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Intifada auf Probe

6 Okt
Im "Schwitzkasten": Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

Im „Schwitzkasten“: Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

 

Von Liva Haensel

Israel stellt die palästinensische Bevölkerung auf eine harte Probe. Diese möchte in Frieden leben – und soll gleichzeitig ihre lebenslange Besatzung akzeptieren. Kann dieser Nervenkrieg gutgehen?

Intifada (arabisch: etwas abschütteln, loswerden). Bezeichnung für den Aufstand der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten gegen den israelischen Besatzer. Im Kontext des Palästina-Israel-Konflikts gab es bisher zwei Perioden, von denen Politikwissenschafter als „Intifada“ sprechen: Zum einen die sogenannte erste Intifada, die 1987 begann und sich bis ca. 1992 hinzog und mit dem Beginn der Oslo-Verhandlungen ein Ende fand sowie die zweite Intifada, die offiziell im Jahr 2000 mit dem Gang des damaligen israelischen Premierministers Ariel Sharon auf den Tempelberg begann und bis ca. 2004 anhielt.

„Die Menschen sagen, dass ist jetzt die dritte Intifada“, berichtet ein Mitarbeiter der Al Quds Universität in Bethlehem, der seinen Namen nicht nennen möchte.  Die momentane Situation in der Westbank und Jerusalem sei „schrecklich“, die Lage „sehr deprimierend“. Allein in den vergangenen Tagen sind laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan News 400 Menschen zum Teil schwer verletzt worden – durch Tränengas, Kugeln und Gummigeschosse der israelischen Armee. Am Wochenende wurde ein 18-Jähriger Palästinenser in Ost Jerusalem in der Nähe des Damaskus Tores erschossen und von jüdischen Siedlern verhöhnt. Gestern starb der 13-jährige Schüler Abdul-Rahman Obeidallah, er wurde auf dem Schulweg in Bethlehems Stadtzentrum unweit des Checkpoints von einem israelischen Scharfschützen erschossen. Obeidallah war unbewaffnet und nicht an Demonstrationen gegen die israelische Besatzung beteiligt. Sonntagnacht erschossen israelische Soldaten Huthaifa Sulaiman (18), der in der Stadt Bal’a östlich von Tulkarem im Norden der Westbank gegen die Besatzungsmacht demonstriert hatte. Am Samstag hatten Palästinenser ein israelisches Siedler-Ehepaar in einem Auto in der Westbank getötet.

Israel verletzt die Abmachung

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhängte daraufhin eine 9-tägige Ausgangsperre in Jerusalems Altstadt für Palästinenser, ausgenommen sind lediglich Bewohner sowie Touristen. Der Tempelberg ist bis auf weiteres für muslimische Betende gesperrt. Er hat eine zentrale Schlüsselrolle im

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg. Foto: Ahmad Gharabli

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg.                Foto: Ahmad Gharabli

Islam und gilt nach Mekka und Medina als drittheiligster Ort für Muslime weltweit. Zudem hatte Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 die Souveränität des Tempelberges in die Hände des islamischen Waqf übergeben und sich damit einverstanden erklärt, dass Juden den heiligen Berg nicht als religiöses Monument betreten dürfen. Diese Abmachung wurde vor allem seit dem Jahr 2000 zunehmend von Seiten Israels verletzt. An jüdischen Feiertagen betreten immer wieder jüdische Nationalisten den Tempelberg und drohen damit, den Felsendom sowie die Al-Aksa-Moschee darauf zu zerstören, um den jüdischen Tempel, der einst dort gestanden haben soll, wieder aufzubauen. Die jüdischen Extremisten werden stets von israelischen Soldaten und Polizisten eskortiert. Während dieser Besuche ist der Tempelberg für muslimische Betende jedes Mal komplett unzugänglich. Dies führt regelmäßig zu Protesten der palästinensischen Bevölkerung, die sich auf ihr Recht auf Religionsfreiheit beruft.

Ausschreitungen wie vor einem Jahr

In größeren Städten Israels, in denen mindestens 50 % der Bevölkerung arabisch sind, kommt es derzeit zu massiven Ausschreitungen. In Nazareth, Jaffa und Jerusalem wehren sich immer mehr Menschen gegen die unzumutbaren Zustände. Die israelische Bevölkerung besteht zu 20 Prozent aus palästinensischen Bewohnern. Die sogenannte „fünfte Säule“ in Israel sind die arabischen Menschen, denen es trotz des Krieges nach der Staatsausrufung Israels 1948 gelang, in ihrer Heimat zu verbleiben.

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt. Foto: PNN

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt.                                                    Foto: PNN

Sie besitzen die israelische Staatsangehörigkeit, aber nicht dieselben Rechte wie die jüdisch-israelische Bevölkerung. 2014  waren die israelischen Araber oder „48-Palestinians“ wie sich die Bewohner selbst oft nennen, diejenigen, die am stärksten Widerstand gegen ihre israelischen Besatzer leisteten. Im Juli 2014 war es zu drastischen rassistischen Ausschreitungen gegen palästinensische Bewohner Ost Jerusalems gekommen, nachdem erst drei jüdische Teenager in der Westbank ermordet worden waren und daraufhin in einem Racheakt der 17-jährige Mohammed Abu Khdeir bei lebendigem Leib von jüdischen Siedlern in einem Westjerusalemer Waldstück verbrannt worden war. Wütende Palästinenser des Stadtteils Shuafat (aus dem der Junge stammte) hatten daraufhin die Straßenbahntrassen zersägt und die Stationen Es Sahel und Shuafat für den öffentlichen Verkehr unbrauchbar gemacht. Damit protestierten sie auch gegen das stark anwachsende und vom Staat Israel unterstützte Anwachsen illegaler jüdischer Siedlungen in Ost Jerusalem, die die Straßenbahnlinie seit 2011 mit West Jerusalem verbindet. In dem arabischen Teil der Stadt, die Israel 1967 völkerrechtswidrig besetzte und 1982 annektierte, leben derzeit etwa 300.000 Palästinenser und 150.000 jüdische Israelis.

Weltweit 9 Millionen Flüchtlinge

Bei dem Gazakrieg (8. Juli bis 27. August, danach Waffenstillstand zwischen Hamas-Israel), den Israel 2014 unter dem Namen „Protective Edge“ führte, starben rund 2200 Menschen im Gazastreifen, darunter 500 Kinder. Auf der israelischen Seite verloren nach offiziellen Angaben Israels 66 Soldaten und sieben Zivilisten ihr Leben.

Weltweit leben rund 9 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge und Nachkommen von Flüchtlingen außerhalb ihrer Heimat. Seit 1980 haben 1 Million jüdische Israelis den Staat Israel verlassen. Etwa 40.000 Israelis leben derzeit in Berlin. Angela Merkel erwartet Benjamin Netanjahus Staatsbesuch morgen in Deutschland. Die Situation ist angespannt, das hat auch die Kanzlerin erkannt. Der Ministerpräsident der palästinensischen Gebiete, Mahmoud Abbas, hatte vergangene Woche das Osloer Abkommen von 1993 als nicht mehr bindend für sein Volk erklärt und damit offiziell der Zwei-Staaten-Lösung, die Deutschland unterstützt, den Wind aus den müden Segeln genommen.

