährige, der seinen Namen nicht nennen möchte. Die Kakerlaken-Zelle soll die Häftlinge zermürben und psychisch foltern. „Ich bin nicht durchgedreht, aber ich war nah davor und voller Ekel.“

Er lehnte jede Art von Normalisierung ab

Oster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.   Foto: Liva Haense

Poster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.
Foto: Liva Haensel

Hana Shalabi wurde jetzt nach Gaza abgeschoben und muss dort für drei Jahre bleiben, bevor sie nach Jenin zurückkehren darf. Den Bericht über Hana Shalabi und eine ausführliche Dokumentation findet man hier: „Addameer – Prisoner Support and Human Rights Association“). Die Studenten und Mitarbeiter des Freedom Theatre haben unterdessen heute Morgen für eine Aufklärung des Mordes an Juliano Mer Khamis vor der Muquattah, dem palästinensischen Polizeirevier in Ramallah, protestiert. Mer Khamis wurde sein Leben genommen. Aber er hatte seinen Weg, den Weg des Freedom Theatres in Zuneigung für die Menschen Jenins, selbst gewählt. Der streitbare und selbstbewusste Jude mit palästinensischen Wurzeln war bis zum Schluss der größe Kritiker seiner Heimat Israel  – er wuchs in Nazareth auf – und lehnte jede Art von Zusammenarbeit mit Israel in Form von einer „Normalisierung der Besatzung“ ab  (zu der Normalization-Debatte hier ein Kommentar von Aziz Abu Sarah im +972 Magazin). Nach eingehender Reflexion werden Zeiten kommen, in denen der Staat Israel flächendeckend noch stolz sein wird auf Menschen wie Mer Khamis, die unverzichtbar in der moralischen Debatte des Landes sind. Je verschärfter sich die Lage im Nahen Osten zuspitzt, je eisiger der Wind zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn weht, desto dringlicher braucht das Land nun Leute, die zornig und gleichzeitig emphatisch Menschlichkeit auf die Bühnen der Welt bringen. Die Mörder von Juliano Mer Khamis haben einen wichtigen Botschafter der Menschlichkeit vor einem Jahr das Leben genommen. Sein Licht konnten sie aber nicht auslöschen.

  • Den Dokumentarfilm „Arna’s children“ von Juliano Mer Khamis über seine Mutter und ihre Arbeit im Jeniner Flüchtlingslager kann man kostenlos hier auf youtube ansehen.
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