Tag Archives: Westjordanland

Intifada auf Probe

6 Okt
Im "Schwitzkasten": Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

Im „Schwitzkasten“: Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

 

Von Liva Haensel

Israel stellt die palästinensische Bevölkerung auf eine harte Probe. Diese möchte in Frieden leben – und soll gleichzeitig ihre lebenslange Besatzung akzeptieren. Kann dieser Nervenkrieg gutgehen?

Intifada (arabisch: etwas abschütteln, loswerden). Bezeichnung für den Aufstand der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten gegen den israelischen Besatzer. Im Kontext des Palästina-Israel-Konflikts gab es bisher zwei Perioden, von denen Politikwissenschafter als „Intifada“ sprechen: Zum einen die sogenannte erste Intifada, die 1987 begann und sich bis ca. 1992 hinzog und mit dem Beginn der Oslo-Verhandlungen ein Ende fand sowie die zweite Intifada, die offiziell im Jahr 2000 mit dem Gang des damaligen israelischen Premierministers Ariel Sharon auf den Tempelberg begann und bis ca. 2004 anhielt.

„Die Menschen sagen, dass ist jetzt die dritte Intifada“, berichtet ein Mitarbeiter der Al Quds Universität in Bethlehem, der seinen Namen nicht nennen möchte.  Die momentane Situation in der Westbank und Jerusalem sei „schrecklich“, die Lage „sehr deprimierend“. Allein in den vergangenen Tagen sind laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan News 400 Menschen zum Teil schwer verletzt worden – durch Tränengas, Kugeln und Gummigeschosse der israelischen Armee. Am Wochenende wurde ein 18-Jähriger Palästinenser in Ost Jerusalem in der Nähe des Damaskus Tores erschossen und von jüdischen Siedlern verhöhnt. Gestern starb der 13-jährige Schüler Abdul-Rahman Obeidallah, er wurde auf dem Schulweg in Bethlehems Stadtzentrum unweit des Checkpoints von einem israelischen Scharfschützen erschossen. Obeidallah war unbewaffnet und nicht an Demonstrationen gegen die israelische Besatzung beteiligt. Sonntagnacht erschossen israelische Soldaten Huthaifa Sulaiman (18), der in der Stadt Bal’a östlich von Tulkarem im Norden der Westbank gegen die Besatzungsmacht demonstriert hatte. Am Samstag hatten Palästinenser ein israelisches Siedler-Ehepaar in einem Auto in der Westbank getötet.

Israel verletzt die Abmachung

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhängte daraufhin eine 9-tägige Ausgangsperre in Jerusalems Altstadt für Palästinenser, ausgenommen sind lediglich Bewohner sowie Touristen. Der Tempelberg ist bis auf weiteres für muslimische Betende gesperrt. Er hat eine zentrale Schlüsselrolle im

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg. Foto: Ahmad Gharabli

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg.                Foto: Ahmad Gharabli

Islam und gilt nach Mekka und Medina als drittheiligster Ort für Muslime weltweit. Zudem hatte Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 die Souveränität des Tempelberges in die Hände des islamischen Waqf übergeben und sich damit einverstanden erklärt, dass Juden den heiligen Berg nicht als religiöses Monument betreten dürfen. Diese Abmachung wurde vor allem seit dem Jahr 2000 zunehmend von Seiten Israels verletzt. An jüdischen Feiertagen betreten immer wieder jüdische Nationalisten den Tempelberg und drohen damit, den Felsendom sowie die Al-Aksa-Moschee darauf zu zerstören, um den jüdischen Tempel, der einst dort gestanden haben soll, wieder aufzubauen. Die jüdischen Extremisten werden stets von israelischen Soldaten und Polizisten eskortiert. Während dieser Besuche ist der Tempelberg für muslimische Betende jedes Mal komplett unzugänglich. Dies führt regelmäßig zu Protesten der palästinensischen Bevölkerung, die sich auf ihr Recht auf Religionsfreiheit beruft.

Ausschreitungen wie vor einem Jahr

In größeren Städten Israels, in denen mindestens 50 % der Bevölkerung arabisch sind, kommt es derzeit zu massiven Ausschreitungen. In Nazareth, Jaffa und Jerusalem wehren sich immer mehr Menschen gegen die unzumutbaren Zustände. Die israelische Bevölkerung besteht zu 20 Prozent aus palästinensischen Bewohnern. Die sogenannte „fünfte Säule“ in Israel sind die arabischen Menschen, denen es trotz des Krieges nach der Staatsausrufung Israels 1948 gelang, in ihrer Heimat zu verbleiben.

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt. Foto: PNN

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt.                                                    Foto: PNN

Sie besitzen die israelische Staatsangehörigkeit, aber nicht dieselben Rechte wie die jüdisch-israelische Bevölkerung. 2014  waren die israelischen Araber oder „48-Palestinians“ wie sich die Bewohner selbst oft nennen, diejenigen, die am stärksten Widerstand gegen ihre israelischen Besatzer leisteten. Im Juli 2014 war es zu drastischen rassistischen Ausschreitungen gegen palästinensische Bewohner Ost Jerusalems gekommen, nachdem erst drei jüdische Teenager in der Westbank ermordet worden waren und daraufhin in einem Racheakt der 17-jährige Mohammed Abu Khdeir bei lebendigem Leib von jüdischen Siedlern in einem Westjerusalemer Waldstück verbrannt worden war. Wütende Palästinenser des Stadtteils Shuafat (aus dem der Junge stammte) hatten daraufhin die Straßenbahntrassen zersägt und die Stationen Es Sahel und Shuafat für den öffentlichen Verkehr unbrauchbar gemacht. Damit protestierten sie auch gegen das stark anwachsende und vom Staat Israel unterstützte Anwachsen illegaler jüdischer Siedlungen in Ost Jerusalem, die die Straßenbahnlinie seit 2011 mit West Jerusalem verbindet. In dem arabischen Teil der Stadt, die Israel 1967 völkerrechtswidrig besetzte und 1982 annektierte, leben derzeit etwa 300.000 Palästinenser und 150.000 jüdische Israelis.

