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Intifada auf Probe

6 Okt
Im "Schwitzkasten": Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

Im „Schwitzkasten“: Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

 

Von Liva Haensel

Israel stellt die palästinensische Bevölkerung auf eine harte Probe. Diese möchte in Frieden leben – und soll gleichzeitig ihre lebenslange Besatzung akzeptieren. Kann dieser Nervenkrieg gutgehen?

Intifada (arabisch: etwas abschütteln, loswerden). Bezeichnung für den Aufstand der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten gegen den israelischen Besatzer. Im Kontext des Palästina-Israel-Konflikts gab es bisher zwei Perioden, von denen Politikwissenschafter als „Intifada“ sprechen: Zum einen die sogenannte erste Intifada, die 1987 begann und sich bis ca. 1992 hinzog und mit dem Beginn der Oslo-Verhandlungen ein Ende fand sowie die zweite Intifada, die offiziell im Jahr 2000 mit dem Gang des damaligen israelischen Premierministers Ariel Sharon auf den Tempelberg begann und bis ca. 2004 anhielt.

„Die Menschen sagen, dass ist jetzt die dritte Intifada“, berichtet ein Mitarbeiter der Al Quds Universität in Bethlehem, der seinen Namen nicht nennen möchte.  Die momentane Situation in der Westbank und Jerusalem sei „schrecklich“, die Lage „sehr deprimierend“. Allein in den vergangenen Tagen sind laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan News 400 Menschen zum Teil schwer verletzt worden – durch Tränengas, Kugeln und Gummigeschosse der israelischen Armee. Am Wochenende wurde ein 18-Jähriger Palästinenser in Ost Jerusalem in der Nähe des Damaskus Tores erschossen und von jüdischen Siedlern verhöhnt. Gestern starb der 13-jährige Schüler Abdul-Rahman Obeidallah, er wurde auf dem Schulweg in Bethlehems Stadtzentrum unweit des Checkpoints von einem israelischen Scharfschützen erschossen. Obeidallah war unbewaffnet und nicht an Demonstrationen gegen die israelische Besatzung beteiligt. Sonntagnacht erschossen israelische Soldaten Huthaifa Sulaiman (18), der in der Stadt Bal’a östlich von Tulkarem im Norden der Westbank gegen die Besatzungsmacht demonstriert hatte. Am Samstag hatten Palästinenser ein israelisches Siedler-Ehepaar in einem Auto in der Westbank getötet.

Israel verletzt die Abmachung

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhängte daraufhin eine 9-tägige Ausgangsperre in Jerusalems Altstadt für Palästinenser, ausgenommen sind lediglich Bewohner sowie Touristen. Der Tempelberg ist bis auf weiteres für muslimische Betende gesperrt. Er hat eine zentrale Schlüsselrolle im

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg. Foto: Ahmad Gharabli

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg.                Foto: Ahmad Gharabli

Islam und gilt nach Mekka und Medina als drittheiligster Ort für Muslime weltweit. Zudem hatte Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 die Souveränität des Tempelberges in die Hände des islamischen Waqf übergeben und sich damit einverstanden erklärt, dass Juden den heiligen Berg nicht als religiöses Monument betreten dürfen. Diese Abmachung wurde vor allem seit dem Jahr 2000 zunehmend von Seiten Israels verletzt. An jüdischen Feiertagen betreten immer wieder jüdische Nationalisten den Tempelberg und drohen damit, den Felsendom sowie die Al-Aksa-Moschee darauf zu zerstören, um den jüdischen Tempel, der einst dort gestanden haben soll, wieder aufzubauen. Die jüdischen Extremisten werden stets von israelischen Soldaten und Polizisten eskortiert. Während dieser Besuche ist der Tempelberg für muslimische Betende jedes Mal komplett unzugänglich. Dies führt regelmäßig zu Protesten der palästinensischen Bevölkerung, die sich auf ihr Recht auf Religionsfreiheit beruft.

Ausschreitungen wie vor einem Jahr

In größeren Städten Israels, in denen mindestens 50 % der Bevölkerung arabisch sind, kommt es derzeit zu massiven Ausschreitungen. In Nazareth, Jaffa und Jerusalem wehren sich immer mehr Menschen gegen die unzumutbaren Zustände. Die israelische Bevölkerung besteht zu 20 Prozent aus palästinensischen Bewohnern. Die sogenannte „fünfte Säule“ in Israel sind die arabischen Menschen, denen es trotz des Krieges nach der Staatsausrufung Israels 1948 gelang, in ihrer Heimat zu verbleiben.

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt. Foto: PNN

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt.                                                    Foto: PNN

Sie besitzen die israelische Staatsangehörigkeit, aber nicht dieselben Rechte wie die jüdisch-israelische Bevölkerung. 2014  waren die israelischen Araber oder „48-Palestinians“ wie sich die Bewohner selbst oft nennen, diejenigen, die am stärksten Widerstand gegen ihre israelischen Besatzer leisteten. Im Juli 2014 war es zu drastischen rassistischen Ausschreitungen gegen palästinensische Bewohner Ost Jerusalems gekommen, nachdem erst drei jüdische Teenager in der Westbank ermordet worden waren und daraufhin in einem Racheakt der 17-jährige Mohammed Abu Khdeir bei lebendigem Leib von jüdischen Siedlern in einem Westjerusalemer Waldstück verbrannt worden war. Wütende Palästinenser des Stadtteils Shuafat (aus dem der Junge stammte) hatten daraufhin die Straßenbahntrassen zersägt und die Stationen Es Sahel und Shuafat für den öffentlichen Verkehr unbrauchbar gemacht. Damit protestierten sie auch gegen das stark anwachsende und vom Staat Israel unterstützte Anwachsen illegaler jüdischer Siedlungen in Ost Jerusalem, die die Straßenbahnlinie seit 2011 mit West Jerusalem verbindet. In dem arabischen Teil der Stadt, die Israel 1967 völkerrechtswidrig besetzte und 1982 annektierte, leben derzeit etwa 300.000 Palästinenser und 150.000 jüdische Israelis.

Weltweit 9 Millionen Flüchtlinge

Bei dem Gazakrieg (8. Juli bis 27. August, danach Waffenstillstand zwischen Hamas-Israel), den Israel 2014 unter dem Namen „Protective Edge“ führte, starben rund 2200 Menschen im Gazastreifen, darunter 500 Kinder. Auf der israelischen Seite verloren nach offiziellen Angaben Israels 66 Soldaten und sieben Zivilisten ihr Leben.

Weltweit leben rund 9 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge und Nachkommen von Flüchtlingen außerhalb ihrer Heimat. Seit 1980 haben 1 Million jüdische Israelis den Staat Israel verlassen. Etwa 40.000 Israelis leben derzeit in Berlin. Angela Merkel erwartet Benjamin Netanjahus Staatsbesuch morgen in Deutschland. Die Situation ist angespannt, das hat auch die Kanzlerin erkannt. Der Ministerpräsident der palästinensischen Gebiete, Mahmoud Abbas, hatte vergangene Woche das Osloer Abkommen von 1993 als nicht mehr bindend für sein Volk erklärt und damit offiziell der Zwei-Staaten-Lösung, die Deutschland unterstützt, den Wind aus den müden Segeln genommen.

„Wir wollen Freiheit“

Palästinenser befürchten, dass Netanjahus rechte Regierung den Gürtel für die arabische Bevölkerung jetzt noch enger schnallen wird. In den meisten Städten in der Westbank waren vergangenes Wochenende hunderte von Soldaten mit Gewehren und Gummigeschossen im Einsatz, bei zahlreichen nächtlichen Razzien wurden Jugendliche und junge Männer wiederholt nachts gewaltsam aus ihren Betten gerissen und ohne eine Erklärung von der Armee verhaftet. „Wir wollen in Freiheit leben, ohne die israelische Besatzung, als Menschen in Würde“, sagt der palästinensische Universitätsmitarbeiter. Wenn jedoch seine Familie oder er selbst von Soldaten angegriffen werde, werde er sich wehren. „Niemand kann von uns verlangen, dass wir drangsaliert und getötet werden  – und dabei einfach tatenlos zusehen.“

 

4 Aug

Von Liva Haensel

Mimi Weingard (Name von der Redaktion geändert) möchte kein Foto von sich im Internet sehen. Sie sitzt auf der Terrasse des Österreichischen Hospizes in Jerusalems Altstadt und nippt an ihrem Großen Braunen. Ihr Freund Erez sitzt ihr gegenüber. Das Paar hat sich für zwei Nächte ein Doppelzimmer in dem alterwürdigen Haus, das noch aus ungarisch-österreichischen Kaiserzeiten stammt, geleistet. „Wir wollen die Altstadt und ihre Atmosphäre von innen spüren, den Trubel, die Gerüche und Lichter“, sagt Mimi (39). Beide leben in Tel Aviv, der Partybubble am Mittelmeer. Mimi mag Jerusalem nicht besonders, vor allem nicht die Ultra-Orthodoxen, die das Straßenbild mit ihren altmodischen Gewändern in Schwarz tauchen und mittlerweile ein Drittel der jüdischen Bevölkerung ausmachen. Aber ihre Mutter leidet seit einer Hüftoperation an einer schweren Depression und lebt hier. Deshalb nimmt sie die Haredin, die religiösen Siedler, die Intoleranz der Stadt dreier Weltreligionen zeitweise in Kauf.