„Wir wollen Freiheit“

Palästinenser befürchten, dass Netanjahus rechte Regierung den Gürtel für die arabische Bevölkerung jetzt noch enger schnallen wird. In den meisten Städten in der Westbank waren vergangenes Wochenende hunderte von Soldaten mit Gewehren und Gummigeschossen im Einsatz, bei zahlreichen nächtlichen Razzien wurden Jugendliche und junge Männer wiederholt nachts gewaltsam aus ihren Betten gerissen und ohne eine Erklärung von der Armee verhaftet. „Wir wollen in Freiheit leben, ohne die israelische Besatzung, als Menschen in Würde“, sagt der palästinensische Universitätsmitarbeiter. Wenn jedoch seine Familie oder er selbst von Soldaten angegriffen werde, werde er sich wehren. „Niemand kann von uns verlangen, dass wir drangsaliert und getötet werden  – und dabei einfach tatenlos zusehen.“

 

Ihr seid die Reben

18 Sep
Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus. Foto: Olivera D.

Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus.                                                            Fotos: Olivera D.

In dem Tal Cremisan bauen katholische Mönche berühmte Weinreben an und Nonnen unterrichten 200 Kinder. Doch der Oberste Gerichtshof in Jerusalem hat entschieden: Hier wird die israelische Trennmauer gebaut. Die palästinensischen Bewohner sind verzweifelt. Jeden Freitag halten Geistliche einen Gottesdienst unter freiem Himmel ab. Menschenrechtsbeobachterin Olivera D. besucht das Tal regelmäßig und berichtet aus Bethlehem

BETHLEHEM  – Nach nun 28 Tagen schreiten die Arbeiten im christlichen Tal von Cremisan, in Bir Ouna, einem Teil von Beit Jala, westlich von Bethlehem, voran. Wo zu Beginn der Arbeiten am 17. August der Olivenhain noch deutlich als solcher zu erkennen war, liegen nun weite Teile des Landes brach. Stück für Stück müssen jahrhundertealte Olivenbäume der Erweiterung der israelischen Trennmauer weichen

Zum Hintergrund

Am 17. August 2015 begann ein Bauunternehmen damit, Olivenbäume – von denen einige aus der Römerzeit stammen – zu schneiden, um die Entwurzelung für das endgültige Abroden zu ermöglichen. Soldaten der israelischen Armee (IDF) sowie Polizei und private Sicherheitskräfte bewachen die Arbeiten. Die Ohnmacht und Trauer auf Seiten der Landbesitzer ist groß und tief. Lokale christliche Familien aus der überwiegend christlichen Region Bethlehems sind hauptsächlich betroffen. Im Tal von Cremisan sind das insgesamt 58 Familien, die vom israelischen Verteidigungsministerium enteignet wurden und deren Land in diesem Fall der Erweiterung der Mauer zum Opfer fällt – und dies, obwohl im April 2015 der Oberste Gerichtshof Israels noch zugunsten der Familien entschieden und die Enteignungsbefehle aufgehoben hatte. Das israelische Verteidigungsministerium hob jedoch bald darauf die Entscheidung des Obersten Gerichts auf (und machte sie dadurch quasi wertlos).

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal. Foto: Olivera D.

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal.

Abwehr von Terroristen

Der angebliche Zweck der Konstruktion lautet: Attentäter von Jerusalem und Israel fernzuhalten. „Mit dem Bau würde ein fruchtbares Tal – de facto das letzte in der Gegend um Bethlehem – an Jerusalem angegliedert und damit die Erweiterung der illegalen israelischen Siedlung Gilo ermöglicht. Der Anschluss von Land ist jedoch nach internationalem Recht verboten, ebenso ist das Ansiedeln eigener Bevölkerung auf besetztem Gebiet ein klarer Verstoß gegen § 49 der 4. Genfer Konvention, in der es heißt: ,Die Besetzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder umsiedeln.’ Israel macht sich somit einer eklatanten Verletzung des Völkerrechts schuldig“, so Manfred Budzinski, der Sprecher der pax christi‐Nahostkommission.

Beit Jala im Sandsturm

Patrouille im Sandsturm: Die Zufahrtsstraßen sind mittlerweile auch für die Anwohner teilweise gesperrt.

Die Grüne Linie wird ignoriert

Der Bau der israelischen Trennmauer begann im Jahre 2002 und soll Terrorangriffe auf Israel abwehren. Neun Meter hoch ist sie, höher als die Berliner Mauer. Gebaut wurde sie auf palästinensischem Gebiet. Teilweise reicht sie sogar tief in das palästinensische Land hinein. Die sogenannte „grüne Linie“, die Grenze, die 1949 von der UNO festgelegt wurde, existiert somit nicht mehr bzw. wird ignoriert. Stück für Stück, Meter für Meter wird Land von Israel konfisziert und annektiert. So auch in Bir Ouna: 3 Quadratkilometer wird die Mauer, wenn sie einmal fertig ist, in das palästinensische Gebiet hineinragen. Und die Menschen können nur hilflos dabei zusehen.

Die Mauer ist illegal

Hilflosigkeit fühlt auch der Bürgermeister der Stadt Beit Jala, Nikola Kharmis, aber auch tiefe Trauer. Die Region Bir Ouna und das Cremisan‐Tal gehören zu Beit Jala: Er ist damit für sie verantwortlich. Der Beginn der Arbeiten wirkt sich stark auf seine Arbeit als Bürgermeister aus. Seine Arbeitstage sind geprägt von Terminen, Interviews und Demonstrationen, um das Irgendmögliche zu tun gegen den Bau des Übels – gegen die illegale Mauer, die Bürgerinnen und Bürger ihrer Ländereien beraubt – die einzige Einnahmequelle und einziges Anbaugebiet der Stadt, wie er selbst sagt.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage. Foto: Olivera D.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage.

Hoffnung und Halt

Doch was tun, wenn selbst der Oberste Gerichtshof dem „Sicherheitsbedürfnis“ und somit den Methoden des Verteidigungsministeriums weichen muss? Sowohl Nikola Kharmis als auch die Landbesitzer, Nachbarn und viele Unterstützer nehmen seit dem 18. August täglich um halb neun an der Morgenandacht im Tal teil. Viele verschiedene kirchliche Vertreter beten gemeinsam, um sich und ihren Mitbürgern Hoffnung und Halt zu geben und schlussendlich etwas zu bewirken.

Im Rahmen der Andacht wird die folgende Bibelpassage gesprochen:

Lukas 19:41-47, Neue Genfer Übersetzung (NGU-DE): Jesus weint über Jerusalem

41 Als Jesus sich nun der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über
sie 42 und sagte: „Wenn doch auch du am heutigen Tag erkannt hättest[a], was dir Frieden bringen würde! Nun aber ist es dir verborgen, du siehst es nicht. 43 Es kommt für dich eine Zeit, da werden deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und dich von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich zerstören und deine Kinder[b], die in dir wohnen, zerschmettern und werden in der ganzen Stadt[c] keinen Stein auf dem anderen lassen,weil du die Zeit, in der Gott dir begegnete,[d] nicht erkannt hast.“3

Eine ökumenische Begleitperson des Programms EAPPI beobachtet die Lage vor Ort. Foto: Olivera D.

Olivera D., mit der Weste des Programms EAPPI, vor Ort. Die Weste ist das Markenzeichen des Programms und signalisiert „Schutz durch Anwesenheit“ durch alle Mitwirkenden. 

Seit dem 18. August habe ich an 14 Morgenandachten teilgenommen. Ich habe gesehen, wie ein wunderschönes Tal mit uralten Olivenbäumen Tag für Tag schwindet. Wo über 100 Bäume standen, ist nun Brachland. Ich habe neben der ausführenden Baufirma viele Soldaten, Polizisten und private Sicherheitskräfte gesehen, die die Arbeiten bewachen. Ich habe Menschen gesehen, die zusammenkommen und beten, in der Hoffnung, dass dieses Verbrechen gestoppt wird. Ich habe Geistliche gesehen mit Tränen in den Augen. Ich habe den Bürgermeister der Stadt mit Tränen in den Augen gesehen. Ich selbst habe die Ohnmacht gespürt und meine Tränen versucht zurückzuhalten.