Weltweit 9 Millionen Flüchtlinge

Bei dem Gazakrieg (8. Juli bis 27. August, danach Waffenstillstand zwischen Hamas-Israel), den Israel 2014 unter dem Namen „Protective Edge“ führte, starben rund 2200 Menschen im Gazastreifen, darunter 500 Kinder. Auf der israelischen Seite verloren nach offiziellen Angaben Israels 66 Soldaten und sieben Zivilisten ihr Leben.

Weltweit leben rund 9 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge und Nachkommen von Flüchtlingen außerhalb ihrer Heimat. Seit 1980 haben 1 Million jüdische Israelis den Staat Israel verlassen. Etwa 40.000 Israelis leben derzeit in Berlin. Angela Merkel erwartet Benjamin Netanjahus Staatsbesuch morgen in Deutschland. Die Situation ist angespannt, das hat auch die Kanzlerin erkannt. Der Ministerpräsident der palästinensischen Gebiete, Mahmoud Abbas, hatte vergangene Woche das Osloer Abkommen von 1993 als nicht mehr bindend für sein Volk erklärt und damit offiziell der Zwei-Staaten-Lösung, die Deutschland unterstützt, den Wind aus den müden Segeln genommen.

„Wir wollen Freiheit“

Palästinenser befürchten, dass Netanjahus rechte Regierung den Gürtel für die arabische Bevölkerung jetzt noch enger schnallen wird. In den meisten Städten in der Westbank waren vergangenes Wochenende hunderte von Soldaten mit Gewehren und Gummigeschossen im Einsatz, bei zahlreichen nächtlichen Razzien wurden Jugendliche und junge Männer wiederholt nachts gewaltsam aus ihren Betten gerissen und ohne eine Erklärung von der Armee verhaftet. „Wir wollen in Freiheit leben, ohne die israelische Besatzung, als Menschen in Würde“, sagt der palästinensische Universitätsmitarbeiter. Wenn jedoch seine Familie oder er selbst von Soldaten angegriffen werde, werde er sich wehren. „Niemand kann von uns verlangen, dass wir drangsaliert und getötet werden  – und dabei einfach tatenlos zusehen.“

 

Im Zweifel für den Angeklagten

24 Apr
Blickt einer ungewissen Zukunft entgegen: Atef Hawari. Fotos:  privat

Blickt einer ungewissen Zukunft entgegen: Atef Hawari (20). Fotos: privat

Von Ekkehard Drost

In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten, – so lautet der lateinische Satz, den Juristen auswendig können. Im Westjordanland gilt israelisches Militärrecht für Palästinenser, die inhaftiert werden. Das Rechtssystem selbst  ist intransparent, die Beweislast oft lückenhaft. Unser Autor war in einem Militärgericht und hat den Fall von Atef Hawari verfolgt.

Jenin/palästinensische Gebiete – Militärgerichtshof Salem nördlich von Jenin am 21. April 2013 um 8 Uhr morgens: Vor einem Gebäudekomplex, der wie eine Festung abgesichert ist und bei dessen Anblick der Betrachter eher an ein Gefängnis als an ein Gerichtsgebäude denkt, warten etwa 100 Menschen auf Einlass. Ein Teil von ihnen hofft hier auf eine neue, mit einem Chip versehene Arbeitserlaubnis für Israel, die anderen hoffen auf ein günstiges Schicksal für ihren Sohn, ihren Bruder, ihren Verlobten. Wir vier Freiwillige von EAPPI hoffen einfach nur, dass die Genehmigungen zur Beobachtung der Verhandlungen anerkannt werden. Addameer, die israelische Menschenrechtsorganisation „Jews for Justice in Palestine“ hatte sie für uns beantragt. Wir sind gekommen, um der Verhandlung gegen Atef Hawari, 20 Jahre alt, aus unserem Nachbarort Azzun beizuwohnen, angeklagt wegen Steinewerfens und in Haft seit dem 28. Mai 2012. Bereits als 16jähriger musste er wegen desselben Delikts eine einjährige Haftstrafe absitzen. Zu befürchten ist jetzt eine Haftdauer von drei Jahren.

