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Hexenjagd in Tel Aviv

19 Mai

 

Von Liva Haensel

In Israel geht die Marginalisierung von israelischen Menschenrechtsorganisationen in eine neue Runde. Die Nichtregierungsorganisation „Breaking the silence“ muss sich nun vor der Staatsanwaltschaft erklären. Die Organisation, die seit 2004 Augenzeugenberichte von israelischen Soldaten aus den völkerrechtswidrig besetzten palästinensischen Gebieten veröffentlicht, soll jetzt nach Informationen der Zeitung Haaretz Auskunft Weber die Identität und gesamte Kommunikation eines ihrer Autoren geben, der fuer die Publikation und Videos „This is how we fought in Gaza“ „ (erschienen im Mai 2015) Zeugnis abgelegt hat. Die Publikation beinhaltet Berichte von Soldaten zum Gazakrieg im Sommer 2014, in dem rund 2200 Palaestinenser starben, darunter  auch 500 Kinder. Der Organisation wird vorgeworfen, nicht nur die israelische Besatzung als solche, sondern auch die Moral selbst in der israelischen Armee in Frage zu stellen. Die Zeugnisse der Soldatinnen und Soldaten, die ueber ihre Armeezeit berichten, geschieht normalerweise anonymisiert. „Breaking the silence“ legt Wert darauf, dass dies auch in Zukunft so bleibt. „Die Staatsanwaltschaft hat nun von Grund auf entschieden, ihr  politischstes Instrument einzusetzen. Aber wir hoffen, dass die Richter sich weigern, dieses Spiel mitzumachen“, kommentierte der Mitgründer der NGO, Jehuda Shaul, die aktuellen Ereignisse in der französischen Zeitung „Le Figaro“.

Besatzung greifbar machen: Teilnehmer einer Tour der NGO in den suedlich von Hebron gelegenen Bergen. Foto: Breaking the silence

Besatzung greifbar machen: Teilnehmer einer Tour der NGO in den südlich von Hebron gelegenen Bergen.                                              Foto: Breaking the silence

Verheerende Folgen

Die israelische Armee hatte nach dem Erscheinen des Berichts im vergangenen Jahr selbst acht Untersuchungen angeregt. Dabei hatte sie „Breaking the silence“ um konkrete Informationen zu Soldaten gebeten. Das Argument, die Untersuchungen in den eigenen Reihen damit zu unterstützen, haelt die NGO fuer einen Vorwand. Die erste Anhörung vor der Staatsanwaltschaft ist fuer den 22. Mai vorgesehen. Wenn die Richter entscheiden, dass  „Breaking the silence“  künftig seine Zeugen offenlegen muss, koennte dies verheerende Folgen fuer alle Menschenrechtsorganisationen in Israel haben. Bisher konnten Soldaten, die kritisch ueber die Armee berichten, aehnlich wie Journalisten als Quellen geschützt werden. Wenn dies aufgehoben werden sollte, wuerde damit die Meinungsvielfalt weiter eingeschränkt werden. Die Organisation, die rund 200 Mitglieder mit Sitz in Tel Aviv hat, wird unter anderem von ausländischen Gebern finanziert. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte im vergangenen Jahr ein Gesetz auf den Weg gebracht, dass vornehmlich auf linke, besatzungskritische Menschenrechtsorganisationen abzielt. Diese muessen kuenftig ihre Geldgeber offenlegen.

„Breaking the silence“ war in der Vergangenheit wiederholt Zielscheibe von Cyberattacken geworden. Jehuda Shaul berichtet auch von unangekündigten Durchsuchungen. Erst kürzlich hatte ein ehemaliger Generalstabschef der israelischen Armee die voranschreitende Zensur im Land mit der Situation im nationalsozialistischen Deutschland verglichen.

Anmerkung der Redaktion: dreiecksbeziehung hat bereits 2012 ueber die Organisation „Breaking the Silence“ berichtet. Das Gespraechsprotokoll eines der Mitarbeiter, Avihai Stollar, finden Sie unter dem Titel „Israelis fuer Frieden“.

4 Aug

Von Liva Haensel

Mimi Weingard (Name von der Redaktion geändert) möchte kein Foto von sich im Internet sehen. Sie sitzt auf der Terrasse des Österreichischen Hospizes in Jerusalems Altstadt und nippt an ihrem Großen Braunen. Ihr Freund Erez sitzt ihr gegenüber. Das Paar hat sich für zwei Nächte ein Doppelzimmer in dem alterwürdigen Haus, das noch aus ungarisch-österreichischen Kaiserzeiten stammt, geleistet. „Wir wollen die Altstadt und ihre Atmosphäre von innen spüren, den Trubel, die Gerüche und Lichter“, sagt Mimi (39). Beide leben in Tel Aviv, der Partybubble am Mittelmeer. Mimi mag Jerusalem nicht besonders, vor allem nicht die Ultra-Orthodoxen, die das Straßenbild mit ihren altmodischen Gewändern in Schwarz tauchen und mittlerweile ein Drittel der jüdischen Bevölkerung ausmachen. Aber ihre Mutter leidet seit einer Hüftoperation an einer schweren Depression und lebt hier. Deshalb nimmt sie die Haredin, die religiösen Siedler, die Intoleranz der Stadt dreier Weltreligionen zeitweise in Kauf.

Hochbeschützte Staatsbürgerin

Im Ramadan –  dem Fastenmonat der Muslime – ist die Altstadt überfüllt mit Gläubigen, die mit Gebetsteppich (Männer) und –Mantel (Frauen) auf den Haram Al-Sharif, den Tempelberg, gehen. Dort befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Aber die Stadt ist auch voller israelischer Soldaten und Polizisten mit Gewehren und Schlagknüppeln. Vor der Treppe zum Österreichischen Hospiz stehen zehn junge Soldaten, die meisten Äthiopier, und sollen für die Sicherheit Israels sorgen. Oben, ein paar Meter höher im Garten des christlichen Hospizes, sitzt Mimi, eine hochbeschützte Staatsbürgerin Israels, im Spagettiträger-Top und mit Flipflops. Mimi ist Informatikerin. Sie hat eine Eigentumswohnung in Tel Avivs schickem Norden und ist gerade dabei, gemeinsam mit ihrer Familie eine Wohnung in Berlin zu erstehen. Die Weingards sind eine deutsch-jüdische Familie, Netas Mutter spricht noch fließend Deutsch und fühlt sich als echte Jecke. Die Großmutter fuhr 1943 in den Tod nach Theresienstadt. Aber Mimi hat mit dem nationalsozialistischen Deutschland ihren Frieden geschlossen, „weil es vorbei ist“, sagt sie. Berlin findet sie „sauber, die Menschen superfreundlich, ganz anders als die aggressiven Israelis“, und „aufregend“.