Am 15. November wird es eine Anhörung vor dem israelischen Obersten Gericht für die Familien geben, denen das Land gehört. Sie werden von der katholischen Menschenrechtsorganisation „Society of St. Yves“ vertreten, die hier einen ausführlichen Bericht über die Situation im Cremisan-Tal veröffentlicht hat. 

Über die Autorin: Olivera D. ist derzeit in Israel und den besetzten Gebieten im Rahmen des Programms EAPPI (Ecumenical Accompaninemt Program for Palestine and Israel – Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel), das sich zum Ziel gesetzt hat, Freiwillige aus der ganzen Welt vor Ort einzusetzen und ihnen durch Begegnungen und Beobachtungen einen eigenen Einblick in den Konflikt zu geben, tätig. Ihre Entsende-Organisation ist die EMS (Evangelische Mission in Solidarität) im Verbund mit dem ökumenischen Weltrat der Kirchen/Genf.
Die Fotorechte liegen bei der Autorin.

Glaube, Liebe – Hoffnung

1 Jun

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Vor zwei Wochen zerstörten israelische Bulldozer 1500 Obstbäume der Familie Nasser im Friedensprojekt „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Die Familie kämpft seit über 23 Jahren vor Gericht um ihr Land. Ein Besuch.

Von Liva Haensel

„Eines Tages wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen“, sagt Daoud Nasser. 25 Menschen aus der lutherischen Erlösergemeinde in Jerusalem sitzen in einer Kapelle aus Stein und hören dem Mann in dem blauen Polohemd zu. Die blonde Frau neben ihm, eine Musiklehrerin, guckt stumpf auf den Boden. Der Satz von Daoud Nasser bleibt kurz in der Luft hängen. Man versucht krampfhaft, sich jetzt einen strahlenden goldgelben Sonnenball vorzustellen, der ein warmes Licht verbreitet. Der so aussieht, wie man sich Güte und so etwas wie Gerechtigkeit als Form und Farbe vorstellen könnte. Aber da kommt nichts. Das Kopfkino funktioniert  irgendwie nicht im „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nicht jetzt, nachdem die Bulldozer da waren. Nicht, wenn man die ganze Geschichte der Familie Nasser hört, sich ein Bild vor Ort macht.

Es ist die Geschichte eines dramatischen Kampfes, aber auch eine ohne Happy End. Vorläufig. Die Sonne ist hier gerade hinter den Wolken verschwunden. „Tent of Nations“, das Zelt der Völker, wie es auf Deutsch heißt, ist nicht Hollywood. Es ist palästinensisches Land unter israelischer Besatzung. Hier gibt es kein Stromnetz und kein Wasser aus Hähnen, weil die Nassers keine Baugenehmigungen dafür vom Staat Israel bekommen.

Symbol für gewaltfreien Widerstand

Am 19. Mai fuhren drei israelische Bulldozer der israelischen Armee den Berg bei der jüdischen Siedlung Neve Daniel herunter und auf das Land der Familie Nasser zu. Dort zerstörten sie 1500 Obstbäume, darunter 700 Weinstöcke. Die Reste der Bäume – Zweige und Stämme – versteckten die Soldaten in großen Erdlöchern. Dieser Akt ist illegal, denn die Nassers befinden sich seit 1991 in einem schwebendem Gerichtsverfahren mit dem Staat Israel. Damals erfuhren sie nur durch einen Zufall, dass ihre 400 Dunum Land (1 Dunum=1000 m²) für Israel zu „Staatsland“ erklärt worden waren. „Wir zeigten vor Gericht alle unsere Besitzurkunden, die mein Großvater seit dem Landerwerb 1916 lückenlos aufbewahrt hatte“, erzählt Daoud Nasser, der Leiter des Projektes „Tent of Nations“. Die israelische Seite reagierte schockiert, damit hatte sie nicht gerechnet. Doch noch schockierender muss es für sie gewesen sein, dass die christlich-palästinensische Familie ab 2000 systematisch damit begann, ein Friedensprojekt für Menschen auf ihrem Land aufzubauen, das so gar nicht in das gängige Klischee des Steine werfenden Palästinensers passte. Seitdem pflanzen dort auf dem Hügel bei Bethlehem jüdische Friedensaktivisten Bäume, arabische Kinder aus den Flüchtlingslagern malen Herzen und deutsche Volontäre basteln an Zisternen und Solaranlagen. Rupert Neudeck von der Organisation „Kap Anamur“ berät zu Alternativen Energien. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält gerne ihre schützende Hand über das Stück Land.

Günstiges Leben in Gush Etzion

„Tent of Nations“ ist ein interreligiöses Begegnungsprojekt von Lutheranern. Und mittlerweile zu einem Symbol für gewaltfreien palästinensischen Widerstand geworden, das weltweit hohes Ansehen genießt. Die Familie Nasser will keinen Streit mit den benachbarten Siedlungen, sondern in Frieden mit ihnen leben. Sie ist mittlerweile umringt von 5 Siedlungen mit 90.000 Einwohnern, alle Israelis, die nach Internationalem Recht illegal dort auf palästinensischem Land leben und von ihrem jüdischen Staat dafür subventioniert werden. Das Leben in Gush Etzion ist günstiger als in Jerusalem oder Tel Aviv. Außerdem bekommen die neuen Bewohner Zulagen und bei Gründung eines Unternehmens eine Anschubfinanzierung, die in den Siedlungen fünfmal höher liegt als im Kerngebiet Israel.

Alles, was Recht ist?

Die Nassers bekommen kein Staatsgeld von Israel, sondern entweder nächtliche Blitz-Besuche von Siedlern oder Landkonfiszierungsbefehle der israelischen Armee. Letztere übergibt diese nie persönlich. Die Zettel werden, immer auf Hebräisch verfasst, irgendwo auf dem Grundstück abgelegt. Eine Praktik, die oft zur Folge hat, dass palästinensische Bewohner die Zettel gar nicht erst finden, weil sie vom Regen durchnässt sind oder vom Wind weggefegt wurden. Ungünstig, wenn es um gerichtliche Einsprüche und Deadlines geht, um schnelles überlegtes Handeln, um Land und die eigene Existenz. Günstig, wenn man Land haben will und kein Interesse daran hat, den Landbesitzer rechtzeitig zu informieren. Aber sich auch nicht vorwerfen lassen möchte, man hätte die andere Seite nicht informiert. Das funktioniert in Israel, denn Gesetze sind dehnbar wie Kaugummi und lassen sich zudem aus den unterschiedlichsten Besatzungszeiten anwenden: jordanisches, britisches, israelisches Militärrecht oder das aus dem Osmanischen Reich – alle sind anwendbar, weil Israel Notstandsgesetzte nutzt und immer noch nicht über ein Grundgesetz verfügt, obwohl der Staat 2008 bereits sein 60-jähriges Bestehen feierte.

Bauern können ihr Land nicht erreichen

„Hier gilt: Alles, was Recht ist“, sagt ein palästinensischer Anwalt aus Jetusalem, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Nur rund 20 % seiner Mandanten bekommen am Ende ihr Land zurück, dass der Staat Israel zumeist nach einigen Jahren als Staatsland deklariert, weil es nicht kultiviert wurde, berichtet der Jurist. Was der Staat nicht sagt ist, dass die israelische Mauer nicht auf der Grünen Linie verläuft, sondern sich laut dem Büro von UN Ocha (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs Occuied Palestinian Territories) zu 85 % auf palästinensischem Land befindet – und damit für viele Bauern das Bewirtschaften ihres Land verhindert, weil sie es nicht mehr erreichen können.