Leibesvisitation und Kaffee

Nach dem ersten Drehkreuz warten wir vor einem Untersuchungsraum, in den jeweils zwei Personen eintreten dürfen. Kameras und Handys haben wir in einem Kiosk vor dem Eingang gegen eine geringe Pfandgebühr zurück gelassen. Nach anderthalb Stunden Wartezeit dürfen wir eintreten, Portemonnaies, Kugelschreiber, Notizblock, Schuhe werden einem intensiven Check unterzogen. Im nächsten Raum werden die Pässe überprüft und eine Leibesvisitation vorgenommen. „Warum sind Sie in Israel? Gibt es in Deutschland keine Probleme?“ fragt mich der Soldat. Von Tamer, dem verantwortlichen Offizier für Salem, werden wir anschließend auf das Verhalten während der Verhandlung hingewiesen, vor allem: Keine Gespräche mit dem Angeklagten. „Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen? Möchten Sie Kaffee, mit Milch, ohne Milch, Zucker?“ Der freundliche junge Mann, der uns noch gute Dienste leisten sollte, verabschiedet uns mit: „Have a nice day!“

In einem Innenhof mit den Ausmaßen von 8 mal 20 Meter warten zahlreiche Angehörige darauf, dass der Name ihres Sohnes aufgerufen wird. An einer der beiden Längsseiten befindet sich ein Warteraum für 50 Personen, auf der anderen der Eingang zu den Verhandlungsräumen. An dieser vergitterten und von zwei Soldaten bewachten Tür drängen sich vor allem Mütter, um einen Blick in den dahinter liegenden Gang werfen zu können, an dessen etwa 30 Meter entferntem Ende die Häftlinge kurz vor ihrem Prozessbeginn erscheinen. Gefesselt mit metallenen Hand- und Fußschellen, bewacht von zwei bewaffneten Soldaten. An dieser Tür spielen sich herzzerreißende Szenen ab: Erblicken die Verwandten ihren Sohn, winken sie ihm zu, rufen seinen Namen, zumeist mit dem Kosewort Habibi (Schatz, Anm. d. Red.), während die Soldaten eben diese „Kontaktaufnahme“ zu verhindern suchen. Immer wieder fordern sie die Menschen auf, fünf Meter zurück zu treten, verlassen dabei gelegentlich ihr Revier hinter der Gittertür, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Sie kamen mitten in der Nacht

„We have a bad life. It´s a prison. And this is a prison in a prison,” erzählt mir der 45-jährige Mutasin Alaun aus Sabastya bei Nablus. „Du würdest deinen Hund besser behandeln.“ Mutasin ist Fabrikant von Restaurantmöbeln, beschäftigt 40 Arbeiter und liefert auch nach Israel. Er wartet auf die Verhandlung gegen seinen 21-jährigen Sohn. Ein Student, der seit sechs Monaten in Haft ist und von der Mutter einmal pro Monat besucht werden durfte. „Die Soldaten kamen mitten in der Nacht, 30 Mann, fanden meinen Sohn nicht im Haus. Ich wusste, dass er sich bei meinem Bruder aufhielt, musste ihn anrufen, sonst hätten sie das ganze Haus durchwühlt.“

Immer wieder haben wir Gelegenheit, mit den Wartenden zu sprechen, ihre Schicksale ähneln sich. Viele von ihnen sind bereits zum dritten Mal nach Salem angereist, jedes Mal wurde der Prozess nach kurzer Beratung auf einen späteren Termin verschoben. Auch wir sollten das in unseren „Fällen“ erleben. Berichte von Eltern, die gerade aus einer Verhandlung zurück in den Innenhof kommen, werden uns übersetzt: Ein junger Mann wollte mit seinem 16-jährigen Bruder sprechen und wurde ebenso umgehend von einem Wachsoldaten aus dem Raum verwiesen wie eine Mutter, die sich zunächst bei ihrem Versuch, ein paar Worte ihrem Sohn zuzurufen, nicht einschüchtern ließ. Am folgenden Tag, als wir wieder in Salem waren, hatten wir es offenbar mit einer humaneren Wachmannschaft zu tun, die derartige Gespräche nicht sofort unterband.

Vater Hawari und seine Tochter hoffen auf die Entlassung ihres Sohnes.

Vater Hawari und seine Tochter hoffen auf die Entlassung ihres Sohnes.

Ein Gruß in die Luft

Bevor nach vier Stunden vergeblichen Wartens auf unseren Prozess um 12.15 Uhr eine einstündige Mittagspause angesetzt wurde, können wir noch einen Blick in den langen Gang werfen. Aus einer der Saaltüren kommt ein gefesselter Knabe – ein anderes Wort scheint mir für diesen zierlichen Jungen übertrieben -, schaut noch einmal zu seiner Mutter, lächelt zaghaft und hebt die gefesselten Arme zum Gruß in die Luft. Die Soldaten drehen ihn um und führen ihn ab.

Ob ich den Anblick des Jungen in der braunen Häftlingskleidung, sein scheues, ängstliches Lächeln wieder vergessen werde, weiß ich nicht. Ich weiß auch keine Antwort auf die Fragen, die sich mir in der Mittagspause aufdrängen: Wer denkt sich ein derartiges Unrechtsregime aus? Wie tief verwurzelt müssen Hass und Verachtung sein, um Menschen schlimmer als Tiere zu behandeln? Warum hört man in den westlichen Ländern keinen Aufschrei des Protests gegen einen Staat, mit dem man sich doch angeblich in einer Wertegemeinschaft wähnt? Und schließlich: Was wird aus den jungen Menschen nach einer Tortur ohnegleichen? Für Monate und manchmal Jahre herausgerissen aus Familie, Schule und Studium. Können sie überhaupt noch Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben haben, oder sehnen sie die nächste, die Dritte Intifada herbei?

Eine Zeugenbefragung gibt es nicht

Sicherheit geht vor. Eingang  zum Militärgerichtshof in Salem.