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.  Grafik: UN Ocha

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.
Grafik: UN Ocha

Nicht politisch aktiv

Sie betont, dass ihr Freund „sehr links“ sei. Mimi selbst ist sich nicht sicher, ob sie Israels Zionismus verteufeln oder gutheißen soll. Als jüdische Israelin genießt sie alle Privilegien im Gegensatz zu arabischen Israelis, die man im Nahen Osten als „48-Palästinenser“ bezeichnet (Araber, die nach der Staatsgründung Israels und der damit einhergehenden Vertreibung in den späteren Staatsgrenzen verblieben). Das weiß sie irgendwie, sie ahnt es, es ist ihr nicht wohl dabei, aber politisch aktiv gegen die israelische Besatzung ist sie nicht.

Warum auch? Es lebt sich gut so.

Mimi ist eine der Israelinnen, die in Tel Avivs Dizengoff shoppen und dann die Norgau Street runter an den Strand gehen, um sich dort mit Freunden zu treffen. Die Lokale

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang Foto: bestoftelaviv.com

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang
Foto: bestoftelaviv.com

am Meer bieten Meeresfrüchterisotto für 80  (etwa 15,15 Euro) und Fruchtschorle für 20 Shekel an (5 Euro). Das muss man sich leisten können, aber Mimi hat Ersparnisse und eine gutbetuchte Familie. Manch andere Israelin auch. Trotz Wirtschaftskrise und einem israelischen Monatsgehalt von 1600 Euro reiht sich an der Strandpromenade ein Markenshop neben dem nächsten. Und obwohl die Mieten in der Bauhaus geprägten Stadt extrem hoch sind (Einzimmer-Apartments kosten rund 700 Euro aufwärts), scheint die Idylle nichts zu trüben. Frauen mit Babybäuchen in bunten Sommerkleidern plappern emsig mit ihren Freundinnen, während sich sexy Jogger mit Sixpack-Bauch und rasierter Brust an ihnen vorbeiquetschen. Mimi nippt an Ihrem Kaffee im Hospiz, der jetzt fast alle ist. Sie will noch in die St. Anna-Kirche mit der guten Akustik, ihr Freund möchte dort singen. „Komm“, sagt sie, und packt ihre Tasche.

Ihre Augen sprechen

Muna Darawi (Name von der Redaktion geändert) grüßt ihre Kolleginnen kurz und knapp und eilt dann an ihren Schreibtisch. Sie will nicht reden, nicht über das, was gerade passiert ist, aber ihre Augen sprechen aus, was der Mund nicht zu sagen vermag. Vielleicht was mit der Familie, ein Streit darüber, dass sie gerne noch weiter studieren möchte und ihr Vater dagegen ist? Nach einer Stunde sind die Schweißperlen auf der Stirn der 22-Jährigen verschwunden, die Schwere in ihrem Blick ist einer gewissen Leichtigkeit gewichen. Sie lächelt.

Alpträume mit israelischen Soldaten

Muna, die Psychologin, tippt an einem Computer-Programm für die kommenden Monate. Dann wird sie wieder Feldarbeit unternehmen,  mit einer Kollegin in Schulen und Flüchtlingslager gehen, um junge Mädchen und Frauen zu motivieren. Für eine bessere Zukunft in Palästina, ein eigenständiges Leben, bessere Bildungschancen. Dann hilft Muna denen, die auf der sozialen Leiter ganz unten sitzen. Kindern in Jerusalems Altstadt, die mit 10 anderen Familienmitgliedern auf 50 Quadratmeter leben müssen während auf dem Stockwerk über ihnen jüdische Thora-Studenten in einer Jeschiva (Talmudschule) lauthals Gott preisen – Tag und Nacht. Oder Jungen, die noch mit 10 Jahren ins Bett machen, weil sie von Alpträumen geplagt werden, in denen israelische Soldaten ihre Väter verprügeln und sie anschließend verhaften. Mädchen, die heimlich von männlichen Familienmitgliedern nachts unter der Bettdecke missbracht werden. Die Altstadt ist ein soziales Pulverfass, weil die Palästinenser dort keine Bau- und Renovierungsgenehmigungen bekommen während sich gleichzeitig israelische Siedlerorganisationen wie ein Geschwür in ihren knappen bemessenenen Wohnraum fressen.

Eine tickende Zeitbombe

Muna kennt diese

Erzählungen ihrer kleinen und großen Klienten ganz genau. Sie wiederholen sich. Sie häufen sich. Dabei geht es ihr manchmal doch selbst schlecht.

„Heute Morgen kam ich über den Checkpoint Qualandia, der zwischen Ramallah und Jerusalem liegt“, berichtet sie. Als sie dem Soldaten dort ihren blauen Ausweis*, das unverkennbare Zeichen der arabischen Jerusalem-Bewohner zeigt, wird sie von einer Frau angefaucht, die neben ihr steht: „Du weißt gar nicht, was es bedeutet, unter Besatzung zu leben. Du weißt nicht, was es heißt zu leiden“, so die Worte der Westbank-Palästinenserin mit einem grünen Ausweis. Muna hat sich gewehrt, sagt sie. Nur, weil sie keine Sondergenehmigung der Israelis für den Grenzübergang nach Jerusalem benötige, heißt das nicht, dass sie nicht leidet. „Ich muss genauso über diesen Checkpoint wie Du auch, ich muss genauso seine Gitter, die schlecht gelaunten Soldaten, die Demütigungen ertragen.“

Sie fühlt sich als Gast

Am meisten frustriert Muna an solchen Auseinandersetzungen, dass sie einen Keil zwischen die Palästinenser als Ganzes treiben. Wer in Gaza lebt, ist mittlerweile anders sozialisiert als jemand, der in der Westbank aufwächst, in Israel oder in Ost-Jerusalem. Die Segregation als gewollte Politik Israels zeigt mittlerweile ihre Wirkung. Auch die zunehmend künstlich aufgebaute Entfremdung zwischen christlichen und muslimischen Palästinensern durch israelische Autoritäten nimmt zu. Muna stimmt das traurig. Am schlimmsten aber fin