Siedlerkolonialismus stoppen

„Der Siedlerkolonialismus ist das gefährlichste Projekt des Staates Israel, das auf dem Rücken der Ureinwohner Palästinas – der Palästinenser – ausgetragen wird“, kritisierte der israelische Historiker Gadi Algazi von der Universität Tel Aviv kürzlich auf einem Politikkongress in Hebron. Dort trafen sich antizionistische Israelis und Palästinenser. Der Friedensaktivist ist für eine Neuordnung in der Region mit einem Staat, der gleiches Recht für alle auf Land und Wasser bedeutet, ein Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge miteinbezieht und die Zerstörungen palästinensischer Existenzen ausschließt. „Das muss sofort gestoppt werden“, sagte Algazi auf der Bühne in Hebron. Aber er sah müde aus bei diesen Worten.

Die Nassers sind nicht naiv

Daoud Nasser hingegen scheint seine Kraft auf wundersame Weise immer wieder neu zu nähren. „Tent of Nations“ ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Er reist mindestens zweimal im Jahr nach Deutschland und in die USA, um über seine Arbeit zu berichten. Er hat viele Pläne. Eine Berufsschule, mehr Jugendarbeit und Umweltbildung soll es hier bald geben. Aber die zerstörten Bäume wird das nicht zurückbringen. „Wir wollten dieses Jahr Weinreben ernten und das erste Mal Wein abfüllen“, sagt er. Daraus werde nun nichts. Es wird vier Jahre dauern, bis die Weinstöcke wieder Ernte reife Trauben tragen werden. Und auch die Olivenbäume müssen neu gepflanzt werden. Die von der Armee illegal abgeholzten Bäume hatten ein Alter von zwölf Jahren. Ein Olivenbaum ist empfindlich und benötigt viel Pflege und Fachkenntnis. Erst nach sieben Jahren trägt er die ersten Früchte. Der Gewaltakt der israelischen Armee war vorsätzlich. Die Nassers sind jetzt erst einmal geschwächt, aber sie sind nicht am Ende. Sie sind nicht naiv. Sie wissen, dass sie mit ihrer Klage am israelischen Gerichtshof – sie wollen eine Entschädigungssumme für die Bäume – niemals durchkommen werden.

Unberechtigte Kritik an Kirchen

Die Zerstörung des Landstückes schlug hohe Wellen und verbreitete sich vor allem Stunden später als erstes in den sozialen Netzwerken. In Deutschland schrieb einzig die Südwestpresse aus Ulm über den Vorfall, während palästinensische und israelische Nichtregierungsorganisationen und Blogger längst schon Berichte auf twitter und facebook veröffentlicht hatten. Johannes Gerloff, ein Theologe, der sich selbst als „Journalist“ und „Korrespondent“ der fundamentalistischen Israel-Nachrichten bezeichnet, kritisierte in seinem öffentlichen Facebook-Profil die Solidarität der Kirchen mit der Familie Nasser nach dem Gewaltakt: „Wer die Augen verschließt, ist mit verantwortlich, wenn mit „Dahers Weinberg“ unter dem Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein“, Zwietracht gesät, antiisraelisch gehetzt und persönliche Bereicherung vorangetrieben wird“, heißt es dort. Gerloff, ein christlicher Zionist, hatte vor kurzem erst in einem Artikel auf Israelnetz.com die illegale Enteignung des palästinensischen Rajabi-Hauses in Hebron verteidigt, das sich nun vollständig in Siedlerhänden befindet. Er ist mit Ulrich Sahm befreundet, einem ehemaligen Israelkorrespondenten des Nachrichtensenders n-tv, der sich zum Ende seiner journalistischen Karriere hin verstärkt mit der Herstellung von Kerzen und der Veröffentlichung von Kochbüchern befasst.

Roadblocks aus Sicherheitsgründen

All das macht Daoud Nasser nicht wütend. Er ist die Ruhe selbst. „Gewalt ist keine Option für uns. Es ist leicht zu hassen und schwer, negative Gefühle konstruktiv in positive umzuwandeln. Aber wir gehen diesen Weg weiter“, sagt er überzeugt. Die Sonne steht jetzt hoch oben am Himmel und scheint ihre ganze Strahlkraft auf die 25 Besucher dort unten abzugeben, die sich auf den Rückweg nach Jerusalem machen. Mühsam klettern die Menschen aus der Erlöserkirche über die beiden Roadblocks, mit denen der israelische Staat 2001 die Zufahrtstraße zum „Tent of Nations“ dichtmachte. Aus Sicherheitsgründen, wie es damals hieß. Da hilft nur noch eins: Glaube, Liebe – Hoffnung. Sagt Daoud Nasser jedenfalls.

Zisch und weg

23 Jan
Foto: SodaStream

Foto: SodaStream

Scarlett Johansson ist das neue Gesicht von SodaStream. Aber die israelische Firma operiert in einer illegalen jüdischen Siedlung und Johansson ist als Botschafterin der Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam tätig. Geht das gut?

Noch ist die Blase nicht geplatzt. Aber das kann jederzeit passieren. Scarlett Johansson sieht sich derzeit einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt. Die US-amerikanische Schauspielerin, die seit Jahren als Oxfam-Botschafterin für die britische Entwicklungshilfe-Organisation nach Afrika und Asien reist, hat einen Fehler begangen, den ihr Menschenrechtsaktivisten jetzt übel nehmen und Oxfam zu einem öffentlichen Statement auf der Webseite veranlasste. Ihr Management hatte der jüdischen Muse von Woody Allen offensichtlich nicht gesagt, dass sie mit ihrem neuen Vertrag mit der israelischen Sprudelwasser-Firma SodaStream im wahrsten Sinne des Wortes besetztes Gebiet betritt – und damit heißes Eisen anfasst. SodaStream hat seinen Hauptsitz in Mishor Adumim, einem Industriegebiet, das zu der illegalen Siedlung Maale Adumim in der Westbank gehört. Dort werden die Geräte und Flaschen hergestellt, für die Johansson jetzt wirbt. Am 2. Februar kommt ihr Werbestreifen mit  dem Sprudelwasserhersteller aus Anlass der Superbowl ins Fernsehen.

Auch in Deutschland bekannt

SodaStream wurde Ende der 90iger Jahre einer breiten deutschen Kundschaft bekannt, weil die Firma Geräte verkauft, mit denen sich einfaches Leitungswasser durch Kohlensäurezylinder in Mineralwasser verwandelt, das lästiges Flaschenschleppen spart. Nachdem sich die israelische Firma anfänglich gegen Konkurrenten wehren musste, setzte sich SodaStream schließlich als Marktführer durch und hat mit seiner Marke heute ein Monopol. Die Firma wirbt damit, dass sie 550 Palästinenser Arbeit gebe und diese sehr zufrieden mit den Bedingungen dort seien, weil sie nach Aussage des Managements dasselbe Gehalt verdienten wie ihre israelischen Kollegen. Unberührt davon bleibt die Tatsache, dass SodaStream auf von Israel illegal besetztem palästinensischem Land operiert. Dort, wo jetzt Mishor Adumim steht, existierten einst sieben palästinensische Dörfer. Die Siedlung Maale Adumim gehört zum sogenannten E1-Gebiet, das einem Strategieplan des kürzlich verstorbenen Ariel Sharon folgt. Dieser hatte vorgesehen, E1 – zwischen Jerusalem und der Westbank gelegen – zu konfiszieren und zu besiedeln. Würde E1 weiter ausgebaut werden, können Palästinenser künftig keine Straßen mehr zwischen Jerusalem und dem an Maale Adumim angebundenem Land benutzen, das den Norden mit dem Süden verbindet.