Sicherheit geht vor. Eingang zum Militärgerichtshof in Salem.

Endlich, um 14 Uhr 40, nach fast siebenstündiger Wartezeit, wird Atef Hawaris Name aufgerufen. Mit Vater und Mutter wollen wir durch die Gittertür, als ein Soldat uns den Weg versperrt. Wir dürfen nicht rein! Ein Gebrüll zwischen ihm und uns ruft Tamer, den freundlichen „Officer in Charge“, auf den Plan. Er nimmt den Soldaten beiseite und lässt uns in den Saal. Dort erwarten uns: 1 Richter, 6 Beamte, 4 bewaffnete Soldaten und 1 Rechtsanwalt. Atef wurden die Handfesseln entfernt, immer wieder schickt er seinen Eltern ein strahlendes Lächeln zu. Nach drei Minuten ist die Verhandlung beendet, vertagt auf den 26. Mai. Für eine Minute darf Atefs Vater in einem Abstand von drei Metern mit ihm sprechen. Ein bewaffneter Soldat steht zwischen ihnen und achtet auf die Einhaltung dieser Regel. Zur Regel in einem Militärgericht gehören aber offenbar keine Zeugenbefragung, keine Schilderung des Falles aus Sicht des Angeklagten – er durfte lediglich seinen Namen nennen. Welche Rolle die Verteidigung spielt , ist uns nicht ganz klar geworden. Haben sie überhaupt einen Spielraum? Im Innenhof spielten sich manchmal recht rüde und lautstarke Auseinandersetzungen zwischen Familienangehörigen und Verteidiger ab, die nicht gerade auf eine Vertrauensbasis hinwiesen.

Am Morgen des nächsten Tages fanden wir uns wieder um 8 Uhr vor den Toren in Salem ein, um die Verhandlung gegen den knapp 15-jährigen Saleh R . zu beobachten. Saleh wurde in der Nacht des 6. März in Azzun festgenommen, zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate. Am 6. November 2012 verhafteten ihn die Soldaten, warfen ihm vor, Steine geworfen zu haben; er sollte eine entsprechende, auf Hebräisch verfasste Aussage unterschreiben. (Sämtliche Handlungen der israelischen Strafverfolgungsbehörden werden im UNICEF-Bericht vom 6.3.2013 heftigkritisiert:http://www.unicef.org/oPt/UNICEF_oPt_Children_in_Israeli_Military_Detention_Observations_and_Recommendations_-_6_March_2013.pdf) Saleh weigerte sich mehrfach, wurde ins Gesicht geschlagen und gegen die Wand gedrückt. Die Spuren dieser Misshandlungen – auch an den Handgelenken fanden sich Schürfspuren von den Handschellen – wurden zwei Tage später, nachdem er wieder entlassen wurde, zum Ärger des israelischen Militärs dokumentiert. Wollte man ihn durch die erneute Festnahme dafür bestrafen?

Ein Junge mit Handschellen

Unsere Wartezeit am 22.4. betrug diesmal mehr als sieben Stunden. Um 15 Uhr 05 begann die Verhandlung. Außer uns durften lediglich ein Onkel und sein Bruder anwesend sein. Vater und Mutter, mit denen wir eigentlich verabredet waren, konnten offenbar nicht nach Salem kommen. Da während der Verhandlung die Stromanlage ausfiel und es eine Zeit lang dauerte, bis die Computer wieder arbeiteten, hatten wir Zeit, Salehs Verhalten zu beobachten. Der zarte Junge strahlte uns immer wieder an, suchte unseren Blickkontakt, stand auf, setzte sich wieder, lachte leise, wenn wir ihm zuwinkten, verfiel dann wieder in einen verzweifelten Gesichtsausdruck. Er knackte mit den Fingern, trommelte mit den von Handschellen befreiten Fäusten gegen die Stirn, wühlte in seinen Haaren. Saleh setzte sich wieder und fummelte an seinen Fußschellen herum, atmete heftig und versuchte irgendwie, seine Emotionen in den Griff zu bekommen. Schließlich wurde die Verhandlung auf den 26.5. vertagt. Onkel und Bruder hatten noch eine Minute lang die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Auch wir durften dabei sein. Immer wieder drehte er sein Gesicht zur Seite – er wollte nicht, dass man seine Verzweiflung und seine Tränen sah. Dann kamen die Soldaten, legten ihm wieder die Handschellen an und führten den Jungen, der im Juli 15 Jahre alt wird, ab.

Nachtrag I: Wir bedankten uns bei Tamer, dass wir dieser Verhandlung beiwohnen durften, sprachen noch ein paar persönliche Worte mit ihm, fragten nach seinen Plänen: „This is just my service and then I´m free and will study.“ „Sie wollen sicherlich Jura studieren.“ „Das wäre das Letzte, was ich studieren würde.“

Nachtrag II: Ein paar Tage zuvor hatten mein Teamkollege David und ich Dienst am Azzun Atma Checkpoint. Wir wollten uns selbst davon überzeugen, ob sich in Sichtweite des Checkpoints ein Loch in der Sperranlage befindet, durch das palästinensische Arbeiter ohne Arbeitserlaubnis kriechen und dadurch die Behauptung, der Zaun diene der Sicherheit, ad absurdum führen. Wir brauchten nicht lange zu suchen, um den Trampelpfad zu entdecken, der direkt zu dem gut sichtbaren Loch führte. Ein paar Arbeiter waren bereits dorthin unterwegs, telefonierten offenbar mit ihrem israelischen Arbeitgeber, denn kurz nach dem Telefonat hielt auf der anderen Seite ein israelisches Auto, in das der Palästinenser „nach Überwindung der Sperranlage“ einstieg.