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

det sie, dass sie sich mittlerweile in ihrer Heimatstadt Jerusalem nur noch als Gast fühlt. „Wenn ich mit meinem Kopftuch in West-Jerusalem shoppen gehe, werde ich von den jüdischen Israelis als etwas anderes angesehen, als jemand, der nicht dazugehört. Dabei lebt meine Familie seit Jahrhunderten hier, Jerusalem ist mein Zuhause.“

Muna mag den Strand von Tel Aviv. Sie liebt die Farben in den Schaufensterauslagen Tel Avivs, den Wind dort, das sich Barfüßig-in-den-Sand-zu-Graben. Sie liebt es

genauso wie Mimi. Aber die beiden Frauen trennen Welten. In die eine, in der Besatzer leben und regieren. Und die andere, in der unter Besatzung Lebende den Regeln zu folgen haben.

*Im Sechs-Tage-Krieg 1967 eroberte Israel Ost-Jerusalem und die Altstadt mit der Klagemauer. Die arabischen Bewohner erhielten daraufhin nicht die israelische Staatsbürgerschaft, sondern lediglich den Status von „permanent residents“. Dies beinhaltet, dass Ost-Jerusalemer lückenlos beweisen müssen, dass sie ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt haben (gemeldeten Wohnsitz, Elektrizitäts- und Wasserrechnungen, Jobnachweis etc.) Alle Bewohner leben in ständiger Gefahr, ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren. Dies betrifft vor allem Menschen, die im Ausland gelebt/studiert haben, mit Westbank-Bewohnern verheiratet sind oder direkt an der Mauer leben, die die jüdischen Siedlungen und ihre 190.000 Einwohner illegal miteingemeindet hat. Um Ost-Jerusalemern ihren Status abzuerkennen, benutzt Israel teilweise Notstandsgesetze und solche aus der Zeit des Ottomanischen Reiches. Bisher haben auf diese Weise rund 14.000 in Ost-Jerusalem geborene Einwohner ihr Aufenthaltsrecht verloren. 1980 annektierte der jüdische Staat Ost-Jerusalem gegen internationales Recht und proklamierte kurze Zeit später Jerusalem zu seiner „einzigen, ungeteilten Hauptstadt“. Der Beschluss wird von der Internationalen Gemeinschaft bis heute nicht anerkannt. In Ost-Jerusalem leben derzeit 290. 000 Menschen, jeder vierte unterhalb der Armutsgrenze.

Der stinkende Stiefel

24 Jan

Von Liva Haensel
Die Welt atmet auf. Israel hat gewählt, und die einzige Demokratie im Nahen Osten zeigt sich bunt – so gehört es sich für ein demokratisches Land mit ausgeprägter Streitkultur – und voller Neu- und baldiger Ex-Abgeordneter in der Knesset. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle gratuliert „nicht nur dem Wahlsieger, sondern auch allen, die jetzt als Abgeordnete gewählt worden sind.“ Dass jetzt eine zügige Regierungsbildung wichtig sei und dass der Friedensprozess im Nahen Osten „durch konstruktive Verhandlungen mit den Palästinensern vorangebracht werden soll“, betont er auch noch.

Verteilung der Mandate auf die Parteinen in der Knesset.  Grafik: Haaret

Verteilung der Mandate auf die Parteien in der Knesset.
Grafik: Haaretz

Auf keiner Agenda

Friedensprozess. Frieden und Prozess. Der Begriff wird seit Jahren so inflationär verwendet wie kaum ein anderer, wenn es um Israel und Palästina geht und den Konflikt zweier Völker, die dasselbe Land beanspruchen. Mit dem Friedensprozess ist es ein bisschen wie mit alten Stiefeln im Winterschlussverkauf: Sie stehen jedes Jahr wieder im Regal, der Preis um die Hälfte reduziert, das Leder schon etwas abgewetzt, die Farbe verblichen. Einst waren sie schick und en Vogue. Jetzt sind sie nur noch schnöde. Und werden trotzdem immer wieder angeboten. Es könnte ja sein, dass doch nochmal jemand zugreift. Die israelischen Wähler aber haben die Stiefel bei dieser Wahl nicht nur im Regal, sondern einfach im Regen stehen lassen. Frieden ist die Abwesenheit von Krieg, so hat es der norwegische Wissenschaftler Johan Galtung einmal definiert. Israel befindet sich seit 1948, dem Jahr seiner Staatsgründung, im Kriegszustand, weil es keinen Frieden gibt in der Region. Und weil der Krieg mit den Palästinensern, die sich gegen ihre Besatzung zu Recht wehren – 1.5 Millionen in Israel, 4.5 Millionen in der besetzten Westbank, dem Gazastreifen und den Golanhöhen – niemanden interessiert. Keine der Parteien hatte Verhandlungen mit den Palästinensern auf die Agenda gesetzt. Nur in dem Parteiprogramm von Tzipi Livni kam dieser Punkt vor. (Livni setzte sich mit ihrer neugegründeten Partei mit 5 Prozent der Wählerstimmen nicht durch und wird kein großes politisches Gewicht haben). Keiner der Wähler hatte dies auch je eingefordert. Schon gar nicht diejenigen, die zwar „Peace Factorys“ mit Herzen und zuckersüßen Slogans auf facebook gründen und Gruppen, die „Israel loves Palestine“ und „Israel loves Iran“ heißen. Aber dort niemals über die Besatzungspolitik ihres eigenen Landes, ergo über ihre eigene Verantwortung sprechen.