Es gibt keine Alternative

Die Abhängigkeit palästinensischer Kräfte von dem israelischen Arbeitsmarkt ist bedingt durch die israelische Besatzung, die als Haupthindernis für Frieden zwischen beiden Völkern gilt und sich vor allem in einer permanenten Siedlungsexpansion äußert. Die Fragmentierung der Westbank, Gazas und von Ost-Jerusalem durch den Mauerbau, restriktive Permitregelungen und weitere Faktoren beeinflussen die Erwerbstätigkeit und Arbeitslosenrate von Palästinensern enorm. Nach Angaben von UN Ocha sind derzeit 35 % aller Akademiker in den palästinensischen Gebieten arbeitslos. Arbeiter, aber auch Doktoranden und Masterabsolventen verdienen sich ihren Lebensunterhalt häufig in den jüdischen Siedlungen  – aus Mangel an Jobs. Ein palästinensischer Staat existiert nicht. Die Tätigkeit von Palästinensern bei der israelischen Firma SodaStream in MishorAdumim  wäre demnach unter der Kategorie „Es gibt keine Alternative“ zu verbuchen.

Oxfam lehnt Handel mit Siedlungsprodukten ab

Scarlett Johansson, zur „sexiest woman alive 2013“ gekürt, mag davon nichts gewusst haben. Als Jüdin allerdings könnte sie sich gezielt mit dem Jüdischen Staat auseinandersetzen. Und Internationales Recht und die Genfer Konventionen beachten, wenn sie das nächste Mal einen Vertrag unterschreibt. Die israelische Tageszeitung Haaretz schreibt in ihrer Onlineausgabe, dass „SodaStream das erste Mal unter Beschuss von pro-palästinensischen Aktivisten kam, weil es eine große Firma in einer illegalen Siedlung in der Westbank“ unterhält. Es wäre an der Zeit, diese Kampagne gegen SodaStream und für Menschenrechte nicht nur auf ein „pro-palästinensisches“ Stereotyp zu reduzieren, sondern damit deutlich zu machen, worum es hier geht: um Landenteignung und damit Unrecht an Menschen. Wer die Sprudelmaschinen in deutschen Geschäften in den Regalen stehen sieht, sollte sich darüber bewusst sein, bevor er zur Flasche greift. Mit jedem Kauf eines SodaStream- Produkt unterstützt der Kunde die Verletzung von Menschenrechten in den besetzten Gebieten. Oxfam hat das erkannt und distanziert sich jetzt offiziell von seiner Botschafterin Johansson. „However, Oxfam believes that businesses that operate in settlements further the ongoing poverty and denial of rights of the Palestinian communities that we work to support. Oxfam is opposed to all trade from Israeli settlements, which are illegal under international law”, heißt es auf der englischen Webseite der Hilfsorgsanisation. Und weiter: Man habe nun seine Zweifel gegenüber Johansson geäußert. Bleibt abzuwarten, ob und wie diese nun reagieren wird. Ein Zisch und weg wäre das Beste für sie.

Zur Info: In Deutschland sitzt der SodaStream-Vertrieb in Limburg an der Lahn. Auf der Webseite kann man seinen nächsten Händler finden, die Firma wirbt mit dem Slogan „Einfach spudeln statt schwer schleppen“. Protestbriefe können an die dort angegebene Adresse geschickt werden. Auch der Händler um die Ecke freut sich vielleicht über ein bisschen Aufklärung, wo genau und unter welchen Bedingungen die von ihm angebotenen Produkte hergestellt werden.
23 Dez
Foto: Liva Haensel

Foto: Liva Haensel

Inside Jerusalem

Die Stadt

Sie hat ausgedient.

Ihre Steine sind sich altgeworden

unter der Last ihrer Aussagen.

Das Gold der Dächer hat sich

verbittert davongemacht

ob der Intoleranz seiner Könige und Ritter

Am Tisch für alle Götter und Menschen

sitzt jetzt nur noch Einer

Leibesfülle gedeihend.

die Luft zum Atmen zieht ein

nichts bewegt sich

aber alle rennen

in die Nacht hinein

weil die Sonne zum Mond gemacht wurde.

Nervös ziehst Du an deiner Zigarette

die TAGE sind gezählt

sagst Du

mit Zuversicht

das Lachen hängt in den Ritzen

zwischen den Wünschen und Gebeten

aber Gott macht nichts

außer einer Siesta

in der Wüsten-Höhle

die uns retten wird.

Im Zweifel für den Angeklagten

24 Apr
Blickt einer ungewissen Zukunft entgegen: Atef Hawari. Fotos:  privat

Blickt einer ungewissen Zukunft entgegen: Atef Hawari (20). Fotos: privat

Von Ekkehard Drost

In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten, – so lautet der lateinische Satz, den Juristen auswendig können. Im Westjordanland gilt israelisches Militärrecht für Palästinenser, die inhaftiert werden. Das Rechtssystem selbst  ist intransparent, die Beweislast oft lückenhaft. Unser Autor war in einem Militärgericht und hat den Fall von Atef Hawari verfolgt.

Jenin/palästinensische Gebiete – Militärgerichtshof Salem nördlich von Jenin am 21. April 2013 um 8 Uhr morgens: Vor einem Gebäudekomplex, der wie eine Festung abgesichert ist und bei dessen Anblick der Betrachter eher an ein Gefängnis als an ein Gerichtsgebäude denkt, warten etwa 100 Menschen auf Einlass. Ein Teil von ihnen hofft hier auf eine neue, mit einem Chip versehene Arbeitserlaubnis für Israel, die anderen hoffen auf ein günstiges Schicksal für ihren Sohn, ihren Bruder, ihren Verlobten. Wir vier Freiwillige von EAPPI hoffen einfach nur, dass die Genehmigungen zur Beobachtung der Verhandlungen anerkannt werden. Addameer, die israelische Menschenrechtsorganisation „Jews for Justice in Palestine“ hatte sie für uns beantragt. Wir sind gekommen, um der Verhandlung gegen Atef Hawari, 20 Jahre alt, aus unserem Nachbarort Azzun beizuwohnen, angeklagt wegen Steinewerfens und in Haft seit dem 28. Mai 2012. Bereits als 16jähriger musste er wegen desselben Delikts eine einjährige Haftstrafe absitzen. Zu befürchten ist jetzt eine Haftdauer von drei Jahren.

Leibesvisitation und Kaffee

Nach dem ersten Drehkreuz warten wir vor einem Untersuchungsraum, in den jeweils zwei Personen eintreten dürfen. Kameras und Handys haben wir in einem Kiosk vor dem Eingang gegen eine geringe Pfandgebühr zurück gelassen. Nach anderthalb Stunden Wartezeit dürfen wir eintreten, Portemonnaies, Kugelschreiber, Notizblock, Schuhe werden einem intensiven Check unterzogen. Im nächsten Raum werden die Pässe überprüft und eine Leibesvisitation vorgenommen. „Warum sind Sie in Israel? Gibt es in Deutschland keine Probleme?“ fragt mich der Soldat. Von Tamer, dem verantwortlichen Offizier für Salem, werden wir anschließend auf das Verhalten während der Verhandlung hingewiesen, vor allem: Keine Gespräche mit dem Angeklagten. „Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen? Möchten Sie Kaffee, mit Milch, ohne Milch, Zucker?“ Der freundliche junge Mann, der uns noch gute Dienste leisten sollte, verabschiedet uns mit: „Have a nice day!“