Soviel am Ende meiner drei Monate in einem besetzten Land zum alles überragenden Thema „Israelische Sicherheit“. Vielleicht wollen Sie selbst nach Palästina kommen und dem Wunsch der Palästinenser folgen: „Come and see!“

Ekkehard Drost ist Teilnehmer des Ökumenischen Begleitprogramms für Palästina und Israel (EAPPI) und hat in diesem Rahmen gerade drei Monate im Norden der Westbank gelebt. Der pensionierte Gymnasiallehrer hält auf Wunsch Vorträge über seinen Einsatz. Bei Interesse können Sie ihm schreiben: e1944drost@gmx.de

Nahalin – das ausradierte Dorf

23 Jan
Wird sein Dorf verlieren: Ein junger Bewohner von Nahalin.   Foto: Liva Haensel

Wird sein Dorf verlieren: Ein junger Bewohner von Nahalin. Foto: Liva Haensel

Rechte Regierung, Rechts-Mitte-Regierung oder Ultrarechts? Für die meisten Palästinenser spielt es kaum noch eine Rolle, wer an Israels Regierungsspitze steht. Als Bevölkerung unter Besatzung wird den 4 Millionen Bewohnern des Westjordanlandes und Gazas das Wahlrecht verwehrt. Die israelische Siedlungspolitik wurde schon in den 50iger Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv vorangetrieben, vor allem unter den liberal-linken zionistischen Parteien. Was das für einzelne Dörfer in der Westbank bedeutet, wird Dreiecksbeziehung künftig näher beleuchten. Frei nach dem Motto: In jedem Dorf  leben Menschen, jedes Dorf hat eine Geschichte. Sie soll hier erzählt werden.

Am 14. November 1991 erscheint ein unauffälliges Buch bei Atlantic Monthly in den USA. „A season of stones“  (Zeit der Steine) wird kein Weltbestseller und ist heute allenfalls nur noch

288 Seiten: Winternitz Buch. Foto: Atlantic Monthly

288 Seiten: Winternitz Buch. Foto: Atlantic Monthly

in Antiquariaten und bei amazon in Ausnahmefällen erhältlich. Doch das Buch mit dem Untertitel „Life in a palestinian village“ (Leben in einem palästinensischen Dorf) beschreibt auf leise und beeindruckende Art das Zusammenleben zwischen Bewohnern des Dorfes Nahalin und einer amerikanischen Journalistin während der Ersten Intifada. Helen Winternitz, unverheiratet, modern, unkonventionell,  lebt für ein Jahr lang in dem konservativen 8000-Seelen-Ort, der südwestlich von Bethlehem liegt. Schon damals war Nahalin, das Dorf im Tal, von jüdischen Siedlungen umringt.

60 Prozent des Landes verloren

Winternitz beschreibt in „The season of stones“, wie Bulldozer die Erde plattmachen und uralte Olivenbäume niederwalzen. Zudem findet in Nahalin ein Massaker israelischer Soldaten an der Zivilbevölkerung statt, bei dem sechs Männer getötet werden. Bis 2008 unterhält das Caritas Baby Hospital aus Bethlehem, das einzige spezialisierte Krankenhaus für Kleinkinder in der Westbank und Gaza, dort eine Zweigstelle für Mütter. Offiziell wird es aus Geldmangel dichtgemacht. Damit rutschte Nahalin wieder in seine alte isolierte Lage zurück, eingequetscht zwischen jüdischen Siedlungen und ohne nennenswerte Verkehrsanbindung an größere Städte.

Israelischer Ausweis – und dann?

UN-Grafik zur Situation Bethlehems.

UN-Grafik zur Situation Bethlehems. Nahalin liegt südwestlich der Stadt.

Heute ist Nahalin nur noch ein gelber Fleck auf der Landkarte, der von der israelischen Regierung ausradiert wird. Umgegeben von elf Siedlungen, davon am direktesten von Betar Illit

im Norden, Newe Daniyel im Südosten, Rosh Zurim im Süden und Nahal Gevaot im Westen, sehen die Bewohner dort einer ungewissen Zukunft umgeben. Das wird auch die neu gewählte Regierung jetzt nicht ändern, im Gegenteil. Die Nahaliner haben vergangene Woche nun darüber Gewissheit bekommen, dass ihr Dorf ab April zu Israel gehören soll. Das berichtet ein Mitarbeiter des Rathauses. Israel plane demnach, das verbliebene Land vollständig zu konfiszieren. Was dann aus den palästinensischen Bewohnern werden soll, ist unklar. Sie könnten ihre Westbank-Ausweise behalten, würden dann aber komplett eingekesselt sein von israelischem Gebiet und sich nicht frei bewegen können. Im Falle, dass die Regierung ihnen die israelische Staatsangehörigkeit geben würde, wären sie zwar israelische Staatsbürger in der Westbank. Damit wären sie aber von den anderen Gebieten, Freunden, Familienangehörigen und Arbeitsplätzen in Bethlehem und den umliegenden Dörfern ebenfalls abgetrennt. „Wenn wir zu Israel gehören werden, werde ich Nahalin verlassen und nach Ramallah gehen“, sagt der Mitarbeiter im Rathaus, der seinen Namen nicht nennen möchte. Dann sei die Zukunft für ihn gelaufen.  Sein ganzes Leben habe er in Nahalin verbracht, erzählt er, sei dort als Kind in den Bergen durch die Wälder gelaufen, habe laut gesungen und Verstecken gespielt mit seinen Freunden. Das ist vorbei, meint er und seine Stimme klingt belegt.