Hochbeschützte Staatsbürgerin

Im Ramadan –  dem Fastenmonat der Muslime – ist die Altstadt überfüllt mit Gläubigen, die mit Gebetsteppich (Männer) und –Mantel (Frauen) auf den Haram Al-Sharif, den Tempelberg, gehen. Dort befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Aber die Stadt ist auch voller israelischer Soldaten und Polizisten mit Gewehren und Schlagknüppeln. Vor der Treppe zum Österreichischen Hospiz stehen zehn junge Soldaten, die meisten Äthiopier, und sollen für die Sicherheit Israels sorgen. Oben, ein paar Meter höher im Garten des christlichen Hospizes, sitzt Mimi, eine hochbeschützte Staatsbürgerin Israels, im Spagettiträger-Top und mit Flipflops. Mimi ist Informatikerin. Sie hat eine Eigentumswohnung in Tel Avivs schickem Norden und ist gerade dabei, gemeinsam mit ihrer Familie eine Wohnung in Berlin zu erstehen. Die Weingards sind eine deutsch-jüdische Familie, Netas Mutter spricht noch fließend Deutsch und fühlt sich als echte Jecke. Die Großmutter fuhr 1943 in den Tod nach Theresienstadt. Aber Mimi hat mit dem nationalsozialistischen Deutschland ihren Frieden geschlossen, „weil es vorbei ist“, sagt sie. Berlin findet sie „sauber, die Menschen superfreundlich, ganz anders als die aggressiven Israelis“, und „aufregend“.

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.  Grafik: UN Ocha

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.
Grafik: UN Ocha

Nicht politisch aktiv

Sie betont, dass ihr Freund „sehr links“ sei. Mimi selbst ist sich nicht sicher, ob sie Israels Zionismus verteufeln oder gutheißen soll. Als jüdische Israelin genießt sie alle Privilegien im Gegensatz zu arabischen Israelis, die man im Nahen Osten als „48-Palästinenser“ bezeichnet (Araber, die nach der Staatsgründung Israels und der damit einhergehenden Vertreibung in den späteren Staatsgrenzen verblieben). Das weiß sie irgendwie, sie ahnt es, es ist ihr nicht wohl dabei, aber politisch aktiv gegen die israelische Besatzung ist sie nicht.

Warum auch? Es lebt sich gut so.

Mimi ist eine der Israelinnen, die in Tel Avivs Dizengoff shoppen und dann die Norgau Street runter an den Strand gehen, um sich dort mit Freunden zu treffen. Die Lokale

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang Foto: bestoftelaviv.com

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang
Foto: bestoftelaviv.com

am Meer bieten Meeresfrüchterisotto für 80  (etwa 15,15 Euro) und Fruchtschorle für 20 Shekel an (5 Euro). Das muss man sich leisten können, aber Mimi hat Ersparnisse und eine gutbetuchte Familie. Manch andere Israelin auch. Trotz Wirtschaftskrise und einem israelischen Monatsgehalt von 1600 Euro reiht sich an der Strandpromenade ein Markenshop neben dem nächsten. Und obwohl die Mieten in der Bauhaus geprägten Stadt extrem hoch sind (Einzimmer-Apartments kosten rund 700 Euro aufwärts), scheint die Idylle nichts zu trüben. Frauen mit Babybäuchen in bunten Sommerkleidern plappern emsig mit ihren Freundinnen, während sich sexy Jogger mit Sixpack-Bauch und rasierter Brust an ihnen vorbeiquetschen. Mimi nippt an Ihrem Kaffee im Hospiz, der jetzt fast alle ist. Sie will noch in die St. Anna-Kirche mit der guten Akustik, ihr Freund möchte dort singen. „Komm“, sagt sie, und packt ihre Tasche.

Ihre Augen sprechen

Muna Darawi (Name von der Redaktion geändert) grüßt ihre Kolleginnen kurz und knapp und eilt dann an ihren Schreibtisch. Sie will nicht reden, nicht über das, was gerade passiert ist, aber ihre Augen sprechen aus, was der Mund nicht zu sagen vermag. Vielleicht was mit der Familie, ein Streit darüber, dass sie gerne noch weiter studieren möchte und ihr Vater dagegen ist? Nach einer Stunde sind die Schweißperlen auf der Stirn der 22-Jährigen verschwunden, die Schwere in ihrem Blick ist einer gewissen Leichtigkeit gewichen. Sie lächelt.

Alpträume mit israelischen Soldaten

Muna, die Psychologin, tippt an einem Computer-Programm für die kommenden Monate. Dann wird sie wieder Feldarbeit unternehmen,  mit einer Kollegin in Schulen und Flüchtlingslager gehen, um junge Mädchen und Frauen zu motivieren. Für eine bessere Zukunft in Palästina, ein eigenständiges Leben, bessere Bildungschancen. Dann hilft Muna denen, die auf der sozialen Leiter ganz unten sitzen. Kindern in Jerusalems Altstadt, die mit 10 anderen Familienmitgliedern auf 50 Quadratmeter leben müssen während auf dem Stockwerk über ihnen jüdische Thora-Studenten in einer Jeschiva (Talmudschule) lauthals Gott preisen – Tag und Nacht. Oder Jungen, die noch mit 10 Jahren ins Bett machen, weil sie von Alpträumen geplagt werden, in denen israelische Soldaten ihre Väter verprügeln und sie anschließend verhaften. Mädchen, die heimlich von männlichen Familienmitgliedern nachts unter der Bettdecke missbracht werden. Die Altstadt ist ein soziales Pulverfass, weil die Palästinenser dort keine Bau- und Renovierungsgenehmigungen bekommen während sich gleichzeitig israelische Siedlerorganisationen wie ein Geschwür in ihren knappen bemessenenen Wohnraum fressen.

Eine tickende Zeitbombe

Muna kennt diese

Erzählungen ihrer kleinen und großen Klienten ganz genau. Sie wiederholen sich. Sie häufen sich. Dabei geht es ihr manchmal doch selbst schlecht.

„Heute Morgen kam ich über den Checkpoint Qualandia, der zwischen Ramallah und Jerusalem liegt“, berichtet sie. Als sie dem Soldaten dort ihren blauen Ausweis*, das unverkennbare Zeichen der arabischen Jerusalem-Bewohner zeigt, wird sie von einer Frau angefaucht, die neben ihr steht: „Du weißt gar nicht, was es bedeutet, unter Besatzung zu leben. Du weißt nicht, was es heißt zu leiden“, so die Worte der Westbank-Palästinenserin mit einem grünen Ausweis. Muna hat sich gewehrt, sagt sie. Nur, weil sie keine Sondergenehmigung der Israelis für den Grenzübergang nach Jerusalem benötige, heißt das nicht, dass sie nicht leidet. „Ich muss genauso über diesen Checkpoint wie Du auch, ich muss genauso seine Gitter, die schlecht gelaunten Soldaten, die Demütigungen ertragen.“

Sie fühlt sich als Gast

Am meisten frustriert Muna an solchen Auseinandersetzungen, dass sie einen Keil zwischen die Palästinenser als Ganzes treiben. Wer in Gaza lebt, ist mittlerweile anders sozialisiert als jemand, der in der Westbank aufwächst, in Israel oder in Ost-Jerusalem. Die Segregation als gewollte Politik Israels zeigt mittlerweile ihre Wirkung. Auch die zunehmend künstlich aufgebaute Entfremdung zwischen christlichen und muslimischen Palästinensern durch israelische Autoritäten nimmt zu. Muna stimmt das traurig. Am schlimmsten aber fin

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

det sie, dass sie sich mittlerweile in ihrer Heimatstadt Jerusalem nur noch als Gast fühlt. „Wenn ich mit meinem Kopftuch in West-Jerusalem shoppen gehe, werde ich von den jüdischen Israelis als etwas anderes angesehen, als jemand, der nicht dazugehört. Dabei lebt meine Familie seit Jahrhunderten hier, Jerusalem ist mein Zuhause.“

Muna mag den Strand von Tel Aviv. Sie liebt die Farben in den Schaufensterauslagen Tel Avivs, den Wind dort, das sich Barfüßig-in-den-Sand-zu-Graben. Sie liebt es

genauso wie Mimi. Aber die beiden Frauen trennen Welten. In die eine, in der Besatzer leben und regieren. Und die andere, in der unter Besatzung Lebende den Regeln zu folgen haben.