In einem Innenhof mit den Ausmaßen von 8 mal 20 Meter warten zahlreiche Angehörige darauf, dass der Name ihres Sohnes aufgerufen wird. An einer der beiden Längsseiten befindet sich ein Warteraum für 50 Personen, auf der anderen der Eingang zu den Verhandlungsräumen. An dieser vergitterten und von zwei Soldaten bewachten Tür drängen sich vor allem Mütter, um einen Blick in den dahinter liegenden Gang werfen zu können, an dessen etwa 30 Meter entferntem Ende die Häftlinge kurz vor ihrem Prozessbeginn erscheinen. Gefesselt mit metallenen Hand- und Fußschellen, bewacht von zwei bewaffneten Soldaten. An dieser Tür spielen sich herzzerreißende Szenen ab: Erblicken die Verwandten ihren Sohn, winken sie ihm zu, rufen seinen Namen, zumeist mit dem Kosewort Habibi (Schatz, Anm. d. Red.), während die Soldaten eben diese „Kontaktaufnahme“ zu verhindern suchen. Immer wieder fordern sie die Menschen auf, fünf Meter zurück zu treten, verlassen dabei gelegentlich ihr Revier hinter der Gittertür, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Sie kamen mitten in der Nacht

„We have a bad life. It´s a prison. And this is a prison in a prison,” erzählt mir der 45-jährige Mutasin Alaun aus Sabastya bei Nablus. „Du würdest deinen Hund besser behandeln.“ Mutasin ist Fabrikant von Restaurantmöbeln, beschäftigt 40 Arbeiter und liefert auch nach Israel. Er wartet auf die Verhandlung gegen seinen 21-jährigen Sohn. Ein Student, der seit sechs Monaten in Haft ist und von der Mutter einmal pro Monat besucht werden durfte. „Die Soldaten kamen mitten in der Nacht, 30 Mann, fanden meinen Sohn nicht im Haus. Ich wusste, dass er sich bei meinem Bruder aufhielt, musste ihn anrufen, sonst hätten sie das ganze Haus durchwühlt.“

Immer wieder haben wir Gelegenheit, mit den Wartenden zu sprechen, ihre Schicksale ähneln sich. Viele von ihnen sind bereits zum dritten Mal nach Salem angereist, jedes Mal wurde der Prozess nach kurzer Beratung auf einen späteren Termin verschoben. Auch wir sollten das in unseren „Fällen“ erleben. Berichte von Eltern, die gerade aus einer Verhandlung zurück in den Innenhof kommen, werden uns übersetzt: Ein junger Mann wollte mit seinem 16-jährigen Bruder sprechen und wurde ebenso umgehend von einem Wachsoldaten aus dem Raum verwiesen wie eine Mutter, die sich zunächst bei ihrem Versuch, ein paar Worte ihrem Sohn zuzurufen, nicht einschüchtern ließ. Am folgenden Tag, als wir wieder in Salem waren, hatten wir es offenbar mit einer humaneren Wachmannschaft zu tun, die derartige Gespräche nicht sofort unterband.

Vater Hawari und seine Tochter hoffen auf die Entlassung ihres Sohnes.

Vater Hawari und seine Tochter hoffen auf die Entlassung ihres Sohnes.

Ein Gruß in die Luft

Bevor nach vier Stunden vergeblichen Wartens auf unseren Prozess um 12.15 Uhr eine einstündige Mittagspause angesetzt wurde, können wir noch einen Blick in den langen Gang werfen. Aus einer der Saaltüren kommt ein gefesselter Knabe – ein anderes Wort scheint mir für diesen zierlichen Jungen übertrieben -, schaut noch einmal zu seiner Mutter, lächelt zaghaft und hebt die gefesselten Arme zum Gruß in die Luft. Die Soldaten drehen ihn um und führen ihn ab.

Ob ich den Anblick des Jungen in der braunen Häftlingskleidung, sein scheues, ängstliches Lächeln wieder vergessen werde, weiß ich nicht. Ich weiß auch keine Antwort auf die Fragen, die sich mir in der Mittagspause aufdrängen: Wer denkt sich ein derartiges Unrechtsregime aus? Wie tief verwurzelt müssen Hass und Verachtung sein, um Menschen schlimmer als Tiere zu behandeln? Warum hört man in den westlichen Ländern keinen Aufschrei des Protests gegen einen Staat, mit dem man sich doch angeblich in einer Wertegemeinschaft wähnt? Und schließlich: Was wird aus den jungen Menschen nach einer Tortur ohnegleichen? Für Monate und manchmal Jahre herausgerissen aus Familie, Schule und Studium. Können sie überhaupt noch Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben haben, oder sehnen sie die nächste, die Dritte Intifada herbei?

Eine Zeugenbefragung gibt es nicht

Sicherheit geht vor. Eingang  zum Militärgerichtshof in Salem.

Sicherheit geht vor. Eingang zum Militärgerichtshof in Salem.

Endlich, um 14 Uhr 40, nach fast siebenstündiger Wartezeit, wird Atef Hawaris Name aufgerufen. Mit Vater und Mutter wollen wir durch die Gittertür, als ein Soldat uns den Weg versperrt. Wir dürfen nicht rein! Ein Gebrüll zwischen ihm und uns ruft Tamer, den freundlichen „Officer in Charge“, auf den Plan. Er nimmt den Soldaten beiseite und lässt uns in den Saal. Dort erwarten uns: 1 Richter, 6 Beamte, 4 bewaffnete Soldaten und 1 Rechtsanwalt. Atef wurden die Handfesseln entfernt, immer wieder schickt er seinen Eltern ein strahlendes Lächeln zu. Nach drei Minuten ist die Verhandlung beendet, vertagt auf den 26. Mai. Für eine Minute darf Atefs Vater in einem Abstand von drei Metern mit ihm sprechen. Ein bewaffneter Soldat steht zwischen ihnen und achtet auf die Einhaltung dieser Regel. Zur Regel in einem Militärgericht gehören aber offenbar keine Zeugenbefragung, keine Schilderung des Falles aus Sicht des Angeklagten – er durfte lediglich seinen Namen nennen. Welche Rolle die Verteidigung spielt , ist uns nicht ganz klar geworden. Haben sie überhaupt einen Spielraum? Im Innenhof spielten sich manchmal recht rüde und lautstarke Auseinandersetzungen zwischen Familienangehörigen und Verteidiger ab, die nicht gerade auf eine Vertrauensbasis hinwiesen.

Am Morgen des nächsten Tages fanden wir uns wieder um 8 Uhr vor den Toren in Salem ein, um die Verhandlung gegen den knapp 15-jährigen Saleh R . zu beobachten. Saleh wurde in der Nacht des 6. März in Azzun festgenommen, zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate. Am 6. November 2012 verhafteten ihn die Soldaten, warfen ihm vor, Steine geworfen zu haben; er sollte eine entsprechende, auf Hebräisch verfasste Aussage unterschreiben. (Sämtliche Handlungen der israelischen Strafverfolgungsbehörden werden im UNICEF-Bericht vom 6.3.2013 heftigkritisiert:http://www.unicef.org/oPt/UNICEF_oPt_Children_in_Israeli_Military_Detention_Observations_and_Recommendations_-_6_March_2013.pdf) Saleh weigerte sich mehrfach, wurde ins Gesicht geschlagen und gegen die Wand gedrückt. Die Spuren dieser Misshandlungen – auch an den Handgelenken fanden sich Schürfspuren von den Handschellen – wurden zwei Tage später, nachdem er wieder entlassen wurde, zum Ärger des israelischen Militärs dokumentiert. Wollte man ihn durch die erneute Festnahme dafür bestrafen?

Ein Junge mit Handschellen

Unsere Wartezeit am 22.4. betrug diesmal mehr als sieben Stunden. Um 15 Uhr 05 begann die Verhandlung. Außer uns durften lediglich ein Onkel und sein Bruder anwesend sein. Vater und Mutter, mit denen wir eigentlich verabredet waren, konnten offenbar nicht nach Salem kommen. Da während der Verhandlung die Stromanlage ausfiel und es eine Zeit lang dauerte, bis die Computer wieder arbeiteten, hatten wir Zeit, Salehs Verhalten zu beobachten. Der zarte Junge strahlte uns immer wieder an, suchte unseren Blickkontakt, stand auf, setzte sich wieder, lachte leise, wenn wir ihm zuwinkten, verfiel dann wieder in einen verzweifelten Gesichtsausdruck. Er knackte mit den Fingern, trommelte mit den von Handschellen befreiten Fäusten gegen die Stirn, wühlte in seinen Haaren. Saleh setzte sich wieder und fummelte an seinen Fußschellen herum, atmete heftig und versuchte irgendwie, seine Emotionen in den Griff zu bekommen. Schließlich wurde die Verhandlung auf den 26.5. vertagt. Onkel und Bruder hatten noch eine Minute lang die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Auch wir durften dabei sein. Immer wieder drehte er sein Gesicht zur Seite – er wollte nicht, dass man seine Verzweiflung und seine Tränen sah. Dann kamen die Soldaten, legten ihm wieder die Handschellen an und führten den Jungen, der im Juli 15 Jahre alt wird, ab.

Nachtrag I: Wir bedankten uns bei Tamer, dass wir dieser Verhandlung beiwohnen durften, sprachen noch ein paar persönliche Worte mit ihm, fragten nach seinen Plänen: „This is just my service and then I´m free and will study.“ „Sie wollen sicherlich Jura studieren.“ „Das wäre das Letzte, was ich studieren würde.“

Nachtrag II: Ein paar Tage zuvor hatten mein Teamkollege David und ich Dienst am Azzun Atma Checkpoint. Wir wollten uns selbst davon überzeugen, ob sich in Sichtweite des Checkpoints ein Loch in der Sperranlage befindet, durch das palästinensische Arbeiter ohne Arbeitserlaubnis kriechen und dadurch die Behauptung, der Zaun diene der Sicherheit, ad absurdum führen. Wir brauchten nicht lange zu suchen, um den Trampelpfad zu entdecken, der direkt zu dem gut sichtbaren Loch führte. Ein paar Arbeiter waren bereits dorthin unterwegs, telefonierten offenbar mit ihrem israelischen Arbeitgeber, denn kurz nach dem Telefonat hielt auf der anderen Seite ein israelisches Auto, in das der Palästinenser „nach Überwindung der Sperranlage“ einstieg.

Soviel am Ende meiner drei Monate in einem besetzten Land zum alles überragenden Thema „Israelische Sicherheit“. Vielleicht wollen Sie selbst nach Palästina kommen und dem Wunsch der Palästinenser folgen: „Come and see!“

Ekkehard Drost ist Teilnehmer des Ökumenischen Begleitprogramms für Palästina und Israel (EAPPI) und hat in diesem Rahmen gerade drei Monate im Norden der Westbank gelebt. Der pensionierte Gymnasiallehrer hält auf Wunsch Vorträge über seinen Einsatz. Bei Interesse können Sie ihm schreiben: e1944drost@gmx.de

28 Mrz

Trotz zahlreicher Schwierigkeiten gelingt es israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten häufig, sich gemeinsam für ein Ende der israelischen Besatzung zu engagieren. Aber das Ringen um Menschenrechte ist mühsam – und oftmals mit persönlichen Risiken verbunden

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.  Foto: privat

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.
Foto: privat

Von Liva Haensel

Ein Nudnik ist ein Mensch, der solange Fragen stellt, bis sein Gegenüber genervt aufgibt. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und hat sich mittlerweile ins moderne Hebräisch, der Sprache der Israelis, hineineingeschlichen. Ein Nudnik ist wie die Pest, er lässt nicht locker, sagen die Rabbiner. Aber das Wort beinhaltet auch eine ausgezeichnete Eigenschaft: Beharrlichkeit.  Die braucht Efrat (48), wenn sie an einem israelischen Kontrollpunkt auf dem Weg in das palästinensische Dorf An Numan angehalten wird. „Du bist eine linke Ashkenazi-Schlampe“,  (Aschkenasim: europäischstämmige Juden; Anm. d. Red.)  bellt ihr der junge israelische Soldat dort entgegen, wenn sie mit ihrem Auto den Kontrollpunkt zwischen Jerusalem und Bethlehem passieren möchte. Die israelische Friedensaktivistin reagiert darauf meistens gelassen. „Nur neulich habe ich die Nerven verloren“, erzählt sie, „ich bin ausgestiegen, habe mit denen diskutiert und schließlich darum gebeten, mit dem diensthabenden Offizier zu sprechen“. „Mit denen“, damit könnte die Mutter dreier Kinder auch die Mehrheit der jüdischen Israelis meinen.  Diejenigen, die die Besatzung der palästinensischen Gebiete seit 1967 nicht in Frage stellen. Oder sie achselzuckend als gegeben hinnehmen, obwohl sie völkerrechtswidrig ist.

Sie werden beobachtet

Efrat ist politische Friedens-Aktivistin und gehört damit einer Minderheit in ihrem Land an. Ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht im Internet oder einer Zeitung lesen, denn „ich hab‘ zwar keine Angst, aber man weiß ja nie“, sagt sie.  Als nach dem Ausbruch der 2. Intifada und der Bau der Sperranlage Besuche zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern immer schwieriger wurden, trat sie 2002 der israelisch-arabischen Nichtregierungsorganisation Ta‘ ayush (arabisch; zusammen leben) bei.  Ta‘ ayush ist eine der wenigen Organisationen, die Grenzen im wahrsten Sinne des Wortes überwindet. Ihre jüdischen Mitglieder machen sich auf den Weg in die Westbank, um Gewaltexzesse zu beobachten und zu dokumentieren. Außerdem halten sie Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Das Büro der Vereinten Nationen in Jerusalem hat errechnet, dass Gewalt von Siedlern gegenüber Palästinensern in 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 150 Prozent gestiegen ist. Bei  Zusammenstößen wie in der Stadt Hebron, oder bei den vielen Freitags-Demonstrationen in palästinensischen Dörfern,  schützt die israelische Armee stets die bewaffneten Siedler. Nicht aber die Palästinenser. Die oft aggressive Gangart der israelischen Armee gegen friedlich demonstrierende Menschen mit dem Einsatz von Tränengaskanistern und Munition blieb lange unbeobachtet von der Welt. Die jüdischen Israelis  von Ta‘ ayush  setzen mit ihrer Präsenz etwas dagegen und stehen so den Palästinensern in ihrem gewaltfreien Widerstand bei. „ Die israelischen Soldaten und Polizisten müssen wissen, dass sie bei ihren Aktivitäten von uns beobachtet werden“, sagt  Efrat.

Die beiden Frauen trinken gemeinsam Tee

Durch  Ta‘ ayush  kam die promovierte Historikerin damals auch nach An Numan, einem Dorf östlich von Bethlehem. Manchmal sitzt  sie dort jetzt mit Fadwa Mansour (Name v. d. Red. geändert) in der Nachmittagssonne auf einem weißen Plastikstuhl draußen vor dem Haus nahe der kleinen Moschee, beide Frauen lachen gemeinsam und trinken süßen Tee. Efrat rezitiert ein Gedicht von Mahmoud Darwish, dem berühmtesten Dichter Palästinas, auf Arabisch. Die 30-jährige Fadwa lauscht ihren Worten, wenn ihre Freundin stockt, vervollständigt die Pharmazeutin die Verse. „Wir sind einsam hier in dem Dorf. Niemand besucht uns, wir sind von der Welt vergessen worden“, sagt Fadwa Mansour. Da sei  es schön, wenn wenigstens ein paarmal im Monat Besucher von außen kämen.

Ein paradoxes Schicksal

Als Israel 1967 die Westbank, Gaza, die Golanhöhen und Ost-Jerusalem einnahm, änderte die Regierung auch ihre Bebauungspläne. Land, das zwischen Jerusalem und dem nur 10 Kilometer entfernten Bethlehem lag, wurde zu großen Teilen konfisziert. Palästinensische Bauern verloren es an jüdische Siedlungen, die sich von kleinen Containeransammlungen zu heute mittelgroßen Städten entwickelten. An Numan mit seinen 200 Einwohnern gehörte nach 1967 somit zu Jerusalem und nicht mehr zu der palästinensischen Westbank. Die Einwohner bewarben sich bei der Stadtverwaltung daraufhin um spezielle Jerusalem-Ausweise. Aber die Behörden verweigerten sie ihnen. Die An Numaner wie Fadwa Mansour leben deshalb als illegale Einwohner in ihrem eigenen Dorf. Als Inhaber von Westbank-Ausweisen erhalten sie weder Baugenehmigungen der israelischen Behörden, noch dürfen sie ihren Ort problemlos verlassen. Palästinensische Besucher, ob  nun Verwandte oder die Müllabfuhr, haben keine Erlaubnis, das Dorf zu betreten. Dieses paradoxe Schicksal teilen rund 20.000 Menschen in der Westbank.

Der Schlüsselfaktor für Frieden

„An Numan ist ein Albtraum geworden, ein Freiluftgefängnis für seine Bewohner“, sagt Efrat. Seit 2002 besucht sie die Dorfbewohner regelmäßig. „Wir von Ta‘ ayush  wissen, dass wir

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.  Foto: Haensel

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.
Foto: Haensel

damit die israelische Besatzung nicht sofort beenden können“, sagt sie. Aber in schwierigen Momenten könne sie den Palästinensern wenigstens etwas beistehen. Als das Haus von Fadwa und ihrer Familie im Herbst 2011 von israelischen Bulldozern zerstört wurde, war die Friedensaktivistin  sofort zur Stelle. Die Zerstörung konnte sie nicht verhindern, aber sie schaltete andere Organisationen ein, die der schwer traumatisierten Familie mit einem späteren Hausbau aushalfen. Darunter waren auch Teilnehmer von EAPPI. Die Abkürzung steht für  „Ecumenical Acompaniment Program for Palestine and Israel“, das ökumenische Begleitprogramm vom Weltrat der Kirchen aus Genf. Ihre Teilnehmer kommen aus 25 Ländern nach Palästina und Israel, um dort für drei Monate mit den Menschen zu leben und sie in ihrem Alltag zu begleiten. Laut dem Statement auf der Webseite unterstützen sie israelische und palästinensische Aktivisten „bei ihren Bemühungen, die israelische Besatzung zu beenden“.  Allen Friedensgruppen dies- und jenseits der Grünen  Linie ist eins gemein:  Das Ende der Besatzung in den palästinensischen Gebieten gilt  für sie als Schlüsselfaktor für Frieden in der Region. Und es basiert auf den Forderungen  Internationalen Rechts und der Genfer Konventionen.

Himmel voller Tränen

EAPPI entstand in derselben Zeit wie Ta‘ ayush, auf dem Höhepunkt der 2. Intifada. Städte wie Bethlehem und Nablus waren damals wochenlang von der Außenwelt abgeriegelt, tausende Männer und Kinder saßen in Gefängnissen.  Der Himmel roch nach Feuer, Blut und Tränen.  Die Euphorie des Oslo-Abkommens von 1993 war verflogen, Palästina war immer noch unfrei. Es war die Zeit, in der Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land,  die Kirchen weltweit um internationale Unterstützung bat, weil  sich das Wort Frieden in Luft aufgelöst zu haben schien.  Unter dem Motto „Kommt und seht“ wurden die ersten Freiwilligen – vom Chefarzt aus Deutschland bis zum Philosophie-Studenten aus Brasilien –  ausgesandt.

„Wir leben mit der Angst“

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.  Foto: Haensel

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.
Foto: Haensel

Neben den Treffen mit Efrat und Fadwa in An Numan gehört auch der Kontakt zu Daoud Nassar und seinem Projekt „Tent of Nations“  (Zelt der Völker) bei Bethlehem zu den Aufgaben der ökumenischen Begleiter. Daoud Nassars Großvater kaufte das Land oberhalb des Dorfes Nahalin während der osmanischen Zeit im 19. Jahrhundert und ließ sich  – damals ungewöhnlich – Besitz-Urkunden darüber geben.  1991 erfuhr die Familie Nassar durch Zufall, dass Israel das Land als sein eigenes ansehe. Die Familie schaltete einen Anwalt ein und verteidigt ihr Recht auf den Privatbesitz nun seit 22 Jahren vor dem Gerichtshof in Jerusalem. Die Nassars erhalten jährlich einen sogenannten Landkonfiszierungsbefehl der israelischen Armee. Sie dürfen offiziell nicht bauen  oder Strom- und Wasserleitungen auf ihrem Land legen. Für die 90.000 jüdischen Siedler, ihre direkten Nachbarn, ist dies erlaubt.  Doch anstelle wütend zu werden über die israelische Regierung, entwickelte Daoud Nassar in Andenken an seinen Großvater, einen lutherischen Christen, eine Begegnungsstätte für alle Völker und Religionen oben auf seinem Weinberg. Eine befreundete britisch-jüdische Friedensgruppe pflanzte 250 Olivenbäumchen auf dem Gelände. Es waren genau diese Symbole, die israelische Soldaten jetzt kürzlich zerstörten.  Anpflanzungen seien dort nicht erlaubt, hieß es. „Wir leben immer mit der Angst, dass wir eines Tages unser Land verlieren“, sagt Daoud Nassar. Aber Gewalt sei keine Lösung, denn beide Völker wollen in Frieden leben. Deshalb lud er auch israelische und jüdische Journalisten aus aller Welt ein. In der israelischen Zeitung Haaretz erschien  daraufhin eine winzige Meldung in der englischen Ausgabe über Tent of Nations, in der hebräischen aber nicht ein Wort. Daoud Nassar bedauert das: „Israelische Leser sollten erfahren, dass wir hier solche Friedensprojekte auf die Beine stellen.“

Eine Antwort auf Trennung

Damit diese Lücke geschlossen wird, haben sich einige Organisationen einer fairen Berichterstattung zum Nahostkonflikt verschrieben. Das Alternative Information Center (AIC) wurde 1984 von progressiven Israelis und Palästinensern gegründet. Auf die räumliche Trennung ihrer Nationen durch den Mauerbau 2003 reagierte die Organisation, indem sie neben ihrem Büro im israelischen West-Jerusalem ein weiteres im palästinensischen Beit Sahour eröffnete. „Wir berichten über Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten, aber auch über die israelische und palästinensische Gesellschaft an sich“, sagt Sergio Yahni, Co-Direktor des AIC. Alle Israelis des AIC sind Anti-Zionisten – jüdische Menschen, die den Zionismus als Kolonialisierungsbewegung ablehnen.

Beide sind Nudniks

Für Palästinenser ist der Kampf um Freiheit  zu einem ständigen Luftholen geworden. Für Israelis wird er zunehmend zur Konfrontation mit den Werten ihrer eigenen Gesellschaft, die sich als demokratisch definiert. Beide sind Nudniks, beide wollen Antworten.  Ihre zentrale Frage an ihre Regierungen und die Welt lautet: Warum glaubt ihr an Krieg, wenn es doch keine Alternative zum Frieden gibt? Die einen fragen es als Besatzer, die anderen als unter Besatzung Lebende.  „Wir stehen den Palästinensern bei. Es ist eine frustrierende Aufgabe“, sagt Efrat, die demnächst ein Buch über die Geschichte von An Numan veröffentlichen wird.  „Aber zumindest tun wir sie gemeinsam.“

Der Artikel erschien kürzlich im monothematischen Magazin „Zur Sache“ zu Israel-Palästina, herausgegeben vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt.

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