Angriff bei der Mandelernte

Die ehemaligen 12.000 Dunum Land (rund 120 Millionen Quadratmeter) Nahalins, von denen nach Angaben des Applied Research Institutes Jerusalem (ARIJ) 60 Prozent von Israel seit 1967 eingenommen wurde, stellen die Grundlage für die meisten Dörfler dar.  Sie bewirtschaften das Land seit Jahrhunderten, es ist ihre Existenz. Und gleichzeitig auch ihr Problem. Denn die israelischen Siedler aus dem religiösen Betar Illit von gegenüber lassen ihr kontaminiertes Abwasser direkt ins Tal laufen und verunreinigen auf diese Weise die Felder von Nahalin. Zudem

In der illegalen israelischen Siedlung Betar Illit leben 39.000 orthodoxe Juden. Foto: privat

In der illegalen israelischen Siedlung Betar Illit leben 39.000 orthodoxe Juden.
Foto: privat

kommt es immer wieder zu Angriffen auf palästinensische Bauern, die mit ihren Familien im Herbst die Mandel- und Olivenernte vornehmen. Erst im vergangenen Oktober griff eine Gruppe 30 junger Siedler zehn Nahaliner an, die gerade ihre Oliven von den Zweigen striffen und in Decken einsammelten.  Dabei fielen Worte wie „Sharmuta“ (Hure) und „Kusemek“ (Arschloch), mit der die Siedler die palästinensischen Frauen und Männer beleidigten. Nachdem die Gruppe auch noch Bäume und ganze Felder in Brand gesetzt hatte, erschienen schließlich israelische Soldaten mit einem Jeep. Eine Entschuldigung oder Schutz vor Angriffen erhielten die Dorfbewohner von ihnen nicht – geschweige denn rückwirkend eine Entschädigung für das zerstörte Land. „Für uns ändert sich hier nichts, egal, welche Regierung gerade an der Macht ist“, sagt der junge Rathausmitarbeiter resigniert. Es kann sein, dass in drei Monaten etwas passiert, das 1948 sehr oft praktiziert wurde: Ein palästinensisches Dorf wird einfach ausgelöscht vom israelischen Staat.

Ein großartiges Jahr

16 Dez
Es weihnachtet und neujahrt: Wer sich beeilt kann noch Anhänger wie diesen Stern au

Es weihnachtet und neujahrt. Wer sich beeilt, kann noch Anhänger wie diesen Stern aus Bethlehem bestellen. Infos am Ende des Artikels.                                                  Fotos: Haensel

EU-Mittelerde bebt. Das Jahr ist fast um, nur noch 15 Tage zählen wir, dann haben wir auch das geschafft. Die Gandalfs und Orks der Banken, Euro- und Sonstwiekrisen dieser Welt haben uns dabei begleitet, in guten wie in schlechten Tagen. Deutschland ist um zwei Tageszeitungen und eine Nachrichtenagentur ärmer geworden.  In Griechenland tragen Eulen keine Drachmen nach Athen, zumindest vorerst nicht. Dafür bekommt Angela Merkel dort jetzt ab und an das Hitlerbärtchen angeklebt und geht in Flammen auf. Zu dumm, dass man erst im 21. Jahrhundert gemerkt hat, dass eine Million Beamte nicht tragbar sind, wenn sie auf 10 Millionen Griechen kommen. Die Spanier buchen tausendfach Deutschkurse und pilgern ins gelobte, streng geordnete Land, in dem viel gearbeitet aber eben auch viel verdient wird. Moment, viel verdient…? Da stimmt doch was nicht, na, egal. Gut, der Hartz4-Satz ist nicht schlecht, man kann auch von Brot und Penny-Margarine leben. Obwohl jetzt, da die Flexi-Hexi-Quote von Frau Schröder endlich abgestimmt ist gegen die Mehrheit, haben ja auch Frauen richtig gute Chancen bekommen, eine Karriere aufs Parkett zu legen, dass den Herren da oben schwindelig wird. Danke, Frau Schröder, das ist ein gaaanz wichtiger Schritt in der Politik, es war schon seit langem Zeit, dass sich die Unternehmenskultur mal ändert. Gerade ja auch, weil eine graue alte Herrenmasse in Führungsetagen sich immer so freut, wenn sie mal ein junges Ding unter, äh, neben sich hat. Das Zeitfenster, das sie diesen Herren gegeben haben, wird sich sicher schnell öffnen für Frischluft. Nur das Durchatmen dann nicht vergessen, meine Herren. Damen hatten ja immer schon einen langen Atem und manch eine hat bis zu ihrem Tod auf eine Gehaltserhöhung warten müssen. Tja, das Leben ist kein Ponyhof.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma'an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma’an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der dicke Berlusconi flitzt am Sternenhimmel entlang