Israel, eine lahme Ente

Was kümmerts die Palme, wenn die Sau sich dran scheuert: Der Strand von Tel Aviv ist schöner als jede politische Diskussion. Foto: L. Haensel

Was kümmerts die Palme, wenn die Sau sich dran scheuert: Der Strand von Tel Aviv ist schöner als jede politische Diskussion.
Foto: L. Haensel

Aber die Israelis haben offensichtlich keine Lust auf Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Ideologie. Die vitale Demokratie im Nahen Osten erinnert eher an eine lahme Ente, die sich nicht mehr bewegen kann vor lauter Winterspeck, den sie sich vorsorglich angefressen hat. Besatzungsmacht, nächtliche Razzien, Unterdrückung und Tränengas, 500 Kontrollen und Checkpoints, Verletzungen und Tötungen an (jungen) Palästinensern, völkerrechtswidriges Verhalten und jahrelange Verstöße gegen die Menschenrechte? Gibt es nicht. Die sozialen Proteste des Sommer 2011, bei dem Studenten und Senioren auf die Straßen gingen, richteten sich gegen die großen Probleme der Mittelschicht-Bürger: Sozialabbau, unbezahlbare Mieten, steigende Lebenshaltungskosten, teure Bildung. „ Diese Proteste damals gingen weit mehr um den Preis von Hüttenkäse als um die Palästinenser, die Besatzung und Kolonisierung“, schreibt der Direktor des „Jerusalem Fund“, Yousef Munayyer, in seinem Artikel „What Israel’s Election Outcome Means—And Doesn’t Mean“. Das größte Thema – Israel herrscht über 6 Millionen Menschen, die nicht dieselben Rechte besitzen wie jüdische Israelis – haben die Wähler als unbequemen und stinkenden Stiefel von ihren Füßen abgestreift.

Lapid will kein palästinensisches Jerusalem

Die israelische Medien und auch die deutschen schreiben von „Denkzetteln“, die die wütenden Bürger ihrem Premier Netanjahu verpasst hätten. Die Israelis hätten „Frieden“ gewählt und nicht das rechts-nationalistische Lager. Freilich, Netanjahu hat Stimmen eingebüßt. Derzeit ist seine Likudpartei noch mit 42 Mandaten beauftragt, in einem Monat – wenn die neue Regierungskoalition gebildet sein wird – hat er lediglich 31. Sein Bündnis mit dem ehemaligen Außenminister Avigdor Lieberman gefiel gerade liberalen Städtern nicht besonders. Sie wanderten lieber zu dem charismatischen Journalisten Yair Lapid mit seiner Partei „Es gibt eine Zukunft“ (Yesh Atid, 19 Sitze) ab. Lapid will sich um sozialen Wohnungsbau kümmern und die gesetzliche Einbindung religiöser Juden, die bisher vom Staat einen Freibrief und finanzielle Zuwendungen erhielten. Nicht aber um einen palästinensischen Staat und die Menschenrechte. Bei den Parteien gibt es eine klare Trennlinie zwischen säkularen und religiösen, aber die Begriffe links und rechts sind irreführend. Ihr gemeinsamer Nenner ist immer der Zionismus und damit zionistische Interessen, die nationale sind und den jüdischen Staat bis heute kennzeichnen. Auch Lapid will kein palästinensisches Jerusalem und sieht die Stadt als unteilbar an.

Hebräischlernen im Gefängnis

Palästina vom Osmanischen Recih bis heute.  Grafik: Peace Now

Palästina – Entwicklung des Gebietes von der Zeit des Britischen Mandats bis heute.
Grafik: Peace Now

„Jedes Land kriegt die Regierung, die es verdient“, schreibt ein User in der facebook-Gruppe der Jüdischen Allgemeinen. „Für die Palästinenser interessiert sich niemand“, sagt ein israelischer Journalist, der seine Mails an Redaktionen gerne mit der Formel „mit zionistischen Grüßen“ beendet und sich darüber wundert, dass „viele Palästinenser oft so gut Hebräisch sprechen“. Dass die meisten Palästinenser vor dem Mauerbau, 2003, in Israel gearbeitet hatten und noch mehr von ihnen in israelischen Gefängnissen saßen (wo sie die Sprache lernten, weil niemand mit ihnen Arabisch redete), hatte er bei seinen Recherchen irgendwie nicht mitbekommen.

Ein Schubs ins Wasser

Netanjahu hat jetzt 26 Tage Zeit, eine Koalition zu bilden. Nimmt er Lapids Mitte mit, die einem hohlen Ei gleicht, wird es keine gewichtigen Entscheidungen geben. Sollte er das nationalistische Lager favorisieren und mit dem Software-Millionär Naftali Bennet (Ha-Bait ha-Yehudi mit 12 Stimmen) zusammengehen, wird nicht nur das Dorf Nahalin schneller als gedacht Geschichte sein, sondern auch Ost-Jerusalem als palästinensische Hauptstadt. Es ist alles eine Frage der Zeit. Die rundgefressene Ente kann jetzt nur noch von der internationalen Gemeinschaft ins Wasser geschubst werden, die am Ufer steht und die Szenerie beobachtet. Der Friedensprozess ist dort schon seit langem abgetaucht und liegt auf dem Grund neben einem alten, verrotteten Stiefel, made in Israel.

Bühne frei

6 Sep
Peter Brook.   Foto: starscolor.com

Peter Brook. Foto: starscolor.com

„Es ist schwer, Jude zu sein – doch Israeli zu sein, ist ein Fluch“, schreibt Omri Nitzan auf ynet. news, dem israelischen Onlineportal (gesamter Text auf Deutsch hier).  Nitzan ist Intendant des Cameri-Theaters in Tel Aviv und derzeit verschnupft. Der Grund dafür ist die Absage des britisch-jüdischen Theaterregisseurs Peter Brook an Nitzan und sein israelisches Theater. Eigentlich hatte Brook, Star der weltweiten Theaterszene, an dem Internationalen Theaterfestival des Cameri in Tel Aviv mit seinem Ensemble im Dezember teilnehmen wollen. Jetzt sagte der Regisseur in Hinblick auf Israels Menschenrechtsverletzungen gegen die palästinensische Bevölkerung ab. Nitzan rief daraufhin laut eines Tel Aviver Magazins umgehend eine Sondersitzung mit seinen engsten Mitarbeitern ein und überlegt nun, gegen Brook zu klagen.

Die Bewegung wächst stetig

Die jüngste Absage gegen einen israelische Einrichtung reiht sich damit ein in die Kette von Absagen und Verweigerungen internationaler und israelischer Künstler,  in Israel und den illegalen israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten aufzutreten. Erst kürzlich zuvor hatte auch der US-Amerikanische Sänger Lenny Kravitz seine Konzerttournee für Israel abgesagt und sich damit als Befürworter des kulturellen Boykotts gegen Israel geoutet.  2005 hatte die palästinensische Zivilgesellschaft das erste Mal öffentlich dazu aufgerufen, Israel auf wirtschaftlicher, akademischer und kultureller Ebene solange zu boykottieren, bis der Staat die Einhaltung der Menschenrechte und internationalen Rechts gewährleiste. Der sogenannte BDS-Call („Boycotts, divestment and sanctions“) aus der Mitte der palästinensischen Gesellschaft wuchs langsam aber stetig zu einer globalen Bewegung an, die sich an der Boykott-Kampagne zu  Apartheid-Zeiten in Südafrika oriertiert und von Seiten israelischer Friedensaktivisten mit der Organisation „Voice from within“ befürwortet wird.

Neue Strategien auf dem Weltsozialforum

Logobild des Weltsozialsforums für 2012.    Foto: WSF Brasil

Logobild des Weltsozialsforums für 2012. Foto: WSF Brasil

Von Menschenrechtsaktivisten wird BDS als Segen angesehen. Gerade diejenigen, die selbst aus Ländern mit Apartheidserfahrungen stammen wie Südafrika, sind oftmals Anhänger der Bewegung. Auf dem Weltsozialforum, das dieses Jahr in Brasilien in Porto Alegre zum ersten Mal unter dem Motto „Free Palestine“ stattfinden wird, wird die Boykottbewegung für die Interessen des palästinensischen Volkes eines der Hauptthemen sein. „Wir werden nicht nur darüber sprechen, wie wir vor allem in Ländern , die intensiv mit Israel Handelsbeziehungen haben, BDS stärker umsetzen“, sagt Ahmad Jaradat, Mitarbeiter des israelisch-palästinensischen Alternative Information Center (AIC). „Sondern wir werden in Brasilien auch eine Strategie entwickeln, die nachhaltig in allen Ländern von Menschen umgesetzt werden kann, die sich mit Israel und seiner Nichtachtung von Menschenrechten auseinandersetzt.“
Auf dem Weltsozialforum Free Palestine werden mehr als 500 Vertreter von rund 170 kirchlichen und unabhängigen Nicht-Regierungs-Organisationen erwartet, die sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen: Ende der israelischen Besatzung, Einhaltung der Menschenrechte und UN-Konventionen, Gleichberechtigung der palästinensischen Bevölkerung, Beendigung von Apartheid und Mauerbau sowie Realisierung des Rückkehrrechts der palästinensischen Flüchtlinge. An dem Forum werden laut des AIC auch zahlreiche jüdische und israelische Organisationen teilnehmen. „Jeder, der möchte, ist eingeladen“, sagt Jaradat. Bedingung dafür sei, dass jeder Teilnehmer die Prinzipien des Weltsozialforums bejahe.

„Delegitimierung der hebräischen Kultur“

In seinem Gastbeitrag auf dem israelischen Onlineportal ynet news fasst der abservierte Theaterdirektor Nitzan seine Wut über Brooks Boykott in Worte. „Wenn Brooks Théâtre des Bouffes du Nord“, schreibt er dort, „das als das wichtigste internationale Ensemble der Welt gilt, sich weigert, hierher zu kommen, dann kann man die Augen nicht mehr davor verschließen. Wir müssen verstehen, dass das kein Protest gegen diese oder jene Institution ist, sondern eine Delegitimierung der gesamten hebräischen Kultur, die für den Zionismus steht, der wiederum die raison d’être des Staates Israel ist. Es ist das Glück der Literatur, dass sie schweigt. Es ist das Glück der Schriftsteller, dass – wegen der fürchterlichen Assoziationen dazu – bisher noch keine Bücher verbrannt werden.“

Lieber die Opferrolle behalten

Mit diesem Vergleich zielt Nitzan direkt auf die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten im Dritten Reich ab, bei der tausende Schriften jüdischer Autoren öffentlich verbrannt wurden. Damit schafft er eine künstliche Parallele, die jüdische Israelis zu reine Opfer stilisiert – und ihnen damit eine aktive Täterschaft und Entscheidungsgewalt nimmt. Dieser Diskurs ist so alt wie der Staat Israel selbst, verhindert aber eine echte Auseinendersetzung mit Israels Verantwortung gegenüber 5,5 Millionen Palästinensern, die seit 1967 unter israelischer Besatzung leben und nach internationalem Recht ihrer basalsten Rechte beraubt sind. Anfang des Jahres beschlosss der jüdische Staat, 70.000 in der Negev-Wüste lebende Beduinen zwangsumzusiedeln. Vor zwei Tagen räumte die israelische Armee den illegalen jüdischen Außenposten Migron mit etwa zehn jüdischen Familien. Dafür schworen rechtsradikale Siedler Rache mit ihren sogenannten Price-Tag-Attacken („Einen Preis dafür zahlen“) und diese folgte promt gestern: Die Einganstür des französischen Trappistenklosters Latrun im Norden Jerusalems wurde abgebrannt, mehrere Graffitti-Slogans  („Jesus ist ein Affe“) und direkte Anspielungen auf die Räumung Migrons fanden sich auf den Mauern des Klosters. Das französische Außenministerium forderte nun umgehend eine Aufklärung des Verbrechens. Benjamin Netanjahu hat diese, wie schon bei vielen anderen Price-Tag-Verbrechen von terroristischen Siedlern vorher, versprochen.

Palästinenser-Staat in Eretz Israel undenkbar

Die Gewalt einer jüdischen Minderheit erleichtert es dem jüdisch-israelischen

Buchtipp "Das zionistische Israel".   Foto: Schöningh Verlag

Buchtipp „Das zionistische Israel“. Foto: Schöningh Verlag

Mainstream, sich davon klar abzugrenzen. Dennoch werden damit Situationen geschaffen, die offenlegen, worum es wirklich geht: Der Zionismus ist die Grundlage des Staates Israel, sein Gerüst, seine Staatsräson. Nitzan betont das in seinem Text. Solange es keine Alternative gibt oder zu geben scheint, wird es keine Gleichberechtigung im jüdischen Staat für nicht-jüdische Bürger, vornehmlich für die rund 20 Prozent israelischen Palästinenser, geben. Das Interesse an einem eigenständigen palästinensischen Staat auf Eretz Israel, also auf dem Gebiet der Westbank (für Zionisten Judea und Samaria) ist unter zionistischer Betrachtungsweise nicht denkbar. Die israelische Historikerin Tamal Amar-Dahl hat dies in ihrem neuen Buch „Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts“ wissenschaftlich erläutert. Amar-Dahl hatte 2006 ihre israelische Staatsbürgerschaft als politisches Statement gegen die Invasion ihres Heimatlandes im Südlibanon aufgegeben – „eine nicht einfache Entscheidung, deren Gründe meine Mutter bis heute nicht kennt“, wie sie sagt.

Kirchen müssen sich positionieren

Der Protest gegen Israels Politik hat viele Formen. Dass Siedlergewalt

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

vornehmlich gegen Palästinenser in der unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, ist ein Phänomen, an das sich der Staat gewöhnt hat. Attacken gegen die eigenen Leute  –  zumeist Militärposten – finden dagegen nicht täglich statt. Die Agressionen gegen Mönche macht nun deutlich, dass es jeden treffen kann – und auch wird. Damit geraten Kirchen weltweit in eine unliebsame Situation: Sie müssen sich positionieren für einen gerechten Frieden in Nahost und für ein Ende der israelischen Besatzung. Die Presbyterianische Kirche in den USA hat jetzt auf ihrer Sommer-Synode einen Boykott von Produkten aus israelischen Siedlungen beschlossen. Vor drei Wochen stimmte die Vereinigte Kirche Kanadas ebenfalls mit großer Mehrheit dafür ab, im Mai dieses Jahres entschlossen sich die Methodisten für das selbe Anliegen. Alle drei Kirchen rufen alle Nationen dazu auf, eine Komplizenschaft mit Israels Kolonialpolitik  in Form eines Importes von Waren aus besetztem palästinensischem Land zu beenden. Dafür ernteten sie harsche Kritik von jüdischen Lobbygruppen. Und Lob von (jüdischen) Menschenrechtsaktivisten.

Latrun öffnet jetzt Türen

Zerstörte Tür im Kloster Latrun.  Foto: leavelike

Zerstörte Tür im Kloster Latrun. Foto: leavelike

Latrun, das beschmierte Kloster, öffnet nun möglicherweise unverhofft – zu einem hohen Preis – Türen zu wegweisenden Pfaden und Fragen, wie jeder einzelne und jede Institution sowie jedes Land künftig mit Israels Politik umgehen möchte. Die Zeit der Schauspiele, der großen Dramen ist vorbei. Zwei Palästinenser haben sich gerade selbst verbrannt, weil sie die steigenden Lebenshaltungskosten im Gazstreifen und der Westbank nicht mehr ertragen wollten. Die aktuellen Demonstrationen gegen die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), die 1995 im Zuge des Oslo-Abkommens implementiert wurde, könnten sich zu Massenbränden ausweiten. „Das Oslo-Abkommen hat uns nur noch mehr Checkpoints, Landfragementierung und – Konfiszierung eingebracht. Die PA ist eine Schande und kooperiert mit Israel“, sagt der bekannte palästinensische Aktivist und Intellektuelle Naji Odeh aus Bethlehem.

Der große Spiegel

„Theater zeigt nicht nur die Oberfläche, es zeigt, was hinter der Oberfläche in den komplexen sozialen Beziehungen verborgen liegt – und dahinter wiederum die letztendliche existenzielle Bedeutung dieses Treibens, das wir Leben nennen. All dies kommt  zusammen und wird in dem großen Spiegel reflektiert“, schreibt der Israel-Boykottierer Brook.

Ich hab kein Heimatland oder: Le chaim!

24 Jul
Max Raabe und das Palastorchester.    Foto: www.palastorchester.de

Max Raabe und das Palastorchester. Foto: http://www.palast-orchester.de

אהבה באה, אהבה הולכת Die Liebe kommt, die Liebe geht. Pause. Mit diesen Worten beginnt Max Raabe, der Chansonier mit seinem Berliner Palastorchester,  seine abendlichen Konzerte, damit stimmt er sein Publikum in Israel und sich selbst musikalisch ein.  Alle Lieder, Chansons und legendären Schlager, die er singt, stammen mehrheitlich aus der Feder jüdischer Komponisten. „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘“, „Bei mir bist Du schön“, „Armer Gigolo, schöner Gigolo“.  Es ist eine Hommage an die goldenen Zwanziger Jahre der Weimarer Republik, an die übersprudelnde Musikindustrie mit ihren frechen Texten und den augenzwinkernden Noten, der Ironie, dem Sarkasmus und Schalk im Nacken.  Das Markenzeichen dieser Lieder ist, das sie oft  – beladen mit Schwerstgewicht zwischen den Zeilen – leichtfüßig daherzukommen scheinen.  Tabus, wie Homosexualität, Geschlechtervermischung und Anderssein, werden mit dem Notenschlüssel gebrochen und bohren sich in Herz und Hirn. Denn: Wer denkt bei „Veronika, der Lenz ist da“ tatsächlich an frischen Spargel?

Wie soll man Worte finden?

Vielleicht war es auch ein Tabu, das Max Raabe brach, als er sich 2010 mit seiner Crew nach Israel aufmachte. Zumindest bricht er das Eis, irgendwie, manchmal hilflos, vor allem aber mit der Musik. Die internationale Tournee der deutschen Musiker – elf Instrumentalisten, eine erste Geige, ein Sänger – sollte ihren Abschluss in dem Land krönen, das so vielen deutschen Juden nach dem nationalsozialistischen  Terror zur zweiten Heimat geworden war. Max Raabe lud ein und die Jeckes kamen. Vier Regisseurinnen haben Raabes Tournee, seine Gespräche mit deutschen Juden und Begegnungen mit der Kamera begleitet. Die Dokumentation „Max Raabe in Israel“ lief kürzlich im Fernsehen. „Peinlich“ sei es manchmal gewesen, er habe manches Mal nicht gewusst, was er hätte sagen sollen zu den Überlebenden des Holocaust, gibt Raabe darin offenherzig zu. Wie Worte finden für diejenigen,  die es noch geschafft hatten aus Nazi-Deutschland rauszukommen, während ihre restlichen Verwandten in Konzentrationslagern vergast wurden?

An einer Stelle erwidert Raabe einer jungen israelischen Reporterin in Armeekleidung, die bei den Verteidigungskräften Zahal dient, dass die jüdischen Songschreiber auf Deutsch

Friedrich Hollaender, jüdischer Komponist und Revuetexter.  Von ihm stammt die Filmmusik aus "der blaue Engel".    Foto: jewprom.com

Berühmt geworden: Friedrich Hollaender schrieb die Filmmusik zu „Der blaue Engel“. Foto: jewprom.com

texteten, weil es ja ihre Muttersprache gewesen sei. Die Soldatin, vielleicht 25 Jahre alt und Enkelin von deutschen Holocaust-Überlebenden, hatte zuvor vorwurfsvoll gefragt, warum ausgerechnet auf Deutsch gesungen wird. Doch nicht alle sind voreingenommen oder assoziieren mit Deutschen nur Nationalsozialisten, das wird klar. Dass Juden zum Erstaunen vieler (meist nicht-jüdischer) Menschen verschieden sind und jüdisch nicht gleich jüdisch ist, zeigt sich wunderbar durch den ganzen Film hinweg. Da ist Shimon Yaron, der eigentlich mal Siggi hieß und in Berlin geboren wurde. Trotz der Kränkungen, Diskriminierungen und Verfolgung durch die Deutschen im Dritten Reich, ist dieser Mann reich an Würde und Bedachtsamkeit. „Jeder so wie er kann“, sagt der damals 90-Jährige zu Max Raabe im Flugzeug von Berlin nach Tel Aviv mit Berliner Dialekt und lacht. Hanna Schächter, 1936 mit einem Kindertransport nach Palästina entkommen, gibt zu, dass sie Berlin, „die Heimat“, immer noch liebt. Aber auch, „dass man das in Israel nicht sagen darf“, sagt sie verschmitzt hinter vorgehaltener Hand während ihr Enkelsohn, in Münster geboren, neben ihr sitzt und zuhört.

Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?

Max Raabe, der große deutsche Mann mit Po-Scheitel und Pomade, stakst ins Tote Meer, die Kamera geht mit. Grinst und zeigt Zunge. Zupft sich den Frack zurecht, bedankt sich artig beim Auditorium, redet über Gefühle und Religion. Und bleibt trotzdem sehr ungenau dabei. Es fallen Begriffe wie „Tragweite“, „schönes Land“ und „Offenheit“. Die „Probleme“ im Land werden nur vage erwähnt ohne sie tatsächlich zu bezeichnen, sie sind „ein anderes großes Thema“.  Auch ist erstaunlich, dass sich der Sänger, dessen Repertoire so immens viele deutsch-jüdische Urheber hat, so wenig mit dem Leid eben dieser und damit dem seines Publikums auseinandergesetzt hat. „Das kannte ich nicht“ und: „Das wäre zu schlimm für mich gewesen“, sagt er über die Schicksale der Jeckes. Aber warum nur? Ist es nicht schlimmer für diejenigen, die durch die deutsche Musik in dem Konzert an ihre Heimat erinnert werden, die ihnen am Ende das Gefühl gab, dass sie nichts mehr wert waren? „Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?“ Das fragt die Mutter ihren Sohn in einem der letzten Briefe 1935 aus Deutschland, nachdem sie ihn gerade noch in den rettenden Zug setzen konnte. Der alte Mann, Shimon Yaron,  liest ihn vor, er sitzt auf einem Stuhl, dann legt er die Briefe zurecht. Seine Hände zittern.

Deutsche Lieder will keiner hören

Keiner in Israel wolle die deutschen Lieder mehr hören, sagt Michael Ballhorn, ein alter deutscher Jude, beim Jerusalem Film Festival jetzt im Juli. Max Raabe ist wieder dabei, zwei Jahre nach der Tournee in Israel kehrt er zurück, um der Premiere der Doku beizuwohnen – und zu singen.  Ballhorn deutet damit etwas an, auf das der Videobeitrag der ARD nicht weiter eingeht:  Die Tragik, dass das Leid der Holocaust-Überlebenden, ihre Traumata und Schmerzen, nicht zu einem starken und jungen Israel der Nachkriegszeit passten. Man wollte den jüdischen Staat aufbauen, ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag legen. Deutsch war die Sprache der Täter, die Jeckes sollten schnell Hebräisch lernen und das alte hinter sich lassen. Der Holocaust als Absage an die deutschen Juden, die Jahrhunderte lang um Assimilation und Gleichberechtigung gerungen hatten, als vor allem Deutsche, dieser Bruch, der weitere Ängste und Spannungen nach sich zog, hätte einer intensiven Wundheilung bedurft. Aber dafür war kein Raum.

Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem?

Immerhin, mag man am Ende erleichtert denken: Max Raabe hat es gut hinbekommen. Man atmet durch als Deutscher, wenn man die Doku sieht. Das Palastorchester mit seinem Sänger wurde in der israelischen Presse gefeiert. Das Eis war dünn, aber Raabe ist gut darauf entlangbalanciert, hat Eisschollen umschifft.  Er hat eine Hand ausgestreckt und ist mit einer Großzügigkeit dafür von den deutsch-israelischen Zuschauern belohnt worden , die nicht selbstverständlich ist. Das ist doch was. Ein Anfang. Da drängt sich die Frage auf: Könnten auch Palästinenser etwas mit deutscher Musik anfangen, die in den 20iger und 30iger Jahren populär war? Und dann noch von jüdischen Komponisten? Vielleicht in Ramallah, im Goethe-Institut oder im Al-Kasaba-Theater? Die nächste Doku könnte heißen: „Max Raabe in Israel und Palästina“. Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem. Lebe wohl, gute Reise!

Max Raabe ist wieder auf Tournee, und zwar unter anderem im wilden und nicht Nahen Osten, Terminplan hier.

Hörprobe von: „Ich hab kein Heimatland – jüdischer Tango“ von Friedrich Schwarz. Schwarz, Pianist und Schlagerkomponist, musste Nazi-Deutschland  1933 verlassen und wurde wenig später in Paris ermordet. 

*Le chaim (hebr.)= auf das Leben!

Schwarze Schafe in Tel Aviv

14 Apr
Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben veröffentlichte Netanjahus Sprecher am Samstagabend.

Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben für die Westbank-Besucher veröffentlichte Netanjahus Sprecher Ofir Gendelman am Samstagabend via Twitter. Quelle: +972 mag

Guns' no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampane wird es keine Blumen zum Empfang gegen.          Foto: Liva Haensel

Guns no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampagne wird es keine Blumen zum Empfang geben. Foto: Liva Haensel

Auf sie warten kein Sekt oder Champagner. Keine bequemen Sessel,  erfrischendes Wasser oder gar Rosen zum Empfang. Wenn sie ankommen,  ist da nur Unverständnis. Viele Fragen. Festnahmen. Abschiebung. Oder Haft in einem israelischen Militärgefängnis. Die Rede ist von den rund 1500 Flugpassagieren, die in einer Stunde und dann den ganzen Sonntag über am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv landen und von denen die israelischen Sicherheitskräfte wollen, dass sie so schnell wie möglich wieder verschwinden. Die „Welcome to Palestine“-Kampagne von palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen findet jetzt zum 3. Mal statt. Aus aller Welt kommen am 15. April Menschen in die palästinensischen Gebiete, um in palästinensischen Gastfamilien zu wohnen, den Alltag unter Besatzung hinter der Mauer in der Westbank mitzuerleben, an Workshops teilzunehmen, Olivenbäume zu pflanzen.

Deutsche Botschaft hielt sich zurück

Doch nie zuvor ist vorab so viel darüber berichtet worden wie jetzt. Im vergangenen Jahr fiel das Datum auf den 10. Juli. Damals berichteten die Medien vor allem über das Ergebnis: Israel hatte 124 Menschen abgeschoben, die am Flughafen erklärt hatten, dass sie in die besetzten Gebiete weiterfahren. Die Besucher wurden umgehend in Maschinen verfrachtet, die in ihre Heimatländer zurückflogen. Wer sich weigerte, kam für eine Woche in Haft. „Das Gefängnis war von den Haftbedingungen her gesehen noch sehr privilegiert, wenn man es mit denen für palästinensische Gefangene vergleicht“, berichtet eine Frau aus Deutschland. Die Berlinerin schaltete noch am Ben-Gurion-Flughafen ihren Anwalt ein und informierte auch die Deutsche Botschaft. Die habe sich allerdings“ feige rausgehalten und gar nichts unternommen“, stellte sie ernüchtert fest.

Lufthansa cancelte als erste Fluglinie die Tickets

Während die Sommer-Kampagne im Juli noch eine Art Premieren-Charakter hatte – und sich zeitgleich die israelische Regierung  in einer nervösen Anspannung wegen der zahlreichen Tent-Proteste für mehr soziale Gerechtigkeit befand – scheint nun alles gut vorbereitet. Die israelische Regierung glich dieses Mal zwar auch ihre sogenannten Black Lists mit Namen von „Aktivisten“ wieder mit denen der Airlines ab, die Tel Aviv anfliegen. Aber sie forderte auch im Vorfeld dazu auf, die gebuchten Tickets einiger Passagiere gleich wieder zu stornieren. Die Lufthansa kam dem als erste nach,  Air France und die britische Jet2.com folgten. Bis jetzt sind dazu 600 Artikel weltweit in mehr als sechs Sprachen darüber zu finden (AFP ist hier einer davon). Die Flytilla-Passagiere (Flytilla erinnert an das Wort Flotilla, das vor allem in Bezug auf die Gaza-Flotillen von 2010 und 2011, die die Blockade Gazas durchbrechen wollten, benutzt wurde) und die „Welcome-to-Palestine“-Organisatoren deuten dies als gutes Zeichen: „Israel hat eine Heidenangst vor diesen Besuchern. Der Staat will um alles in der Welt verhindern, dass Internationals sehen, was in der Westbank vor sich geht“, sagt Mazin Qumzieh, Menschenrechtsaktivist und Professor für Genetik an der katholischen Bethlehem University. Qumzieh, Autor von „Sharing the land of Canaan“ und einer der Sprecher der Pressekonferenz in Bethlehem, hält die Aktion für extrem wichtig. Nicht nur die Menschen in Gaza, sondern auch in der Westbank seien abgetrennt von der Außenwelt. Dass Israel auf Besucher, die am Flughafen nicht lügen, sondern ehrlich sagen, dass sie in die Westbank wollen, agressiv reagiere, zeige lediglich, „dass wir als Friedensaktivisten einen guten Job machen“.

Mit Babybauch vier Stunden warten

Aber es trifft auch immer andere. Eine schwedische Touristin, im fünften Monat schwanger und gerade von Jordanien kommend, staunte nicht schlecht an der Grenze zu Eilat im Süden Israels. Sie musste eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, in der steht, dass sie weder an pro-palästinensischen Aktivitäten teilnehmen werde und dass sie aber im Falle dass doch  „Deportation und Abweisung Israels“ akzeptieren werde. Statt eines normalen 3-Monats-Visums bekam sie nur noch sieben Tage im Heiligen Land zugebilligt. Und dass erst nach vier Stunden und 20 Minuten Wartens an der Grenze zu Israel (siehe hierzu den Bericht des israelischen Journalisten Dimi Reider für das Onlinemagazin +972)

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze.

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze. Quelle: +972 mag

Deutsche machen sich ein Bild des Konflikts

Das Vorgehen gegen sogenannte Activists, schwarze Schafe in den Augen Israels, könnte der einzigen Demokratie im Nahen Osten künftig zum Verhängnis werden. Denn die Grenze zwischen Aktivismus, den die Teilnehmer selbst als friedlich und gewaltfrei bezeichnen, zwischen Tourismus, Arbeit und Abenteuerlust, ist längst verwischt. Allein sämtliche christliche Einrichtungen und Organisationen in Israel und Palästina ziehen jährlich tausende Besucher an. Deutschland ist das Land mit der höchsten Zahl an Volunteers, Freiwilligen, die für eine Zeit lang in Israel leben und arbeiten. Alle diese Menschen machen sich während ihres Aufenthalts ein umfassendes Bild der Region, sie sprechen mit Palästinensern und Israelis  und lernen damit durch eigene Anschauung den Nahostkonflikt ganz praktisch kennen. Ist sich Israel selbst genug als jüdischer Staat (mit einem Fünftel davon palästinensischer Einwohner), der auf Touristen und Andersdenkende und -gläubige künftig verzichten möchte, ist dies der richtige Weg dafür. Möchte sich das kleine Land aber offen gegenüber Fremden zeigen, und dass auch von seiner bitteren Schokoladenseite, kann es sich dieses Vorgehen nicht lange leisten. Auch schwarze Schafe tragen weiße Westen. Manchmal sind sie aber auch blau. So wie diejenigen der Security-Mitarbeiter morgen am Ben-Gurion-Airport.

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