*Im Sechs-Tage-Krieg 1967 eroberte Israel Ost-Jerusalem und die Altstadt mit der Klagemauer. Die arabischen Bewohner erhielten daraufhin nicht die israelische Staatsbürgerschaft, sondern lediglich den Status von „permanent residents“. Dies beinhaltet, dass Ost-Jerusalemer lückenlos beweisen müssen, dass sie ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt haben (gemeldeten Wohnsitz, Elektrizitäts- und Wasserrechnungen, Jobnachweis etc.) Alle Bewohner leben in ständiger Gefahr, ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren. Dies betrifft vor allem Menschen, die im Ausland gelebt/studiert haben, mit Westbank-Bewohnern verheiratet sind oder direkt an der Mauer leben, die die jüdischen Siedlungen und ihre 190.000 Einwohner illegal miteingemeindet hat. Um Ost-Jerusalemern ihren Status abzuerkennen, benutzt Israel teilweise Notstandsgesetze und solche aus der Zeit des Ottomanischen Reiches. Bisher haben auf diese Weise rund 14.000 in Ost-Jerusalem geborene Einwohner ihr Aufenthaltsrecht verloren. 1980 annektierte der jüdische Staat Ost-Jerusalem gegen internationales Recht und proklamierte kurze Zeit später Jerusalem zu seiner „einzigen, ungeteilten Hauptstadt“. Der Beschluss wird von der Internationalen Gemeinschaft bis heute nicht anerkannt. In Ost-Jerusalem leben derzeit 290. 000 Menschen, jeder vierte unterhalb der Armutsgrenze.

Bühne frei

6 Sep
Peter Brook.   Foto: starscolor.com

Peter Brook. Foto: starscolor.com

„Es ist schwer, Jude zu sein – doch Israeli zu sein, ist ein Fluch“, schreibt Omri Nitzan auf ynet. news, dem israelischen Onlineportal (gesamter Text auf Deutsch hier).  Nitzan ist Intendant des Cameri-Theaters in Tel Aviv und derzeit verschnupft. Der Grund dafür ist die Absage des britisch-jüdischen Theaterregisseurs Peter Brook an Nitzan und sein israelisches Theater. Eigentlich hatte Brook, Star der weltweiten Theaterszene, an dem Internationalen Theaterfestival des Cameri in Tel Aviv mit seinem Ensemble im Dezember teilnehmen wollen. Jetzt sagte der Regisseur in Hinblick auf Israels Menschenrechtsverletzungen gegen die palästinensische Bevölkerung ab. Nitzan rief daraufhin laut eines Tel Aviver Magazins umgehend eine Sondersitzung mit seinen engsten Mitarbeitern ein und überlegt nun, gegen Brook zu klagen.

Die Bewegung wächst stetig

Die jüngste Absage gegen einen israelische Einrichtung reiht sich damit ein in die Kette von Absagen und Verweigerungen internationaler und israelischer Künstler,  in Israel und den illegalen israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten aufzutreten. Erst kürzlich zuvor hatte auch der US-Amerikanische Sänger Lenny Kravitz seine Konzerttournee für Israel abgesagt und sich damit als Befürworter des kulturellen Boykotts gegen Israel geoutet.  2005 hatte die palästinensische Zivilgesellschaft das erste Mal öffentlich dazu aufgerufen, Israel auf wirtschaftlicher, akademischer und kultureller Ebene solange zu boykottieren, bis der Staat die Einhaltung der Menschenrechte und internationalen Rechts gewährleiste. Der sogenannte BDS-Call („Boycotts, divestment and sanctions“) aus der Mitte der palästinensischen Gesellschaft wuchs langsam aber stetig zu einer globalen Bewegung an, die sich an der Boykott-Kampagne zu  Apartheid-Zeiten in Südafrika oriertiert und von Seiten israelischer Friedensaktivisten mit der Organisation „Voice from within“ befürwortet wird.

Neue Strategien auf dem Weltsozialforum

Logobild des Weltsozialsforums für 2012.    Foto: WSF Brasil

Logobild des Weltsozialsforums für 2012. Foto: WSF Brasil

Von Menschenrechtsaktivisten wird BDS als Segen angesehen. Gerade diejenigen, die selbst aus Ländern mit Apartheidserfahrungen stammen wie Südafrika, sind oftmals Anhänger der Bewegung. Auf dem Weltsozialforum, das dieses Jahr in Brasilien in Porto Alegre zum ersten Mal unter dem Motto „Free Palestine“ stattfinden wird, wird die Boykottbewegung für die Interessen des palästinensischen Volkes eines der Hauptthemen sein. „Wir werden nicht nur darüber sprechen, wie wir vor allem in Ländern , die intensiv mit Israel Handelsbeziehungen haben, BDS stärker umsetzen“, sagt Ahmad Jaradat, Mitarbeiter des israelisch-palästinensischen Alternative Information Center (AIC). „Sondern wir werden in Brasilien auch eine Strategie entwickeln, die nachhaltig in allen Ländern von Menschen umgesetzt werden kann, die sich mit Israel und seiner Nichtachtung von Menschenrechten auseinandersetzt.“
Auf dem Weltsozialforum Free Palestine werden mehr als 500 Vertreter von rund 170 kirchlichen und unabhängigen Nicht-Regierungs-Organisationen erwartet, die sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen: Ende der israelischen Besatzung, Einhaltung der Menschenrechte und UN-Konventionen, Gleichberechtigung der palästinensischen Bevölkerung, Beendigung von Apartheid und Mauerbau sowie Realisierung des Rückkehrrechts der palästinensischen Flüchtlinge. An dem Forum werden laut des AIC auch zahlreiche jüdische und israelische Organisationen teilnehmen. „Jeder, der möchte, ist eingeladen“, sagt Jaradat. Bedingung dafür sei, dass jeder Teilnehmer die Prinzipien des Weltsozialforums bejahe.

„Delegitimierung der hebräischen Kultur“

In seinem Gastbeitrag auf dem israelischen Onlineportal ynet news fasst der abservierte Theaterdirektor Nitzan seine Wut über Brooks Boykott in Worte. „Wenn Brooks Théâtre des Bouffes du Nord“, schreibt er dort, „das als das wichtigste internationale Ensemble der Welt gilt, sich weigert, hierher zu kommen, dann kann man die Augen nicht mehr davor verschließen. Wir müssen verstehen, dass das kein Protest gegen diese oder jene Institution ist, sondern eine Delegitimierung der gesamten hebräischen Kultur, die für den Zionismus steht, der wiederum die raison d’être des Staates Israel ist. Es ist das Glück der Literatur, dass sie schweigt. Es ist das Glück der Schriftsteller, dass – wegen der fürchterlichen Assoziationen dazu – bisher noch keine Bücher verbrannt werden.“

Lieber die Opferrolle behalten

Mit diesem Vergleich zielt Nitzan direkt auf die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten im Dritten Reich ab, bei der tausende Schriften jüdischer Autoren öffentlich verbrannt wurden. Damit schafft er eine künstliche Parallele, die jüdische Israelis zu reine Opfer stilisiert – und ihnen damit eine aktive Täterschaft und Entscheidungsgewalt nimmt. Dieser Diskurs ist so alt wie der Staat Israel selbst, verhindert aber eine echte Auseinendersetzung mit Israels Verantwortung gegenüber 5,5 Millionen Palästinensern, die seit 1967 unter israelischer Besatzung leben und nach internationalem Recht ihrer basalsten Rechte beraubt sind. Anfang des Jahres beschlosss der jüdische Staat, 70.000 in der Negev-Wüste lebende Beduinen zwangsumzusiedeln. Vor zwei Tagen räumte die israelische Armee den illegalen jüdischen Außenposten Migron mit etwa zehn jüdischen Familien. Dafür schworen rechtsradikale Siedler Rache mit ihren sogenannten Price-Tag-Attacken („Einen Preis dafür zahlen“) und diese folgte promt gestern: Die Einganstür des französischen Trappistenklosters Latrun im Norden Jerusalems wurde abgebrannt, mehrere Graffitti-Slogans  („Jesus ist ein Affe“) und direkte Anspielungen auf die Räumung Migrons fanden sich auf den Mauern des Klosters. Das französische Außenministerium forderte nun umgehend eine Aufklärung des Verbrechens. Benjamin Netanjahu hat diese, wie schon bei vielen anderen Price-Tag-Verbrechen von terroristischen Siedlern vorher, versprochen.

Palästinenser-Staat in Eretz Israel undenkbar

Die Gewalt einer jüdischen Minderheit erleichtert es dem jüdisch-israelischen

Buchtipp "Das zionistische Israel".   Foto: Schöningh Verlag

Buchtipp „Das zionistische Israel“. Foto: Schöningh Verlag

Mainstream, sich davon klar abzugrenzen. Dennoch werden damit Situationen geschaffen, die offenlegen, worum es wirklich geht: Der Zionismus ist die Grundlage des Staates Israel, sein Gerüst, seine Staatsräson. Nitzan betont das in seinem Text. Solange es keine Alternative gibt oder zu geben scheint, wird es keine Gleichberechtigung im jüdischen Staat für nicht-jüdische Bürger, vornehmlich für die rund 20 Prozent israelischen Palästinenser, geben. Das Interesse an einem eigenständigen palästinensischen Staat auf Eretz Israel, also auf dem Gebiet der Westbank (für Zionisten Judea und Samaria) ist unter zionistischer Betrachtungsweise nicht denkbar. Die israelische Historikerin Tamal Amar-Dahl hat dies in ihrem neuen Buch „Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts“ wissenschaftlich erläutert. Amar-Dahl hatte 2006 ihre israelische Staatsbürgerschaft als politisches Statement gegen die Invasion ihres Heimatlandes im Südlibanon aufgegeben – „eine nicht einfache Entscheidung, deren Gründe meine Mutter bis heute nicht kennt“, wie sie sagt.

Kirchen müssen sich positionieren

Der Protest gegen Israels Politik hat viele Formen. Dass Siedlergewalt

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

vornehmlich gegen Palästinenser in der unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, ist ein Phänomen, an das sich der Staat gewöhnt hat. Attacken gegen die eigenen Leute  –  zumeist Militärposten – finden dagegen nicht täglich statt. Die Agressionen gegen Mönche macht nun deutlich, dass es jeden treffen kann – und auch wird. Damit geraten Kirchen weltweit in eine unliebsame Situation: Sie müssen sich positionieren für einen gerechten Frieden in Nahost und für ein Ende der israelischen Besatzung. Die Presbyterianische Kirche in den USA hat jetzt auf ihrer Sommer-Synode einen Boykott von Produkten aus israelischen Siedlungen beschlossen. Vor drei Wochen stimmte die Vereinigte Kirche Kanadas ebenfalls mit großer Mehrheit dafür ab, im Mai dieses Jahres entschlossen sich die Methodisten für das selbe Anliegen. Alle drei Kirchen rufen alle Nationen dazu auf, eine Komplizenschaft mit Israels Kolonialpolitik  in Form eines Importes von Waren aus besetztem palästinensischem Land zu beenden. Dafür ernteten sie harsche Kritik von jüdischen Lobbygruppen. Und Lob von (jüdischen) Menschenrechtsaktivisten.

Latrun öffnet jetzt Türen

Zerstörte Tür im Kloster Latrun.  Foto: leavelike

Zerstörte Tür im Kloster Latrun. Foto: leavelike

Latrun, das beschmierte Kloster, öffnet nun möglicherweise unverhofft – zu einem hohen Preis – Türen zu wegweisenden Pfaden und Fragen, wie jeder einzelne und jede Institution sowie jedes Land künftig mit Israels Politik umgehen möchte. Die Zeit der Schauspiele, der großen Dramen ist vorbei. Zwei Palästinenser haben sich gerade selbst verbrannt, weil sie die steigenden Lebenshaltungskosten im Gazstreifen und der Westbank nicht mehr ertragen wollten. Die aktuellen Demonstrationen gegen die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), die 1995 im Zuge des Oslo-Abkommens implementiert wurde, könnten sich zu Massenbränden ausweiten. „Das Oslo-Abkommen hat uns nur noch mehr Checkpoints, Landfragementierung und – Konfiszierung eingebracht. Die PA ist eine Schande und kooperiert mit Israel“, sagt der bekannte palästinensische Aktivist und Intellektuelle Naji Odeh aus Bethlehem.

Der große Spiegel

„Theater zeigt nicht nur die Oberfläche, es zeigt, was hinter der Oberfläche in den komplexen sozialen Beziehungen verborgen liegt – und dahinter wiederum die letztendliche existenzielle Bedeutung dieses Treibens, das wir Leben nennen. All dies kommt  zusammen und wird in dem großen Spiegel reflektiert“, schreibt der Israel-Boykottierer Brook.

Der Himmel über Yanoun

10 Jul
There is no occupation...Photo: John Brown, mehr unter mehr unter: http://972mag.com/nonexistent-occupation-memes-go-viral-in-israeli-social-media/50531/

Levy: „If it beats like an occupation, if it oppresses like an occupation, if it kills like an occupation, it’s a…“ Bibi: „A duck!“   Photo: John Brown

Es hätte ein friedlicher  Samstag in Yanoun, dem kleinen Dorf im Norden der Westbank nahe der Stadt Nablus sein können. Schäfer ließen ihre Tiere auf den Feldern weiden und beackerten ihr Land. Der Ramadan, der Fastenmonat der Muslime, steht vor der Tür, es ist heiß derzeit in Palästina, die Menschen schrauben das Tempo herunter. Doch der vergangene Samstag endete in einem Desaster für Israel. Am Abend flimmerten die ersten Nachrichten aus Yanoun weltweit durch die Kanäle des Internets und beschäftigten hunderttausende User. Bilanz eines Samstags in Yanoun: sechs verletzte palästinensische Männer, davon zwei schwer verwundet durch Schüsse von israelischen Soldaten, und drei tote Schafe, erstochen von jüdischen Siedlern der benachbarten Siedlung Itamar.

Fesseln und dann liegenlassen

Kein Schutz, nirgends: Israelische Soldaten und Palästinenser aus Yanoun am vergange

Kein Schutz, nirgends: Israelische Soldaten und Palästinenser aus Yanoun am vergangenen Samstag. Photo: Katherine Roldan

Was war passiert? Laut Augenzeugenberichten und Videos internationaler Menschenrechtsbeobachter von EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programm for Palestine and Israel) kamen drei bewaffnete Siedler aus Itamar auf die Felder der Dorfbewohner, töteten die Schafe und wurden handgreiflich als die Palästinenser sie davon abhalten wollten. Außerdem wurden Felder und Olivenbäume in Brand gesetzt. In der Folge kam es zu einem Steinewerfen von beiden Seiten. Die israelische Armee, die in solchen Situationen gerufen wird, fesselte die Palästinenser trotz weiterer Schläge der Siedler mit Handschellen und ließ diese weiter gewähren. In dem englischen Bericht des EAPPI- Büros heißt es unter anderem: „Jawdat Ibrahim was handcuffed, beaten by Israeli soldiers and then released for the settlers to attack as they watched. He was then tied up by the settlers and left on his land; he was found the next morning. Konkret übersetzt: „Jawdat Ibrahim wurde an den Händen gefesselt, von den israelischen Soldaten geschlagen und dann für die Siedler freigegeben, die ihn attackierten während die Soldaten zuschauten. Er wurde dann von den Siedlern gefesselt und auf seinem Feld zurückgelassen; man fand ihn am nächsten Morgen.“ Ein Soldat schoss Jawdat Bani Jaber in das Gesicht und seinen Fuß. Er konnte erst nach drei Stunden ins Krankenhaus gebracht werden, die israelische Armee versagte ihm eine sofortige ärztliche Versorgung.  Einem weiteren Bewohner Yanouns, Hakimun Bani Jaber, wurde in den Arm geschossen.

Soldaten schauen zu

Soldaten und ein bewaffneter jüdischer Siedler.   Photo: Katherine Roldan

Soldaten und ein bewaffneter jüdischer Siedler. Photo: Katherine Roldan

Die Brutalität von jüdischen Siedlern, die häufig bewaffnet sind mit dem amerikanischen Gewehrtyp MP16, ist nichts Ungewöhnliches in der Westbank. Palästinenser wissen, dass sie schlechte Karten haben, wenn sie auf solche Leute treffen. Keinem von ihnen ist es gestattet, Waffen zu tragen. In der Stadt Hebron, in der 800 radikale Siedler das ihnen versprochene Land preisen, dürfen die palästinensischen Bewohner noch nicht einmal einfache Küchenmesser besitzen. Wer entlang der Siedlerstraßen, eine eigens für die jüdischen Kolonialisten gebaute Infrastruktur in der besetzten Westbank, entlang geht, muss damit rechnen, überfahren zu werden. Anzeigen bei der Polizei führen ins Nichts, die Akten zur Beweislage werden nach einigen Wochen ohne Ergebnis eingestellt. Eigenschutz ist nicht gestattet. Aber was dann?  Nach den Genfer Konventionen ist es Israel nicht erlaubt, seine Bevölkerung in besetzte Gebiete zu transferieren und dort anzusiedeln. Aber es ist dem jüdischen Staat, dessen Bevölkerung zu einem Fünftel aus arabischen Ureinwohnern besteht, mit den bindenden Konventionen geboten, die Menschen in den besetzten Gebieten verantwortlich zu schützen. Stattdessen werden internationale Menschenrechtsbeobachter, palästinensische und israelische NGOs und Mitarbeiter der Vereinten Nationen immer wieder Zeugen vom Gegenteil. Soldaten schauen nicht nur zu und weg, sie schlagen selbst noch drauf.

Israel hat eine Antwort gegeben

Niemand der Armeeangehörigen hat sich bisher zu dem Fall in Yanoun geäußert. Wie geht es Jawdat Bani Jaberm, was machen seine Verletzungen? Wie wird Jawdat Ibrahim psychisch und physisch überstehen, dass er misshandelt, gefesselt und über Nacht einfach auf dem Acker liegengelassen wurde? Der Staat Israel hat vor zwei Tagen darauf seine Antwort gegeben. Laut der Zeitung Haaretz und anderer israelischer Medien hat eine von der Regierung unter Benjamin Netanjahu eingesetzte Richterinstanz nun verkündet, dass es „in Israel keine Besatzung gibt“. Die jüdischen Siedlungen seien daher gesondert zu betrachten und legal. In dem Papier des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem empfiehlt das religiöse Likudmitglied Edmond Levy, ein pensionierter Richter, Judea and Samaria (Westbank) einzugemeinden. „Der größte Verlierer im Angesicht des Levy-Kommittees sind die liberalen Zionisten, die sich für eine Zwei-Staaten-Lösung aussprechen“, schreibt Joseph Dana, amerikanisch-jüdischer Journalist aus Ramallah und Zionismus-Gegner, in seinem facebook-Profil. Und weiter: „Für die israelische Regierung seid ihr nichts weiter als ein paar Trottel.“ Der Satz zielt darauf ab, dass Israel schon lange keinen Palästinenserstaat mehr vorsieht. Gerade plant Netanjahu eine neue Siedlung, die Har Homa und Gilo – beide Siedlungen bei Bethlehem  –  verbinden soll.  Doch diese Gewalt, mit der rund 4,5 Millionen Palästinenser ihrer Freiheit seit 45 Jahren beraubt werden, wird keine Wunden heilen. Sie schafft nur neue. Ein Knesset-Gesetz steht kurz vor dem Beschluss, dass künftig Palästinenser in Israel dazu verpflichten könnte, für den israelischen Staat, der sich ausschließlich als jüdisch definiert, Armee- und Zivildienst leisten zu müssen. Ein Staat, der nicht für ihre Sicherheit sorgt, sie nicht gleichstellt, ihre Geschichte totschweigt und an zionistischen Grundprinzipien festhält, die mit Landkonfiszierung, Kollektivstrafen und Vertreibung für sie einhergehen.

Die Antwort ist eindeutig. Am Samstag, am Sabbath, dem heiligen Tag der Juden, verfärbte sich der Himmel grau über Yanoun. Aber in Israel selbst ist er jetzt schwarz.

– Der Schweizer Christian Schelbert  ist zur Zeit in Yanoun als ökumenische Begleitperson von EAPPI tätig. In dem Blog „barierrer ahead“ schreibt er über den Alltag in der Westbank.

Hintergrundinfo Yanun (English)

Yanoun is a small village in Area C of the West Bank, just southeast of Nablus. It has about 65 inhabitants who are dependent upon farming and animal husbandry as their main source of livelihood. The village is surrounded by the illegal Israeli settlement of Itamar and since 1996 the residents of Yanoun have consistently experienced settler harassment and violence, as well as property damage and confiscation. In October of 2002 the settlers of Itimar forcibly evacuated Yanoun of its inhabitants. International humanitarian agencies and Israeli human rights organizations then came to Yanoun to provide a protective presence with the aim of facilitating the return of the community. These left Yanoun within weeks of the community’s return; however, the Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) has remained in Yanoun since October 2002. Based in Yanoun Ecumenical Accompaniers (EAs) provide a protective presence, monitor, and report on human rights violations in the community, as well as the entire Nablus Governorate and Jordan Valley.

INTERNATIONAL HUMANITARIAN LAW:

The International Court of Justice has stated that the 1949 Fourth Geneva Convention for the Protection of Civilian persons in Times of War applies to the occupied Palestinian territory.

All Israeli settlements are illegal according to Article 49 the Fourth Geneva Convention, which states, “The Occupying Power shall not deport or transfer parts of its own civilian population into the territory it occupies.

Article 4
of the Fourth Geneva Convention states, “Persons protected by the Convention are those who, at a given moment and in any manner whatsoever, find themselves, in case of a conflict or occupation, in the hands of a Party to the conflict or Occupying Power of which they are not nationals.” Thus, according to International Humanitarian Law, Israel has the duty as an occupying power to protect Palestinians from settler attacks.

Schlüsselrolle

15 Mai
Passt zumindest in Berlin: Der Bethlehemer Schlüssel aus dem Aida-Flüchtlingslager mit seinen beiden Wächtern Fadi Kattan (links) und Munther A Meewa.       Fotos: Liva Haensel  mit

Passt zumindest in Berlin: Der Bethlehemer Schlüssel aus dem Aida-Flüchtlingslager auf der Biennale mit seinen beiden Wächtern Fadi Kattan (links) und Munther A Meewa. Fotos: Liva Haensel

Man könnte sich vorstellen, wie er den Schlüssel in die Hand nimmt, ihn in seinen Händen wiegt, hin- und her, hin- und her. Ein wenig verrostet ist er, alt, ein Modell aus vergangenen Zeiten. Aber er passt noch, nach so vielen Jahren. Der Schlüssel sitzt fast wie angegossen im Schloss, er dreht sich jetzt quietschend einmal um die eigene Achse, klick, die Tür springt auf. Licht fällt in den Raum, der einmal sein Leben beherbergte, seine ganze Existenz. Das Haus im Westen Jerusalems steht noch. Sein Haus. Seine Tür. Der Schlüssel.

Ein Kunstobjekt in Berlin-Mitte

Munther A Meeva (40) lehnt neben dem monströsen Kunstwerk, das sein eigenes Schicksal und das tausender anderer Palästinenser symbolisiert. Er ist geduldig mit den Berlinern, die etwas verwundert die Szenerie im Hof der Bienalle an der Auguststraße betrachten und viele Fragen stellen. A Meeva betrachtet den riesigen, acht Meter langen rostigen Schlüssel auf dem Boden neben sich. Der Palästinenser ist Leiter der Jugendarbeit im Flüchtlingslager Aida, eines von dreien in der Geburtsstadt Jesu. Auf dem Eingangstor zum Camp thront der riesige Schlüssel normalerweise. Jetzt ist er in Berlin eines der Objekte bei der Biennale, eine der bekanntesten und renommiertesten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst.

Die Rückkehr, ein Traum

Das Heimatdorf seiner Eltern und Großeltern kannte A Meewa nur noch aus Erzählungen, sagt er.“Meine Familie stammt aus Diraban, nicht weit von Bethlehem, aber damals gehörte es zu Jerusalem“, sagt er. „1948 vertrieben jüdische Soldaten die Bewohner, die aus Angst vor Krieg und Tod ihre Häuser über Nacht verließen und ihre Schlüssel mitnahmen.“ Man habe sich darauf eingestellt, dass es für einige Zeit Unruhen geben würde, berichtet er. Eine Flucht auf Lebenszeit sei aber niemals für die Dörfler aus Diraban präsent gewesen. „Wir dachten, wir kommen bald wieder zurück. Bis heute haben wir diesen Traum“, sagt A Meeva. Übrig aus der Zeit blieben allein die Schlüssel der verlassenen Häuser, die Palästinenser bis heute aufbewahren als eine Art mahnende Erinnerung, als Status Quo. Wer seinen Schlüssel hat, der hat Hoffnung. Die 536 zerstörten arabischen Dörfer aus der damaligen Zeit sind entweder verschwunden oder wurden durch die neuen jüdischen Bewohner verändert. Diraban beispielsweise gibt es noch. A Meewa besuchte sein Dorf als er 14 Jahre alt war und als Westbank-Bewohner eine Erlaubnis von Israel dafür bekam. Jetzt ist er ein Flüchtling von insgesamt rund eine Million anderer Palästinenser, die damals fliehen mussten.

Die Angst vor zu vielen Palästinensern

Das Kapitel der Flüchtlinge ist kein beliebtes im jüdischen Staat Israel, in dem 20 Prozent Palästinenser leben, die damals in ihrer Heimat verblieben. Im Falle einer Rückkehr

Im Juni wieder zurück: Der Schlüssel auf dem Eingangstor des Aida-Camps.

Im Juni wieder zurück: Der Schlüssel auf dem Eingangstor des Aida-Camps.

hunderttausender Palästinenser wäre das demografische Gleichgewicht in Israel empfindlich gestört. Zwar bekommen palästinensische Frauen nicht mehr so viele Kinder wie noch vor einigen Jahren und die ultraorthodoxen Frauen dafür um so mehr. Dennoch wäre eine jüdische Mehrheitsbevölkerung nicht mehr gewährleistet. Israel, rechtlich und laut seinen „basic laws“ ein Staat für Juden, müsste seine Demokratie auf die nicht-jüdischen Bevölkerungsanteile ausweiten. Die dann gleichgestellte arabische Bevölkerung könnte ein großer Gewinn sein für das kleine Land und den Weg ebnen für einen multireligiösen und multiethnischen Staat mit Vorzeige-Charakter im Nahen Osten. Doch davon ist die momentane Regierung weit entfernt. Benjamin Netanjahus Politik zielt auf eine klare Judaisierung der besetzte Gebiete und Ost-Jerusalems ab, was sich derzeit besonders im Masterplan der heiligen Stadt zeigt. Nach Plänen des Bauministeriums, die in den 70iger Jahren ihren Anfang nahmen, möchte die Stadtverwaltung Jerusalems die jüdische Bevölkerung bis zum Jahr 2020 auf 70 Prozent anheben und die der arabischen Bewohner auf 35 Prozent reduzieren. Palästinenser bekommen keine Baugenehmigungen in der Stadt, deren Land zum großen Teil von zionistischen halbstaatlichen Organisationen wie dem Jewish National Fund vergeben werden und damit einen Grundstückserwerb für Palästinenser unmöglich machen.

Neun Millionen Flüchtlinge weltweit

Die UN-Resolution 194 besagt, dass alle Flüchtlinge ein Recht auf Rückkehr haben. In jedem einzelnen Flüchtlingslager in der Westbank findet man sie überall an den Mauern, die die Grenze zwischen Camp und Stadt markieren. In Aida, wo A Meewa lebt und arbeitet, prangt die „194“ dick gemalt direkt am Eingang unweit des Schlüssels. Ist es realistisch, dass er eines Tages zurückkehren wird in sein Dorf? „Ja, das ist es. Ich kämpfe weiter dafür, ich bin Flüchtling“, sagt A Meewa. Und: „Es ist mir egal, wie der Staat dann dort heißt, ob Israel oder Palästina. Erst die Rückkehr. Danach reden wir über den Namen des Staates.“ Nach Auskunft der palästinensischen Nichtregierungsorganisation Badil aus Bethlehem leben mittlerweile 9 Millionen Palästinenser im weltweiten Exil, in Europa, den USA, Kanada, Südamerika. Darunter fallen Menschen, die 1948 und 1967 in den Kriegen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn flohen,  genauso wie die zweite und dritte Generation, die die Heimatorte nur noch als eine schwammige Erinnerung wahrnehmen.

Mauer im Aida-Camp mit UN-Resolution und Bewohnern, die im Kampf für die Freiheit ums Leben kamen.

Mauer im Aida-Camp mit UN-Resolution und Bildern von Bewohnern, die im Kampf für die Freiheit Palästinas ums Leben kamen.

Gelobtes Land

Der „Key of Return“, der Rückkehrschlüssel, war Ende März über den Seeweg aufwändig vom Aida-Flüchtlingslager in Bethlehem über den israelischen Hafen Ashdod nach Deutschland verschifft worden. 1948 kämpften Araber und Juden um das Heilige Land, es ging um Landnahme und Eroberung. Am 14. Mai 1948 rief Ben Gurion, Israels erster Ministerpräsient, den jungen Staat Israel aus. Die jüdische Bevölkerung jubelte, gerade die Holocaust-Flüchtlinge Europas  reagierten mit immenser Freude über einen jüdischen Staat, der ihnen endlich Heimkehr und Sicherheit vor Verfolgung und Diskriminierung versprach. Die britische Mandatsmacht  – schon lange nicht mehr Herr der Lage in dem komplizierten Konflikt  – zog erleichtert ab. Doch sie  hinterließ auch rund 800.000 arabische Menschen, die ihre Heimat gleichzeitig verloren. Was dem einen zu neuer Zuflucht und einer sicheren Existenz verhalf, bedeutete für den anderen Vertreibung und Flucht. Der britische Regisseur Peter Kosminsky hat dies in seinem mehrteiligen Spielfilm „Gelobtes Land“ gekonnt gezeigt, der kürzlich auf Arte lief.

Die NGOs nerven

Graffiti im Aida-Flüchtlingslager.

Graffiti im Aida-Flüchtlingslager.

Bis heute fällt es sowohl israelischen Juden als auch Palästinensern schwer, sich das Narrativ der jeweils anderen Seite anzuhören und es zu akzeptieren. Sich als Opfer zu sehen und nicht die eigenen Täteraspekte miteinzubeziehen, scheint leichter zu fallen als das Leid des anderen anzuerkennen und reflektiert damit umzugehen. Der israelische Psychologe Dan Bar-On hatte dies erkannt und die getrennten Narrative aufgebrochen, indem er bis zu seinem Tod 2008 Israelis und Palästinenser sich gegenseitig konditioniert ihre persönliche Geschichte erzählen ließ. Die Story-Telling-Methode war sehr erfolgreich, Dan Bar-On veröffentlichte mehrere Bücher dazu. Ohnehin ist die Opferrolle wohl auch nicht gerade die erstrebenswerteste, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Das gilt in der Westbank auch für das Verhältnis NGOs-Palästinenser, hat A Meewa mit seinem Kollegen Fadi Kattan aus Bethlehem festgestellt. „Was wir brauchen, ist politische Solidarität, keine Almosen. Wir müssen nicht gefüttert werden, Palästina ist nicht Somalia“, sagt Kattan (34) trocken in perfektem Englisch. Ihn nerve die totale Abhängigkeit der Palästinenser von internationalen Geldern. Bevor die NGOs ins Land kamen, seien die Palästinenser selbst ihre besten Volontäre gewesen, sagt er. Das sei nun anders, die NGOs hätten sie quasi abgelöst.

Das Ende des Hungerstreiks

Von der Biennale erhoffen sich beide nun mehr Aufmerksamkeit für die Sache der Palästinenser. Und während die beiden Männer neben dem Schlüssel stehen und reden, tut sich derweil wirklich etwas im Nahen Osten. Rund 1600 palästinensische Gefangene, ein großer Teil von ihnen seit zwei Monaten im Hungerstreik, haben Israel bessere Haftbedingungen abgerungen. Die Häftlinge, darunter mehrere Abgeordnete, sitzen in sogenannter Administrativhaft in israelischen Gefängnissen. Ohne Anklageschrift, Urteil, Kontakt zu Anwälten und Familienangehörigen, einige davon sogar in jahrelanger Isolationshaft. Letztere wird nun aufgehoben, die Bewilligung für juristischen Beistand und Angehörigenbesuche wurde von Israels Seite gestern zugesagt. Die Gefangenen, deren spektakulärer Hungerstreik zwar auf allen NGO-Kanälen, aber kaum in der westlichen Medienlandschaft  Erwähnung fand, interpretieren dies als Sieg am 64. Jahrestag der Nakba – der arabischen Katrastrophe von 1948. Rechtsgerichtete Siedlergruppen wird dies jedoch nicht davon abhalten, in den kommenden Tagen ihren Jerusalem-Marsch zu begehen und damit den jüdischen Anspruch auf die Stadt  deutlich zu machen. Im Gegenteil. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, dass die Polizeit dieses Jahr  ihr Okay für eine neue Route durch das muslimische Altstadt-Viertel gegeben habe. Vor einem Jahr hatten die Marschierer dabei „Tod den Arabern“ und „Mohammed ist tot“ gerufen. Der Schlüssel zum Frieden sucht noch nach dem passenden Schloss.

Der „Key of Return“ auf der Biennale in Berlin: mehr Informationen hier.

Am eigenen Leib

31 Dez
Hebron II
Turqumia Checkpoint, Hebron

Tarqumia Checkpoint, Hebron

Donnerstag, 3.45 Uhr: Wir steigen am Parkplatz am Checkpoint aus und verschaffen uns einen Überblick. Meine Kollegin von dem Hebron-Team kennt das Procedere schon, sie war schon einmal hier. Der Tarqumia Checkpoint wird von einer Privatfirma betrieben und nicht, wie so oft, von dem israelischen Militär. Internationale Beobachter und Menschenrechtsaktivisten sehen dies mit Sorge, denn künftig will der Staat Israel alle 70 Checkpoints in der Westbank privatisieren. Dies könnte eine noch weitaus unmoralischere Haltung gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung bedeuten, so die Befürchtung. Diese Sorge ist nicht ganz unberechtigt, wie ich eine halbe Stunde später selbst am eigenen Leib zu spüren kriege. Da der Checkpoint für uns Außenstehende von innen kaum sichtbar ist, einigen wir uns im Team, dass ich einen „Spotcheck“ machen werde: Um 4.35 Uhr starte ich am Eingang und gehe den selben Weg wie alle Palästinenser, die nach Israel zur Arbeit müssen und in Tel Aviv, Haifa oder in anderen israelischen Städten arbeiten. Ich möchte sehen, was innen los ist und wie lange man für das Passieren braucht. Außerdem ist für uns wichtig zu wissen, wieviele Drehkreuze, Metalldetektoren und Sicherheitspersonal drinnen vorhanden ist.

Keine Frau weit und breit

Ich laufe los und winke meiner amerikanischen Kollegin und unserem arabischen Taxifahrer zu, bevor ich mich  in eine Schlange von Menschen einreihe. Los geht’s. Die Männer stehen einer nach dem anderen, nicht wie in Bethlehem, wo sich oftmals mehrere Leute dichtgedrängt nebeneinander quetschen. Ich bin die einzige Frau. Alle sind freundlich, wollen wissen, was ich hier mache und geben teilweise in gutem Englisch Auskunft. Ich halte mich an einen älteren Mann, der mir Details über Tarqumia erzählt, die Gold wert sind. So erfahre ich, dass die Männer mittwochs und sonntags durchschnittlich drei Stunden brauchen, bis sie den Checkpoint überquert haben. „This is very bad, but our daily life (Das ist sehr schlimm, aber gehört zu unserem täglichen Leben“), sagt der Mann, der in Tel Aviv in einer Metallfirma arbeitet. Falls er krank ist und nicht arbeiten kann, muss er seinem israelischen Arbeitgeber ein Ausfallgeld von 150 Schekeln (ca. 30 Euro) pro Tag bezahlen. Eine Kranken- oder Unfallversicherung hat er nicht – wie die meisten palästinensischen Arbeiter. Ich reihe mich hinter ihm in die Schlange der älteren Männer ein. An diesem Checkpoint unterscheiden die Israelis offensichtlich zwischen 45 plus und 19-44 Jahren. Die Jüngeren stehen weit von uns entfernt und werden noch intensiver kontrolliert, weil sie als potenzielle Terroristen gelten.

Auf dem Weg nach Israel

Auf dem Weg nach Israel

Nur 20 Minuten?

Nach rund einer Stunde und Drekkreuz Nummer vier stolpere ich durch den Metall-Detektor und lege schnell meine Weste und den Gürtel aufs Band. Eine israelische Security-Angestellte will meinen Ausweis sehen und fragt mich, was ich hier mache. Meine Antwort: „Ich bin ökumenische Begleitperson vom Weltrat der Kirchen“, befriedigt sie nicht. Die Fragerei steigert sich zu einer Schreierei, die mich erst nervös macht, mich dann aber daran erinnert, dass gewaltfreie Kommunikation hier die beste Methode ist, um heil rauszukommen. Ich bleibe also ruhig und antworte freundlich immer wieder das selbe. Nach weiteren 10 Minuten Wartens kommt ein anderer Israeli, der mich weiter befragt. „Wie findest Du diesen Checkpoint? Was fällt Dir auf?“, möchte er wissen. Auf die Frage, wie lange ich bis hierher gebraucht habe, antworte ich mit: 55 Minuten. Er korrigiert mich und sagt, dass der Weg von Hebron nach Israel  immer nur 20 Minuten dauert. Gut, dass ich es besser weiß.

Endlich durch das fünfte Drehkreuz

Nach 1,5, Stunden bewege ich mich in dem fünften und letzten Drehkreuz Richtung Israel, das mich schließlich in die demokratische Freiheit ausspuckt. Zum Entsetzen des israelischen Securityguards hatte ich zum Abschied noch wissen wollen, wie ich wieder Richtung Westbank und Hebron komme, da ich ja wieder zurück muss. Ich überschlage die Ereignisse schnell in meinem Kopf: Zu diesem Zeitpunkt habe ich ein Sonderinterview mit israelischen Sicherheitskräften,  zig Fotosshootings in den Gittergängen, eine Schimpftirade israelischer Security-Frauen bei der Passkontrolle und jede Menge informative Gespräche mit palästinensischen Leuten hinter mir. Ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher, nämlich: Jeder Checkpoint hat seinen ganz eigenen Charakter. Bethlehem Checkpoint 300 ist schlimm, Tarqumia  bei Hebron ist schlimmer. Die Menschen brauchen teils bis zu drei Stunden, um ihn zu passieren. Und: Es scheint Architekten zu geben, die sich ausschließlich mit der Konstruktion von Kontrollpunkten auseinandersetzen. Methodisch legen sie eine gewisse Kreativität an den Tag, was Variationen bezüglich der innereren Gestaltung und des Zusammengehens von Funktionalität plus Wirkung auf die Nutzer anbelangt.

Ich laufe zurück zu meinen Teamkollegen und berichte, was ich gesehen habe, später fertigen wir eine Zeichnung des Checkpoints an.  „Thank you, that you are here“, sagt ein Mann mit Wollmütze und rennt dann weiter Richtung Drehkreuz Nummer 1. Es ist kalt an diesem Morgen. Der Mann hat heute noch einen langen Weg vor sich.

Die geteilte Stadt

30 Dez

Jüdisches Graffiti in Hebron Altstadt

Jüdisches Graffiti in Hebrons Altstadt

Hebron I

Wir steigen aus dem Bus aus und landen direkt vor einem Fast-Food-Restaurant im Zentrum. „Happy Bunny“ heißt der Laden und er verheißt, dass es für mich gute, intensive Tage werden sollen in Hebron, der zweitgrößten Stadt im Süden der Westbank. Dennoch muss ich lachen: Happy Bunny? Was ist happy an einer Stadt, die vor allem durch extreme jüdische Siedler geprägt ist?

Hier leben rund 170.000 Palästinenser und 800 Juden. Die Altstadt mit ihrem höhlenartigen Suq und ihren vielen Händlern, die Falafel und Kufya  – die traditionellen Palästinensertücher, jetzt auch in Bunt und original aus der Hebroner Hirbawi-Fabrik – verkaufen, hat einen besonderen Charme. „Euch verarschen wir nicht mit zu hohen Preisen“, sagt Jamal, ein Tuchhändler zu mir. „Ihr arbeitet hier und seht mit eigenen Augen, was passiert. Wenn ihr zurückgeht, sollt ihr nicht sagen, dass die Palästinenser Euch übers Ohr gehauen haben.“ Ich nicke befriedigt und kaufe eine extrem schicke türkise Kufya für die grauen Straßen Berlins.

Das Rote Kreuz in der Altstadt

Das nette Plauderstündchen mit Jamal, den das Hebron-Team täglich auf seinem Rundgang durch die Altstadt besucht, nehmen wir als schnelles Durchatmen in einer Stadt mit, deren Lunge längst vergiftet ist. Nach dem Oslo-Abkommen von 1994 und der damit verbundenen schrittweisen Unabhängigkeit palästinensischer Städte einigten sich die Beteiligten auf einen besonderen Status für die Stadt, der im sogenannten Hebron-Protokoll festgehalten wurde (siehe auch: http://www.tiph.org/en/About_Hebron/ ) und eine internationale Präsenz in der Stadt vorsieht. Dem vorangegangen war, dass im selben Jahr der amerikanisch-jüdische Siedler und Arzt Baruch Goldstein 29 betende Muslime in der Ibrahimi-Moschee erschossen hatte, die auf der anderen Seite eine Synagoge ist und die Gräber Abrahams und Saras enthält – für Muslime wie Juden gleichbedeutend wichtig. Das Brisante in Hebron sind die vier jüdischen Siedlungen mitten in der arabischen Altstadt, was Hebron zu einem Dauerbrennpunkt und Ort ständiger Konflikte macht. In dem Protokoll wurde festgehalten, dass die Stadt in zwei Gebiete aufgeteilt wird: H1 untersteht der palästinensischen Autonomiebehörde, H2 der israelischen Militärgewalt. H2 betraf vor allem das Herz von Hebron: die florierenden Einkaufsstraßen in der Altstadt, allen voran die prächtige Shuhada-Street mit ihren vielen Geschäften. Dieser Teil der Altstadt ist seit 2002 gänzlich ausgestorben. Die Ladenbesitzer mussten schließen. Seitdem versorgt das Internationale Rote Kreuz die Bewohner mit Familienbesuchen, den nötigsten Medikamenten und einem speziell ausgearbeiteten Programm, das Mikrokredite an palästinensische Anwohner der Straßen dort vergibt, damit sie künftig eigene kleine Firmen und Werkstätten aufmachen können, um finanziell unabhängig zu sein. „Das funktioniert sehr gut und bisher haben wir alle Anfragen positiv beantworten können“, berichtet Barbara Lecq, Leiterin des Roten Kreuzes im Distrikt Hebron. Ein Mann besitze dort Ackerland und sei dabei, eine Erbeerfarm aufzubauen. Auch die Zusammenarbeit zwischen dem israelischen Roten Kreuz – Magen David Adom  -und dem arabischen Roten Halbmond, beide nationale Untergruppen des Roten Kreuzes, funktioniere in gegenseitigem Respekt, sagt Lecq. Trotz der Absperrungen und Mobilitätseinschränkungen in der Altstadt gebe es zumindest in Bezug auf die Gesundheitsversorgung dort Dank des Sonderstatus des Roten Kreuzes keine bemerkenswerten Schwierigkeiten.

Nachts sind alle Katzen grau

Arabische Frauen in der Shuhada-Street, Hebron

Arabische Frauen in der Shuhada-Street, Hebron

In der Zeit von 2002 bis 2007 kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern in Hebron. Die israelische Armee fuhr 2002 über Nacht mit Panzern in die Stadt ein und übernahm wieder die Kontrolle. „Sie kamen immer wieder, aber wir wussten nie, wann“, berichtet Murat, ein junger Mann, der in Hebron geboren wurde. Erst schreien die Soldaten und schlagen gegen die Haustür, dann brechen sie ein und reißen die Leute aus dem Schlaf, sagt er. Das Militär käme immer nachts und fordere die Familie dann auf, nach draußen zu gehen. Oder man werde gemeinsam mit Vater und Mutter in ein Zimmer gesperrt, berichtet er. Seit dem Einrollen der israelischen Panzer und den nächtlichen Hausdurchsuchungen kann Murat nicht mehr richtig schlafen. Er ist deshalb um 3 Uhr morgens schon wach und fährt die ökumenischen Begleiter zum Checkpoint Turqumia im Nordwesten des Hebron Distriks. „Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich Schlafstörungen habe“, sagt er tapfer und lächelt schief. Sein Cousin wurde vor kurzem von israelischen Soldaten inhaftiert. Nachts sind alle Katzen grau, auch in Hebron.

Drehkreuz an der Ibrahimi-Moschee

Drehkreuz an der Ibrahimi-Moschee

Info zu Hebron: Warum befinden sich jüdische Siedler in einer arabischen Stadt?

In Hebron lebte ununterbrochen über die Jahrhunderte hindurch eine  jüdische Gemeinde. 1929 fand ein Massaker statt, in derem Zuge 67 jüdische Bewohner Hebrons  von arabischen Bewohnern der Stadt getötet wurden. Die restlichen Gemeindemitglieder verließen daraufhin Hebron und flohen nach Jerusalem. Juden kehrten erst 1967 wieder zurück, nachdem Israel die Westbank besetzt hatte. Die Stadt ist bedeutend für alle drei monotheistischen Religionen, da sich in der sogenanten Machpela-Höhle die Gräber von Abraham, seiner Frau Sara, ihrem Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob befinden sowie deren Frauen Rebekka und Lea. Heute ist das Heiligtum der Patriarchen, das über Jahrhunderte eine gotische Kreuzfahrerkirche war, eine Moschee mit einer im nördlichen Teil gelegenen Synagoge und wird sowohl von Juden als auch Muslimen genutzt. In den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts siedelten sich die ersten jüdischen Gläubigen in Hebrons arabischer Altstadt an, indem sie dort ein Hotel besetzten. Mittlerweile gibt es vier jüdische Siedlungen dort: Tel Rumeida, Beit Hadassah, Beit Romano und Avraham Avinu. Insgesamt leben dort 800 Siedler, die von 200 israelischen Soldaten

beschützt werden und mit Maschinengewehren – Typ M-16 – in den Straßen entlanggehen. Die Spannung in der Altstadt ist spürbar, besonders an hochsensiblen Stellen, wie enteigneten palästinensischen Wohnhäusern, den elf Checkpoints und im Umkreis der Ibrahimi-Moschee bzw. Machpela-Synagoge (siehe auch: http://www.palaestina.org/index.php?id=130 ) die streng bewacht wird. An jüdischen Feiertagen ist es Muslimen nicht erlaubt, ihren Eingang zu der Moschee zu benutzen.  Wir ökumenischen Begleiter positionieren uns am frühen Morgen am Checkpoint direkt bei der Cordoba-Schule, um die Lage zu beobachten. Die Schule ist arabisch, liegt aber direkt an einer der Siedlungen. Siedler mit Kippa und Zauselbart eilen im Laufschritt die Straße hinunter, während winzige palästinensische Mädchen mit riesigem Schulranzen und wippenden Zöpfen hüpfend Richtung Schule laufen. Die Kinder müssen einen Umweg nehmen, weil die Treppe zum Eingang von Siedlern okkupiert wurde. An diesem Morgen kommt es zu keinen weiteren Zwischenfällen, keine Beschimpfungen durch Siedler, keine fliegenden Steine. Am Abend erfahren wir, dass ein junger Siedler auf eines der Kinder mit einem Messer losgegangen ist. Das Kind konnte fliehen und blieb unverletzt. Die Homepage der jüdischen Gemeinde Hebrons ist es wert, angeklickt zu werden, weil dort sehr deutlich wird, dass der jüdische Anspruch auf Hebron arabisches Leben dort völlig ausschließt und auch, um sich selbst ein Bild der einseitigen Propaganda der jüdischen Siedler zu machen: http://www.hebron.com/english/index.php 


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