In Italien ist dafür Bella Figura angesagt, die Italiener machen sich jetzt ihre Pasta selbst, wie meine toskanische Kollegin berichtet, und trinken einen Espresso weniger, also jetzt sechs anstelle von sieben. Sparmaßnahme è  basta! Berlusconi ist aber schon wieder überall zu haben, nicht nur auf dem Bildschirm seiner eigenen Fernsehsender, sondern auch in den Raketen in den Supermärkten. Sein Kopf lugt schon aus der Spitze heraus und Peng-Rabuff-Knall!, flitzt der kleine dicke Italiener mit dem Faible für Minderjährige über dem Nachthimmel, so schnell können wir gar nicht gucken wie sein Haartoupé hinterherfliegt, ein Sternenzauber über Europa – che bello, che cose! Frankreich hat einen Sozialisten mehr und dafür eine deutsche Freundin weniger. Carla und Nicolas sind 2012 zu blau-weiß-roter Elysee-Geschichte zerronnen, comme si de rien n’était

Die Briten mümmeln nur ihre Cookies

Die Schweiz und Österreich sind langweilig. Dort kann man nur Ski fahren, in stinkteure Clubs gehen oder Apfelstrudel essen. Oder man rutscht die Alpen runter auf dem nackten Popo, das neue Konzept von Stefan Raab, aber pst! – bloß nicht weitersagen, ist noch geheim! Also kein Wort mehr darüber. Die Briten igeln sich mal wieder auf ihrer vernebelten Insel ein und träumen von alten Kolonialzeiten, in denen sie noch die prächtigen Segel hievten und die Weltpolitik bestimmten. Jetzt sind sie bloß schrullig und mümmeln an ihren Five-o’clock-Cookies. Nur als Max Mosley den Giganten google auf die Löschung aller Fotos seiner Sex-Party verklagte, wachten sie noch einmal kurz aus ihrer Sleeping-Beauty-Phase auf. Aus Occupy ist Horrify geworden in London, weil sich die Masse junger Demonstrierender als oftmals unwillige Studis entpuppt hat, die sich zwar gerne als Journalisten bezeichnen, aber noch nie Artikel geschrieben haben, die den Begriff wert sind. Überhaupt, dieser Journalismus, diese verdammte Journaille! Da gibt man ihnen eine gute Story und dann machen sie doch nur, was sie wollen! Es ist wie mit Claudia Roth, ihr roter Bubikopf wird plötzlich goldfarben, dann weißblond und irgendwann vielleicht grün, alles ist möglich, spätestens wenn sie gänzlich von der Grünen-Wiese abgewählt wird, also 2032.

Aber, jetzt mal ehrlich, was ist 2012 denn nun wirklich passiert? Hier der einzig echte Jahres-Rückblick:

1. Januar: Vier Menschenrechtsaktivisten feiern in Bethlehem Neujahr im Restaurant „La Terrace“mit Rotwein aus Cremisan. Die Stadt ist überfüllt – mit Palästinensern aus Hebron und Nablus, die endlich mal richtig Alkohol trinken wollen ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Eine Frau mit Hijab tanzt ausgelassen mit ihrer Freundin im Scheinwerferlicht auf der Tanzfläche. Sorry, Westen, aber: Auch Muslime sind normale Menschen. Wer sagt eigentlich, dass Christen besser sind?

2. Februar: Die Minister Dirk Niebel und Guido Westerwelle reisen in den Nahen Osten. Während Westerwelle in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem deutsch-israelische Beziehungen pflegt, sieht sich Niebel gemeinsam mit Mitarbeitern der giz das Jordantal an. Dort ernten die Bauern im von Israel kontrollierten palästinensischen C-Gebiet Datteln, Avocados, Tomaten und Trauben, die man später in deutschen Supermärkten unter dem Label „Israel“ findet. Irgendwie unappetitlich.

3. März: Ein Mann aus Tulkarm im Norden der Westbank freut sich: Schon vor Monaten hat er einen Antrag für ein Arbeitsvisum in Norwegen gestellt, jetzt ist es genehmigt worden. Der Vater von vier Kindern kann für drei Monate im Sommer dort auf einer Farm arbeiten.

 10. April: Es steht fest: Alex Traiman muss sein Haus verlassen. Der Israeli ist einer von 500.000, die in den illegalen jüdischen Siedlungen in der Westbank leben. Der Oberste Gerichtshof hat beschlossen, dass Traimans Haus zusammen mit vier anderen in der Siedlung Bet El bei Ramallah abgerissen werden soll. Bis Ende des Jahres werden 581 palästinensische Häuser von israelischen Bulldozern zerstört, oft ohne Ankündigung. Traiman hat wenigestens Zeit, seinen Umzug vorzubereiten. Gott hat es so gewollt.

20. Mai: Israelis feiern den „Jerusalemtag“ mit Israel-Flaggen und Märschen durch die Stadt. Siedler mit Kippa tanzen und singen in der arabischen Altstadt, während die palästinensischen Bewohner  aus der Distanz das Spektakel betrachten. Christliche Zionisten jubeln mit. Die Armee hat ihre israelischen Soldaten in diesen Tagen um das Dreifache verstärkt. Ein Video auf youtube macht die Runde: Ein amerikanisch-jüdischer Friedensaktivist kritisiert vor laufender Kamera die völkerrechtswidrige Politik in Bezug auf Jerusalems arabische Bevölkerung. Er wird von Sicherheitsleuten verbal ermahnt, als er nicht aufhört, gibt es Schläge. Polizisten schleifen ihn schließlich in ein Auto und fahren weg.

Juni, ohne Datum: In Tel Aviv ist es einfach zu heiß, um am Strand zu hocken. Man rettet sich lieber ins Haus oder fährt gleich ins kühlere Europa. Wer es nicht mehr aushält, wandert ohnehin aus in lieblichere Gefilde. Laut Haaretz leben jetzt 15.000 Israelis allein in Berlin. Die ältere Generation schüttelt den Kopf darüber, dass die jüngere nach Deutschland abwandert. Und hört trotzdem weiter Bach und Mozart.

15. Juli: In der Mitte des Jahres bekommt ein Deutscher auf einmal eine E-Mail. Ein Freund aus Palästina will wissen, ob es „wirklich 6 Millionen Juden waren“. Der Adressat stutzt, kann es denn sein, das Palästinenser in der Schule gelernt haben, dass es noch mehr Juden waren, die in Deutschland bis 1945 umgebracht wurden? Antworten gibt es nur ad fontes. Adressat und Absender verabreden sich dafür, bald gemeinsam das KZ Sachsenhausen zu besuchen und der Frage auf den Grund zu gehen.

26. August: Mehr als 100 Besuchern aus der ganzen Welt, darunter vielen Franzosen, wird die Einreise nach Israel über die jordanische Grenze an der Allenby-Brücke verwehrt. Die Friedensaktivisten hatten sich gemeinsam dafür verabredet, nachdem ihnen 2011 die herkömmliche Einreise über den Ben-Gurion-Flughafen mit den Worten: „Dann kommt doch über Jordanien“ verweigert worden war. Die Gruppe hatte vor, Palästinenser in Bethlehem und anderen Orten in der Westbank für eine Woche als Ausdruck von Solidarität zu besuchen.

9. September:  In den palästinensischen Gebieten beginnen die Menschen, gegen die steigenden Lebenshaltungskosten zu protestieren. Die Preise von Gas, Strom, Wasser und öffentlicher Transportmittel sowie Benzin sind für viele nicht mehr bezahlbar. Rufe gegen die Palästinensische Autonomiebehörde und Mahmoud Abbas werden laut. In Ramallah trägt eine Frau inmitten der Demonstrationszüge ein Plakat: Oslo is our cancer.

3. Oktober: Am Tag der Deutschen Einheit sitzen die Deutschen auf ihren Möbel-Höffner-Sofas und  Mama holt den Schweinebraten aus dem Ofen. Sie lachen über das ganze Gesicht und freuen sich, dass die Berliner Mauer weg ist. Zeitgleich stehen rund 300.000 Palästinenser an den Checkpoints in der Westbank und Jerusalem und warten sich die Beine in den Bauch. Nach Schweinebraten ist ihnen nicht so, aber nach Permits und einem reibungslosen Ablauf, damit sie zu ihren Universitäten, Arbeitsstätten und ins Krankenhaus nach Israel kommen. Die Mauer schlängelt sich neben ihnen entlang und versperrt Sicht, Freiheit und Bewegung. Jemand hat ein Graffiti  auf den grauen Beton gesprüht. „Justice will win.“

15. November: Nachdem die Hamas Raketen in israelisches Kernland abfeuert, startet die israelische Armee eine Militäroffensive im Gazastreifen. 150 Menschen sterben, über 1000 werden verletzt. In Süd-Israel kommen fünf Menschen um. Nach einem achttägigen Krieg kommt es zu einem Waffenstillstand. Deutschland sagt 1,5 Millionen Euro Entwicklungshilfe  für den Gazastreifen zu. Die Tunnelgräber freuen sich: Sie können endlich wieder weitergraben, während des Bombenhagels ging das nicht. Was sie aufhalten könnte? Die Aufhebung der israelischen Blockade. Dann gäbe es wieder Baumaterialien, Medikamente und echtes Leben. Eigentlich gar nicht so eine schlechte Idee, auch, wenn man dann vielleicht arbeitslos werden würde…

12. Dezember: Mahmoud Salameh sitzt in seinem Elternhaus und telefoniert mit Shlomi. Shlomi ist ein jüdischer Siedler und wohnt seit drei Jahren auf dem Land, das eigentlich Mahmouds Großeltern gehörte, bevor es von Israel enteignet wurde. Der Palästinenser und der Israeli haben sich zufällig in den Bergen kennengelernt, Shlomi hatte Durst und Mahmoud eine Wasserflasche. Seitdem treffen sie sich und reden über ihr Leben. Sie mögen sich. Mahmoud dreht das Telefonkabel zwischen seinen Fingern während er spricht: „Du, wie geht es meinem Land? Wie geht es dem Land, auf dem jetzt Dein Haus steht, Shlomi?“

4-er Set Baumschmuck

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Allen Lesern von dreiecksbeziehung ein friedvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch nach 2013! Danke für ihr Interesse, für viele Klicks und likes. Bleiben Sie bei Verstand und bewahren Sie ihr Herz. Denn wie sagen die Frauen sonst in Nablus-Balata so schön: Shu badna Ensawi – walla ishi! Was können wir schon tun? Nichts, natürlich.

Psssst! Die Weihnachsprodukte aus Bethlehem kann man bestellen. E-Mail an: tahonahshop@gmail.com

%d Bloggern gefällt das: